Das Mondgebirge der Antike

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Carole Milz, Neuchâtel

Mühsamer Anmarsch durch den Senecienwald Ruwenzori - dieser Name sagt den meisten sicher wenig. In mir hingegen weckt er Bilder phantastischer Wälder, endloser Moore, einer üppigen, wuchernden, manchmal unwirklich scheinenden Vegetation, kalter und nebelum-zogener Gipfel mit plötzlich in der Sonne aufleuchtenden, seltsam und schön geformten Wächten und Schrunden.

Alles begann mit einem Vorschlag von Pierre: ( Hast du nicht Lust, nach Uganda zum Bergsteigen zu gehen? Ich habe dort unten einen Kollegen, der seine Weihnachtsferien dazu benützen möchte. ) Berge in Uganda? 0 ja, und dazu mehr als 5000 m hoch! Obwohl ich noch nicht wirklich daran glaubte, habe ich doch in einem Atlas die Ruwenzori-Kette, an der Grenze zwischen Uganda und Zaire, gesucht und gefunden. Aber Pierre wandte sich dann anderen Plänen zu, und so geriet dieses Projekt bei mir zunächst in Vergessenheit. Nun aber begann sich Christian, der auch von der Angelegenheit Wind bekommen hatte, etwas stärker dafür zu interessieren und sprach mich darauf hin an.

Am 19. Dezember 1983 sitzen wir- geimpft, schwer beladen und den Kopf voller Träume -auch tatsächlich in einem Flugzeug mit der Destination Nairobi. Dort erwartete uns Pier- res Freund Patrick, um uns zum Klettern mitzunehmen. Mein erster Eindruck von Afrika hätte gar nicht besser sein können: Klettern in der Sonne in warmem goldfarbenem Fels, unabsehbare Savannen, Giraffen und Gazellen sowie - beim Ausstieg aus den Routen - unerwartete Begegnungen mit Pavianen.

Während einer Woche bereiten wir unsere Expedition nach Uganda vor, plündern die Geschäfte von Nairobi, häufen bunt durcheinander an: Rollen von Toilettenpapier, getrocknete Mangonen, Reis und Bergsteigermaterial, und füllen so unsere Rucksäcke, studieren Karten, besorgen Visa und Eisenbahnfahrkar-ten.

Die Reise ist lang, und in den kenianischen Wagen mit holzverkleideten Abteilen - sie stammen noch aus der Kolonialzeit - zunächst recht angenehm. Dann allerdings folgt eine Taxifahrt nach Kampala, die über schlechte ugandische Strassen führt. In einer nächsten Etappe bringt uns eine altertümliche Eisenbahn durch eine weite, mit Papyrusstauden bestandene Ebene bis an die Ausläufer der berühmten Bergkette. Schliesslich erreichen wir, auf einem kleinen Camion zusammengepfercht, Ibanda, das letzte Dorf. Wir entdecken nun ein anderes Land: ärmer, wilder—und stärker kontrolliert. Militärsperren ein bisschen überall, mehrere bewaffnete Polizisten zum Schutz unseres Zuges. Doch angesichts der für uns so neuen Landschaft vergessen wir solche Unannehmlichkeiten.

Unsere Gruppe besteht aus einem Dutzend Wanderern des Mountain Club of Kenya und vier Kletterern: Patrick, der uns betreut, Phil, sein Freund aus dem Lake District, Christian aus Genf und ich.

Der tägliche Regen - er setzt jeweils pünktlich am Mittag ein - empfängt uns, und wir retten uns in die Kirche. Dort verbringen wir, nach einem sehr bunten und lebendigen Weihnachtsabend in der örtlichen Diskothek, die Nacht.

