Das Risiko bereicherte sein Leben Nachruf auf Norbert Joos (1960–2016)

Er bestieg 13 der 14 Achttausender ohne Sauerstoff. Im Juli verlor Norbert Joos (55) beim Abstieg vom Piz Bernina auf tragische Weise sein Leben. Norbert Waser, stellvertretender Chefredaktor des Bündner Tagblatts, hat die schillernde Bergsteigerlaufbahn über drei ­Jahrzehnte verfolgt.

«Noch zwei Meter, dann kommt unten links ein Haken!» Die Anweisung von Bergführer Norbert «Noppa» Joos an der Abseilstelle am Spallagrat ist so präzis wie vertrauenerweckend. Dutzende Seilschaften hat er auf dieser «Königstour im Festsaal der Alpen» schon sicher geführt, so auch mich und meinen damals erst 14-jährigen Sohn. Am 10. Juli hat kurz oberhalb dieser Stelle eine schillernde Bergsteigerlaufbahn ein jähes Ende gefunden. «Noppa» ist zusammen mit zwei Gästen aus Italien abgestürzt und fand dabei den Tod. Norbert Joos hat zusammen mit seinem Vater Jakob Joos bereits im Alter von zwölf Jahren das Matterhorn bestiegen; ihm gelang sechs Tage vor seinem 20. Geburtstag sein ehrgeiziges Ziel, die Durchsteigung der drei grossen Nordwände der Alpen (Eiger, Matterhorn, Grandes Jorasses), und er erreichte als Höhenbergsteiger mit Gipfelerfolgen an 13 der 14 Achttausender Bekanntheit über die Landesgrenzen hinaus.

Viel zu seinem Ruf beigetragen haben die faszinierenden Bildervorträge über seine Expeditionen, vom einst klassischen Diavortrag bis zur mitreissenden Multivisionsschau. Diese Vorträge liessen Hunderte Menschen an seinen Touren rund um den Erdball teilhaben. Diese Bilder der Bergwelt, von der «Noppa» so fasziniert war und die er auch in zahlreichen Ausstellungen präsentierte, bleiben weit über den Tod hinaus im Gedächtnis einer grossen Fangemeinde haften. Seit 1993 baute sich Joos neben seiner Tätigkeit als Bergführer in Chur ein Bergsportgeschäft auf, in das seine ganze Erfahrung und Leidenschaft einflossen. Der gelernte Förster realisierte sich in Zizers mit einem eigenen Holzhaus einen weiteren Traum.

Schmetterlinge im Bauch

Eine wichtige Rolle im Leben von «Noppa» spielten auch die Frauen. Die vor zwei Jahren verstorbene Mutter Lotti Joos begleitete ihren Sohn gedanklich besorgt zu jeder Tour. Schwester Nives sorgte im Sportgeschäft für ein intaktes «Basislager». Zweimal landeten die Schmetterlinge in «Noppas» Bauch auch im Hafen der Ehe. Die letzten Jahre teilte Norbert Joos mit Rosa Morotti. Sie hatte im Himalaya ihren Mann bei einem Bergunglück verloren. Bei der fast gleichaltrigen Italienerin fand Joos eine Seelenverwandtschaft, die ihn nicht nur mehrere schwierige Routen, darunter den Stetind in Norwegen, die Route Peuterey Integrale am Mont Blanc oder die Eiger-Nordwand begehen, sondern auch neue Pläne schmieden liess. Das war alles andere als selbstverständlich, erlitt doch «Noppa» 2006 im Abstieg vom Kangchendzönga, seinem 13. und letzten Achttausender, einen Hirnschlag. Dieser hatte vorübergehend zu körperlichen Beeinträchtigungen und Sprachstörungen geführt. Das Erlebnis führte auch dazu, dass Joos sein grosses Ziel, den Mount Everest (8848 m) ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen, endgültig begraben musste.

