Das Ostende der Brigelserhöriier
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Das Ostende der Brigelserhöriier

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Ich fürchte, die Brigelserhörner seien während langer Jahre mir " bloß dem Namen nach bekannt gewesen, und alles, was ich über sie wußte, war, daß sie die scharfen Spitzen sind, die von Chur aus sichtbar sind; und welche von Fremden oft für den Tödi selbst gehalten werden. Erst im Jahre 1893 nahmen sie meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch. In jenem Jahre nämlich verwendete ich einen bedeuteöden Teil meiüer Sommerreise zur Erforschung der Berge zwischen dem Oberalppaß und dem Calanda als Vorarbeit für den „ Climbers'Guide to the Range of the Tödi44. Aber mein erster Versuch, mich ihnen zu nähern, wurde durch schlechtes Wetter verhindert. Mr. Gardiner und ich mit dem jungen Christian Almer und seinem Bruder Rudolf verbrachten zwei Nächte in der Muttenseeclubhütte ( 20. und 21. Juli ), aber gelangten nur auf die halbe Höhe des Kistenpasses infolge eines furchtbaren Schneesturms, so daß wir vom Besuch des Bifertenstocks, von Brigels, und den Brigelserhörnern abstehen mußten. Wir gingen daher nach Elm und am 24. Juli bestiegen wir die Tschingelspitzen über dem Segnespaß. Die Nacht darauf verbrachten wir unfreiwillig in den Felsen und durch einen merkwürdigen Zufall thaten die Herren Dr. Dtibi und Flach an den Brigelserhörnern das gleiche. Wir hatten das Vergnügen gehabt, diese Herren einige Tage vorher im Maderanerthal zu begegnen, daher bat ich, da ich mit meinem Buch nicht zögern durfte, Dr. Dübi, mir dafür Notizen Über die Brigelserhörner zu geben. Dieser Bitte entsprach er mit größter Bereitwilligkeit, und Später veröffentlichte er einen ausführlichen Bericht seiner Erforschungen im Jahrbuch 8. A.C. XXIX, pag. 315—322. Natürlich las ich diesen Bericht mit größtem Interesse, denn meine Niederlage im Jahre 1893 lag mir so schwer auf dem Herzen, daß ich 1894 den BifertenBtock wieder in mein Reiseprojekt aufnahm. Aber das Wetter im Jahre 1894 war sehr oft schlecht, was auch besonders bei unserm Herannahen an diese Spitzen der Fall war. Dem jungen Christian Almer und mir gelang es zwar, am 10. August von der Glärnischclubhütte den Ruchen-Glärnisch zu besteigen, aber wir sahen nichts als Wolken. Nach einem kurzen Aufenthalt in Lintthal machten wir uns am 13. August noch einmal auf den Weg zum Kistenpaß. Diesmal hatten wir beschlossen, den Paß in einem Tag von Uf^ :.. * ,W. Â. $. GooMdge.