Am 26. Dezember machen wir uns, nach langem Palaver mit den Trägern und der umständlichen Zubereitung ihrer Verpflegung, endlich auf den Weg, der uns zwischen Reihen von Bananenbäumen durchführt. Dabei teilen wir die landesüblichen Grussworte ( Jambo ) aus und erhalten von allen Seiten auch solche zugerufen. Die Menschen hier sind offen, lächeln, und die Kinder laufen ein Stück des Weges mit. Sehr bald beginnt es wieder zu regnen. Wir dringen auf einem schmalen, glitschigen Pfad in den dichten triefenden Wald ein. Der Weg ist voller Hindernisse: Wurzeln, kleine Bäche, vermoderte Baumstümpfe, Lianen, die am Rucksack hängenbleiben, baumartige Farne, und dazwischen immer wieder Rutschpartien in schlammigem Gelände. Alles ist ganz ungewöhnlich. Nach sechs Stunden Marsch erreichen wir Nyabitaba Hut; wir schlagen unsere Zelte auf und können uns trocknen.

Auf der zweiten Etappe, nach Bigo Hut, fällt kein Tropfen Regen; eine erstaunliche Ausnahmeerscheinung in einem Gebiet, in dem es an 350 Tagen des Jahres regnet! Wir traversieren Flüsse und bewegen uns durch dicke Moospolster. Um uns Wälder aus riesigen Erica-Bäumen, von denen Flechten und Lianen herabhängen, unheimliche Pflanzen aus einer andern Welt, ein Dekor wie aus einem phantastischen Film, dazu Grabesstille - werden uns Riesen begegnen? Dinosaurier? Schwammige, unsichere Moore: Wir müssen von einem Riedgrasbüschel zum andern springen, um nicht bis zu den Knien in den weichen Boden einzusinken.

Wir schlagen unser Lager in der Nähe der Hütten auf. Die Träger dagegen schlafen in den Grotten, rund um ein grosses Feuer, auf dem sie ihre Ration Kassawa ( Maniokmehl ) kochen, zu der sie getrockneten Fisch essen.

Von Bigo Hut geht es über eine grosse sumpfige Ebene zum Lake Bujuku und noch etwas weiter zur Bujuku Hut, wo wir uns für einige Tage einrichten.

Unser erstes Ziel ist der Vittorio Emanuele Peak am Mount Speke ( 4890 m ); eine ziemlich leichte kombinierte Tour. Im Aufstieg haben wir einen herrlichen Blick auf den Mount Stanley mit seinen Gipfeln Margherita Peak ( 5119 m ), Alexandra Peak ( 5098 m ) und Albert Peak ( 5094 m ); sein Nordostgrat ist eindrucksvoll - und verlockend. Wir entscheiden uns deshalb für diese Tour. Am nächsten Tag brechen wir zum Fuss der Route auf, nachdem wir einen Vorrat an Chapatis ( einer Art Fladen ) zubereitet haben, die unsere Hauptnahrung bilden und das Brot ersetzen werden. Wir erreichen mühelos den Stuhlmann-Pass an der Grenze zu Zaire. Der weitere Aufstieg durch ein Dickicht von Immortellen und Kreuzkraut ist sehr mühsam. Auf 4400 m richten wir uns mit unsern Schlafsäcken auf einem grasbewachsenen Hang ein, wobei uns die baumartigen Senecien ( Kreuzkraut ) das Material für das Feuer liefern, auf dem wir unser Nachtessen kochen.

Am Samstag, dem letzten Tag des Jahres 1983, nehmen wir den Grat in Angriff. Zunächst ist der Aufstieg sehr leicht, später folgen dann Kletterstellen im IV. Grad. Der Fels ist gut. Für uns nehmen nun aber die Schwierigkeiten im gleichen Masse zu wie sich das Wetter verschlechtert: Nebel hüllt uns ein, und es beginnt zu schneien. Es warten uns jetzt einige heikle Seillängen im Schnee und auf einem sehr glatten Fels. Zum Glück bewältigt Christian geschickt die nassen Passagen im V. Grad. Wir sichern vor allem mit Klemmkeilen und schlagen auch noch einige Haken.

Da wir zu langsam vorankommen, um den Gipfel noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen, machen wir auf einem Felsband Halt, wo wir eine winzige Höhle entdeckt haben. Wir richten sie ein wenig her und versuchen, uns alle vier hineinzuzwängen - es ist sehr Eisskulpturen auf dem Stanley-Gletscher eng! In dieser Nische, auf mehr als 4800 m, feiern wir Silvester. Der Reis ist nicht ganz gar gekocht, aber das Rindscurry ist ein Genuss, und Schweizer Schokolade krönt das Festmahl.

