Das Valle Maggia von oben. Felsen und Wasser, Viehzucht und Auswanderung

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gesucht wurde. Auf Grund der Ausgrabungen der Nekro-polis von Moghegno im Jahr 1994 weiss man, dass es dann zu Römerzeiten ständig besiedelt war. Seit jener Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg lebte seine Bevölkerung von den knappen und manchmal ungenügenden Ressourcen, was die Jungen oft zur Auswanderung trieb. Heute ist die Wirtschaft des Tals eng mit jener des Gebietes rund um Locarno verbunden.

Die Maggia – ein Fluss als Protagonist

Drei wichtige Flüsse führen ihr Wasser in den Lago Maggiore und speisen bei Pavia den Po, der dann Richtung Adria fl iesst: Der Toce, die Maggia und der Ticino sammeln das meiste Wasser der Südabdachung der Zentral-

Felsen und Wasser, Viehzucht und Auswanderung

DAS VALLE MAGGIA VON OBEN

alpen zwischen dem Monte Rosa und dem Massiv des Rheinwaldhorns.

Auch wenn das Einzugsgebiet der Maggia weniger gross ist als jenes der zwei anderen Flüsse, so ist sie sicherlich der ungestümste unter ihnen, weshalb sie von Spezialisten als der grösste Wildbach Europas bezeichnet wird. Das weite Gebiet, die grossen Höhenunterschiede, der karge Boden und die Intensität der Niederschläge können plötzliche Hochwasser mit grossen Wassermassen zur Folge haben. So erreichte der Fluss zum Beispiel am 7. und 8. August 1978 bei Ponte Brolla eine Wasserführung von 3500 m 3 /Sekunde, eine Wassermasse, die 500 Mal grösser ist als der über mehrere Jahrzehnte gerechnete Durchschnitt. Die durch den Fluss verursachte Erosion ist so gross, dass sich in einer Zeitspanne von ca. 2000 Jahren das grosse Delta bilden konnte, auf dem sich heute Locarno und Ascona ausbreiten. Zwischen 1950 und 1975 wurden an der Maggia Wasserkraftwerke gebaut, die zu den grössten der Schweiz gehören und den Städten im Mittelland grosse Mengen elektrischer Energie liefern.

Ein weites, tief eingeschnittenes Tal

Das Valle Maggia umfasst einen Fünftel der Gesamtfl äche des Kantons Tessin und ist somit grösser als der gesamte Sottoceneri. Seine Fläche entspricht jener der beiden Halbkantone von Basel zusammen oder der doppelten Fläche des Kantons Zug. Ein grosses Gebiet, aber dünn besiedelt, leben doch darin weniger als 6000 Menschen in 22 Dörfern, von denen einige in kleine Weiler aufgesplittert sind.

Im Vordergrund die Bocchetta del Mottone ( ohne Namen in der LK ), 2699 m, einer der zahlreichen Übergänge zwischen dem Peccia-tal und dem oberen Bavonatal. Dahinter sichtbar ein kleiner Teil des Cavagnoligletschers ( Ghiac-ciao del Cavagnöö ), der vom Pizzo San Giacomo, 2924 m, und dem Pizzo Cavagnöö, 2836 m, begrenzt wird, und im Hintergrund das Finsteraarhorn, 4273 m.

Foto: Ulrich Ackermann, Bern

DAS VALLE MAGGIA VON OBEN

Im Valle Maggia gibt es 45 Gebirgsseen, von denen die meisten in der Region des Basòdino und Pizzo Cristallina liegen. Die höchstgelegenen sind nur während der Sommermonate eisfrei.

Im späten Frühjahr liegen die oberen Weiden der Alpen Masnaro und Serodano des Pecciatals noch unter einer dicken Schneedecke. Dahinter erheben sich die Berge des Bavonatals, der Basòdino, 3272 m, mit seinem Gletscher, der Pizzo Mèdola, 2957 m, und der Pizzo Solögna, 2698 m.