Lintthal nach Brigete zu überschreiten, was uns auch gelang trotz dea heftigen Schneesturmes zwischen der Muttenseeclubhütte und den höchsten Hütten von Rubialp. Erschöpft und voller Zorn kamen wir in Brigels an, denn es schien* als ob dieses Gebiet uns mit tödlichem Haß verfolgte. Brigels ist eine reizende Ortschaft, doch wollten wir einige der umliegenden Gipfel erklimmen und widmeten diesmal den Reizen der unmittelbaren Umgebung nur wenig Aufmerksamkeit. Am frühen Morgen des 15. August war es schön, daher brachen wir auf nach irgend einem Gipfel, besonders da heute in Brigels Festtag und der *Lärm der Kanonen, der Glocken und des Singens ohrbetäubend war. So schwebte mir denn auch den ganzen folgenden Winter hindurch das Bild von Brigels vor Augen als eines Erdenwinkels, in dem die Buhe und Stille nie zu Hause sind, und erst im Jahre 1895 änderte sich meine Meinung. Unser Plan war, die Route Herrn Helds auf den zweiten Gipfel, den Kavestrau pin ( 3217zu verfolgen und dann die höhere Spitze ( 3*250 m ) zu besteigen. Wir hatten von Brigels aus die Gruppe gemustert, konnten aber ihren Zusammenhang nicht genau verstehen. Als wir aber dem Fuß der Kette uns näherten, holten uns Wolken ein. Nach einer Wanderung über endloses Geröll waren wir ziemlich überrascht, auf einem sehr hohen und steilen* aber kleinen Gletscher zu stehen. Über diesen stiegen wir empor, immer im Ungewissen, wo wir seien, gegen eine Spitze am Westende des Gletschers zu, die, durch die Wolken betrachtet, der höchste der umliegenden Gipfel zu sein schien. Auf dem Gletscher fanden wir keine Schwierigkeit außer dem tiefen Schnee, und eine kurze Kletterei in den Felsen brachte uns auf den Gipfel, wo im Schnee eingebettet mindestens zwei Steinmänner standen. Auf allen Seiten hemmten Wolken die Aussicht, doch hörten wir von Brigels das Schießen der Kanonen. Wir konnten'nur feststellen, daß wir nicht auf dem spitzen Gipfel am Ostende der Kette waren, den man von Brigels aus sieht. Es war dies eine offenbar niederere Spitze, die wir im Osten hinter uns hatten. Ich studierte das Bild in Dr. Dübis Artikel ( pag. 318die zwei besten Photographie » der Brigelserhörner von Norden, die ich kenne, sind die Nummern 1570 ( vom Ruchi ) und 1580 ( von der Glarnerseite des Kistenpasses ) aus der Sammlung von Herrn C. Koch in Schaff hausen, auf denen unsere Wanderungen mit Leichtigkeit verfolgt werden können— und sah dort un sera Gletscher deutlich genug, aber waren wir auf dem schwarzen Gipfel, welcher dort ihm zur Linken sichtbar ist? Nein, das mußte der Gipfel sein, den wir auf der Südseite passiert hatten. Dann war es vielleicht möglich, daß wir auf wunderbare Weise eine neue und leichte Route auf den Kavestrau pin selbst entdeckt hatten. Doch schien dies zu erfreulich, um wahr zu sein. Endlich kehrten wir nach Brigels zurück, ganz im unklaren, wo wir eigentlich gewesen waren. Dort nannten sie den östlichsten Gipfel Piz Tutnbif, aber das war sicher der Gipfel, auf dessen Südseite wir vorbeigekommen waren. Anderseits hatte der Kavestrau pin. von Brigels aus gar nicht das Aussehen des Gipfels, den wir bestiegen hatten. Der Lärm und das schlechte Wetter trieb uns am nächsten Tage fort, doch beschlossen wir, im Jahre 1895 nach Brigels zu kommen zur Lösung dieser rätselhaften Probleme.

Beim Studium des Berichtes vén Dr. DJibi fand ich, daß Herr Hauser ( der erste Erforscher der Gruppe ) drei Steinmänner auf dem Piz Tumbif gefunden hatte. Wenn nun Piz Tumbif der östlichste Gipfel war, dessen Südseite wir passiert hatten, so konnte ich mich nur darüber wundern, daß drei Steinmänner auf einem scheinbar spitz zulaufenden Felsengipfel zu finden sein sollten. Ferner hatte auch Herr Hauser von seinem Piz Tumbif bis zum Kavestrau pin eine Stunde gebraucht. Es war aber gewiß nicht eine Stunde von diesem spitzen Gipfel zu unserer Spitze mit den zwei Steinmännern, und unsere Spitze war gewiß im Westen des spitzen Gipfels und hätte daher Kavestrau pin sein sollen. Doch hatte unsere Spitze zwei Steinmänner und Dr. Dübi erwähnt nur einen ( pag. 320 ), während es nicht der Piz Tumbif von Herrn Hauser sein konnte, weil dieser drei Steinmänner hatte. Dennoch schien keine Wahl zu sein, denn das Bild Dr. Dübis zeigte entschieden nur einen Schneegrat zwischen Piz Tumbif und Kavestrau pin. Ich hoffe, meine Leser sind jetzt ebenso im unklaren, wie ich es im Winter 1894—95 war. Ich hatte einen Gipfel bestiegen, der entweder Piz Tumbif oder Kavestrau pin sein mußte, aber dessen Lage ( besonders die zwei Steinmänner ) nicht übereinstimmte mit den veröffentlichten Berichten über jeden der beiden Gipfel. Es schien eine Art von Niemandsland zu sein.

