Das Karma
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Das Karma

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as Karma

Gaetano Vogler, Genf

Das Karma der hinduistischen Philosophie ist das Schicksal jedes einzelnen Menschen, der Weg, den er in seinem Leben von der Geburt bis zum Tod zurücklegen muss, bis zum Tod, der nichts anderes ist als der Übergang in ein neues Leben. Dieser Weg kann mehr oder weniger wechselhaft verlaufen, der Mensch muss in jedem Fall bereit sein, ihn auf sich zu nehmen, gleichviel ob er einfach oder schwierig sein mag.

Das Gebirge ist wild und schön wie zur Zeit der Pioniere, der Anmarsch hingegen voller Tücken und Schwierigkeiten; doch die kleinen Menschen haben den sehnsüchtigen Wunsch, die grosse, noch fast jungfräuliche gelbe Granitwand zu erklimmen. So überqueren sie nach einem langen Umweg den tobenden Fluss. Sie flüchten sich vor einem Gewitter in den Schutz eines Felsens, Vorwand für ein täuschendes Photo vom Typ ( Biwak bei schwerem Sturm. Sie verbringen die Nacht im oberen Teil der Moräne. Im Morgengrauen finden sie dann den Weg bis zum Fuss der Wand.

Der Aufstieg ist schön und begeisternd, doch dann, nach zweihundert Metern, folgt der grosse Grat mit seinem brüchigen Fels! Nach der leichtfüssigen sportlichen Kletterei, wo wir die Säcke nachgezogen haben, verwandeln wir uns nun wieder in schwerfällige Bergsteiger mit steifen Schuhen und der Last des gesamten Materials auf dem Rücken.

Von einem mit gut gesicherten Standplatz steige ich gegen einen kleinen Grat, der besseres Gelände zu versprechen scheint. Ich habe jetzt zehn Meter an Höhe gewonnen und versuche, einen Hexcentric 5 anzubringen, doch vergebens, der Klemmkeil will und will nicht in die Spalte. Dann eben nicht, ich werde ihn weiter oben legen!

Jedoch, die nächsten paar Meter werde ich niemals mehr durchklettern! Ich weiss sofort, dass es diesmal kein ( gewöhnlichen Sturz ist, wie man ihn manchmal am Salève tut. Mehrmals schlage ich sehr hart auf. Am schrecklichsten aber ist der Aufprall im Moment als das Seil aus ist: ein Gefühl als breche man mich in Stücke.

Als ich schliesslich auf einer Art Band liege, überflutet mich trotz der Schmerzen eine tiefe Ruhe: Ich habe keine Angst, wenn ich mir auch bewusst bin, dass alles vorbei ist. Meine Beine sind tot, die Arme kann ich kaum bewegen und, schlimmer noch, die Finger meiner linken Hand sind vollkommen taub. Aber was bedeutet das angesichts der Schönheit der Berge rund um mich! So vollendet sich mein Leben, und von nun an bin ich ein Teil jener steinernen, mineralischen Welt, mit der ich unauflöslich verbunden bin...

Drei Monate sind seit meinem Sturz dahingegangen, und langsam tauche ich aus dem Abgrund auf. Mit der Hilfe von Hanteln, Paral-lelbarren und anderen physiotherapeutischen Übungsmöglichkeiten hisse ich mich wieder an die Oberfläche.

Dieser Unfall hat in mir die verschiedensten Gefühle geweckt: Zunächst jene starke Er- schütterung, als ich nach einer Nacht der Ängste und der Einsamkeit den Helikopter und die ersten Retter wahrnehme. Dann das Gefühl der Dankbarkeit - das ich für alle Zeiten bewahren werde - gegenüber meinem Seilkameraden, der unter Lebensgefahr alles getan hat, um so schnell wie möglich Hilfe zu holen. Aber vor allem hat dieser Unfall mir den unschätzbaren Wert der Freundschaft zum Bewusstsein gebracht, die meine Kameraden, Ärzte, Bergsteiger und alle Salève-Freunde bewiesen, die mich so oft im Spital besucht haben.

In der wenigen freien Zeit, die mir bleibt, träume ich. Noch einmal ziehen die letzten Bergtouren an meinem Geist vorbei, die schönsten meines Lebens: die ( Voie Rébuffat> mit der bezaubernden Sylvie, die beim Klettern sang sowie eine Reihe Erstbegehungen zusammen mit dem Bruder.

Nach einem Jahr der Trennung hatten mein Bruder und ich eine homogene Seilschaft gebildet und erlebten im tiefsten Herzen die Freude, wieder zusammen - sozusagen

Das Zelt lassen wir am Col du Midi und steigen auf einer neuen Route, die im wesentlichen Rissen folgt, zum Gipfel der Aiguille du Midi, ganz links von deren Südwand. Es ist eine nur mit i abgesicherte und restlos improvisierte Kletterei. Schliesslich ist mir dann die Freude beschert, die Schlüsselstelle zu entdecken, eine anstrengende und abwechslungsreiche Seillänge ( in Dülfertechnik über eine Platte und ein Dach ), die mich auf eine gute Terrasse am Fuss einer markanten Verschneidung führt.

Der Aufstieg am nächsten Morgen ist ganz anders: Wir steigen links der entlang einer sehr heiklen Quarzader empor; nur mit kleinen Klemmkeilen mit Stahlkabel und einigen, oft nur halb in den Felsen geschlagenen Haken gesichert.

Mein Bruder Romain übernimmt in den schwierigsten Passagen die Führung, und wir treffen bald, über einen begeisternden, mit Klemmtechnik zu überwindenden Riss auf die . Dieser Aufstieg gehört zu meinen schönsten Kletter-Erinnerungen: wohl ist die Wand senkrecht, doch die Keile lassen sich leicht fixieren, und die Risse scheinen für das Mass meiner Hände und das Kaliber der ( Friends>, die ich einen nach dem anderen an- Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern bringe, wie geschaffen. Es ist eine hinreissende Route!

Ich werde nie wieder klettern, das steht fest. Einmal wäre ich physisch dazu gar nicht mehr in der Lage, um so mehr als mein linker Arm und mein linkes Bein durch die Folgen des Unfalls schwer geschädigt sind. Ausserdem wäre es gegen jede Vernunft, denn dies ist mein vierter Unfall! Diesmal bin ich dem Unab-wendbaren zu nahe gewesen, als dass ich das Schicksal noch einmal herausfordern möchte...

An einem Sonntagnachmittag, während eines Wochenend-Ausgangs, bin ich noch einmal zum Salève zurückgekehrt. Es hat mich nicht mehr gelockt zu klettern und noch viel weniger, in das Räderwerk des Wettstreits zu geraten, den manche Kletterer bis zum Äussersten treiben.