Fotos: Ulrich Ackermann, Bern

Das Tal dringt tief in das Herz der Zentralalpen ein: Der Gipfel des Basódino, 3268 m, ist nur 40 km Luftlinie, aber 3000 Höhenmeter vom tiefstgelegenen Punkt der Schweiz, dem Lago Maggiore, 196 m, entfernt. Während das Tal bei Ponte Brolla eng und schmal ist, verzweigt es sich im oberen Teil in das Val Rovana, das Val Bavona und das Val Lavizzara. Der Besucher des Tals ist beeindruckt von den Felsen, auf denen sich die Vegetation nur mit Mühe halten kann. Felsen, die Schwindel erregende Wände formen, mit grossen Bergstürzen zu ihren Füssen und einem weiten geröllbedeckten Flussbett, das bei Hochwasser vom Fluss oft aufgewühlt wird. Ein grosser Teil des Maggiatals besteht aus einer impulsiven, wilden und manchmal feindlichen Natur.

Rechts die weite, gut erreichbare Bocchetta di Val Maggia, 2635 m, die das Gebiet von Robiei mit dem oberen Formazzatal verbindet. Am Fuss der Felswände des Kastelhorns liegt der nördliche Teil des Basòdinoglet-schers.

Brontallo. Dieses Dorf ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Bauweise in die Umgebung einfügte. Es wurde am Fuss einer Felswand an der Kante eines eiszeitlichen Absatzes errichtet, dessen Hänge steil bis zu den Schluchten der Maggia abfallen.

Überfliegt man den Poncione di Braga, 2864 m, kann man einen Blick auf das Dorf Peccia und die Gipfel des Pratotals werfen, die es zum Valle Verzasca hin abgrenzen. Im Zentrum dominiert der Madàs, 2739 m, durch Wolken verdeckt liegen seitlich davon die Corona di Redorta, 2804 m, und der Pizzo Barone, 2864 m.

Vieh als einziger Reichtum

Das Leben in den Bergen und zwischen den Felsen dieses Tals war mit den knappen Ressourcen immer schwierig und zwang die Menschen zu einem entbehrungsreichen Leben. Wer das Tal besucht, erkennt, dass es sich nicht für eine Landwirtschaft eignet, die fruchtbaren und ebenen Boden verlangt. Die Vegetationsdecke, die das Gebiet unzusammenhängend bedeckt, konnte nur mit Viehzucht intensiv genutzt werden. Mit grosser Mühe wurden im Talboden und an seinen Hängenden MaiensässenWiesen geschaffen, und die Weiden erstrecken sich weit über die Waldgrenze hinauf. Bis zur Mitte des 2O. Jahrhunderts wurden im Valle Maggia im Sommer über 100 Alpen mit beinahe 3000 Grossvieh- und 8000 Klein-vieheinheiten bestossen. Gezüchtet wurden kleine, magere Milchkühe, die die steilen Hänge erklimmen konnten, und eine grosse Zahl von Ziegen, die in ihrer Gewandtheit Gämsen glichen. Das Vieh war der einzige wirkliche Reichtum der Bevölkerung und seine Aufzucht lange die Haupttätigkeit der Talbewohner. Weitere Verdienstmöglichkeit boten die Specksteinbearbeitung und die Holzwirtschaft. Die Holzstämme wurden bis zum Lago Maggiore und von dort weiter bis in die Städte der Poebene geflösst. Roggenbrot, Kastanien, Polenta und Milchprodukte bildeten die Ernährungsgrundlage der Bauern. Aber vor allem in schlechten Anbaujahren oder nach einer der häufigen Naturkatastrophen reichten diese Grundnahrungsmittel nicht aus, um die ganze Bevölkerung satt zu machen.

Auswanderungsland

In schwierigen Zeiten stieg die Auswanderung an. Die Jungen trieb es in ferne Länder, womit sich die Zahl der zu Ernährenden verringerte – aber auch jene der Produzie-renden. Die Frauen, von denen nur wenige auswanderten, mussten in der Folge auch die schweren und gefährlichen Arbeiten übernehmen.