So kam es, daß am 18. Juni 1895 Christian und ich wiederum in der Muttenseeclubhütte unser Nachtlager aufschlugen. Wir hatten 14 Tage vorher Grindelwald verlassen und schreckliches Wetter durchgemacht. Es war nur schön, wenn wir in den tiefen Thälern waren. Wir hatten 4—5 Tage in dem hübschen, kleinen Hotel Klönthal in Vorauen zugebracht, aber es regnete ohne Unterlaß. Eines Tages schien es ein wenig besser, daher stiegen wir zur Glärnischclubhütte empor, wo wir, wie 1894, tropfnaß anlangten. Am nächsten Morgen schneite es und in Verzweiflung kekrten wir nach Vorauen zurück. Am nächsten Nachmittag suchten wir unser altes Quartier in dem gastlichen „ Raben " zu Lintthal auf und am 17. Juni war das herrlichste Wetter, eben weil wir Reparaturen halber hier bleiben mußten. Doch war es am nächsten Tage ziemlich schön, bis wir die Clubhütte erreichten, wo es natürlich wieder zu stürmen anfing, und ich frage mich wirklich, ob es dort je schön ist. Am Morgen des 19. Juni herrschte solcher Sturm, daß die Besteigung des Bifertenstockes ganz außer Frage kam; wir zogen daher wutentbrannt über den Kistenpaß nach Brigels, wunderbarerweise ohne diesmal ganz durchnäßt zu werden. Wir nahmen bei Frau Fausta in ihrem reizenden Gasthöfchen Quartier und beschlossen, Brigels nicht zu verlassen, als bis sowohl Bifertenstock als Kavestrau besiegt wären. Ich hoffe, der Leser werde unsern Mut bewundern ( von Geduld kann ich nicht sprechen, denn diese wurde durch einen Zustand der Wut ersetzt ), wenn ich ihm sage, daß wir am 19. Juni in Brigels ankamen und es erst am 29. verließen, aber dann als Sieger über beide Gipfel. Doch war es eine traurige Beschäftigung, auf gutes Wetter zu warten, denn am Anfang des Sommers ahnten wir nicht, was uns der Spätsommer bieten würde. Am 22. Juni war es in der Frühe schöner, als gewöhnlich; wir brachen daher auf, schlugen unsere Route 53^*wVv?>ir*rjr- « r^t«"- ir,ija1?- » rtt-x»-^^»*y£w*'^ffiMjflpff Jahre vorher ein ) kamen natürlich in die Wolken und erreichten wiederum den Gipfel mit den zwei Steinmännern. Es war zu ärgerlich, ein zweites Mal auf diesem elenden kleinen Berge genarrt zu werden. Merkwürdigerweise war weniger Schnee hier, als im Jahre 1894, so daß ein driver Steinmann jetzt sichtbar war. Es war daher ziemlich sicher, daß dieser Gipfel derjenige des Herrn Hauser war, und in einem der Steimnänner fanden wir mehrere alte Karten, die über frühere Besteigungen berichteten. Von diesen Karten später. Wenn aber'dies'der Piz Tumbif von Herrn Hauser war, so war wahre Piz Tumbif nicht von Brigels aus sichtbare und so genannte Gipfel. Unser Gipfel scheint auf dem Bild von Dr. Dflbi gar nicht hervorzustechen, während wir 1894 wie auch 1895 uns darüber klar waren, wenigstens nach den Blicken durch die Wolken, daß der von Brigels sichtbare Gipfel ( der auf Dr. Dübis Bild ein flotter Felsengipfel ist ) sicher niederer war, als die Spitze mit drei Steinmännern, die wir in beiden Jahren erstiegen hatten. Hatte dann Herr Hauser den Piz Tumbif überhaupt bestiegen? Hier war ein neues Rätsel! Nach Brigels zurückgekehrt, brachten wir die zwei nächsten Tage mit Lesen zu, da es unaufhörlich regnete. Wir wurden immer hartnäckiger und beschlossen, diese elenden Gipfel zu erklimmen, wenn wir auch wochenlang warten müßten. Wie ich schon bemerkte, waren wir nicht geduldig,; doch wurde unsere Hartnäckigkeit endlich belohnt. Das Wetter wurde am Morgen des 25. Juni sichtlich besser; der Wind hatte gewechselt^ der Föhn wehte zu unserer Freude, denn dieses ganze schlechte Wetter hindurch hatte der Nordwind stetig geweht und die zwei Barometer im Speisesaal waren im Steigen. Nun kam mit dem Südwind und dem fallenden Barometer die langersehnte Änderung. An diesem Nachmittag stiegen mein Führer und ich mit einem Träger zu der Schäfern tftt© im Friaalthal empor, direkt östlich von der Zahl 1877, um dort Nachtlagerbeziehen. Dummerweise hielten wir uns auf dem ganzen Wege an $ém linken Ufer des Baches bis gegenüber der Hütte, wo wir nach ßlkstündigem leichtem Spaziergang anlangten, während der Träger, der nach uns^ aufbrach, den richtigen und kürzern Weg an der Hütte auf der Novaalp vorbei einschlug. Von dieser Hütte aus fanden wir endlich die Auflösung aller unserer Rätsel. Der kleine Gletscher, über den wir zweimal emporgestiegen, war deutlich sichtbar und links davon der Gipfel, auf dessen Südseite wir passiert waren, und der von Brigels sichtbar ist. Aber zur Rechten war eine wilde und auffallende Felszinne und dies war der Gipfel, den wir zweimal erreicht hatten und d»er auch in Dr. Dübis Bild sichtbar ist, wo er allerdings mit demüavestrau pin fast zusammenfällt. Von der Hütte sah er ziemlich imponierend aus. Das Wetter war herrlich, und Christian und ich * verbrachten eine schöne Nacht in der Hütte mit den Decken, die uns der Träger, der nach Brigels zurückkehrte, hinaufgeschafft hatte.

