Der Einzelfall

Und dann war er einfach weg. Der wahrscheinlich Beste von allen. Am Morgen des 30. April kam Ueli Steck am Nuptse ums Leben. Und vielen, auch wenn sie ihn nicht gekannt hatten, ging es so wie unserem Autor Dominik Osswald: Sie stellten sich die Frage, ob man überhaupt noch in die Berge will (S. 22). Oder ob sie eben nicht doch nur zum Anschauen da sind.

Ueli Stecks Tod zeigte eines: Es kann jeden treffen. Jederzeit und überall. Es war der Moment, in dem die Illusion zerbrach: dass man schon sterben werde, aber nicht gerade heute, dass es schon gefährlich sei, aber nicht gerade hier. Wenn wir uns heute absichern, tun wir das oft mit statistischen Methoden. Wir befahren potenzielle Lawinenhänge, weil Hangneigung und Exposition «auf der sicheren Seite» sind. Wir durchqueren das Gelände unter einem Eisabbruch schnell, um die Dauer, für die wir uns dem Risiko aussetzen, möglichst kurz zu halten.

So halten wir es auch im Alltag: Wir essen gesund, weil fettiges Essen die Wahrscheinlichkeit erhöht, früh zu sterben. So fühlen wir uns sicher. Auf der richtigen Seite der Statistik.

Und haben die Rechnung ohne ihn gemacht: den Einzelfall. Wenn die Lawine trotzdem abgeht. Wenn der Eisbrocken genau dann kommt, wenn man zielstrebig die Gefahrenzone durchquert. Wenn man an Krebs erkrankt, obwohl man doch alles richtig gemacht hat.

Statistik sagt nie etwas aus über den Einzelnen. Die Kalkulierbarkeit des Risikos: Im Einzelfall ist sie eine Illusion. Wir sind nie wirklich auf der sicheren Seite. Und so wirft uns ein Todesfall wie jener von Ueli Steck zurück auf die fundamentale Unsicherheit, die das Leben mit sich bringt. Es gibt viele Möglichkeiten, mit dieser existenziellen Verunsicherung umzugehen. Bergsteigen ist eine davon.

Nein, die Berge sind nicht nur zum Anschauen da.

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