Das Tambohorn

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Dies ist der Schluß meiner letztjährigen Fahrten. Als wir Sonntag morgens erwachten, lagen die Höhen voll Schnee, Montag früh war er bis an die Waldgrenze gefallen und nun trieb uns der Pfarrer selbst fort, wenn wir nicht Lust hätten, bei ihm zu überwintern, wozu wir bei aller Freundschaft keinen innern Beruf verspürten.

Dr. H. Dübi ( Sektion Bern ).

Das Tambohorn ( 3276 m ).

In den ersten Tagen des Septembers 1900 tagten die schweizerischen Naturforscher in Thusis. Da sah man bald in Ruhe, bald in Bewegung absolut schwarze Fräcke, Hüte von der Formel r2 n h; sogar exakte Splügener Kalkberge.

Gesichter und total reflektierende Brillen schwirrten durch die Straßen und in die Bierdunkelkammern hinein, um das Konkrete mit dem Ab-strakten zu verbinden. Gerade am letzten Nachmittage der Tagung komme ich, als Petrefakt verkleidet, dort an, eben recht, um noch die Diskussion der Schlußvorträge anzuhören. Aber inkognito, wie ich hergekommen, und in meinem Granit- und Gneiskostüm nicht recht zu den übrigen „ Oberhäuten " passend, ging ich rasch von der Theorie in die Praxis, d.h. in die Via mala, hinein. Wo wollte ich hin? In das Adulagebirge. Denn von jeher zogen mich nicht die populären Größen, die Modeberge der Touristenwelt, sondern die stillen im Lande, die entlegenen und verlassenen, an; und solche Berge sind, trotz der historischen Straßen über den Splügen und Bernhardin, trotz der Fahrten Placidus a Speschas und Weilenmanns und trotz der neueren Zapporthütte, die Berge des Rheinwald bis auf den heutigen Tag geblieben.

F. TV. Sprecher.

Ohne Aufenthalt ging 's bei herrlichstem Wetter durch die immer schöne Via mala hinein bis Andeer, wo ich, entgegen meiner früheren Äußerung in der „ Alpina " ( vom Jahr 1895 ), entdecke, daß die breiten Steinplatten der Dorfstraße nicht aus Sandstein, sondern aus Gneis gehauen sind. Auf dem weiteren Wege durch die Rofnaschlucht interessieren mich die schönen Gletscherschliffe längs der Straße, die schäumenden Kaskaden des blaugrünen Averserrheins, vor allem aber der hellgrüne, glitzernde und urgesunde Rofnagneis, der so manche Ähnlichkeit mit gewissen Varietäten des Verrukano hat. Das Kolorit und die Architektur des Thales zeigen wegen dem Vorherrschen dieses Gesteins allerdings nicht die malerische Abwechslung des Kalkgebirges. Als Bau-und Zierstein aber ist der Rofnagneis, was Schönheit und Dauerhaftigkeit betrifft, selbst dem viel verlangten Osognagneis ohne Zweifel gleichzustellen; und wäre ich ein Vanderbilt oder Rockefeller, dann würde ich mein Lieblingsschloß aus solchen Felsen bauen lassen.

Bevor man nach Sufers gelangt, öffnet sich auf einmal das rauschende Waldthal " Im Mittelbilde erscheinen die kecken Formen der Splügener Kalkberge ( siehe die Figur auf pag. 291 ). Links oben aber ragt über Wald und grünen Hängen die weiße Pyramide des Tambohorns weit hinauf ins Himmelsblau. Fürwahr, ein stolzer Berg! Aber nur zu bald verschwindet er wieder hinter sei- nem Vorberge Gug- Das Einshorn ( 2941 » ) bei Nufenen.

