Defis nur für ausgewählte Hütten Die Bedeutung des Defibrillators in der Höhennotfallmedizin

Alle Walliser Berghütten sind mit Defibrillatoren ausge­rüstet. Die SAC-Hüttenkommission hat im Juni entschieden, von einer generellen Installation solcher Geräte abzusehen. Die Argumente in einer Herzensangelegenheit.

«Important/Utile: La Cabane est équipée d’un défibrillateur.» Der Satz steht auf der Startseite des Webauftritts der Cabane Prafleuri. Vor drei Jahren starb in dieser Hütte hinten im Val d’Hérémence ein Mann an einem Herzstillstand. Die Familie des Verstorbenen bezahlte der Hütte darauf einen Defibrillator. Das Ereignis wurde für Hüttenwartin Babeth Dayer zum Anstoss, das Thema in der Hüttenvereinigung der Romandie (Association Groupe Romande de Cabanes Suisses) aufs Tapet zu bringen. Diskutiert habe man schon länger darüber, gehandelt aber erst nach dem Todesfall, sagt Dayer. Die Vereinigung gelangte an die Loterie Romande mit der Bitte, Defibrillatoren für alle Hütten zu finanzieren. Ein Brief von Jean-Pierre Deslarzes, dem medizinischen Leiter der Kantonalen Walliser Rettungsorganisationen (KWRO), unterstützte das Anliegen der Hüttenwarte. Die Loterie Romande liess sich überzeugen und bezahlte allen 73 bewarteten Walliser Hütten einen automatischen externen Defibrillator (AED), wie die Geräte mit vollem Namen heissen. 1850 Franken pro Stück, 135 000 Franken total.

 

Moralischer Druck

Die Initiative der Walliser setzte die Hütten der übrigen Schweiz unter einen gewissen moralischen Druck. Warum sollten sie nicht auch haben, was man im Wallis als nötig und sinnvoll erachtete? Im Juni dieses Jahres befasste sich die Hüttenkommission des SAC mit der Frage. Die Schweizerische Gesellschaft für Gebirgsmedizin (SGGM) hatte auf Wunsch der Kommission eine Stellungnahme dazu erarbeitet. Ihr Fazit: «Es liegen keine ausreichende Evidenz oder wissenschaftliche Grundlagen vor, welche eine flächendeckende Stationierung von AED in SAC-Hütten zum aktuellen Zeitpunkt rechtfertigen.» In ausgewählten Fällen (z.B. stark frequentierte Hütten) empfehlen die Gebirgsmediziner, anhand eines Kriterienkatalogs zu prüfen, ob allenfalls ein AED installiert werden soll. Die Hüttenkommission verabschiedete die Stellungnahme der SGGM als offizielle Haltung des SAC.

 

Zahl der Risikopatienten umstritten

Wie werden die unterschiedlichen Positionen begründet? Jean-Pierre Deslarzes schreibt im Brief an die Loterie Romande, dass sich in den Hütten Besucherinnen und Besucher aufhielten, die sich in grosser Höhe sehr angestrengt hätten. Jene unter ihnen, die 50-jährig und älter seien, könnten in Bezug auf das Herz als Risikopersonen betrachtet werden. Es sei deshalb sinnvoll, alle Hütten mit AED auszurüsten.

Urs Hefti, der Verfasser der SGGM-Stellungnahme, hat dagegen in der wissenschaftlichen Literatur keinen Hinweis darauf gefunden, dass «kardiale Ereignisse» in den Bergen häufiger sind als im Flachland. Erklären lässt sich dies seiner Meinung nach damit, dass Menschen, die schweiss-treibende Wanderungen im Gebirge unternehmen, fitter seien als die Durchschnittsbevölkerung, zum Beispiel auf Flughäfen oder in Spielkasinos, wo die meisten und oft zitierten AED-Studien durchgeführt wurden. Beim Entscheid, ob und wo ein Defibrillator platziert werden solle, könne man sich deshalb an den allgemeinen Richtlinien orientieren, wie sie etwa von der Schweizerischen Gesellschaft für Reanimation (Swiss Resuscitation Council, SRC) erlassen worden sind. Die SGGM schlägt vor, Geräte dort zu installieren, wo «alle fünf Jahre ein Fall von Herzstillstand mit schockbarem Rhythmus auftritt» oder wo sich mindestens 250 über 50 Jahre alte Personen während mehr als 16 Stunden pro Tag aufhalten. Speziell beurteilt werden müssten Hütten, die stark frequentiert sind und vor allem von älteren Menschen besucht werden. Ebenfalls Sonderfälle sind Hütten, die per Bahn oder zu Fuss einfach zu erreichen sind und im Rahmen von Veranstaltungen wie Skirennen und Konzerten viele Leute anziehen. Der Menschenmix, der sich bei solchen Hütten tummelt, dürfte ähnlich (un)fit sein, wie jener in der Zürcher Bahnhofstrasse. Apropos: In der Zürcher Innenstadt wurden vor vier Jahren 13 Defibrillatoren installiert. Seither wurden zwei davon je einmal eingesetzt. Ein Menschenleben wurde gerettet. In Los Angeles, einer 3,8-Millionen-Stadt, hat man jahrelange Erfahrung mit AED. 1300 Geräte stehen auf dem Stadtgebiet zur Verfügung. Eine neue, grosse Studie beschreibt deren Wirkung: In zehn Jahren wurde 59 Mal ein AED eingesetzt, wobei 39 Patienten einen schockbaren Rhythmus hatten. Von diesen 39 Menschen überlebten 27. Für Hefti ist angesichts solcher Zahlen in Ballungszentren klar, dass die lückenlose Ausstattung von Berghütten weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll ist. «Ein Herzstillstand ist ein extrem seltenes Ereignis in einer Hütte in den Alpen.»

