Der Expeditionsarzt bleibt zu Hause Telemedizin am Berg

Die Digitalisierung verändert auch auf Touren und Expeditionen in grossen Höhen vieles. So wird etwa die medizinische Betreuung in abgelegenen Regionen einfacher. Denn Entscheide über Diagnose und Therapie werden immer öfter von Medizinern zu Hause gefällt.

Satellitentelefon, Mobiltelefon, Smartphone und alle denkbaren Apps haben die Kommunikationsmöglichkeiten und damit die medizinische Versorgung auf Bergreisen, Trekkingtouren und Expeditionen in den letzten Jahren verändert. «Medizinische Beratung ist an den hohen Bergen dank moderner Satellitenkommunikation immer öfter direkt aus der Heimat zu bekommen, nicht selten sogar in besserer Qualität als per Funk ins Basislager», sagt der erfahrene Expeditionsarzt und Bergführer Martin Walliser. Auch Reiseorganisatoren und Expeditionsveranstalter hätten gemerkt, dass eine kurzfristige Kontaktaufnahme mit einem Arzt zu Hause rund um die Uhr möglich sei – und seit ein paar Jahren erst noch zu einigermassen akzeptablen Preisen und in guter Qualität. Die neuen Möglichkeiten würden zunehmend genutzt, nicht nur, aber auch weil solche Fernbehandlungen billiger seien als die Lohn- und Reisekosten für einen Expeditionsarzt.

Entscheidungen über Tausende Kilometer hinweg

Die Vorteile der neuen Möglichkeiten liegen für Martin Walliser auf der Hand: «Falls bei einem Teammitglied gesundheitliche Probleme auftauchen, die vom Bergführer oder Tourenleiter nicht vor Ort mit einfachen Mitteln analysiert und gelöst werden können, verbessert die Telemedizin die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung deutlich.» Mit solchen Ferndiagnosen und -beratungen werde bei den betroffenen Patienten zwar manchmal die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Tour oder auf einen Gipfelerfolg genährt. Klar sei aber, dass es bei solch dringenden Telefongesprächen oft um schwerwiegende Entscheidungen gehe: «Nicht selten geht es auch um die Frage, ob ein Gast in tiefere Lagen zurückgeschickt oder sogar mit grossem Aufwand evakuiert werden muss», sagt der erfahrene Expeditionsarzt.

Eine sichere Fernbehandlung setzt laut Martin Walliser eine gut vorbereitete Übermittlung der relevanten Informationen voraus. Das sei nicht immer einfach. Nur wenn auch diese Sparte der Kommunikation vermehrt geschult werde, könne die Telemedizin ihr Potenzial für mehr Sicherheit am Berg in Zukunft noch besser ausspielen.

Die «Bergapotheke» wird zur «Superapotheke»

Wenn der Arzt zu Hause in der warmen Stube sitzt und der Patient im kalten Zelt auf der Matte fröstelt, dann steigt die Bedeutung der medizinischen Ausrüstung vor Ort. «Sind die nötigen Behandlungsmittel und Medikamente am Berg nicht griffbereit, nützt auch die beste telemedizinische Beratung nichts», sagt der weit gereiste Chirurg Martin Walliser, der auch leitender Arzt auf der Unfallchirurgie des Kantonsspitals Glarus ist. Verändert hat sich deshalb in den letzten Jahren zum Beispiel auch die Notfallapotheke des Reiseveranstalters Himalaya Tours in Parpan: «Wir haben den Inhalt unserer Notfallapotheke und unsere Notfallausrüstung in den letzten Jahren so ausgebaut und ergänzt, dass unsere Tourenleiter wenn nötig – auf telefonische Anweisung eines erfahrenen Arztes – auch starke und rezeptpflichtige Medikamente verabreichen können», erklärt Himalaya-Tours-Inhaber Thomas Zwahlen auf Anfrage. Die ursprüngliche «Bergapotheke» sei so zu einer bewährten «Superapotheke» geworden.

