Dents du Midi

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Max Weibel, Zürich und Pi'afihausen

Bilder yo und 7; An klaren Tagen zeigen sich die Dents du Midi als imposante Kulisse hinter dem oberen Genfer-see-Becken. Der höchste, südwestlichste Gipfel der Gruppe ist die Haute Cime ( 3257 m ), der nordöstliche Ecksporn die Cime de l' Est ( 3177 m ). Die Haute Cime erhält sehr reichlich Besuch, im Frühling auch von Skifahrern, da der Aufstieg auf diesen einzigartigen Aussichtspunkt von Süden keinerlei Schwierigkeiten bietet. Alle übrigen sechs Gipfel, einschliesslich der Cime de l' Est, sind dagegen anspruchsvolle Kletterberge.

Zwei SAC-Hütten dienen dem Berggänger als Unterkunft, die stattliche Cabane de Susanfe im Südwesten der Dents du Midi und das einsame Refuge de Chalin am Nordfuss der Cime de l' Est, Stützpunkt für schwere Klettereien in der Nordflanke dieses Gipfels. Auch am Lac de Salanfe gibt es eine Gaststätte, aber viel abwechslungsreicher als der Aufstieg von Salvan durch das eintönige Becken von Salanfe ist die Besteigung der Dents du Midi aus dem Val d' Illiez mit Champéry als Ausgangsort.

Das reizvolle Val d' Illiez auf der Nordseite der düster-drohenden Dents du Midi ist ein fast unverdorbenes, abwechslungsreiches Wandergebiet und nur wenig bekannt. Die Hotels in Champéry leben vom Winter; im Sommer herrscht kaum Hochbetrieb. Ins Val d' Illiez gelangt man von der SBB-Station Aigle mit einem gemütlichen Privatbähnchen durch die Rhoneebene über Ollon nach Monthey am Taleingang. Man hat dabei Musse, die ständig wechselnde Szenerie zu studieren, was im Privatwagen auf der kurvenreichen Bergstrecke eher mit Gefahren verbunden ist.

Das Val d' Illiez ist in weiches Flyschgestein geschnitten; aber zu beiden Seiten bilden sehr unterschiedliche Berge die Begrenzung: Die Schattenseite wird vom Kalkmassiv der Dents du Midi überragt, während im Norden die t 000 Meter niedrigeren und viel sanfteren Préalpes anschliessen. Das Tal hat keinen Abschluss im Südwesten; vielmehr führen die beiden Pässe Col de Cou ( 1921 m ) und Col de Bretolet ( 1923 m ) über den wenig ausgeprägten Grenzkamm direkt nach Savoyen hinüber.

Für die Zugvögel stellen diese beiden Pässe einen wichtigen Durchgang vor allem auf dem Rückflug Ende des Sommers dar. So unterhält die Schweizerische Vogelwarte Sempach seit 1958 eine feste Beobachtungsstation am Col de Bretolet. Von Ende August bis Anfang Oktober wiederholt sich alljährlich das Schauspiel des Massen-durchflugs mit Maxima pro Nacht von über 100000 Vögeln, die bei Schönwetter in beträchtlicher Höhe, bei Westwind in Bodennähe ziehen.

Erratische Blöcke des eiszeitlichen Rhonegletschers sind im unteren Val d' Illiez bis halbwegs nach Champéry hinauf zerstreut. Das mächtige Rhoneeis drang tief in die Seitentäler. Direkt über Monthey liegen die wohl berühmtesten Eiszeit-findlinge, die im Streit um die Eiszeittheorien während des letzten Jahrhunderts von sich reden machten. Nur wenige der Blöcke aus Mont-Blanc-Granit blieben allerdings von Zerstörung verschont. Der grösste, Pierre des Marmettes, 1800 m1, ist als Naturdenkmal im Besitz der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft.

Die Dents du Midi wirken für das Val d' Illiez als Regenfänger, was sich in hohen jährlichen Niederschlägen und häufigem Nebel auswirkt. Der Föhn ist gefürchtet, und hässliche Breschen im Fichtenwald unter den Dents du Midi sind eindrückliche Zeugen heftiger Stürme. In der Rhoneebene ist das Klima so ausgeglichen, dass oberhalb Monthey noch Kastanien gedeihen. Darüber ist die wichtigste Waldformation, der Fich-ten-Weisstannenforst.

Steht man auf der Sonnenterrasse von Champéry, so schweift der Blick vom Bett der Vièze zur schattigen Kalkfluh gegenüber, die von der Galerie Défago, einem schwindelerregenden Spazierweg auf einer Schichtstufe in der überhängenden Wand, horizontal gequert wird. Die Flusserosion hat hier, geologisch gesprochen, das Fenster von Champéry freigelegt, durch das der aufgewölbte autochthone Gebirgssockel unter den Schichtreihen der helvetischen und penninischen Decken zutage tritt.

Schauen wir höher hinauf, so folgen die mächtigen Schieferablagerungen des Flysch, die unten Nadelwald und oben Weiden tragen, und hoch über den Kesseln von Soi und Antème ragen die Felszacken der Dents du Midi in den Himmel, trutzige Felsbastionen aus Urgon- und Hauteri-vekalk, 2300 Meter über dem Talgrund. Die Dents du Midi bilden die Frontalpartie der Morcles-Decke, einer grossen, auf dem Flysch liegenden Kreidefalte, die in der Stirn vom Val d' Illiez angeschnitten ist.

An einem der sehr seltenen Schönwettertage des Sommeranfangs 1977 wählten der Führer Jacky Pochon und ich als Aufstiegsroute auf die Haute Cime den Sélaire-Grat, das ist der Nordoder genauer Nordwestgrat zum höchsten Punkt der Dents du Midi. Wir hatten uns allerdings in der Schneemenge arg verrechnet, die uns ab 2800 Meter schwer zu schaffen machte. Offenbar apert diese Route, die laut dem « Guide des Préalpes franco-suisses » im Jahr 1901 eröffnet wurde, nur in schönen Sommern aus. Auch dann noch sind die Schwierigkeiten der Schlüsselstelle, eines senkrechten, links umgehbaren Aufschwunges von 40 Metern, beträchtlich.

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