Am nächsten Morgen ( 26. Juni ) bestiegen wir mit Erfolg und vom schönsten Wetter begünstigt den Bifertenstock ( 3420 m ) vom Frisalgletscher aus, indem wir über die Südseite zum Ostgrat emporstiegen, den wir westlich des Punktes 3371 erreichten und über welchen wir auf den Gipfel gelangten. Da Schnee in Menge vorhanden war, wurden die Spalten des Frisalgletschers mit Leichtigkeit überschritten und wir nahmen unser zweites Frühstück in der obern „ Mulde " des Gletschers ein, 3^2 Stunden nach dem Aufbruch von der Hütte. Bald entdeckten wir die „ Nase " auf dem Südabhang des Ostgrates und erreichten sie ohne Mühe über Geröll und Felsen. Weiter oben ging es über sehr steile Schneehalden, die damals an der steilen Felsunterlage festhingen, direkt hinauf zum Ostgrat ( 1 Stunde 25 Minuten von der Stelle, wo wir gefrühstückt hatten ). In einer Viertelstunde standen wir auf dem höchsten Gipfel des Bifertenstocks, vom besten Wetter begünstigt und voll Freude über unsern Sieg nach so manchen Niederlagen. Von der Hütte aus hatten wir 5 Stunden und 10 Minuten gebraucht. Ein eiskalter Wind nötigte uns, etwas unter der Spitze Schutz zu suchen, wo ví*ir eine Stunde dem Genuß der prachtvollen Aussicht widmeten. Der nahe Tödi überragte uns nur wenig und konnte uns daher nicht sonderlich imponieren, dagegen waren Monte Rosa und sogar Mont-Blanc deutlich sichtbar. Natürlich studierten wir die gegenüberliegende Kavestraukette und in kurzer Zeit hatten wir eine viel bessere Kenntnis ihrer Topographie, als bisher. Das Bild Dr. Dübis giebt einen guten Begriff der Aussicht; da wir aber westlicher waren als der Kistenpaß, in dessen Nähe das Bild aufgenommen ist, so stach unser Gipfel mit den drei Steinmännern von seinen Nachbarn ab und wahrte seine Unabhängigkeit von den Gipfeln östlich und westlich davon. In 3 Stunden kehrten wir zur Hütte zurück und verbrachten den Nachmittag im Genuß der Ruhe, der reinen Bergluft und der prachtvollen Aussicht. Zukünftigen Touristen möchten wir nur raten, sich an die Südseite des obern Frisalthales zu halten, doch ist der steile und steinige Aufstieg über den im Siegfriedatlas mit „ Durschin " bezeichneten Abhang unvermeidlich. Später im Jahre ist unser Weg wahrscheinlich schwieriger, wenn nicht gar unmöglich, da im August der Frisalgletscher ( wir sahen ihn von der Südseite des Vorderrheinthales aus ) sehr zerklüftet und am Felsenhang, über den wir zum Ostgrat des Bifertenstocks emporgestiegen, kein Schnee mehr war. Doch stimmten wir darin überein, daß der gewöhnliche Weg auf diesen Gipfel vom Kistenpaß aus lang und ermüdend sein muß.