Die Männer suchten saisonal Arbeit in Italien, Frankreich, Holland und den deutschsprachigen Ländern, was ihnen erlaubte, etwas Geld nach Hause zu bringen. Der grösste Teil der Auswanderer übte schlecht angesehene Arbeiten als Knechte, Handlanger oder Kaminfeger aus. 1

Andere hatten sich auf ein Handwerk oder Gewerbe spezialisiert. Aber nur wenige machten ihr Glück. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wanderten viele Menschen in Länder jenseits der Weltmeere aus, zuerst nach Australien, dann nach Kalifornien, das für manche zur neuen Heimat wurde. Die Auswanderung minderte nicht nur die Folgen des Nah-

1 Ein bekanntes Jugendbuch, das sich mit diesem Thema auseinander setzt, ist Die schwarzen Brüder von Lisa Tetzner.

Pianasc ( Pianaccio ), 1140 m, ein Maiensäss der Gemeinde Bignasco, entstand durch die Rodung eines Waldgebietes, wodurch eine kleine, wertvolle Nutzfläche geschaffen wurde. Die Hütte und die Ställe ermöglichten einen saisonalen Aufenthalt.

Fotos: Ulrich Ackermann, Bern

rungsmangels, sondern lieferte auch die Geldmittel, um die ärmlichen bäuerlichen Behausungen zu erneuern, Kirchen zu verschönern und vornehme Wohnhäuser oder Werke von allgemeinem Nutzen zu errichten.

Bevölkerungsschwund und Wiederaufschwung

Die Entvölkerung ging zwischen den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts zurück, nahm dann aber in den Sechzigerjahren wieder stark zu, als ganze Familien das Tal verliessen, um sich in der Ebene und in den städtischen Gebieten des Tessins niederzulassen. In den letzten Jahrzehnten konnte in den Dörfern des unteren Tales, die der Agglomeration von Locarno mit ihren Arbeitsstellen und Dienstleistungen näher sind, endlich wieder ein Aufschwung festgestellt werden. In den abseits und hoch oben im Tal gelegenen Gemeinden überleben die Gemeinschaften dagegen mit Mühe.

Zurzeit beruht die Wirtschaft des Tals nur zu einem geringen Teil auf der stark zurückgegangenen Viehzucht, die aber immer noch den begehrten Alpkäse liefert. Seine Besonderheit liegt darin, dass für die Herstellung Kuh- mit Ziegenmilch gemischt wird. Der Abbau und die Bearbeitung von Stein sind eine typische Tätigkeit geblieben. An einigen Orten sind Steinbrüche entstanden, in denen ein stark geschichteter, einfach zu spaltender Gneis abgebaut wird. Die Platten für Dächer, Bodenbeläge und Wandverkleidungen finden auch in der Schweiz nördlich der Alpen und in Deutschland Abnehmer. Der interessanteste Sektor ist sicherlich der Tourismus, der von Jahr zu Jahr wächst. Er gründet auf einem zweifelsohne wertvollen Potenzial, zeigt sich aber bislang leider in seinen eher unvorteilhaften Formen: Zweitwohnsitze und Tagestou-rismus. Eine bessere Infrastruktur könnte ihn einträglicher werden lassen.

Fotos: Ulrich Ackermann, Bern

800 km markierte Wanderwege

Normalerweise lernt man Naturkunde und Geschichte aus Büchern. Im Valle Maggia kann man diese Fächer wandernd, mit dem Rucksack auf den Schultern, mit neugierigen und aufmerksamen Augen und einem Entdeckergeist, der für Emotionen offen ist, erkunden und begreifen. Das Wanderwegnetz, das sich vom Talboden über die Flanken zu den Maiensässen, den Alpen und den zahlreichen Übergängen in die Täler Verzasca, Leventina oder der Ossola erstreckt, ist äusserst dicht. Die markierten und wieder hergerichteten Wege umfassen insgesamt eine Länge von 800 km. Nicht alle sind einfach zu begehen, einige verlangen gut trainierte Beine, Orientierungssinn und Vorsicht.

Auf der Suche nach Weiden mussten die steilen und felsigen Seitenhänge des Valle Bavona mit den Kühen und Ziegen überwunden werden. Im Bild Màter, 1450 m, das zur Alpe Magnasca gehört, und wo man während des Alpsommers im Verlauf weniger Wochen Käse herstellte, um dann weiter auf höhere Alpen zu ziehen.

