Den Alarm im Kopf ausschalten Auch Bergsteiger leiden an Höhenangst

Zur Höhenangst wird viel geforscht. Eine medikamentöse Therapie gibt es bisher nicht. Am grössten sind die Erfolgsaussichten, wenn man sich der Angst stellt – am besten in den Bergen oder mit Bildern.

Der Blick geht in die Weite, die Augen heften sich am Horizont fest, der Körper versteift sich, im Kopf breitet sich eine lähmende Leere aus: Höhenangst. Für einen Wanderer, der auf Höhenwegen und Gebirgskämmen dermassen die Kontrolle über seinen Körper verliert, ist sie eine Gefahr. Im schlimmsten Fall kann sie zu Absturz und Tod führen.

Die Angst vor der Höhe ist nicht mit Höhenschwindel zu verwechseln – den kann man auch haben, wenn man grundsätzlich keine Höhenangst hat. «Höhenschwindel ist ganz normal», erklärt Michael Rufer, Professor für psychosoziale Medizin an der Uni Zürich. In der Höhe gibt es nur wenige Objekte in der Nähe, die sich mit den Augen gut fixieren lassen. «Dann fühlt sich jeder etwas instabil», sagt Rufer. «Löst dieser Schwindel jedoch Angst aus, kann ein Teufelskreis entstehen», sagt Rufer: «Man beobachtet sich sehr genau, spürt Herzklopfen und Schwindel, was wiederum die Angst verstärkt.»

Die Angst ist erlernt

Richtige Höhenangst hingegen ist – auch wenn sie oft im Zusammenhang mit Höhenschwindel auftritt – eine psychische Angststörung. Studien zufolge sind fast 30 Prozent der Menschen anfällig für Höhenangst. Die genaue Ursache ist immer noch unbekannt. Klar ist, dass Faktoren wie Stress, frühkindliche Beeinflussung oder auch Vererbung eine Rolle spielen. «Die Neigung zur Höhenangst scheint bei einem Teil der Betroffenen angeboren zu sein», erklärt Rufer. Viele Ängste seien auch in der Kindheit «erlernt» worden – durch eigene Erlebnisse oder das ängstliche Verhalten anderer. Die Angstsensitivität ist bei jedem unterschiedlich.

Entscheidend für das Erleben von Furcht ist die Amygdala, ein Bereich im Gehirn, der für die emotionale Reaktion auf Gefahren zuständig ist. «Wenn wir eine Situation als gefährlich bewerten, gelangt diese Information blitzschnell an die Amygdala», erläutert Rufer. In solchen Fällen werden Stresshormone ausgeschüttet und das vegetative Nervensystem aktiviert. Das wiederum löst die typischen Angstsymptome aus. Rufer: «Im Gehirn werden solche Erfahrungen und Ängste gespeichert. Und so lernt das Hirn irgendwann auch, überempfindlich auf Situationen in der Höhe zu reagieren.» Auch Erwachsene sind nicht dagegen gefeit, diese Angst zu «lernen». «Bei manchen tritt die Höhenangst während Lebensphasen auf, in denen sie psychisch stark belastet sind», sagt Rufer.

Therapie mit 3-D-Brillen

Die medizinische Forschung hat bei der Höhenangst immer noch keinen wirklichen Durchbruch erlebt. «Es gibt einige Studien, die eine deutlichere Angstreduktion nach Cortisol-­Gabe zeigen», erklärt Doreen Huppert vom Uniklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie ist Expertin für Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen. Medikamente wie D-Cycloserin oder das Hormon Cortisol könnten die Lernprozesse während einer Konfrontationstherapie unterstützen, sagt sie (siehe «Die Alpen» 06/2011, Seite 67). Doch die Effekte seien nicht unbedingt von Dauer. Und auch die Risiken seien unklar. Denn möglicherweise dämpfen die Medikamente nämlich nicht nur die Höhenangst, sondern auch das Risikobewusstsein und damit das Handlungsvermögen der Patienten. In den Bergen könnte das schwere Folgen haben. Für Huppert steht fest: Bis jetzt gibt es in der Medizin noch kein standardisiertes Verfahren in der Behandlung von Höhenangst.

Viele Therapeuten arbeiten heute auch mit technischen Hilfsmitteln: Mit 3-D-Brillen und Virtual Reality (VR) versuchen sie, ihre Patienten mit der Höhenangst zu konfrontieren. Die virtuelle Realität bedeutete keinen Qualitätsverlust, sagt Dorothée Bentz, Neurowissenschaftlerin und Verhaltenstherapeutin an den Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel. Im Gegenteil: «Die VR-Technik hat durchaus Vorzüge für alle Beteiligten.» Sie sei von Wetter und Witterung unabhängig, und die Hemmschwelle, sich in eine virtuelle angsterregende Situation zu begeben, sei für die Patienten geringer. «Und doch sind die Patienten in der VR-Welt letztlich genauso ängstlich wie in realen Situationen», sagt sie. Das sogenannte Furchtgedächtnis werde auch in der virtuellen Bedrohung sofort aktiviert. «Kognitive Vermeidungsstrategien haben hier kaum eine Chance», erklärt Bentz.

Das Alarmsystem anpassen

Einen anderen Ansatz verfolgt Pascale Haegler. Die Wanderleiterin bietet Kurse an, in denen Betroffene dort mit der Angst konfrontiert werden, wo sie auftritt: in den Bergen. Bei der kognitiven Verhaltenstherapie, die bei Ängsten auf Konfrontation setzt, ist Vertrauen das Schlüsselinstrument: «Wir legen grossen Wert auf die Sicherheit der Teilnehmer», sagt ­Haegler. Diese sollen ihre Angst so lange ertragen, bis sie merken, dass sie abnimmt. So lernt das Gehirn, auf die jeweilige Situation nicht mehr mit Stress zu reagieren. «Der Alarm im Kopf muss leiser werden», sagt Haegler. Je öfter sich die Leute ihren Ängsten stellten, desto besser erkenne das Gehirn neue Möglichkeiten. Die Betroffenen beginnen mit dem Erlernen von richtigem Atmen, Laufen, Gehen und Sehen und zielen so schrittweise auf die reale Konfrontation mit der Höhe. Dabei werde niemand zu etwas gezwungen. «Wir versuchen sehr behutsam, das Alarmsystem der Teilnehmer besser an die verschiedenen Situationen anzupassen», sagt Haegler.

Auch für Michael Rufer sind Medikamente nicht die erste Wahl, sondern höchstens eine Ergänzung. Für ihn zählt vor allem die Expositionstherapie: «Es spricht nichts dagegen, die Betroffenen in realen Situationen – ob in den Bergen oder auf Brücken, Türmen und Hochhäusern – mit ihrer Angst zu konfrontieren», sagt Rufer. Diese Form der therapeutischen Behandlung habe eine Erfolgsquote von 80 bis 90%.

Weitere Artikel und Anlaufstellen

«Die Alpen» 06/2011, Stresshormon hilft gegen Höhenangst

«Die Alpen» 06/2008, Wenn Höhe zur Hölle wird

Anlaufstelle: Angst- und Panikhilfe Schweiz, aphs.ch

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