Für den Augenblick richtet sich mein Ehrgeiz auf viel Bescheideneres: Mein einziges Ziel ist, wieder gehen zu können; denn hier im Rehabilitationszentrum für Paraplegiker kann das Bewegen des kleinen Fingers genau so schwierig sein wie die Bewältigung der Schlüsselstelle der

Und doch, im tiefsten Innern bleibe ich den Bergen liebend verhaftet. Ich werde mit Bedauern an die natürlichen, einfachen und geschmeidigen Bewegungen des Kletterns denken, an die schönen Routen des , des ( Songe d' une nuit d' été ), die ich - wie leid mir das tutnur ein einziges Mal gemacht habe, wie auch an die tiefen Schluchten des Verdon. Ich werde immer wieder im Traum den Firngrat der Aiguille du Midi sehen, vom Wind blankgefegt oder in dicke Wolken gehüllt, dieses majestätische Bild des Hochgebirges.

Ich habe andere Pläne, die nichts mit dem Alpinismus zu tun haben, möchte Sportarten wie Tennis, Surfen und Langlauf ausüben oder ganz etwas anderes unternehmen, photographieren, reisen oder meine wissenschaftlichen Studien weiterführen. Mögen meine Hoffnungen, die mir auch nach diesem schrecklichen Unfall bleiben, dazu dienen, anderen Alpinisten ihre Begeisterung zu erhalten. Ich wünsche ihnen allen beglückende Aufstiege zu den Gipfeln, die zu erklettern ihnen gewährt ist!

Inhalt 67 E. Gross Vorwort A. Gansser Der Bhutan-Himalaya 92 E. Pidoux Zur Himalaya-Chronik 96 T. Braham Himalaya-Chronik 1982 Herausgeber Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee; Helvetiaplatz 4, 3005 Bern, Telefon 031/433611, Telex 33016.

Publikationenchef CC Neuchâtel, 1983-1985 Bernard Grospierre.

Umschlagbild:

Etienne Gross, Jupiterstr. 55/1146, 3015 Bern, Telefon 031/320420 ( verantwortlich für den deutschsprachigen Teil ).

Professor Pierre Vaney, 68 b, avenue de Lavaux, 1009 Pully/Lausanne, Telefon 021/287238 ( verantwortlich für den französischen, italienischen und rätoromanischen Teil ).

Graphische Gestaltung Gottschalk + Ash Int'l Anzeigenverwaltung Ofa, Orell Füssli Werbe AG, Postfach, 8022 Zürich, Telefon 01/251 3232, und Filialen.

Verantwortlich: Elisabeth Beeler, Postfach, 8050 Zürich, Telefon 01/3125085.

Druck und Expedition Stämpfli + CieAG, Postfach 2728, 3001 Bern, Telex 32950, Postscheck 30-169.

Erscheinungsweise Monatsbulletin am 15. jedes Monats, Quartalsheft am 15. des letzten Quartalsmonats.

Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement Das heilige Sengge Dzong-Gebiet, eine der ältesten Kultstätten ne-Bhutans. Alte Seesedimente mit Gebetsfahnen, eingerahmt von wilden Gneis-Gebirgen. Photo: A. Gansser Redaktion nicht möglich ): Schweiz, jährlich Fr. 37., Ausland, jährlich Fr. 50..

Quartalsheft einzeln für SAC-Mit-glieder Fr. 7., für Nichtmitglieder Fr. 10.; Monatsbulletin Fr. 2..

Inhalt: Die Beiträge geben die Meinung des Verfassers wieder. Diese muss nicht unbedingt mit derjenigen des SAC übereinstimmen.

Nachdruck: Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung der Redaktion gestattet.

Zugeschickte Beiträge: Beiträge jeder Art und Bildmaterial werden gerne entgegengenommen, doch wird jede Haftung abgelehnt. Die Redaktion entscheidet über die Annahme, die Ablehnung, den Zeitpunkt und die Art und Weise der Veröffentlichung.

Beglaubigte Auflage: 68127 Exemplare.

orwort

Etienne Gross, Bern Das vorliegende Quartalsheft ist dem Himalaya gewidmet. In den sich hier findenden beiden grossen Beiträgen ( Bhutan Himalaya> und ( Himalaya-Chronik ) ( mit einer Einführung von Edmond Pidoux ) steht im ersten der mehr geologisch-wissenschaftliche Gesichtspunkt, im zweiten der bergsteigerische im Vordergrund. Damit werden zugleich jene Bereiche vorgestellt, die unser Interesse am Himalaya wesentlich bestimmen: der Himalaya als zum Teil noch unbekanntes, wenig erforschtes Gebirge und die alpinistische Expeditionstätigkeit an den höchsten Gipfeln unserer Erde.

Bhutan ist über lange Zeit ein jedem Fremden verschlossenes Land geblieben. Nur ganz wenige erhielten die Gelegenheit es zu besuchen. Augusto Gansser gehört zu ihnen, so dass er heute als wohl einer der besten Kenner Bhutans gelten darf. Im Verlauf seiner Forschungen ist es ihm zudem gelungen, eine Vielzahl einmaliger Photos mit nach Hause zu bringen, die nicht nur das Herz eines Alpinisten höher schlagen lassen, sondern auch jeden zu begeistern vermögen, der für die Schönheiten der Natur offen geblieben ist. Diese unberührten Fels- und Eisriesen mit ihren wilden und kühnen Formen scheinen beinahe einer Traumlandschaft zu entstammen. Es verwundert deshalb nicht, dass die dortigen Menschen sie als Sitz von Geistern und Göttern ebenso fürchten wie verehren.

Die Himalaya-Chronik im zweiten Teil des Heftes interessiert natürlich in erster Linie jene Alpinisten, die zu dieser Gebirgsregion eine nähere Beziehung haben. Ihnen dient die Himalaya-Chronik als wichtige Informationsquelle, sei es um sich über die bergsteigerischen Aktivitäten im Verlaufe des vergangenen Jahres zu orientieren oder um sich die Grundlagen für die Planung zukünftiger eigener Expeditionen zu erarbeiten. Heute, wo selbst fernste Gebirge nähergerückt und zu vielbesuchten alpinistischen Zielen geworden sind, erhält der von der Himalaya-Chronik vermittelte Überblick eine besondere Bedeutung. Anderseits ergeben sich aus eben dieser Intensivierung der Expeditionstätigkeit, wie sie sich aus der Himalaya-Chronik herauslesen lässt, schwerwiegende Probleme. Dies, weil dadurch die über Jahrhunderte gewachsenen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen aus dem Gleichgewicht geraten.

Die beiden Beiträge zeigen uns damit den Himalaya von zwei verschiedenen Seiten, die sich letztlich aber trotzdem an einem Punkte treffen: nämlich in der Suche nach einer unberührten, noch jungfräulichen Gebirgswelt.