gernül(2887 m),des-sen Fuß mächtig ins Thal vorgreift. Um 8 Uhr erreiche ich das malerisch an den Fuß seines Kalkberges angebaute Splügen. Schwer und geräuschvoll trotten meine groben Nagelschuhe über das holperige Kieselpflaster, was den müden Beinen nicht gerade zu wünschen war. Im Hotel Bodenhaus wird endlich Halt gemacht. Gesellschaft treffe ich wenig. Ein ausländisches Pärchen sitzt in einer Ecke des Speisezimmers und schmaucht Cigaretten. Und mir nach kommen noch drei andere junge Touristen, ich glaube, es waren Basler. Ich habe im Sinne, andern Tags das Tambohorn von Ost nach West zu traversieren und gleichen Abends noch zum Bernhardin hinüberzugehen, wohin ich auch alsogleich das für morgen entbehrliche Gepäck adressiere.Von dort aus wollte ich dann die Adula in Angriff nehmen. Um 71/* Uhr des 7. Septembers brach ich von Splügen auf und schlenderte über die weißstaubige Straße gegen den Splügenpaß empor. Ein herrlicher, taufrischer Morgen leuchtete über den Kranz der stolzen Rheinwaldberge. Doch mochten auch die Hänge der Vorberge Guggernül, Einshorn ( siehe Figur auf pag. 292 ), Marscholhorn oder Valserhorn schöne Linien und smaragdne Farben zeigen und ihre Gipfel in stolze Höhen ragen, immer und immer wieder wandte sich mein Blick ins Thal hinein zu den Eisgefilden der Adula. Besonders imponierend und klar zeigte sich ganz im Vordergrunde das Kirchalphorn, das ich in der Abenddämmerung des vorigen Tages für das Rheinwaldhorn selbst angesehen hatte. Alle Spalten seines ins Thal herabhängenden Gletschers konnte ich mit bloßem Auge zählen. Die Nordseite des Rheinwaldes ist nicht mehr ein Wald, sondern nur da und dort noch von Waldfetzen bedeckt. Den größten Teil bekleiden prächtige, bis zu den Gräten hinaufreichende Bergwiesen mit Heuschoberu, während die Südseite des Thaies düsterer, steiler und fast durchweg mit Tannenwald oder Bergerlen bewachsen ist. In diese Thalseite hinein haben sich einige zu Beginn schluchtartige Thäler eingesägt, durch welche wir leicht ins Gebirge hinein und damit auf die große Wasserscheide der Alpen gelangen. Leichter als der Splügen läßt sich, abgesehen von der Straße, kaum ein ebensohoher Alpenpaß begehen. Die Steigung ist, mit Ausnahme des letzten Viertels der Wegstrecke, gering, das Terrain wegsam, die Aussicht fesselnd. In halber Höhe führt die Straße durch eine gedeckte Galerie und aus dieser heraus in eine muldenförmige Alp, auf welcher eben Jungvieh weidet. Im Hintergrunde dieser Alp schlängelt sich die Straße in sechzehn Kehren die steilen, lawinengefahrlichen Rasenhalden zum Paß empor. In einem der obersten Kehren steht das Berghaus, Wanderer und Roß zur Rast und Fütterung einladend. Mich schert das wenig. Alle die Kehren rechts lassend, gelange ich geradeswegs cirka 9 Uhr zur Paßhöhe, wo mir einige aus der Val Giacomo aufgestiegene Reisende begegnen. Der Ausblick in genanntes Thal ist ähnlich wie derjenige vom Scalettapaß ins Sulsannathal. Die Val Giacomo ist die gerade Fortsetzung unseres eben durchwanderten Thaies der nördlichen Paßseite und bildete ehedem den Oberlauf des letztern, bevor die Maira denselben, ähnlich wie den Oberlauf des Inn, durch ihr starkes Gefälle und daraus resultierende gewaltige Erosionskraft abschnitt. Das nördliche Gefälle der meisten obern Seitenthäler der Val Giacomo scheint heute noch die Verwandtschaft beider Thäler zu verbürgen.