Mithilfe der SGGM-Kriterien will der SAC nun abklären, in welchen Hütten ein Defibrillator sinnvoll wäre. Wie viele es auf die Liste schaffen werden, mag Bruno Lüthi vom Ressort Hütten des SAC nicht prognostizieren. Er gibt aber zu bedenken, dass es möglicherweise nicht viele sein werden, weil einige der heissesten Kandidaten schon ein Gerät haben: Acht der zehn Hütten mit den meisten Übernachtungen stehen im Wallis. Sollten weitere Hütten auserkoren werden, sei es denkbar, dass sich der SAC an den Kosten für die Geräte beteilige, sagt Bruno Lüthi.

 

Nur ein Puzzlestein

Die SGGM weist in ihrer Stellungnahme weiter darauf hin, dass es mit dem Aufstellen von Defibrillatoren in den Hütten nicht getan ist. «Der AED ist nur ein Puzzlestein, der zudem Scheinsicherheit vortäuschen kann. Die Verbesserung der ganzen Überlebenskette ist zentral», sagt Urs Hefti. Aus Studien ist bekannt, dass nur knapp die Hälfte der Laienhelfer bereit ist, einen AED überhaupt anzuwenden. «Da die Überlebenschance mit jeder Minute Verzögerung um 10% sinkt, ist eine rasche und konsequente Anwendung absolut essenziell.» Dieses Ziel könne namentlich durch Ausbildung erreicht werden. Ein Netz von Ersthelfern in den Hütten sollte in der Lage sein, Notfälle zu erkennen und zu behandeln, richtig zu alarmieren und die Geräte zu warten. Ausserdem müsse der Standort des Defibrillators der zuständigen Notruf-zentrale bekannt sein. Schliesslich wünscht sich Hefti auch, dass die Reanimationsaktivitäten wissenschaftlich begleitet werden. In der Schweiz gebe es dazu kaum Daten. «Entsprechend können wir aktuell leider nicht sagen, wie häufig solche kardialen Ereignisse in den Bergen überhaupt sind und wie welche Massnahmen wirken.»

 

Nützliche Walliser Initiative

Diesbezüglich könnte sich die Walliser AED-Initiative als nützlich erweisen. Das Hüttenpersonal wird geschult, die KWRO-Rettungszentrale kennt die Standorte aller AED, und die Nutzung der Geräte wird erfasst und evaluiert. Damit sollte man in einiger Zeit sagen können, ob die Stationierung der Defibrillatoren eine gute Idee war oder ob man mit gleichem finanziellem Aufwand und anderen Massnahmen eventuell mehr Leben in den Bergen hätte retten können.

Automatischer externer Defibrillator (AED)

Mit einem Defibrillator lässt sich bei Kammerflimmern – das in vier von fünf Fällen für einen Herzstillstand verantwortlich ist – wieder ein normaler Herzrhythmus herstellen. Laien-AED der neuesten Generation sind nicht grösser als eine kleine Handtasche. Sie erklären den Helfenden akustisch und Schritt für Schritt, wie sie vorzugehen haben. Sind die Elektroden auf die Brust des Patienten geklebt, diagnostiziert das Gerät, ob ein Herzkammerflimmern vorliegt. Wenn ja, weist es die Helfenden an, den Elektroschock auszulösen. AED sind wartungsarm. Werden sie nicht gebraucht, muss die Batterie alle drei bis fünf Jahre gewechselt werden. Nach einem Einsatz müssen die Elektropads ersetzt werden. Mit Updates können die Geräte auf den neusten Stand gebracht werden. Auf der Website der Schweize­rischen Herzstiftung (www.swissheart.ch) findet sich eine Liste von Firmen, die Laiendefibrillatoren anbieten. Ein Gerät kostet zwischen 2500 und 5000 Franken.

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