^Der

Himalaya

Ein bis jetzt noch kaum bekanntes Hochgebirge Augusto Gansser, Küsnacht Einleitung Der sich über eine Länge von 2500 Kilometer erstreckende Himalaya, das höchste und jüngste Gebirge der Erde, hat schon früh das Interesse der damaligen Urbewohner geweckt. Einst eine furchterregende und unpassierbare Barriere, galt er als Heimstätte vieler guter und böser Geister. Er war Sitz von Göttern und Göttinnen, so auch der Chomolungma, der Göttinnenmutter, die dem Everest ihren eigenen tibetischen und dort offiziellen Namen gab. Zu jener Zeit war der Himalaya auch Refugium für die Einsamkeit suchende und in Höhlen meditierende Heilige, wie Mila-räpa, dessen unvergleichliche Legenden und ( hunderttausend Lieder ) sich im 11 .Jahrhun-dert über den ganzen Himalaya und Tibet verbreiteten. Berühmt wurde Milaräpa durch seine ( geistige ) Eroberung des im Transhimalaya gelegenen Kailas, der schon Sitz der vorbuddhistischen Bönpo und hinduistischen Gottheiten war. So wurde dieser aussergewöhnliche Berg zum Ziel der Pilger dreier Weltreligionen.

Heute wird der Himalaya mehr und mehr zum Tummelplatz einer internationalen Trek-king- und Bergsteigerelite. Bereits hat man den Everest auf einem halben Dutzend verschiedener Routen im Sommer und Winter bestiegen. Nepal ist wie ein Spinnennetz von Trekking-Pisten durchzogen mit den bekannten, nicht immer positiven Auswirkungen. Und auch der westliche Himalaya mit den Regionen von Ladakh und Zanskar fällt dieser organisierten Aktivität zum Opfer. Nur der östliche Himalaya ist bis jetzt vom internationalen Touristenstrom verschont geblieben. Diese Gebirge grenzen an Tibet und liegen im unabhängigen Königreich Bhutan und im indischen Arunachal Pradesh, dem früheren Nefa. In beiden Gebieten ist der Grenzverlauf gegen Tibet noch unbestimmt, zum Teil sogar in der Folge der Chinesischen Invasion 1962 ins Nefa-Gebiet umstritten. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb diese Grenzregionen für Ausländer grösstenteils verschlossen sind.

In Bhutan erstreckt sich das eigentliche Hochgebirge über 250 Kilometer vom Chomol- .Yak-Karawane auf der Ostseite des 5300 Meter hohen Gophu La, dem Verbindungspass von Ost-Lunana nach Bumthang in Ost-Bhutan.

hari im Westen bis zum Garula Kang im Osten. Im Nefa-Gebiet dominieren die Kangtö-Gruppe ( 7090 m ) nahe der Ostgrenze Bhutans, und nördlich des Subansiri Flusses die Gori Chen-Gruppe ( 6500-6800 m ). Sie soll von indischen Alpinisten 1966 bestiegen worden sein ( Hiebeier 1980 ). Ganz im Osten türmt sich der Himalaya nochmals auf, und zwar mit der schon in Tibet gelegenen Namche Bharwa ( 7755 m)-Gyala Peri(7150 m)-Gruppe, die der Tsangpo, der Oberlauf des Brahmaputra, in einer der spektakulärsten Schluchten der Erde durchbricht.

Das Land Bhutan Bhutan, mit seinen 47000 Quadratkilometern etwas grösser als die Schweiz, hat nur knapp eine Million Einwohner, wovon 10 Prozent Nepalesen. Es handelt sich um ein reines Gebirgsland, das von 150 Metern über Meer im Süden bis auf 7500 Meter im Norden hinaufreicht. Das stark bewaldete Land könnte -abgesehen von den Höhendifferenzen und klimatischen Gegensätzen - der Schweiz vor 500 Jahren gleichen.

Seit 1907 besteht eine vom Volk genehmigte Monarchie, die von einer souveränen Volksversammlung kontrolliert wird, und trotz alter Traditionen erstaunlich modern-demokrati-sche Züge aufweist. Die Bhutanesen, ein proto-tibetischer Stamm mit burmesfschem Einfluss, sind aus Südosttibet in den Himalaya eingewandert. Über diese Frühzeit bis zur Gründung der ersten buddhistischen Klöster im 7. Jahrhundert lässt sich leider kaum etwas erfahren. Seltene, noch zu ( entdeckende ) Blockdrucke in den ältesten Klöstern, dürften wohl über diese Frühgeschichte Auskunft geben. Der Schatz an meist mündlich überlieferten Legenden und Sagen ist gross. Einer der schönsten Berge Bhutans, der Masang Kang, trägt den Namen der vorgeschichtlichen Ahnen der Tibeterstämme, der Masangs.

Nach der Chinesischen Invasion Tibets ist Bhutan noch das einzige Land, in dem unverfälschter, buddhistischer Lamaismus aktiv praktiziert wird. Hier wurde der Buddhismus im 8. Jahrhundert durch den berühmten Missionar Padmasambhava eingeführt, während frühere Anfänge auf die Regierungszeit des tibetischen Königs Songtsängampo zurückgehen dürften ( 7. Jahrhundert ).

Dieser ursprüngliche Lamaismus verband sich mit der alten, vorbuddhistischen Bön-Re-ligion, die in vielen, meist mündlich überlieferten Legenden noch heute weiterlebt. Seen und Berge spielen in diesen unvergesslichen Legenden eine ganz besondere Rolle. Gute und böse Geister, Götter und Dämonen leben in den Seen und auf den vergletscherten Gipfeln - bis jetzt ungestört. Werden sie auch in Zukunft unbehelligt bleiben?

Vor 10 Jahren hat sich der Westen Bhutans zögernd dem Tourismus geöffnet. Die reichbegüterten Reisegesellschaften wurden zur begehrten Einnahmequelle. Seit 1982 beginnen organisierte Trekking-Gruppen durch den bis anhin noch verschlossenen Norden des Landes zu ziehen. Als Ausnahme sollen für 1983 sogar Spezialbewilligungen die Besteigung eines ausgesuchten Grenzgipfels Nordbhutans erlauben. Der leider 1972 verstorbene König, Jigme Dorji Wangehuck, ein unvergesslicher, traditionsbewusster und doch fortschrittlich gesinnter Monarch, hätte diese Entwicklung nicht in dem Umfange zugelassen. Wohl zeigte er Verständnis für wissenschaftliche Forschung, und ihm habe ich es zu verdanken, dass ich - durch seinen Freund Fritz von Schulthess eingeführt - von 1963 bis 1977 auf fünf geologischen Forschungsreisen die nördlichen Hochgebirge entlang der tibetischen Grenze besuchen durfte. Auf den ersten zwei Reisen begleitete Die hohe SE-Wand des Masang Kang, 7200 Meter, der heilige Berg des sagenhaften Masang-Volkes, der Ureinwohner SE-Tibets.

mich mein junger Mitarbeiter Ruedi Hänny, der in den 1966 einen ersten Bericht über den Bhutan Himalaya verfasst hat. 1965 bildeten wir sogar zwei Gruppen, eine geologische und eine religionswissenschaftliche, mit Blanche C. Olschak als Tibetologin und meiner Tochter Ursula als Photographin. Die Resultate dieser erfolgreichen Expedition sind neben einem farbigen Bildband 1969 und kleineren Publikationen im Buch Ancient Bhutan,

Gleichzeitig mit der wissenschaftlichen Erforschung des Landes setzte die technische Hilfe ein, und zwar, neben einer medizinischen Unterstützung, ganz besonders in der Land-und Forstwirtschaft. Die durch die Initiative der Familie von Schulthess gegründete Bhu-tanstiftung, die jetzt zum Teil mit Bundeshilfe der Helvetas untersteht, ist weltweit gesehen das Musterbeispiel einer Hilfeleistung, die dem Lande wirklich Nutzen bringt. Die grossartigen Wälder Bhutans werden - im Gegensatz zu denjenigen Nepals, die schon zum grossen Teil vernichtet sind - durch eines der modernsten Forstgesetze, das auch die lokalen Instanzen genauestens beachten, geschützt.