Die Transumanza war eine Form des vertikalen Nomadentums, bei der man während der schönen Jahreszeit in Etappen die Hänge hinauf zu den Alpen und im Herbst wieder in die Talsohle zurückkehrte. Der ungewöhnliche Blick auf das Maiensäss Monte di Cima, 1468 m, oberhalb von Menzonio, wo viele Familien Heu einbrachten und Roggen anpflanzten

Abgesehen von diesem markierten Wanderwegnetz gibt es ein zweites, das schwieriger zu finden und zu begehen ist: Es ist das Spurennetz des Hirten- und Alplebens, das durch die Aufgabe der Viehzucht und die Verwilderung der Hänge immer unsichtbarer wird. Oft findet man sich, kaum hat man die Fahrstrasse oder ein Dorf verlassen, in einer impulsiven, üppigen und wilden Natur wieder – ein offenes Buch mit Kapiteln über Erd- und Stein-kunde, Tier- und Pflanzenwelt, das erwandert werden will. Dazu bietet die Aussicht manchmal weite Panorama-blicke, die durch die höchsten Gipfel der Wasserscheide und den Dunst der Poebene begrenzt sind.

Ein Freilichtmuseum

Beim Wandern im Valle Maggia bewegt man sich nicht nur in der Natur, sondern auch in der Zeit. Wie in der Vergangenheit jede Gemeinde ihr Archiv in einer Truhe – einem « scrinium»aufbewahrte, so sind bis heute im

Auf etwa 10 km Länge, zwischen Lodano und Cevio, fliesst die Maggia noch frei auf dem Talgrund und wechselt häufig ihren Lauf. Die natürliche Landschaft, die eine europäische Schutzzone ist, verändert sich oft und fasziniert auch mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt.

Von Ponte Brolla aus erstreckt sich das Maggiatal breit und tief eingeschnitten über 25 km bis nach Cavergno. Der Blick talauswärts in südlicher Richtung zeigt die Dörfer Giumaglio und Coglio, weiter entfernt Lodano, Maggia, Moghegno und Aurigeno. Ganz im Hintergrund liegt der Lago Maggiore.

Fotos: Ulrich Ackermann, Bern

Gelände des Valle Maggia zahlreiche historische Zeugnisse erhalten geblieben, die den Alltag früherer Generationen schildern. Die Gesellschaft und die Wirtschaft der Vergangenheit blieben lange bestehen, auch deshalb, weil das Valle Maggia kein Durchgangstal ist und sich die ersten bedeutenden Veränderungen erst spät, in den Jahren nach 1960, bemerkbar machten. Die Vergangenheit ist noch überall gegenwärtig und sichtbar, manchmal mit überraschenden und berührenden Entdeckungen. Man geht auf Wegen, die in den Fels gehauen wurden, um den jahreszeitlichen Wechsel und die Ausnutzung der Weiden zu ermöglichen. Man überschreitet kühne Steinbrücken, trifft auf Siedlungen auf mittlerer und grosser Höhe, entdeckt eine grosse Anzahl von einfachen, oft sogar unter Felsen oder Felsblöcken errichteten Bauten und Hunderte von Kapellen und Fresken – Entdeckungen, die nicht nur mit diesen Luftaufnahmen, sondern beim Wandern zu machen sind. a

Die Mündung der Maggia: Hier wird während der Hochwasser das meiste Material abgelagert, wodurch das Delta immer weiter wächst. Dieses Phänomen verstärkte sich nach der Kanalisie-rung des Flusslaufes von 1900 bis 1904 und kann auch heute noch beobachtet werden.

Die Maggia besitzt eine beachtliche Erosionskraft und transportiert grosse Mengen Gesteinsmaterial in den Lago Maggiore.. " " .Von 1952 bis 1984 betrug die durchschnittliche Zufuhr jährlich 325 000 m 3. Auf dem Maggiadelta breitet sich die Agglomeration von Locarno immer mehr aus. Auf der orografisch rechten Seite des Deltas erkennt man Ascona, Losone und im Hintergrund den Eingang zum Maggiatal.

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