Gedanken zum Tod

In seiner über vier Jahrzehnte dauernden Bergsteigerlaufbahn sah «Noppa» dem Tod mehr als einmal in die Augen. Bei seinem ersten Achttausender, dem Nanga Parbat (8125 m), starb bereits im Aufstieg Expeditionsmitglied Peter Hiltbrand an einem Hirnödem. Im ­Interview mit der Sportzeitung «Bündner Sport» äusserte sich «Noppa» im August 1994 auch zur Kritik, dass die Expedition nach dem tragischen Tod nicht abgebrochen wurde. Auf die Frage, ob ihn das alles kalt lasse, antwortete er: «Nein, sicher nicht … Gerade durch diese direkte Konfrontation mit dem Tod habe ich heute eine viel grössere Ehrfurcht vor der ganzen Sache. Ich kann seither vielleicht besser mit dem Schicksal des Todes umgehen. Auch ich werde einmal den Tod akzeptieren müssen, ich versuche einfach, das Leben so lebenswert wie möglich zu gestalten. Ein gewisses Risiko gehört zum Leben und bereichert es auch, und wenn man das Risiko überwinden kann, hat das Leben für mich einen besseren Inhalt.»

Riesiges Glück hatte «Noppa» auch bei der Besteigung des K2 (8611 m), des zweithöchsten Bergs der Erde. Mit schweren Erfrierungen an den Füssen erreichte er das Basislager nur mithilfe seines Seilschaftskameraden Marcel Rüedi. Der Winterthurer Metzgermeister wetteiferte damals mit im «Rennen», welcher Mensch als Erster sämtliche 14 Achttausender der Erde besteigt. Marcel Rüedi verunglückte bei seiner folgenden Expedition im Himalaya tödlich.

Buddhismus als «akzeptabelste Form von Glaube»

Der Verlust von Bergsteigerkollegen liess Norbert Joos viel über den Tod nachdenken. Im Mai 1995 war er nach der Besteigung des Dhaulagiri (8167 m) zum dritten Mal in der Ära der Wochenzeitung «Bündner Sport» zum Bündner Sportler des Monats gewählt worden. Da äusserte er sich im Interview mit Norbert Waser auch zum ­Umgang mit der eigenen Endlichkeit: «Man muss alles in seinen Möglich­keiten betreiben. Solange man das abschätzen kann, weiss man, was man sich zutrauen kann. Ich mache jede Tour in den Bergen sehr bewusst. (…) Wenn es trotzdem einmal so weit ­kommen sollte und ich von einer Tour nicht mehr zurückkehre, so habe ich wenigstens die Gewissheit, ein inte­ressantes Leben gelebt zu haben.» Bei den Angaben zur Konfession sagte «Noppa», dass er den Buddhismus als «akzep­tabelste Form von Glaube» betrachte, und auf die Frage, ob er der Meinung sei, dass mit dem Tod alles endgültig vorbei sei, antwortete er: «Es ist schwierig zu sagen, ob es eine Wiedergeburt oder eine Art Seelenwanderung gibt. Ich kann mir vorstellen, dass die Seele in irgendeiner Form weiterlebt, ich kann aber nicht überzeugt sagen, dass das so ist.»

Hoffen wir, dass «Noppa» nun die Antworten auf diese Fragen erhalten hat. Lebe wohl!

Karin Steinbach Tarnutzer und Peter Schmid: Norbert Joos. Auf die höchsten Berge der Welt. AS Verlag, 2008, ISBN 978-3-909111-61-9

Der Höchste blieb ein Traum

Norbert «Noppa» Joos (1960–2016) hat 13 von 14 Achttausendern ohne Sauerstoff bestiegen. Er war damit hinter Erhard Loretan (1959–2011) der erfolgreichste Schweizer Höhenbergsteiger. Mit Loretan bezwang Joos 1982 seinen ersten Achttausender, den Nanga Parbat. 2006 stand er auf dem Kangchendzönga, seinem 13. und letzten Achttausender. Auf den Mount Everest sollte er es nicht schaffen. 2008 scheiterte der sechste und letzte Anlauf. Joos’ Palmarès umfasst indes weit mehr als die Achttausender. Nach seinen frühen Erfolgen in den Alpen (vgl. Haupttext) wandte er sich – erst 21-jährig – mit der Besteigung des Denali in Alaska dem Höhen­berg­steigen zu. In Südamerika bezwang er unter anderem die Sechstausender Artesonraju, Fitz Roy und Aconcagua. Im Yosemite-Nationalpark war der Churer auch als Big-Wall-­Kletterer erfolgreich. Am Half Dome und am El Capitan gelangen ihm einige bekannte Routen. Auf grosse Beachtung stiess 2005 ein Projekt in «Noppas» engerer Heimat: Joos umrundete zusammen mit Peter Gujan den Kanton Graubünden auf der 740 Kilometer langen Grenz­linie. In 77 Tagen stiegen die beiden auf 335 Gipfel und bewältigten dabei 145 000 Höhenmeter.

Feedback