Wenig wissen wir über die Bergnamen Bhutans, über ihre Deutung und ( Rechtschreibung ). Im Unterschied zu den Pässen haben viele Berge keinen Namen. Die vom Norden her bezeichneten Gipfel der Grenzkette - die tibetischen Namen - scheinen den bhutanesischen Namen im Süden nicht immer zu entsprechen. Ein Berggipfel wird allgemein mit Kang bezeichnet. Kang bedeutet Gletscher oder Gletscherberg. Der im Tibet gebräuchliche Name Ri ist in Bhutan selten. In verdankenswerter Weise hat mir Blanche C. Olschak bei der Deutung und Schreibweise einiger Bergnamen geholfen. Einige weitere gebräuchliche Begriffe sind: La für Pass, Chu für Fluss und Dzong für die in Bhutan besonders typischen Klosterburgen. Ebenfalls sehr unsicher sind die Höhenangaben der Berggipfel, die auf offiziellen Karten nur spärlich und approximativ zu finden sind.

Geographie Der Süden Bhutans beginnt mit den steilen, von tropischem Urwald bedeckten Bergketten, die lokal bis über 4000 Meter reichen. Bhutan hat sein Flachland, das der nepalesischen Te-rai-Zone entspricht, wegen seiner räuberischen Invasionen in das damalige britische Assam verloren ( Bhutan-Kriege 1865-1866 ). Dieses spärlich, teilweise von Nepalesen bewohnte Gebiet - die Bhutanesen lieben die heisse und feuchte tropische Zone nicht - endet mit dem zentralen Hochland, das zwischen 1500 und 3000 Metern liegt, wo der grösste Teil der Bevölkerung lebt. Das Klima ist hier trockener, da ein Teil des Monsuns von den südlichen Bergketten abgefangen wird. Nördlich des Mittellandes, über Urwäldern aus Nadelhölzern, mannigfachen Rhododendren und Bambus-Unterholz, türmt sich das Gebirge weiter auf. Die Wälder gehen an den Südhängen auf knapp 4000 Meter in Juniperus über; auf den Nordseiten enden sie in dichtem Rho-dodendren-Gestrüpp. Dann folgen die Yak-Al-pen bis zur Schneegrenze auf einer durchschnittlichen Höhe von 5000 Metern, während die meisten Gletscherzungen bis gegen 4200 Meter hinunterreichen. Dementsprechend sind sie auch mit viel Moränenmaterial bedeckt. Neben rezenten Moränen, deren Enden oft durch katastrophale Gletscherseeausbrüche zerstört worden sind, konnte ich 4 ältere Glazialstadien unterscheiden, mit den ältesten und zugleich niedrigsten Stadien um 3000 Meter. Gut ausgeprägt ist das etwas über 100 Jahre alte, auf 4100 Metern gelegene Thanza-Stadium, das nach der höchsten Siedlung in Lunana benannt wurde. Ähnlich den Alpen entspricht dieses Stadium dem letzten grösseren Gletschervorstoss. Es ist interessant, die bhutanesichen Glazialstadien mit denjenigen der Südseite des Everest zu vergleichen, die der leider viel zu früh verstorbene Fritz Müller gut erforscht hat ( 1959, 1980 ). Die heutigen Gletscherenden liegen im Everest-Ge-biet 600 Meter höher, das 100 Jahre ältere Stadium 500 Meter, die weiteren Stadien 400 und 300 Meter höher als in Bhutan. Der deutliche Unterschied scheint mit den höheren Niederschlagsmengen im östlichen Himalaya zusammenzuhängen. Weshalb sind wohl die Höhendifferenzen in den älteren Stadien weniger ausgeprägt? Ob die starke rezente Hebung des Himalaya - 1 Zentimeter/Jahr - hier mitspielt und der damit zusammenhängende zu- nehmende Einfluss des Monsuns? Wir finden nämlich in den Assam-Vorhügeln - mit Ausnahme des Chocò in Kolumbien - die höchsten Niederschlagsmengen der Erde. Der Monsun ist auch in Bhutan ausgesprochen stark, bis - wie schon erwähnt - auf das Innere, das durch die südlichen Vorberge etwas geschützt wird. Reisen im Hochgebirge sind, wenn man nicht durch Schnee, Regen oder Nebel wandern möchte, die trotzdem gelegentlich einen Blick auf die Sonne freigeben, auf die Vor- oder Nachmonsunzeit zu beschränken: auf die Monate vor Mai und nach September.

Die Übergangsperioden können je nach Jahr unterschiedlich lange dauern, wobei in der Vormonsunzeit eher mit veränderlichem Wetter zu rechnen ist als in der kalten, etwas stabileren Nachmonsunzeit. Der Monsunnie-derschlag und das rapide Abschmelzen der Gletscher nähren die vielen Flüsse, welche das Land von Norden nach Süden durchschneiden ( siehe Kartenskizze ). Nur der grosse Kuru Chu im östlichen Bhutan entspringt nördlich der Hauptkette in Südtibet, 70 Kilometer vom viel grösseren Tsangpo-Fluss ( Oberlauf des Brahmaputra ) entfernt, und zwar mit einer auffallend niederen Wasserscheide von 5100 Metern. Dieses interessante Phänomen kann bei vielen Himalayaflüs-sen beobachtet werden, die im Norden der Hauptkette entspringen. Eine verstärkte Erosion im Quellgebiet des Arun Flusses zwischen dem Everest und dem Kangchendzönga könnte in sehr kurzer Zeit den nur 10 Kilometer entfernten, riesigen Tsangpo anzapfen, was katastrophale Folgen nach sich ziehen würde.

