Der Faulen (Grieset)

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Der Faulen ( Grieset ) ( 2724 Meter. ) Mit dem Frühzuge von Zürich in Glarus angekommen, wanderten unsrer drei auf der Landstrasse dem Hintergrunde des Thales zu, nach Linththal. Es war ein prächtiger, wenn auch heisser Augustmorgen; tüchtige Gewitter hatten für reine Luft gesorgt, und klar glänzten der Kärpf, der Hausstock, und vor Allen der Fürst der Glarnerberge, der Tödi, zu uns hernieder. Doch zu ihm verstiegen sich unsere Pläne nicht; unser Besuch galt einem Gipfel, dessen breiten Rücken wir als nächsten Nachbar des Glärnisch von Zürich aus schon oft betrachtet: dem Griesetstock oder Faulen. Derselbe ist zwar kein Hochgipfel und im bergfröhlichen Glarnerland als Ziel mancher Wallfahrt wohl genug bekannt, aber die Aussicht, die er bietet, ist so schön, der Weg zu ihm so abwechslungsreich, dass er es wohl verdient, auch in weiteren Kreisen durch ein paar anspruchslose Reiseaufzeichnungen der Beachtung empfohlen zu werden.

Im Raben zu Linththal versahen wir uns mit Proviant, und nachdem wir uns über den Weg nach der Braunwaldalp, unserem Nachtquartier, erkundigt » marschirten wir ab und betraten gleich hinter dem Bade Stachelberg, zuerst auf Parkwegen, den Bergwald. Ein herabrauschender Bach wurde auf hübschem Brücklein überschritten, dem sonderbarer Weise eine schwärmerische Seele laut angebrachter Tafel den Namen « Seufzerbrücke » -verliehen hat.

Zum « Seufzen » schien uns aber in dieser Umgebung und auf diesem prächtigen Bergpfade absolut Nichts -eingerichtet. Im tiefsten Schatten steigt der Weg, ziemlich steil zwar, durch Laubwald empor und bietet da und dort wundervolle Ausblicke nach den imposanten Bergriesen, die den Schluss des Thales bilden, oder nach der sonnebeglänzten, häuserbesäeten Thalsohle. Nur unser schwer bepacktes Känzlein mochte hie und da ein Seufzerlein demjenigen auspressen, der gerade mit seiner süssen Last betraut war; wir hatten eben weder Führer noch Träger und besorgten das. Geschäft des letzteren abwechslungsweise selbst.

So waren wir bald über den Wald hinaus, auf die Braunwaldberge gekommen und erlabten uns in einer Hütte bei einer gesprächigen Alten mit « Suffi ».

Zauberisch schön ist hier der Blick auf die Gewaltigen, welche das Glarnerthal zu verrammeln scheinen: auf den gletschergekrönten Selbsanft, auf den firnbepanzerten Tödi, zwischen denen der Bifertenfirn sich tief zu Thal neigt, Alles glitzernd und flimmernd im Glänze der heissen Augustsonne.

Nach kurzer East stiegen wir wieder bergan, anfangs noch ziemlich steil, dann über eine kleine Ebene, an deren Ende sich der Weg, plötzlich wieder jäh ansteigend, zwischen Felsen mit üppigster Vegetation emporzieht. Noch mussten wir durch ein finsteres kühles Felsloch mit unsäglich weichem Boden: da lagen die circa zwölf Hütten des oberen Stafels der Braunwaldalp in ödem Trümmerfeld vor uns. Die Baumvegetation, wenige Schritte zuvor noch so reich, hatte mit einem Schlage aufgehört.

Wir bezogen in der obersten Hütte, bei Rathsherr Schindler, Quartier, und kletterten dann auf einen mächtigen Felsblock, wo wir das hehre Schauspiel des Alpenglühens auf den Gletschern des Selbsanft und Tödi genossen. Der kühle Abendwind trieb uns bald in die Hütte, und plaudernd und rauchend sassen wir mit dem Sennen um das Feuer, liessen uns über Nordostbahn und den Türken befragen, und erleichterten unser Ränzel um das Gewicht einer Flasche Veltliner.