Gerade vor uns steht auf der linken Thalseite der Val Giacomo, auf breiten Postamenten aufgebaut, die firnbekleidete Pyramide des Pizzo Stella. Zur Linken erheben sich ebenfalls aus Firn und Eis die Zacken der Surettahörner, die dem Besteiger keine Schwierigkeiten, wohl aber viele interessante Details zu bieten scheinen. Am Wege sitzt behaglich ein Arbeiter damit beschäftigt, weiße Marmorstücke, die man in der Nähe, östlich von der Paßhöhe, gewinnt, mit einem Hammer zu Straßenkies zu zerkleinern. Schade um das schöne, saubere Gestein, das, wie mancher Mensch, einer edleren Bestimmung würdig wäre! Es geht ihm auch wie vielen andern Schätzen der Alpen: der Stoff ist gut, aber die Spesen einer technischen Verwertung sind zu grodenn die Splügenbahn ist leider noch nicht gebaut.

Nach kurzer Umschau beginnt für mich erst das richtige Bergsteigen, anfangs über Grashalden längs der schweizerisch-italienischen Grenze, F. W. Sprecher.

dann über Felsgerippe, grobes Gneisgeröll und einige Schneeflecken auf das Lattenhorn ( 2861 m ) empor, das von einem mächtigen Steinmann gekrönt ist. Dieser Gipfel ist kein besonderer Berg, sondern, wie der Dôme du Goûter am Mont Blanc oder das Silberhorn an der Jungfrau, nur eine Vorstufe zum Tambohorn. Die Aussicht erstreckt sich bereits über die Tödikette, Rhätikon, Silvretta, Bergüner Berge und Bernina. Nach Süden reicht der Blick über Chiavenna hinaus bis zum Lago di Mezzola. Der Glanzpunkt der Aussicht aber steht nahe bei uns in klassischer Schönheit. Es ist das Tambohorn. Schon von ferne, den Tödi- und Gotthard-bergen, fällt die elegante Pyramide dieses Gipfels auf, die so viele Ähnlichkeit mit andern krystallinischen Schieferbergen, wie Düssistock, Bristenstock oder Walliser Weißhorn, besitzt. Noch liegt sein Haupt 400 Meter über uns, und schon ist Mittag vorbei. Rasch ist eine Skizze des packenden Bildes im Buche; dann frisch auf zur ragenden Zinne! Der Weg liegt klar vor mir. Erst geht es in eine Einsenkung des Gipfel- Das Tambohorn ( 3276 m ) vom Lattenhorn aus gesehen.

grates hinab, wo ich prachtvollen Glimmerschiefer mit großen Muskovit- krystallen antreffe, wovon natürlich auch einige Handstücke etikettiert und eingepackt werden.

Der steile, nun folgende Schneehang läßt sich bei dem aufgeweichten Schnee auch ohne Fußeisen oder Stufenschlagen ganz gut begehen. Ein leichter Spaziergang führt mich weiter über einen Schneegrat, der nach Norden überhängende Gwächten trägt, hinüber zur höchsten Gipfelpyramide. Die Hauptmasse des Berges besteht aus einem feinschichtigen, stark von Muskovit durchsetzten, grauen und stellenweise angerosteten Gestein, das von Theobald ( „ Naturbilder aus den rhätischen Alpen, 1893 " ) als Gneis bezeichnet wird. Makroskopisch ist aber in den von uns untersuchten Stücken weder Feldspat noch Quarz zu erkennen; dafür aber tritt der offenbar durch Gebirgsdruck stark zerquetschte und zerriebene Muskovit so stark hervor, daß man das Gestein wohl besser mit dem Namen Muskovitglimmerschiefer belegt. ( Vergleiche hierüber auch den folgenden Abschnitt. ) Der Südhang des Tambohorns fällt gleichmäßig noch einige Hundert Meter tiefer gegen ein ebenfalls steiles und von Spalten durchzogenes Schneefeld ab. Die noch steilere Nordostflanke hingegen ist durchweg mit Schnee verkleistert, aus welchem nur gröbere Felsköpfe hervorragen. Am Fuße der Wand haben sich die vom Berg abgestürzten Schneemassen auf einer prächtigen Terrasse zum kleinen, aber überaus instruktiven Tambogletscher angesammelt. Am obern Ende desselben, der Bergseite angelehnt, liegen noch die jüngsten, typischen Lawinenkegel. Ein sehr feines Spaltensystem giebt die nordöstliche Richtung der Gletscherströmung an. Die weiter unten liegenden Moränen und öden Geröllflächen deuten darauf hin, daß auch dieser Gletscher, wie die meisten der Alpen, noch vor wenigen Jahren größer gewesen ist.