Geologische Übersicht Der differenzierte morphologische Aufbau des Bhutan Himalaya ist eindeutig geologisch bedingt, obwohl die klassische Einteilung des Himalaya hier nicht so ohne weiteres ins Auge springt ( Gansser 1964; siehe auch geologische Kartenskizze, Fig. 2 ). Wir finden im Süden Bhutans die niederen Vorhügel der Siwalik-Molasse ( Sub-Himalaya ), die jedoch lokal als einzige Ausnahme im gesamten Himalaya durch Erosion und spätere Aufschiebung ( Re-lief-Überschiebung ) fehlen kann. Diese Mo- lasse ist längs einer jüngsten, steilen Bruchzone auf quartäre Ablagerungen aufgeschoben. Über dieser Molasse folgt - nordwärts -die Aufschiebung des Niederen Himalaya, der zur Hauptsache aus spätpräkambrischen ( 1000-600 Millionen Jahre ), teils leicht metamorphen Sedimenten besteht, die ursprünglich die nördliche Bedeckung des Kristallins des Indischen Schildes bildeten. Darüber liegt die Kristallinzone, als eine über 15 Kilometer mächtige, komplizierte Decke ausgebildet. Diese Hauptgesteinsmasse Bhutans - ähnlich den Tessiner-Decken der Alpen - kann bis zur tibetischen Grenze verfolgt werden, wo sie auch die höchsten Ketten bildet ( Hoch-Hima-laya ). In diese, aus 1800-1400 Millionen Jahre alten präkambrischen Gneisen bestehende Gesteinsmasse, die während der Himalaya-Hauptbewegungsphase ( Orogenèse ) vor 20-30 Millionen Jahren nochmals umgewandelt worden ist, intrudierten im Norden weisse, turmalinführende, 10-20 Millionen Jahre alte Granite ( Leucogranite ), die sämtliche älteren Strukturen durchbrechen. Sie bilden ein wichtiges Element der höchsten Berge Bhutans, wie auch der höchsten Gipfel Nepals, z.B. Manaslu, Everest und Makalu. Auf diesen nördlichen Grenzbergen finden sich lokal noch Reste der überliegenden Sedimente, die bereits zu den tibetischen Meeresablagerungen derTethys gehören. Entsprechende Sedimente sind übrigens auch in zwei beckenartigen Depressionen im westlichen und zentralen Teil des Bhutan-Himalaya erhalten ( Lingshi und Tang Chu-Becken ). Sie sind fos-silführend und nicht umgewandelt ( metamorph ) und unterscheiden sich frappant von den innerhalb des Kristallins eingeschalteten hochmetamorphen Marmoren und kristallinen Schiefern. Lagen von Leucograniten, Marmoren, Gneisen und Schiefern bilden die oft auffallende Bänderung in den Hochgipfeln Bhutans, die besonders imposant in den Südwänden der Chomolhari-Gruppe aufgeschlossen sind.

Der 6800 Meter hohe Tshering Kang in der nordöstlichen Chomolhari-Gruppe. Blick auf die von der Morgensonne beleuchtete Südwand.

Das Hochgebirge Sieben Hauptgruppen bilden das eigentliche Hochgebirge Bhutans. Die meisten grenzen an Tibet und bilden auch die Hauptwasserscheide, mit der einzigen Ausnahme des im südtibetischen Hochland entspringenden Kuru Chu, der die Hauptkette Ostbhutans durchbricht.

Wir unterscheiden von Westen nach Osten: 1. die Chomolhari-Gruppe mit den zwei südlich und südöstlich davon gelegenen, 6000 Meter hohen Bergen Chatorake und Kang Bum; 2. die Kangcheda-Gruppe; 3. die Masang Kang/Tsenda Kang-Gruppe; 4. die Lu-nana-Gruppe; 5. die Kankarpünzum-Gruppe mit ihren 7541 Metern die höchste Erhebung Bhutans; 6. die Chura Kang-Gruppe und, schon östlich des Kuru Chu-Durchbruches, 7. die Garula Kang-Gruppe. Nordöstlich des Kankarpünzum, durch eine vergletscherte Kette verbunden, liegt die Künla Kangri-Gruppe, die mit ihren 7554 Metern - angeblich 13 Meter höher als der Kankarpünzum - die höchste Erhebung im Ost-Himalaya östlich des Kangchendzönga bildet. Nur ganz im Osten, am eigentlichen Ostende der ganzen Kette, wird sie vom 7755 Meter hohen Namche Bharwa übertroffen. Auf den im nördli- Die Südwand des 7315 Meter hohen Chomolhari-Hauptgipfels.

chen Bhutan auffallend falsch konzipierten topographischen Karten wird der Künla Kangri noch zu Bhutan gerechnet, was schon nach der Morphologie nicht stimmen kann. Auch die lokale Bevölkerung sieht den Künla Kangri als tibetanischen Berg. Hier, wie überhaupt längs der nördlichen Kette, wo die Grenzziehung völlig falsch ist, wäre eine Grenzbereinigung äusserst dringend. Sogar auf der offiziellen Karte von Bhutan 1:250000, die der Indische Survey 1972 herausgegeben hat, entspringen die Nord/Süd fliessenden Flüsse 20 Kilometer nördlich der Hauptwasserscheide in Tibet und durchbrechen die Bergketten auf ganz unnatürliche Weise. Diese unmögliche Darstellung lässt sich allein schon von den Pässen Toma La und Waghye La aus und in Lunana selbst beurteilen.

/. Die Chomolhari-Gruppe ( mit Chatorake und Kang Bum ). Chomolhari, die Göttin der heiligen Berge oder auch Herrin der Götterberge, ist den Bhutanesen wie auch den Tibetern, die sie von Norden, von der Phari-Ebene aus sehen, heilig. Die fast 20 Kilometer lange Kette von 6000-7000 Metern Höhe streicht abnormal von SW nach NE. Begrenzt wird sie im SW durch den Tremo La, mit seinen 4650 Metern der niedrigste und früher wichtigste Übergang von West-Bhutan nach Phari in Tibet. Dieses liegt an der grossen Karawanenstrasse nach Lhasa, die heute durch eine Militärstrasse ersetzt worden ist. Im NE endet die Chomolhari- Der 6500 Meter hohe Kang Bum, gesehen vom Schindeldach mit Rundfahne des Gaza Dzongs, einer abgelegenen Klosterburg in NW-Bhutan. Blick nach Westen.

Kette am Jam La, einem knapp 5000 Meter hohen Pass, der von Lingshi nach Tibet führt. Die Kette besteht aus 4 Hauptgipfeln und beginnt im SW mit einer etwas über 6000 Meter hohen Pyramide mit auffallend weissen Granitintrusionen. Nach einem kleinen, westlich gelegenen Pass, dem Lamo La, habe ich diesen scheinbar namenlosen, aber imponierenden Gipfel Lamo Kang genannt. Ein vergletscherter Felsgrat führt von hier auf den Chomolhari-Hauptgipfel von 7315 Metern Höhe. Eine weitere, äusserst scharfe Rippe verbindet den etwas niedrigeren Ostgipfel, der keinen speziellen Namen trägt, mit dem Hauptgipfel. Er fällt besonders durch seine von Granitintrusionen und Marmorbändern durchzogene Südwand auf. Der schönste Gipfel ist der ostwärts anschliessende 6800 Meter hohe Tshering Kang, der Gletscher des langen Lebens, dem die teils eisgepanzerte Felspyramide des 6535 Meter hohen Chum Kang folgt. Seine mächtigen Marmorwände dominieren die Felsenklöster des Lingshi-Gebietes.