Der Abend war schon ziemlich vorgerückt, als das wohlbekannte Klirren von Bergstöcken auf den Steinen noch Besuch ankündigte. Es waren drei junge Glarner, die früher schon den Faulen bestiegen hatten und nun die Partie zu wiederholen gedachten. Wir konnten uns ihnen also anschliessen und waren doppelt froh, von Linththal aus keinen Führer mitgenommen zu haben.

Die Nacht verbrachten wir schlaflos. In den kleinen Raum, in dem sonst der Senn und seine zwei dienstbaren Geister schliefen, mussten sich nun neben diesen noch die sechs Gäste theilen. Da blieb denn für Einen nicht viel Raum — warm war 's zwar schon — und wenn trotzdem die Augenlieder zufallen wollten, so weckte uns sofort das Grunzen einer fröhlichen Schweineherde, die sich direct unter unserem Lager tummelte.

Schweinchen ist gewiss ein sehr nützliches, zu Zeiten auch sehr angenehmes Thierlein, aber zur Poesie der Alpen im schönen Grlarnerlande tragen die Schweine-herden durchaus nicht bei, besonders wenn ihre Ap'partements sich unmittelbar unter denen der Menschheit befinden.

Wir waren also herzlich froh, als endlich um 2 Uhr die Qual ein Ende hatte, und nachdem wir unser Frühstück, in warmer Mikh bestehend, genossen und das sehr billige Schlafgeld bezahlt, marschirten wir um 3 Uhr von der Hütte ab.

Der Himmel war etwas bewölkt; ein tüchtiger " Wind, vor dem wir noch geschützt waren < jagte die Wolken umher. Wir hofften, dass er sie auch verjagen werde, und folgten unserm jungen bergkundigen Anführer, der die kleine Karawane durch wilde Trttm-anerhalden steil empor den Wänden der -Eckstöcke zuführte. Der Weg war beschwerlich, um so mehr, ale noch Dämmerung herrschte. Als wir nach Verlauf einer kleinen Stunde raschen Steigens die von unserm Führer, Eimer war sein Name, gewünschte Höhe erreicht hatten, änderte er die Marschrichtung nach links, und wir strebten nun, immer in der nämlichen Höhe bleibend, quer über Geröll und Kiesen dem auf 4er Excursionskarte angegebenen « Bützi » zu, das wir « dann bei Sonnenaufgang erreichten, hegrüsst vom scharfen Morgenwind, der über die öde Karrenalp herpfiff, und von manchem freundlichen Sternlein Edelweiss, das zwischen den grauen, verwitterten Felsblöcken aus dem Käsen hervorlugte.

Hier wurde der erste Halt gemacht und über die'schon ungemein grossartige Aussicht flüchtige Musterung gehalten.

Uns gegenüber erhoben sich im Vordertreffen au& dem Morgennebel, der auf dem Thale lag, die Gipfel der Freiberge, beherrscht vom.hohen Kärpf,und, durch das tiefe Durnachthal von ihnen geschieden, die Spitzen des Vorstegstockes, Rüchi und Nüschenstockes. Hinter'diesen, sie weit überragend, paradirten die Kerntruppen in den Strahlen der Morgensonne: die Gletscher und Wände des Ruchi, des Hausstockes, des Selbsanft,. Bifertehstockes und Bündnertödi, und links vom Kärpf grüssten als ferne Reserve die Zinnen des Saurenstockes von der St. Galler Grenze herüber. Tödi und Clariden waren verdeckt durch die stolze Pyramide des Ortstockes, der mit seinem Vasallen, dem Hohen Thurm, kaum zwei Kilometer von uns entfernt aus Schnee und Karren aufstieg. Ich skizzirte den schönen Gipfel, und nachdem unser Ränzlein abermals um Einiges erleichtert war, brachen wir nach unserm Ziele auf, das aus mächtigen Geröllhalden hervorragte.