Der Morgen des 27. Juni war wieder schön und endlich führten wir alles Gewollte aus mit Ausnahme von 3 Metern. Wir verfolgten die von Dr. Dübi beschriebene Route bis zum Fuß des Gletschers, der vom Nordfuß der Kavestraugipfel herunterkommt; aber da jetzt Schnee genug war, stiegen wir direkt über den Eisabfall empor^ ohne das Couloir zur Linken zu benutzen, das wir deutlich genug sahen. Auf diese Weise erreichten wir die obere Mulde des Kavestraugletschers in 2 Stunden 50 Minuten von der Hütte aus und frühstückten zum zweitenmal nicht Weit vom Fuß der großen Schneewand zwischen Kavestrau pin ( 3217 m ) und Kavestrau grond ( 3250 m ). Dieser Hang sah sehr steil aus; da wir aber keine Spuren von fallenden Steinen sahen, faßten wir Mut. In 15 Minuten erreichten wir den Bergschrund am Fuß des Schneehangs und kletterten beinahe direkt hinauf, indem wir uns links hielten. Der Schnee war infolge der zwei frostigen Nächte im besten Zustand, denn gewöhn- 3jB0:W. A. B. GoóUdge.

lieh muß dieser Hang eine hohe Eismauer " Bein. Wir brauchten nur 30 Minuten vom Bergschrund zur KavestraulücJce zwischen den beiden Gipfeln des Kavestrau. Diese Lücke war froher nur von diesen beiden Gipfeln aus erreicht worden, aber nie von JSörden, während der Abstieg nach Süden über sehr steile Felsen wahrscheinlich unmöglich ist. Es ist daher kein Paß, kann aber von drei Seiten erreicht werden. In dieser Lücke brachte die Partie Dr. Dübis zwei Jahre vorher die Nacht im Freien zu, während wir an den Tschingelspitzen übernachteten. Doch war im Jahre 1895 zu viel Schnee, um den Punkt genau wiederzufinden. Wenigstens hatte jene Partie Spielraum zur Genüge, während wir auf unserm Gipfel nicht im stände waren, während der ganzen Nacht uns einige Schritte fortzubegeben. Von der Lücke aus machten wir einen Versuch auf den Kavestrau grond ( 3250ra ) auf der Westseite. Der felsige Ostgrat ist ziemlich zackig, bietet aber, wenn kein Schnee vorhanden, keine großen Schwierigkeiten. Im Juni 1895 lag er in tiefem Schnee, so daß das Vorrücken ziemlich gehemmt wurde. Doch hatten wir nur 55 Minuten von der Lücke bis zum Einschnitt im Grat, jenseits dessen die letzte höchste Spitze sich 3 oder 4 Meter höher erhebt. Dies ist die „ Grätscharte^ Dr. Dübis. Aus seinem Bericht wußten wir, daß diese auf der Nordseite umgangen werden mußte, aber, obschon die Entfernung gering war, war der Zustand des Schnees auf den Felsen so gefährlich, daß wir es nicht wagten, hinüberzugehen, und daher auch den allerhöchsten Gipfel ni#t erreichten. Vielleicht gelingt es uns im Jahre 1897. Der Abstieg war natürlich schwieriger als der Aufstieg, da wir Sorge tragen mußten, so daß 55 Minuten vergingen, bis wir die Lücke oder den Sattel erreichten. Aber darin waren wir einig, daß es, ohne Schnee, ganz möglich sei, das Gleiche auszuführen, wie der junge Eimer im Jahre 1865, d.h. allein in 20 Minuten vom ïUyestrau pin zum Kavestrau grond zu gehen.