Von den verschiedenen Gipfeln der Cho-molhari-Kette ist einzig der Chomolhari-Hauptgipfel bestiegen worden. Am 21. Mai 1937 erreichte F. Spencer-Chapman mit Pasang Dawa Lama den Hauptgipfel über die vergletscherte SSW-Flanke. Er kam vom Phari-Gebiet in Tibet über den Grenzgrat NE des Tremo La nach Bhutan. Durch Schlechtwettereinbrüche ( Monsunbeginn ) kam es fast zur Katastrophe, und der Rückzug erfolgte unter unglaublich grossen Schwierigkeiten ( Chapman 1951 ). Die lokale Bevölkerung Tibets wie Bhutans sprach sich vehement gegen eine Besteigung aus und warnte Chapman und seine Begleiter, denn sie glaubten an die Rache der Göttin Chomolhari. Es darf fast als Wunder gelten, dass Chapman und Pasang lebend zurückkehrten. Im April 1970 bestieg eine In-disch-Bhutanesische Bergsteigergruppe den Die Kangcheda-Kette mit Gipfeln zwischen 6500 und 7000 Meter unter den Gebetsfahnen des Jhari La. Blick nach ne.

Die vereiste Ostwand des 6535 Meter hohen Chum Kang, des nordöstlichsten Gipfels der Chomolhari-Kette.

Die stark vergletscherte NE-Seite des 7200 Meter hohen, heiligen Masang Kang, vom 5350 Meter hohen tibetischen Grenzpass Toma La gesehen.

Chomolhari über die einzig gangbare Chap-man-Route. Der Berg ist immer noch heilig, und es erstaunt, dass eine Bewilligung erteilt wurde. Ob die Überbringung einer von den Lamas in Thimphu gesegnete Bhudda-Statue als Gabe an die Göttin die Regierung beeinflusste? Nennenswert ist auf alle Fälle das Verhalten des bhutanesischen Bergsteigers Chachu, der knappe 100 Meter vor dem Gipfel bei guter Verfassung aus Respekt vor der Gottheit nicht mehr weiter wollte. Im Abstieg kreuzte seine Gruppe die zweite Equipe, die im Nebel verschwand und nie mehr zurückkehrte. Chomolhari hat sich gerächt. Eine neue Besteigung wird wohl kaum mehr bewilligt werden. Die östlichen Gipfel wie Chomolhari E, Tshering Kang ( 6800 m ) und Chum Kang ( 6535 m ) sind von beiden Seiten schwer zu besteigen. Die Chomolhari-Gruppe ist am einfachsten über das Paro-Tal, Chekha und den Chung La ( 4700 m ) zu erreichen.

Die zwei südlich der Chomolhari-Kette gelegenen Gipfel, der Chatorake, knapp 6000 Meter, und der Kang Bum ( der grosse Gletscherberg ), etwa 6500 Meter, sind beide von Norden bzw. NW, relativ leicht über die Gletscherflanken und Grate zu besteigen. Chatorake dominiert im Osten das obere Paro-Tal, während Kang Bum mit seiner wilden E-Flanke das Wahrzeichen des prächtigen Gaza Dzongs bildet. Kang Bum kann von Lingshi im NW oder vom Yale La aus über ein teils vergletschertes Hochland erreicht werden. Die Ostflanke ist sehr steil, und der Zugang von Gaza durch die mit dichtem Bergdschungel bewachsenen steilen Täler schwierig.

2. Die Kangcheda-Gruppe. Sie ist im NW Bhutans gelegen, streicht gleichsam als Fortsetzung der Chomolhari-Kette von SW nach NE und bildet ebenfalls die Grenze gegen Tibet. Die drei Hauptgipfel der scharfen, knapp 20 Kilometer langen Kette sind zwischen 6500 und 7000 Meter hoch. Sie haben äusserst steile, vergletscherte SSE-Flanken und bestehen hauptsächlich aus Gneis mit Intrusionen der jungen Leucogranite. Die am Chomolhari häufig vorkommenden Marmoreinschaltungen fehlen hier grösstenteils. Trotz der scharfen Morphologie bildet die Kette strukturell eine flache Antiform ( Antiklinale ), die vom Chomolhari durch den Kangcheda weiter in die Masang Kang und Lunana-Berggruppe streicht, und zwar als nördlichste Hauptaufwölbung dergrossen Kristallindecke Bhutans. Die 81 Der 7200 Meter hohe Teri Kang dominiert das Einzugsgebiet des wilden Pho Chu, des Vater-Flusses. Auf der linken Seite ist der vor 30 Jahren ausgebrochene Gletschersee sichtbar, mit weissem Schuttstrom. Nordwest-Lunana.

Kangcheda-Gruppe dominiert das Mo Chu-Tal und kann schon südlich von Punakha als Talabschluss gesehen werden. Sie ist über dieses Tal via Laya und den Sinchu La ( 4900 m ) erreichbar.

3. Die Masang Kang/Tsenda Kang-Gruppe. Sie ist südlich der tibetischen Grenze gelegen und gehört zu den schönsten Bergen Bhutans. Beide Berggruppen sind scharf differenziert und durch den nordöstlichen Quellfluss des Mo Chu ( Mutter Fluss ) getrennt. Dieser entspringt in den beiden Grenzpässen Toma La ( 5350 m ) und Waghye La ( 5300 m ), die nordöstlich des Masang Kang liegen und deren Sedimente schon zu den alten Ablagerungen Tibets gehören. Der Masang Kang und der Tsenda Kang bestehen anderseits aus Gneisen und 400 Millionen Jahre alten Graniten, die sich deutlich von den jungen Leucograniten eines Chomolhari unterscheiden. Masang Kang ist der heilige Berg des legendären Stammes der Masangs, den Ureinwohnern, die aus Südtibet stammen sollen. Er dominiert das kleine Bergdörfchen Laya - auf 3900 Metern gelegen, dessen Einwohner sich in ihrer Tracht auffallend von den Bhutanesen unterscheiden, der alten Bön-Religion huldigen und auch eine eigene Sprache sprechen. Handelt es sich hier vielleicht um die Nachkommen der Masangs? Der etwa 7200 Meter hohe Masang Kang-Doppelgipfel fällt mit sehr steilen, vereisten und felsigen Abstürzen gegen S und SE, während im NNE, wegen dem Schichtfallen und der transgredierenden Sedimente, ein flacherer Gletscherrücken liegt. Diese Flanke durchquert im oberen Teil ein Gletscherbruch - die eigentliche Schlüsselstelle für eine eventuelle Besteigung, an der jedoch die Masangs sicher keine Freude hätten. Lassen wir lieber diesen heiligen Prachtsberg alleine!

