Dem GPS die Zukunft? Bergführer testen die neuen Orientierungsmittel

Ersetzt das GPS-Handgerät Kompass und Höhenmesser? Die Antwort auf diese Frage suchten sechzig Bergführer während eines Fortbildungskurses am Titlis. Dabei verdrängte die Begeisterung für die kleinen elektronischen Hilfsmittel die Skepsis – fast.

Was Wicky seinen staunenden Berufskollegen am Fortbildungskurs zum Thema GPS (Global Positioning System) vorführt, gehörte vor ein paar Jahren noch in den Science-Fiction-Bereich. Heute wird dank Mikrochips, leistungsstarkem Computer und der Unterschrift des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton1 die Orientierung im unwegsamen Gelände wesentlich vereinfacht. «Die GPS-Technologie hat sich in den letzten Monaten gewaltig entwickelt. Gerade wir Bergführer als potenzielle Benutzer und Meinungsbildner kommen nicht mehr darum herum, uns mit diesem Thema intensiv auseinander zu setzen», sagt Wicky, der zusammen mit Stefan Stocker vom Bergsportgeschäft Rocup den Anlass organisiert hat.

Die Orientierung mittels GPS ist nicht neu. Möglich wurde sie dank 24 Satelliten, die von den Amerikanern vor rund 20 Jahren auf die Erdumlaufbahn befördert wurden. Diese Satelliten senden konstant einen Funkcode zur Erde. Der GPS-Empfänger misst, wie lange diese Signale bis zur Erde benötigen, und berechnet daraus die Entfernung zum Satelliten. Können vier oder mehr Satelliten empfangen werden, berechnet das Gerät aus der Schnittstelle der gemessenen Entfernungen, wo es sich auf der Erde befindet. Noch bis vor einem Jahr hatte dies einen Haken: Der Satellitenschwarm wurde nicht als Spende an die Allgemeinheit im Weltall positioniert, sondern diente militärischen Zwecken. Darum störten die Amerikaner die Signale so, dass sie verzerrt auf der Erde eintrafen. Nur mit aufwändiger Technologie war diese so genannte Selective Availability (SA) zu knacken. Zivile Geräte erreichten damals eine Genauigkeit von 30 bis 100 Metern. Für die Hobbyseefahrt- und -luftfahrt konnte dies genügen, doch im Gebirge war das GPS nahezu unbrauchbar. Erst am 1. Mai 2000 setzte Bill Clinton seine Unterschrift unter ein Dekret und hob damit die SA auf. Über Nacht steigerte sich die Genauigkeit der GPS-Geräte um ein Zehnfaches. Was in etwa so präzise ist wie die Schweizer Landeskarten! Seither hat sich die Satellitennavigation auch für Alpinisten von der netten Spielerei zum nützlichen Hilfsmittel gemausert.

Wer schon im dichten Nebel auf einem flachen Gletscher den Weg suchen und sich blind auf Kompass, Höhenmesser und Karte verlassen musste, weiss, dass Instinkt und Technik selten zum gleichen Ziel führen. Man denkt: «Nun folge ich schon so lange diesem Azimut. Bin ich nicht schon längst am anvisierten Felsen vorbeigelaufen?» Eine genaue Antwort auf das «Wo bin ich?» wäre in einer dicken Nebelsuppe ungemein beruhigend. Diese Antwort liefert das GPS und bringt damit eine neue Dimension in die Orientierung im Gebirge. Das Display zeigt stets die aktuelle Position im angewählten Koordinatensystem an (das Schweizer System findet man unter der Bezeichnung CH-1903).

Doch die Satellitennavigation bietet noch vieles mehr: Der aktuelle Standpunkt kann abgespeichert werden, womit man selbst im unbekannten Gelände, von dem nur rudimentäres Kartenmaterial besteht, immer wieder zum Ausgangspunkt zurückfindet. Weiter können aus der Karte die Koordinaten wichtiger Orientierungspunkte gemessen und im GPS programmiert werden (bequemer und exakter geht das mit der erwähnten Kombination Computer-GPS). Abgesehen von der CD-ROM LK 1:50000 der Landestopographie bietet Fugawi eine Software, mit der mittels Scanner beliebiges Kartenmaterial geladen und verwendet werden kann. Dann zeigt das GPS-Display ausser der Laufrichtung noch die Distanz, die Reisegeschwindigkeit und die voraussichtlich noch zu benötigende Zeit bis zum nächsten Punkt.