Die Sterne in der Morgendämmerung hatten uns noch hoffen lassen, aber die aufziehenden dichten Wolken rauben uns rasch unsere Illusionen. Gleichwohl sind wirfroh, aus unserm Loch herauszukommen und unsere taub gewordenen Gliedmassen zu strecken. Nach einigen anstrengenden Seillängen auf vereistem Fels sichten wir durch den Nebel endlich den Gipfel. Eine kleine Aufhellung gibt uns den Blick auf den Margherita Peak unmittelbar vor uns frei. Die Traversierung im Schnee ist leicht, und dann stehen wir bald auf dem höchsten Punkt der ganzen Ruwen-zori-Kette ( 5119 m ).

Der Abstieg ist, obwohl ermüdend, ganz einfach zauberhaft. Über einen ziemlich steilen Hang erreichen wir den Gletscher am Fuss eines mächtigen Eisbruches. Dann geht es weiter durch tiefen, schweren Schnee. Sobald der Nebel kurzfristig aufreisst, fallen unsere Augen auf prachtvolle Eisgebilde, die aber in Sekundenschnelle hinter dem dichten Vorhang verschwinden, um später unvermittelt wieder aufzutauchen. Es scheint, als habe der Geist, der dieses Spiel in dem riesigen Theater veranstaltet, selber seinen Spass an unserm jedesmal grösseren Erstaunen und Entzücken.

Schliesslich erreichen wir die Moräne am Ende des Stanley-Plateaus und dann Elena Hut. Da wir nichts mehr zu essen haben, beschliessen wir, trotz unserer Müdigkeit den Weg bis Kitandara Hut fortzusetzen, um dort die Wanderer unserer Gruppe zu treffen. Wir durchqueren ein prächtiges Tal, um anschliessend das idyllische Ufer des Kitandara Lake zu erreichen. Wie tut es gut, sich dort auszuruhen: ein ruhiger See, eine schöne Holzhütte, eine sanfte und doch wilde Vegetation. Unsere einzigen Gefährten sind Enten und bunt gefärbte Vögel. Wir bringen einen Tag damit zu, in diesem kleinen Paradies zu faulenzen. Das zwingt uns allerdings, nachher zwei Etappen in einem Tag zurückzulegen: mühsames -SV Erklimmen eines Passes, mit einem rutschigen Abstieg, der uns zu einigen unsanften ( Notlan-dungen ) zwingt; schliesslich Moore, in die man bis zu den Knien und manchmal bis zu den Schenkeln versinkt. Laufen wir nicht gerade in 20 cm tiefem Schlamm, dann müssen wir durch einen Bambustunnel kriechen, damit der Rucksack nicht ständig irgendwo fest-hängt. Welche Erleichterung, wieder in der Hütte anzukommen, in der wir die erste Nacht verbracht haben, und dort die ganze Gruppe vorzufinden!

Für unsern letzten Tag hat der Wald seinen schönsten Schmuck angelegt: Die Sonne strahlt, und ihre Strahlen spielen im dunklen Laub, Jasminblüten duften. Als wir den Fluss erreichen, kann keiner der Verlockung des klaren und kühlen Wassers widerstehen. Alles badet unter viel Gelächter.

Später habe ich noch den Mount Kenya über eine sehr schöne Route, das Ice Window, bestiegen. Und sicher werde ich eines Tages zurückkehren, um auf den Hängen des höchsten Gipfels des Schwarzen Kontinents, des Kilimandscharo, Schweiss zu vergiessen. Doch ich bin der gleichen Überzeugung wie jener unbekannte Bergsteiger, den ich in Ibanda traf: Ich werde niemals die Ruwenzori-Kette, das Mondgebirge der Antike, aus dem der Weisse Nil entspringt, vergessen, dieses schönste und zauberhafteste aller afrikanischen Massive.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

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