Cirka 3 Uhr erreiche ich den von Ost nach West ziehenden Schneegrat des Tambogipfels. Klar schimmert der reine Firn in die warme Septemberluft hinaus auf ein Gewirr von Bergen, die mir zwar in ihrer Großzahl schon bekannt waren, aber gegen meinen jetzigen Standpunkt hin ganz neue Seiten zeigten. Bevor ich indessen meine alten Freunde mustere, sorge ich erst für einen genügenden Ersatz meiner verbrauchten Lebensenergie durch je eine sofort gekochte moderne Rhese- und Ror-schacher-Konserve, nebst Zubehör. Dann folgt die Rundsicht im Detail. Im Westen starrt mir die hohe, breite Wand des Monte Rosa und der Mischabelhörner entgegen, als ich meinen Blick erhebe. Wie die Berner und Urner, zeigen sie mir bereits ihre Schatten. Besonders prächtig ist die breite Front der Tödikette, worunter ich gar manches teure Haupt erkenne. Interessant ist der Blick auf den Vordergrund, die eisbedeckte Adula mit ihren eintönigen Formen und auf die grauweißen Kalk- und Dolomitgebirge zwischen Sauen, Schams und Splügen, deren helles Gewand den Firn der Hochgebirge simuliert. Besonders fällt mir auf, daß alle Berge und Gräte in dem weiten, von Norden nach Osten um das Adulagebirge herumziehenden Bogen charakteristische Pultformen zeigen, die alle gegen das Centralmassiv der Adula gerichtet, und ihren Steilabsturz nach jenem Centrum weisen. Ein Analogon finden wir in den Kalkgebirgen ( Alteis, Doldenhorn, Titlis, Muottathalerberge etc. ) nördlich des Finsteraarmassivs, und weniger deutlich auch in den Gebieten der meisten andern alpinen Centralmassive.

Drunten im Thale glänzt das Dörfchen Nufenen. Im Osten treten die kraftvollen Gestalten der Bergüner- und Oberhalbsteinerberge ins Bild. Als schönste Bergwelt aber thut sich wieder dort im Süden der Bernina auf. Es lebt ein Drang in unserer Natur, in unserer Seele, der zieht uns hinauf vom Niedrigen zum Hohen, vom kleinen Berg zum großen Berg, und von diesem noch höher hinauf auf die Fürsten der Erdrinde. Und stehen wir dort und sehen noch irgendwo am Horizont ein einsames, stilles Leuchten als Zeugen einer noch höhern Höhe, dann möchten wir auch dort hinauf, weit von unsrer Erde weg in die höchsten Sphären empor. Und sind wir nach langer Mühe droben auf dem Mont Blanc, dem Aconcagua, oder Pioneer Peak angelangt, was thun wir? Ist unser Sehnen erfüllt? Nein; die Einsamkeit, die erbarmungslose Kälte ?* ' » :; F. W. Sprecher.

jener Regionen erstickt das Feuer, das uns hier heraufgeführt. Wir fühlen uns fremd und ungewohnt in diesem Reich der toten und doch so wilden Natur; und mit gleicher Macht zieht es uns wieder hinunter in die warme Welt der Lebewesen, die mit uns fühlen, denken und sprechen können, und sind wir unten angekommen, ja, dann schauen wir wieder hinauf zu den ragenden Zinnen, und die Sehnsucht nach ihrer reinen Höhe treibt von neuem ihr keckes Spiel mit uns. So ging es mir mit dem Bernina, aber noch mehr mit dem Monte della Disgrazia, der rechts von jenem in schrecklicher Schroffheit und Schärfe in den blauen Himmel hineinragt. Wahrlich, das muß ein Unglücksberg sein für denjenigen, der sich an ihn heranwagt. So denke ich; aber gerade das Verbotene und Schwierige reizt, und so regen sich auch wieder die alten Wünsche nach jenen Eisfirsten in mir. Ich will hier nicht alle Eindrücke, die ich auf dem Tambohorn empfangen, nach Art einer Klatschbase wiedergeben; es genügt mir, zu sagen, daß mir dieser Berg mit seinem Rundgemälde Stunden der Erinnerung höchsten Genusses bot.