Thomas Zwahlens Reiseagentur bietet Trekkings bis in Höhen von 6000 Metern an. Der langjährige Reiseprofi ist überzeugt, dass die Telemedizin die Reisesicherheit grundsätzlich an vielen Orten der Welt verbessert hat. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die neuen Kommunikationsmöglichkeiten auch genutzt werden könnten und dürften. Während beispielsweise in Nepal oder Buthan die satellitengestützte Kommunikation erlaubt sei, sei sie in Indien oder Tibet streng verboten.

Wenn trotzdem «Handarbeit» gefragt ist

Martin Walliser wird selbst immer wieder und zu jeder Tageszeit von ihm bekannten Expeditionsleitern und Bergsteigern aus aller Welt telefonisch um Rat angefragt. Kommunikationstechnisch gut abgesichert zu sein und zu Hause einen Höhenmediziner «auf Abruf in der Hinterhand» zu haben, sei gut, reiche aber nicht immer aus, warnt er. Ein Expeditionsarzt könne eben nicht in jedem Fall durch telefonischen Kontakt mit einem Mediziner in der Ferne ersetzt werden. Sobald es um kompliziertere Probleme gehe oder wenn «Handarbeit» gefragt sei und zum Beispiel eine Schulter wieder eingerenkt, ein Knochenbruch korrekt gerichtet oder ein Zahnabszess behandelt werden müsse, komme auch die Telemedizin an ihre Grenzen: «Nur wegen der Möglichkeit, via Satellit medizinische Beratung zu bekommen, wird kein Aufenthalt in grosser Höhe zu einem Sonntagsspaziergang.»

An der medizinischen Notfallausrüstung unterwegs dürfe deshalb trotz den neuen technischen Möglichkeiten nicht gespart werden. Weiterhin gehörten auf Expeditionen in Höhen über 6000 Metern eine mobile Druckkammer, Sauerstoff und die richtigen Medikamente zwingend dazu. Seriöse kommerzielle Anbieter hätten diese Notfallausrüstung nach wie vor dabei. «Obwohl es immer wieder Ausnahmen gibt und gerne dabei gespart wird, weil es schliesslich ums Geschäft und die Rentabilität geht», sagt Martin Walliser. Er ist seit über zehn Jahren Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin (SGGM) und rät Reisefreudigen, vor der Buchung eines Trekkings oder einer Expedition diese Informationen beim Veranstalter einzuholen und sich die Sache im schlimmsten Fall noch mal zu überlegen. Immer wieder lohne sich auch ein Blick auf das Höhenprofil einer Tour. Wenn möglich solle man die Schlafhöhe beim Aufstieg nicht um mehr als 500 Höhenmeter pro Tag steigern. Denn die richtige Akklimatisation gehört laut Martin Walliser nach wie vor zum wichtigsten Teil der Tourenplanung.

Telemedizin bei der Rega

Verunfallen oder erkranken in der Schweiz wohnhafte Personen im Ausland, können sich Patienten und ihre Angehörigen per Telefon an die Rega wenden. Deren Beratungsärzte geben medizinische Ratschläge und vermitteln Adressen von lokalen Kliniken und Spitälern. Sind die Patienten bereits in Behandlung, beurteilen die Rega-Ärzte die gesundheitlichen Probleme zusammen mit dem medizinischen Personal vor Ort. Wenn nötig helfen sie, eine Diagnose zu übersetzen und zu verstehen. 2018 hat die Rega für 2700 Patientinnen und Patienten solche telemedizinische Hilfe geleistet.

Die Beratungsärzte entscheiden auch, ob ein Transport zurück in die Schweiz angezeigt ist. Dabei wird berücksichtigt, wie gut die Therapiemöglichkeiten, die medizinischen Einrichtungen und die hygienischen Verhältnisse im Gebiet sind, in dem sich der Patient aufhält. Auch das Transportrisiko und die zu erwartenden Komplikationen nach einer Operation spielen eine Rolle. Ein weiteres Kriterium ist, wie lange jemand im Spital bleiben muss. Soziale Überlegungen beeinflussen den Entscheid ebenfalls: So können etwa pflegebedürftige Personen zum Teil nicht allein im Ausland bleiben. Falls eine Repatriierung dem Wohl des Patienten am besten dient, organisiert die Rega die Rückreise – sei es mit einem ihrer Ambulanzjets oder einem Linienflugzeug. 2018 ist es zu 1355 Repatriierungen gekommen.

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