Der Weg führte im Anfang zwischen hellen Kalkblöcken durch über blumenreichem Rasen. Die Felsblöcke drängten sich bald näher zusammen, der Rasen verschwand, und wir waren auf dem Anfange des wilden Trümmerfeldes der Karrenalp. Bald gelangten wir auf Schneefelder von massiger Steigung, auf denen ein rascheres und angenehmeres Vorwärtskommen möglich war, als bei dem Springen von Stein zu Stein. Hier trafen wir eine dritte Gesellschaft, die sich den Faulen zum Ziel erkoren; es waren drei Touristen mit einem Faulen.7S- Führer. Gemeinsam setzten wir eine Zeit lang unsern Marsch fort, über ein grösseres, steileres""ßchneefeld empor, dessen Spitze weit den Berg hinauf ragte. Dort angekommen, etwas über dem Punkt 2333. der Excursionskarte, bogen die drei Herren, mit ihrem Führer links ab, während unser Eimer uns auf näherem Wege-an's Ziel -zu führen gedachte. Wir befeuchteten noch die trockfen Gaumen mit Schnee und Kirschwasser, und dann gings stell aufwärts, zuerst'über Geröll, dann ein Felskamin hinauf, die einzige kurze Stelle,, wo wir an diesem Gipfel festen Fels sahen und be-, traten. Nun lange, lange Kletterei über Geröllhalden empor. Der « Faulen » rechtfertigt seinen Namen vollkommen: lauter zerfaultes, verwittertes Gestein, das-bei jedem Tritt nachgibt, und klingend und rasselnd zur Tiefe fährt.

Tschudi sagt in seinem Schweizerführer vom « Faulen »: « — dann sehr rauh über einen Kamm zum Gipfel »; er hat dabei kein Wörtlein zu viel gesagt. Um 7 Uhr endlich war der Gipfel erreicht.

Unsere kühnsten Erwartungen wurden durch die-Aussicht übertroffen, die sich uns vom Gipfel des: Griesetstockes darbot. Ueber die öde Kärrenfläche der Silbern, zu deren Linken, nur durch ein schmales: Thälchen von uns getrennt, sich der Pfannstock erhob, und über die Wäggithalerberge schweifte das Auge über das Flachland der nördlichen Schweiz mit seinen Städten und Dörfern, seinen Wälcfern und Seen.

Zu unserer Rechten begränzte die Aussicht daa Massiv des Glärnisch, dessen schönen Gletscher wir in seiner ganzen Ausdehnung vor uns hatten. Auf dter Olarnerseite ragten über der Gruppe der Freiberge die Berge-des Sernfthales vom Gufelstock an empor, und an sie reihten sich die Gewaltigen alle, die in Eis und Schnee den Fürsten Tödi umgeben, mit einem Worte: das ganze diessjährige Clubgebiet lag vor uns, und schwerlich dürfte ein Punkt zu finden sein, der « inen schönern Ueberblick über dasselbe gestattet hätte. An die Claridea schlössen sich die Urnerberge an, und jenseits des Thales von Uri erhob sich mein guter Bekannter, der Urirothstock. Die Berge des Schächen-. und Muottathales überblickten wir alle, und am Fusse des Stossberges, dessen Gasthaus weithin schimmerte, blickte ein Stück Vierwaldstättersee zu uns herauf, über dem sich der beschiente Rigi mit seinen Mieth-Palästen erhob.

Zu unsern Fussen dehnte sich die wilde Karrenalp aus, aus welcher der Ortstock und Kirchberg hervorragten.

Mein Plan, eine Ansicht des Clubgebietes zu zeichnen, erwies sich Angesichts der grossartigen Wirklichkeit als unausführbar; dazu hätte es eines besseren-Stiftes und vieler Zeit gebraucht, und über die hatten wir nicht zu verfügen.