Cirka 4 Uhr — spät genug für diese Jahreszeit — breche ich auf. Noch immer spukt der Bernhardin in meinem Hirn. Aber wie ich von hier sehe, ist der Weg durch die Val Curciusa und Val Vignone dorthin noch weit, sehr weit. Glücklicherweise bin ich kein Bädeker-mensch, sondern mache das Programm von Fall zu Fall. Ich wende mich direkt der sehr Das Tambohorn von der Strasse bei Sufers gesehen. steilen Westwand zu, um, wie gewohnt, das Thal auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Bald über lose Gneisblöcke, bald über quer am ganzen Berg hinlaufende Felsbänder abkletternd, werde ich plötzlich von einem solchen auf gewöhnliche Weise nicht gangbaren Bande aufgehalten. Dasselbe ist überall senkrecht, oft sogar überhängend, so daß ich mein neues Manilahanfseil zum erstenmal in Funktion setzen muß. Nachdem ich mich abgeseilt, geht 's wieder in vorsichtigem Tempo über die abschüssigen Gneisplatten weiter, bis mir ein zweites, überall 20 bis 30 m hohes, überhängendes Band Halt gebietet. Abermals renne ich au der ganzen Bergflanke hin und her, ungeachtet der schwindligen Situationen, suche aber vergeblich nach einem gangbaren Abstiege. Auch das Abseilen erscheint wegen des Fehlens passender Vorsprünge und Zacken nicht ausführbar zu sein. Meine Lage wird kritisch, da die Sonne schon tief im Westen steht und ich immer noch hoch oben, ich kann wohl sagen, am Gipfel eines fremden Berges klebe. An einen Übergang zum Bernhardin ist bei dieser Situation nicht mehr zu denken. Ich kann froh sein, wenn ich heute noch überhaupt ein Obdach erreiche. Wohl oder übel muß ich trotz meiner Abneigung, oder besser gesagt, Das Tamhóhorn.