Der im SE des Masang Kang liegende Tsenda Kang dominiert die wildeste Berggruppe Bhutans. Diese reicht bis gegen den 5100 Meter hohen Karakachu La, dem westlichen Pass des Lunana-Gebietes. Sämtliche Gipfel liegen zwischen 6000 und 7000 Meter. Der Tsenda Kang dürfte knapp über 7000 Meter hoch sein. Er besteht aus einem Doppelgipfel, einer wilden Felsspitze im NW und einem scharfen, sehr steilen Eisdom im SE. Der Zugang zu diesem Bergparadies ist nicht leicht. Eine Möglichkeit besteht durch Schluchten SE des Masang Kang, doch endeten unsere 1963 und 1967 durchgeführten Begehungen vor äusserst steilen Gletscherbrüchen. Eine andere, eventuell bessere Möglichkeit führt über den Rodophu-Gletscher, nordwestlich des Karakachu La.

4. Die Lunana-Gruppe erstreckt sich ostwärts vom Waghye La, östlich des Masang Kang, auf über 50 Kilometer entlang der tibetischen Grenze bis zum Gonto La, dem schwierigsten und höchsten Grenzpass Bhutans. Der Name stammt vom Hochlanddistrikt Lunana, dessen zwei Haupttäler die Quellgebiete des Pho Chu, des Vater Flusses, bilden. Der Pho Chu fliesst in seinem Unterlauf durch unpassierbare Schluchten, so dass sich das eigentliche Lu-nana-Gebiet nur über 5000 Meter hohe Pässe erreichen lässt. Unerwartete Schneefälle auf diesen Pässen können Lunana vollständig von der Aussenwelt abschliessen. Im Westen finden wir den 5100 Meter hohen Karakachu La, weiter südöstlich den 5150 Meter hohen Gonju La, die beide ins westliche Lunana führen. Im Osten führt der schwierige Übergang des Gonto La über 5600 Meter nach Tibet. Südlich davon verbindet der 5300 Meter hohe Gophu La Lunana mit Ost-Bhutan.

Wegen seiner Abgeschiedenheit inmitten grosser Gletscherberge haben sich im Gedankengut der spärlichen Bevölkerung alte Legen- den erhalten, die - nur mündlich überliefert -jetzt noch das Leben der unter schwierigsten Verhältnissen kämpfenden und fröhlichen Bauern und Yakzüchter stark beeinflussen: ( Meine zwei sonst so gesprächigen Begleiter in Ost Lunana verstummen plötzlich, wie wir uns der gewaltigen Südwand des 7100 Meter hohen Zongophu Kang nähern. Zwischen der hohen Moräne und der Felswand liegt ein tiefer, dunkelblaugrüner See. Oben, im düsteren Nebel, lassen sich wilde Hängegletscher erkennen. Die beklemmende Stille wird nur hie und da durch herabfallende Blöcke oder durch das unheimliche Donnern einer Eislawine aus den umliegenden steilen Gletschern unterbrochen. Durch die spiegelglatte Oberfläche des Sees sieht man die Moräne steil in die dunkle Tiefe verschwinden. In der Felswand hinter dem See liegt eine schwarze Höhle. Doch wegen des ängstlichen Gebarens meiner Begleiter verzichte ich, diese zu besuchen. Tatsächlich scheint etwas Unheimliches auf diesem Ort zu lasten. Hoch oben in den Wänden hört man eine geisterhafte Musik, die an das Singen von sandgeladenem Wüstenwind an Felswänden erinnert. Nach den verschiedenen geologischen Routineaufnahmen zieht sich unsere kleine Kolonne am Abend ins Lager zurück. Unterdessen haben sich die Nebel etwas gelichtet, und über den hohen Wänden schälen sich die von feinen Rillen durchzogenen steilen Eiswände heraus. Über die Gipfel wälzt sich eine Wolkenwand, eine Art Föhnwulst. Die abfallenden Tibetwinde waren es wohl, die hoch in den Felszacken über dem unheimlichen See die eigenartigen Töne erzeugten. Unter einem funkelnden Sternenhimmel, wie man ihn nur im Winter im Himalaya sehen kann, sitzen wir um ein Lagerfeuer. Unsere Gesichter und Hände glühen, während unsere Rückseite sich mit einer Kälte von minus 15° begnügen muss. Langsam entwickelt sich ein Gespräch über den eigenartigen See: Es wohnt dort einer der sieben bösen Geister von Lunana. Vor langer Zeit wanderten diese sieben Geister, nachdem sie in Tibet besiegt worden waren, über die Gletscher in die abgelegenen Täler Lunanas. Die mächtigsten unter ihnen sind Parep und Nidupgelzen. Parep haust in der schwarzen Höhle über dem mysteriösen See und Nidupgelzen im spärlichen Der dreigipflige, 7000 Meter hohe Jejekangphu Kang am Domchetang-Gletscher im zentralen Lunana bildet die unnahbare Grenzkette gegen Tibet.

Juniperuswald beim kleinen Choso Dzong, dem abgelegensten Dzong Bhutans. Die Geister lieben diese höchsten Gebirgswälder, und wehe dem, der hier einen Baum fällen würde !) Im weiteren sollen die bösen Geister Lunanas auch für die katastrophalen Fluten verantwortlich sein, die durch den Ausbruch von Gletscherseen entstehen. Die von diesen Geistern bewohnte, stark vergletscherte Kette zeigt regional eine sehr steile, oft felsige Südflanke und eine etwas flachere, hochvergletscherte, schon in Tibet gelegene Nordflanke. Dieser auffallende morphologische Unterschied ist wiederum geologisch bedingt. Die Basis der Südwände bilden Granitgneise, die im oberen Teil von Marmoren und Leucograniten durchzogen werden - ähnlich den Chomolhari-Wän-den. Zuoberst finden sich auf einigen der höchsten Gipfel die untersten Sedimente der Tibet-Serien. Alle diese Schichten sind nach Norden geneigt und entsprechen der relativ flachen Nordflanke der grossen Antiform.

Im Westen wird die Lunana-Gruppe durch den etwa 7200 Meter hohen Teri Kang domi- niert. Hier, im westlichen Einzugsgebiet des Pho Chu, ist vor über 30 Jahren ein Gletschersee ausgebrochen. Die durch Eisfall eines überliegenden Gletschers erzeugte Flutwelle hat den Moränendamm zerstört, und die Fluten rissen weit unten im Tal Brücken und einen Teil des Punakha Dzongs, der alten Haupttempelburg Bhutans, weg. Es war übri- Unbekannte und unbenannte Grenzkette zwischen dem 7200 Meter hohen Kangphu Kang und den ( Table Mountains ) im östlichen Lunana.