Wir glaubten nun irrtümlicherweise, den schwersten Teil unserer Tagefc-arbeit hinter uns zu haben, und verweilten daher l1k Stunde auf dem Sattel, das Mittagessen verzehrend und im Genuß der Aussicht, besonders auf den gegenüberliegenden Bifertenstock. Unter uns sahen wir auch Somvix ( von wo die Angelus Mittagsglocken zu uns herauftönten ), TeniçeiS bad und einen Teil von Disentis. Die Zeit glitt angenehm an uns vorv über und wir eilten nicht mit dem Aufstieg zum Kavestrau pin, obschou wir für diese Strecke nur 20 Minuteri brauchten. Von hier waren Brigete und Chur sichtbar. Der erste Teil des Abstiegs » längs eines Felsgrates war leicht, und da wir unsere Spitze mit den drei Steinmännern am andern Ende des Grates sahen und wir wußten, daß 1865 Herr Hauser nur eine. Stunde gebraucht hatte von dieser Spitze zürn Kavestrau pin, so waren wir guten Mutes. Aber wie auf Dr. Dübis Bild ersichtlich ist, hört dieser Grat plötzlich auf, indem die „ Achsel " sehr steil gegen das darunterliegende Grätstück abfällt. Ohne Zweifel ist dies alles ohne Schnee sehr leicht, aber hier büßten wir für unsern leichten Sieg über den Bifertenstock. Der Grat war zu scharf, um auf dem Kamm zu bleiben, so daß wir zuerst auf der einen, dann auf der andern Seite absteigen mußten; doch führten diese Abstiege über kurze, aber sehr steile Schneehaldenr die in abschüssigen Felsen ausliefen. Jener Grat machte mir beinahe den Garaus, da das ewige Auf- und Absteigen bei dem äußerst heikein Zustand des Schnees am Nachmittag sehr mühsam war. Doch wurde eine Schwierigkeit nach der andern durch die Gewandtheit und den Mut Christians überwunden, und als wir eine Gruppe von Felszacken umgangen hatten, war der Tag gewonnen; doch langsam kroch ich hinauf zu den drei Steinmännern, die wir in 3 Stunden 20 Minuten vom Kavestrau pin erreichten, wie man sieht in viel längerer Zeit, als Herr Hauser, der in entgegengesetzter Richtung ging. Aber der Schnee war uns sehr hinderlich und ich hoffe den Grat einst schneefrei zu treffen. Meines Wissens wurde dieser Grat bis jetzt nur zweimal begangen, einmal von Herrn Hauser im Jahre 1865 und 1895 von uns in entgegengesetzter Richtung.