Besorgnisse, wieder das Seil zur Hand nehmen, wobei mir die ziemlich weitläufige Kenntnis der alpinen Litteratur trefflich zu statten kommt. Weil keine passenden Felszacken zum Anhängen des Seiles vorhanden sind, präpariere ich mir selber einen im Berge eingekeilten und schief an der Wand herabhängenden Gneisklotz hierzu, an dem ich mit meinem Jörgpickel beiderseits scharfe Einschnitte herausmeißle ( wie beigegebenes Bild andeutet ). In diese Einschnitte hänge ich die genügend geknotete Seilschlinge, ziehe daran aus Leibeskräften, um die Solidität meiner Vorrichtung zu prüfen. Da die Probe befriedigt, lasse ich vorerst, um das Eigengewicht zu vermindern, am andern Seilende meinen Pickel und Rucksack über die Wand hinab. Dann hänge ich mich selber daran und lasse, mit meinem übrigen Körper frei in der Luft baumelnd, das rauhe Seil durch meine Finger gleiten! Kaum gedacht, spüre ich schon eine Siede- hitze und gleich darauf einen stechenden Schmerz in meinen Fingern. Als ich unten bei meinen Effekten anlange, da waren auch, wie das der Leser schon geahnt haben wird, sieben meiner Finger auf der Innenseite geschält wie Kartoffeln, während das Blut über Seil und Hände lief. Ein Merksmarks für die Zukunft! Ein bißchen vom ausgestandenen Abenteuer aufatmend, hänge ich meinen Rucksack wieder über die Schultern und werfe, durch eine hinaufgeschickte Welle seine Schlinge auslösend, auch das Seil herab. Dann geht 's über ein kleines Gletscherchen, an dessen Bergschrund ich nochmals meine Geistesgegenwart feststellen muß, und mehrere anspruchsvolle Felsbänder geradeswegs hin- unter ins Thal Curciusa. Doch endlos scheint dergeröll- und gestrüppreiche Abhang zu sein; trotzdem ich buchstäblich nicht mehr laufe, sondern springe, um noch vor Anbruch der Dunkelheit wenigstens einen menschlichen Weg zu erreichen. Endlich erreiche ich den Thalboden und auf schlechtem Pfad durch die Schuttkegel der seitlichen Wildbäche und einen heimtückischen Sumpf die Hütten der Areuealp. Herumweidendes Vieh läßt mich auf die Anwesenheit von Hirten schließen, die ich denn auch bald in einer Dunkelkammer entdeckte. Und was für Leute! Statt der erwarteten deutschredenden Bündner sitzen da in dem stinkenden, rauchigen Räume wenigstens sechs qualmende Italiani, die weder Deutsch, noch Französisch, noch mein Italienisch verstehen wollen. Nach langem Reden und Deuten stellt mir endlich einer einen Topf voll Milch vor, welche ich trotz ihres unaussprechlichen Geschmackes hinter die Binde gieße. Kaum damit fertig, drängt es mich aus der Atmosphäre dieser Robinsone wieder hinaus an die frische Luft und die hereindämmernde, stille Mondnacht. Ich mache Miene, noch thalauswärts nach Nufenen zu gehen. Da schütteln alle murmelnd die Köpfe, wobei ich nur die Worte F. W. Sprecher.

„ molto profondo " verstehe. Sogleich erkenne ich die Lage. Der Weg sei weit, die Schlucht, zu der sich die Val Curciusa nach auswärts verengt, sei lang und tief; ich soll hier warten bis auf den andern Tag. Das fällt mir aber nicht ein; denn ein Nachtlager bei diesen Gesellen — nein, verschone mich damit, Odysseus! Ich will einen halbwüchsigen Jungen aus der Gesellschaft als Führer mitnehmen; aber sogleich anerbietet sich der größte und, wie es sich nachher herausstellte, auch ganz intelligente bärtige Mann zu diesem Dienste, den ich dankbar annehme. Rasch setzt er seinen Hut auf den dunkeln Krauskopf, wirft meinen vollgestopften Rucksack über die Schultern und trottet den Weg voraus in die stille Nacht. Trotzdem das Terrain günstig ist, kann ich seinem raschen Schritte nicht folgen; die Milch der Areuealp drückt meinen Magen trotz der guten Absicht, welche die gastfreundlichen Hirten damit hatten, gar zu sehr. Ich lasse also den wackern Führer ein Stück vorausgehen, mache dann ganze Wendung und gebe das Naturprodukt wieder seiner Muttererde zurück. Der Rauchgeschmack desselben aber bleibt mir zum Angedenken noch tagelang in der Kehle stecken. Von den Strapazen und dem Mangel an passendem Proviant etwas mitgenommen, mache ich da und dort Halt, während mein Führer sich auf jede mögliche Weise um mich bemüht und so- gar in Konversation zumachen sucht. Mehr aber als seine welschen Brocken ergötzten mich „ molto profondo " die rauschende Schlucht, zu unsern Häuptern die schlummernden Berge und die leuchtenden Welten am dunkeln Nachthimmel.