Gletschertales westlich des Teri Kang abschliesst. Östlich des Teri Kang folgt der grosse Domchetang-Gletscher mit dem, auf dessen NE Seite gelegenen, besonders wilden dreigipfligen Jejekangphu Kang. Dabei handelt es sich um einen abweisenden, von allen Seiten schwierig zu besteigenden Grenzberg. Seine massigen Granitgneiswände fallen besonders auf der Südwestflanke auf. Die nordöstliche Abdachung ist etwas weniger steil, aber schwer zugänglich. Die drei Gipfel dürften etwas über 7000 Meter emporragen. Der Ostgrat setzt sich weiter fort über unbenannte Gipfel bis zum mächtigen Block des 7212 Meter hohen Kangphu Kang. Auch hier finden wir mächtige Felsabstürze gegen Süden, im oberen Teil durch Leucogranite und Marmorlagen gebändert. Die vergletscherte Abdachung gegen Tibet verläuft hier auch etwas weniger abrupt. Eine Besteigung wäre eventuell über den Westgrat ( Westgipfel ) oder über den schwierigen Ostgrat ( Hauptgipfel ) möglich, je nach Die Kankarpünzum-Gruppe mit dem 6600 Meter hohen Chumhari Kang im östlichsten Lunana und dem 7541 Meter hohen Hauptgipfel rechts aussen, der höchsten Erhebung Bhutans.

Routenwahl müsste man dann von Lilo oder von Chozo Dzong, zwei kleinen Hausgruppen im östlichen Lunana ausgehen. Nach drei weiteren 6500-7000 Meter hohen unbenannten Gipfeln ( östlich Kangphu Kang ) entwickelt sich die Grenzkette zu einem markanten Tafelberg, dessen obere Kante auf etwa 7000 Meter liegt, mit steilen Abstürzen auf der Südflanke und grossen flacheren Gletschern auf der ti- betischen Seite. Die höchste Erhebung ( gegen 7100 Meter ) wird lokal als Zongophu Kang bezeichnet. Auf meinen früheren Karten nannte ich die fast 15 Kilometer lange Kette ( Table Mountains ). Die flache Oberkante wird durch eine leicht nach Norden fallende, teilweise sogar fossilführende Sedimentlage der Tibetse-rien gebildet, mit unterliegenden Leucogranit-lagen, Marmoren und tieferen Granitgneisen. Über die hohen Abstürze fallen häufig Eislawinen, die die am Fusse der Wand liegenden Gletscher nähren. Diese schmelzen zungen- wärts schnell ab und bilden häufig Gletscherseen, die gelegentlich auch hier verheerende Fluten verursachen. Nur die östlichsten Gipfel der

Östlich des Kuru Chu-Durchbruches folgt ein wildes Granit- und Gneisgebirge mit Gipfeln zwischen 5500 und 6000 Metern, in dessen Mitte der besonders heilige Sengge Dzong liegt. Die Gründung dieser wichtigen, weit abgelegenen Kultstätte geht auf Padmasambhava, den Lotosgeborenen, zurück, der, vom Tibet kommend, hier das kleine Kloster gründete. Die lokale Geschichte aber spricht von einem See, aus dessen Fluten ein grosser Phurbu ( Zeremoniendolch ) gefischt wurde. Dieser Phurbu führte dann zur Klostergrün-dung am Ufer dieses besonders heiligen Sees, der wie viele andere in der bhutanesisch-tibe-tischen Mythologie eine grosse Rolle spielt. Ich konnte den Phurbu im inneren Heiligtum des Klosters bewundern. Doch anstelle des Sees sah ich eine eigenartige Ebene inmitten der äusserst schroffen Berge, durch die der Gletscherfluss durch einen Wald von Gebetsfahnen mäandrierte. Und dann konnte ich feststellen, dass dieses auffallende Becken mit Seesedimenten aufgefüllt war, was die Legende des Sees voll bestätigte. Oberhalb des Sengge Dzongs, gegen die tibetische Grenze hin, liegen heute mehrere Seen, alle mit einer eigenen Geschichte. Die zwei grössten Seen sind als Vater- und Muttersee bezeichnet. Von diesen Seen sieht man ganz im Osten das letzte Gebirge Bhutans, die ganz abgelegene Gletschergruppe des Garula Kang.

Das Ostende der 6000-7000 Meter hohen Chura Kang-Kette mit unbenannten Gipfeln.

Der Garula Kang, die östlichste Gebirgsgruppe Bhutans, praktisch unbekannt, mit Bergurwäldern, die über 4100 Meter reichen.

7. Die Garula Kang-Gruppe. Sie liegt wieder als Grenzgebirge im Quellgebiet des Koma Chu, einem Seitenfluss des Kuru Chu und dem Yangtse Chu, dem östlichsten Flusssystem Bhutans. Der schöne, stark vergletscherte Garula Kang ist ungefähr 6500 Meter hoch und verfügt über einen östlichen und einen nordwestlichen Nebengipfel, die ebenfalls stark vergletschert sind. In diesem abgelegenen Teil Bhutans ist auch die Feuchtigkeit etwas höher als im Westen, und die Berg-Urwälder reichen auf 4100 Meter und werden von einem fast undurchdringlichen Rhododendren-Dschungel abgelöst, der praktisch bis an die Gletscher reicht. Der Zugang zu der Garula Kang-Gruppe kann von Süden durch das Koma Chu-oder das Yangtse Chu-Tal erfolgen.

Ausblick Mit dem noch ganz unbekannten Garula Kang sind wir am Ostende der grossartigen Gebirgskette angelangt. Die vielen unbestiegenen und noch kaum erforschten Gipfel reizen natürlich den Bergsteiger. Wohl oder übel wird sich Bhutan einer unweigerlich kommenden modernen alpinistischen Invasion anpassen müssen, wenn auch auf seinen Gebirgen bis jetzt nur die Berggeister ungestört walten durften. Es ist zu hoffen, dass dieses spezielle Kleinod mit der unbedingt nötigen Nachsicht und Verantwortung erschlossen werde, um nicht einem rücksichtslosen internationalen Tourismus zum Opfer zu fallen, wie dies leider in den westlichen Nachbarländern mehr und mehr der Fall wird. Der leider zu früh verstorbene König Jigme Dorje Wangehuck hat die Richtlinien gegeben. Hoffen wir, dass auch die jüngere Generation darnach leben wird. Nur so können die Bhutanesen neben ihren Bergen ihren wichtigsten geistigen Charakterzug erhalten: die Heiterkeit der Seele.

Literaturnachweis Chapman, F. S. ( 1951 ): Memoirs of a Mountaineer. Chatto and Windus, London, S. 446ff.

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Olschak, B.C. ( 1979 ): Ancient Bhutan, a study of Early Bhuddism in the Himalayas. Swiss Foundation of Alp. Res., Zürich, S. 222ff.

Für weitere Auskünfte über Bhutan siehe: Markus, U., Gansser, A., Olschak, B.C. ( 1983 ): Bhutan, Königreich im Himalaya. Atlantis Verlag ( im Druck ).

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