Es war wirklich recht „ heimelig ", neben den drei Steinmännern zu sitzen, da es innerhalb 101k Monaten unser dritte Besuch dieses Gipfels war. Wir hielten hier eine 3/4Stündige Rast. Alles war nun klar, das Wetter sowohl wie die Topographie. Weiter innen in den Steinmännern fanden wir mehr alte Karten und endlich zogen wir Herrn Hausers S.A.C. Wahrzettel vom Jahre 1865 hervor. Dieser löste endgültig die Frage, welchen Gipfel er bestiegen hatte — es war also dieser Gipfel, nicht der von Brigels sichtbare Piz Tumbif, wie man bisher immer meinte. Unsern Gipfel kann man daher füglich den südlichen Piz Tumbif nennen, da seine Höhe ungefähr 3100 m beträgt, während die von Brigels sichtbare Spitze der nördliche Piz Tumbif ( 3060 m ) ist. So war endlich, aber nach welcher Mühe, die Topographie des Ostendes der Brigelserhörner klar geworden. An jenem Nachmittag waren wir zu erfreut, an die Mühe zu denken, die wir gehabt hatten, bevor wir den Sieg davon- trugen. Unter den Namen fanden wir diejenigen von Prof. Theobald von 1866 ( auf der Rückseite des Zettels von Hauser ), von Prof. Heim von 1872 ( von diesem Punkt aus ist sein Panorama im Jahrbuch S.A.C. XIII aufgenommen ) und einige andere mit den Daten 1866, 1871 und 1881, die letztere von unserm Gastwirt, Herrn Cajakob in Brigels. Eine Karte war auch da mit dem Namen Prof. Theobalds, auf deren anderer Seite die Bemerkung stand: „ Erster Ersteiger dieser Spitze war Landrichter P. Anton de Latour ", doch kann ich nicht sagen, ob die Schrift von Theobald stammt.

M. de Latour lebte um 1814 und wird, wie auch andere Mitglieder seiner Familie, erwähnt in „ Novellen und Aufsätze " von Alex. Balletta ( Chur 1888, besonders pag. 291 ), ein Werk, das in Brigels in hohem Ansehen steht, da der Verfasser einer der treusten Brigelser war. Pag. 291 werden auch einige spätere Besteigungen erwähnt und von einer derselben werden die drei Steinmänner herstammen, die Herr Hauser 1865 ( Jahrbuch S.A.C. III, pag. 150 ) und wir 1895 dort vorfanden. Doch sogar Herr Cajakob hatte die Meinung, wie die meisten seiner Vorgänger, die von Brigels sichtbare Spitze bestiegen zu haben, obschon dies in Wirklichkeit Punkt 3060 ist. Nicht oft kommt eine so eigentümliche Verwirrung vor und seltener noch, hoffe ich, geht es so lange, bis jemand das Rätsel löst, wie Almer und ich 1894—95.

Über die bekannte Route stiegen wir in 2*/2 Stunden nach Brigels ab und waren froh, das gastliche Dach von Frau Fausta wieder zu erreichen, nach zwei Nächten im Freien und der aufregenden Traversierung jenes Grates. Den nächsten Tag verbrachten wir hauptsächlich bei dem allen Brigelserfreunden, zu welchen jetzt auch Almer und ich gehören, wohlbekannten Kreuz auf dem Hügel, zur Kavestraukette emporblickend, und verfaßten einen langen Bericht unserer Thaten und Entdeckungen an Dr. Dübi. Tags darauf nahmen wir wehmütig Abschied von Brigels. Doch darf ich über diesen reizenden Erdenwinkel nicht zu viel sagen, da ich keine Besucher dorthin locken will, und es vorziehe, ihn für mich und andere treue „ Brigelser " zu behalten, besonders für das werte Mitglied des S. Â. €t^d$$ dort unter dem Namen eines „ Pascha von Brigels " bekannt ist.

Wir wanderten im Lauf des Sommers weit gegen Osten, und erst gegen Ende August sahen wir wieder, von den Gipfeln bei Safien und Vais, die Kavestraukette, jetzt freilich finster und Unheil drohend, und am 28. August erblickten wir von der Straße von Disentis auf den Lukmanier das Kistenpaßhotel gerade am Stidende von Brigels und winkten dem lieblichen Flecken, dessen Hitter es ist, ein herzliches „ Auf baldiges Wiedersehen " hinüber.W. A. B. öoolidge ( Sektion Bern ).

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