Es war 10 Uhr, als wir endlich in den Thalboden des Rheinwald hinaustraten, und glücklicherweise gerade noch im einzigen Gasthause des Ortes, dem „ roten Haus ", Licht bemerkten. Nach langem Rufen und Poltern von Seiten meines Führers machte uns endlich die freundliche Wirthin auf und restaurierte mit ihrem kräftigen Veltliner meinen müden Geist und Körper. Nach einem fröhlichen Prosit kehrte mein Schutzgeist wieder zu seinen alpinen Penaten zurück. Dankbar schüttle ich ihm nochmals die Hand, damit anerkennend, daß in seinem unscheinbaren Äußern ein goldener Kern wohne. Wie glücklich ist man, wenn man nach des Tages Arbeit und Hast und Aufregung wieder sicher unter einem Dache sitzt, und in einem Bett, wie ich es in Nufenen gefunden, ausruhen kann. Wie im Kinematographen zogen da die geschauten Das Tambohorn.

und erlebten Scenen des Tages noch einmal in frischer Farbe rasch im Geist vorüber, und erweckten mir mit dem Gedanken, wieder etwas Neues und Rechtes gesehen, gelernt und geleistet zu haben, ein Gefühl der Seligkeit, das jeder empfindet, der nach vielen Mühen und Gefahren durch sich allein den Sieg errungen.

Damit war meine diesjährige Alpenwanderung zu Ende. Am andern Tage waren meine Kniegelenkbänder verstreckt. Ein intensiver Schmerz begleitete meine Spaziergänge, die ich im Dorf und seiner Umgebung ausführte und wobei ich noch oft und lange zu dem in voller Schönheit prangenden Tambohorn ( siehe Figur auf pag. 298 ) mit seinem interessanten Hängegletscher der NW-Seite emporblickte. So wurde der Gedanke an die Adula aufgegeben und am Mittag des B. September wieder der Heimweg über Splügen und die Rofnaschlucht angetreten. Die Bilder der schönen Berge aber, die ich im Rheinwald klar und herrlich vor mir gesehen, werden mich, so hoffe ich, ein zweites Mal zu ihren Firnen zieh'n.

Bei meiner obigen Tour auf das Tambohorn nahm ich einige Handstücke des beschriebenen Glimmerschiefers vom Ostgrate des Berges mit. Alle diese Stücke zeigen eine äußerst feine und intensive Fältelung der Glimmerblättchen, wie beigegebene Figur andeutet. Es giebt Fältchen, die bei einer Amplitude von 1-3 mm zwischen Gewölbe und Mulde nicht mehr als 2 mm Breite besitzen. Viele Mittelschenkel solcher Fältchen sind oft sehr stark ausgezogen, oft ganz zerrissen, die Glimmerblättchen diesen Rissen entlang ausgequetscht und dadurch Rutschflächen gebildet, über welchen die Gesteinsmasse bei der Gebirgsstauung seitwärts ausgewichen ist. So ist wahrscheinlich das Clivage in diesem und andern ähnlichen Gesteinen zu erklären. Mancherorts macht das Gestein auch den Eindruck, als ob sich zuerst die Druck- und Rutschflächen gebildet hätten, denen entlang die Glimmerblättchen und übrigen Gesteinspartikel erst nachträglich verschleppt wurden.

Ob also Ausweichungsclivage oder Schleppung primär sei, läßt sich nach unserem Dafürhalten nicht immer genau entscheiden; oft scheinen auch beide Fälle nebeneinander vorgewaltet zu haben. Immerhin steht das eine fest, daß eine Platten- oder Schichtfuge stets auf eine Fläche des Krümmungswechsels fällt, wie es Prof. Heim in einer kürzlich erschienenen Abhandlung in der Vierteljahrsschrift der Zürcher naturforschenden Gesellschaft vom Jahr 1900, pag. 212 ff., betonte, welche F. W. Sprecher. JÇ>r E. Bosshard.

Schrift unsere Kenntnis über die Entstehung der Schieferung bedeutend gefördert hat.

Bei unsern Gesteinsstücken sehen wir nur auf zwei Seiten Schichtoder Schieferköpfe, auf den vier andern Seiten aber Schichtflächen; nämlich auf je zwei einander gegenüberliegenden Seiten die ursprüngliche Glimmerschieferung, auf den beiden andern die sekundäre durch Fältelung und Rutschflächen entstandene Schieferung, das Clivage.

F. W. Sprecher ( Sektion Piz Sol und Rorschach ).

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