Unser Gipfel, ein ziemlich langer, nicht zu schmaler Grat, wurde von dem Felszahn des « bösen Faulen » {2804 m ) überragt, der hier wirklich sehr bös und unnahbar aussieht, und wenn die Glarner Clubisten, die ihn. von der Klönthalers«ite aus bestiegen, laut Itinerar die Ansicht aussprechen, es sei ihm von Süden besser beizukommen, so muss die Nordseite rauh und schwierig genug sein!

Mittlerweile waren auch die Touristen, die wir auf dem Schneefeld getroffen, an 's Ziel gelangt, und bald nach ihnen langte eine fröhliche Schaar Von etwa 12 Glarnern oben an, so dass es nun auf unserm Faulen lebhaft und bunt genug aussah. Wir hatten noch einen weiten " Weg vor uns und mussten daher bei Zeiten an den Abstieg denken, und als wir an der nämlichen Stelle, wo wir'heraufgeklettert, durch das Geröll hinabrutschten, trafen wir noch auf weitere Bergfahrer, die sich nach dem lohnenden Ziele hinaufarbeiteten. Fast schien es uns, als ob sich an diesem wundervollen Sommermorgen die Wanderlustigen alle des Glariier-iandes auf diesem Gipfel ein Stelldichein gegeben, um da oben auf luftiger Warte die Glarnerkilbi zu feiern, die unten im Thale die Wirthshäuser und Tanzböden füllte.

Nach kurzer Rutschpartie auf Schnee waren wir " wieder auf den verwitterten Blöcken der Karrenalp angekommen und nahmen Abschied von unsern drei jungen Führern und Begleitern, die sich der Brächalp zuwandten, während wir die Richtung gegen das Klönthal einschlugen. Wir hatten wieder Glück: eben kam eine Gesellschaft von der Spitze herab, die den nämlichen Weg vor sich hatte, und mit ihr vereint stiegen wir nun über Fels und Rasen steil hinab in 's Braunalpeli. Es war ein rauher Abstieg, der unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. In der Sohle des Hochthälchens angelangt, marschirten wir, bald über Schnee, bald über Alpenland, in glühendster Mittagshitze thalabwärts, der Alp zu, die den hochpoetischen Namen « Dreckloch » führt. Nach kurzer Rast an einem Bache schlugen unsere neuen Bekannten den Weg über die-Silbern nach Richisau ein; wir aber mussten auf geradestem Wege in 's Klönthal und nach Glarus zu kommen suchen, und wanderten also weiter thalab, an den zwei grünen Tümpeln und den Hütten der Drecklochalp vorbei und auf steilem, schattenlosem Wege dem Rossmattthal zu, dessen Tannen und Hütten, noch tief, tief unter uns lagen. Die Hitze war erdrückend, und manchen stillen Fluch, manch Ach und Weh kostete es, bis wir im Thale und auf dem wohlbekannten Glärnischweg angekommen waren. Und wie denn alle Qual dieser Welt ein Ende hat, so auch hier: um 3 Uhr waren wir bei Klaus Aebli im Vorauen, angekommen — « aber — fragt mich nur nicht wie! » Wir hörten später, dass jener Sonntag der heisseste Tag des Jahres gewesen sei, und glaubten es ohne-weitere Untersuchung vollständig.

Auf dem Richisauer Gepäckwagen hauderten wir nach gehörigen Erfrischungen zum lieblichen Klönthal hinaus, und kamen zu rechter Zeit in Glarus an, um vor der Abfahrt des letzten Zürcherzuges bei einem Glas Bier einen Rückblick auf unsere Tour zu werfen und davon die Bilanz zu ziehen.

Das Facit war: Weit ist 's, und mühsam auch, aber die Genüsse, welche die Partie bietet, obenan die wundervolle Aussicht, entschädigen reichlich für alle Strapazen und machen die Besteigung des Griesetstockes zu einer ungemein lohnenden, und kaum dürfte sich irgendwo ein Punkt derselben Höhe finden, der einen besseren Ueberblick über das Clubgebiet böte.

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