Am Titlis werden drei Produkte vorgestellt, das «Etrex Summit» von Garmin, der «Multinavigator» von Silva und das «GPS 315» von Magellan. Die Geräte beeindrucken durch ihr geringes Gewicht, ihre Handlichkeit sowie durch die relativ komplexe Bedienung. Die von der Kursleitung eingeladenen Importeure tun sich aber schwer, in der vorgegebenen Zeit von nur zwanzig Minuten ihre Geräte zu erklären.

Die GPS sind mit einer den Handys ähnlichen Menüstruktur aufgebaut. Per Knopfdruck wählt man sich durch die verschiedenen Seiten und dringt mit anderen Knöpfen weiter in die elektroni-schenTiefen des Instrumentes.. " " .Nur schon die Grundfunktion, das Eintippen von Koordinaten, ist umständlich. Es braucht viel Übung, will man dies auch ausserhalb der Hütte, bei schlechtem Wetter, mit einer frierenden Gruppe im Rücken erledigen. Rasch zeigen sich darum auch die Präferenzen für die brandneuen Instrumente von Garmin und Silva, sind diese doch im Gegensatz zum Magellan mit einem magnetischen Kompass und einem barometrischen Höhenmesser ausgerüstet. Während das vor allem für Fahrzeuge und Schiffe konzipierte Magellan nur dann die Marschrichtung anzeigt, wenn es bewegt wird, und vor allem bei grösserer Geschwindigkeit (ab drei Kilometern pro Stunde) exakt arbeitet, liefern die beiden anderen alle Informationen auch bei Stillstand. Dies ist gerade beim Bergsteigen von zentraler Bedeutung, da hier die Fortbewegung oft sehr langsam ist.2

Pro und Kontra Nach intensivem Üben versammeln sich die Teilnehmer zu einer abschliessenden Diskussion. Viele der Anwesenden haben zum ersten Mal mit einem GPS gearbeitet und sind positiv beeindruckt. Für den Tourenalltag erkennen sie den Vorteil, dass man nicht mehr, wie mit dem Kompass, stur einer Linie folgen muss. Da das GPS das Azimut immer wieder dem neuen Standort anpasst, können Spaltenzonen oder steile Hänge besonders einfach umgangen werden. Der « Blindflug » mit GPS beruht nicht auf deutlich wahrnehmbaren Punkten im Gelände. Stattdessen werden die anzu-steuernden Wegpunkte dorthin gelegt, wo es am sinnvollsten und sichersten ist.

Trotz dieser Vorteile möchte sich keiner der Teilnehmer definitiv von Kompass und Höhenmesser verabschieden. Als Nachteile erscheinen der hohe Stromverbrauch, mussten doch bei jedem Gerät während des intensiven Übungstages die Batterien mindestens einmal gewechselt werden. Weiter ist das Bestimmen der Koordinaten irgendwo im Gelände, vom schlechten Wetter überrascht, sehr schwierig. Zu bedenken ist auch, dass der gute Satellitenempfang am Titlis nicht als Standard angesehen werden kann. In engen Felstälern zum Beispiel kann der Empfang massiv gestört sein. Auch beeinflussen atmosphärische Einflüsse, schlechte Satellitenstel-lungen, Hochspannungsleitungen und Sendeanlagen die GPS-Leistung.

Besonders problematisch wirken sich diese Nachteile aus, wenn sich die GPS-Benutzer in absoluter Sicherheit wiegen. Letzten Herbst sorgte ein Jaguar-Fahrer für entsprechende Schlagzeilen. Gemäss einer Zeitungsmeldung folgte er stur den GPS-Anweisungen und sass schliesslich mit seinem teuren Wagen im Dreck einer Müllhalde fest. Das Gerät zeigt eben nur die Luftlinie, nicht aber den besten Weg zum Zielpunkt. Routine im Kartenlesen und eine gesunde Portion Misstrauen gegenüber der Technik sind Voraussetzung für all jene, die mit dem elektronischen Wegweiser unterwegs sind.

Zusammenfassend sind die Bergführer denn auch der Meinung, dass vor allem bei Ski- und Hochtouren sowie Expeditionen das GPS in Zukunft eine wertvolle Ergänzung der Bergausrüstung sein wird. Dies, obwohl der Rucksack dann neben LVS, Handy und Notfunk mit noch mehr Elektronik und zahlreichen Reservebatterien belastet sein wird.

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