Der gelbe Schnee vom 24. April 1926

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Von Wilhelm Jost.

Auf einer Schülerreise beobachteten wir im Juli 1926 auf den Firnhängen der südlichen Seitentäler des Bergell eine gelbe Färbung des Winterschnees. Die gleiche Erscheinung konnte ich bis zum Gotthardmassiv in nach Westen hin abnehmender Stärke feststellen. W7ieder war es der ausgezeichnete Bergführer Christian Klucker in Fex, der mir über diese Merkwürdigkeit nähere Angaben machen konnte: « Der gelbe Schnee ist am 24. April 1926 bei einem heftigen Schirokko in der Höhe gefallen. Die Luft war unrein. Ich habe von diesem Material gesammelt. Dieser Schirokko war deutlich zu unterscheiden von Föhn. Es handelt sich wahrscheinlich um Saharastaub. » Sein Material wurde mit dem von uns gesammelten untersucht. Die Untersuchung führte zu folgenden Hauptergebnissen:

Physikalische Eigenschaften: Die Farbe des Schnees war gelbrötlich, das trockene Filtrat erdfarbig, gelblich bis zimtfarbig. Der Staub besteht zum Teil aus einer mulmartigen Masse, zum Teil aus feinen Körnchen. DieAusführlicher Bericht in « Zeitschrift für angewandte Meteorologie », Heft 8, 1930.

mittlere Grosse der Staubkörner beträgt 0,013 mm, viele Körner sind kleiner als 0,un5 mm; die grössten haben einen mittleren Durchmesser von 0,025 mm. Sie sind teils scharfkantig, teils gerundet. Fig. 1 gestattet einen Vergleich zwischen diesem feinen Staub und dem Flugsand von Tozeur. Selbst mit der feinsten Müllerseide ausgesiebter Sand erscheint, verglichen mit dem Staub im gelben Schnee, als grobes Material.

Mineralogische Untersuchung: Prof. Oulianof in Lausanne stellt fest: Material Klucker: Les grains sont fins et souvent anguleux. Beaucoup d' éléments colorés, entre autres de paillettes de mica noir. On distingue, en outre, du quartz, des feldspaths, des grenats, quelques rhomboèdres de calcites. Material vom Fornogletscher: La plus grande masse est composée d' une matière à l' état colloïdal ou subcolloïdal. Ceux des grains, dont la grandeur permet leur détermination sous le microscope paraissent être principalement des grains de quartz. Le feldspath est beaucoup moins représenté. On remarque aussi quelques grains de grenats, d' amphibole, de tourmaline. Dieses Material ist für das Vorkommnis weniger charakteristisch als das unmittelbar nach dem Schneefall gesammelte. Es wird verändert sein durch Zersetzungen und abgewehtes Material aus der Umgebung.

Chemische Untersuchung: Dr. Feitknecht in Bern findet: Die Hauptbestandteile des Filtrâtes des gelben Schnees sind, geordnet nach ihrer Menge:

Saure Bestandteile: SiO2, SO:„ CO2.

Basische Bestandteile: A12O3, Fe2O3, CaO, MgO.

Phosphorselenide wurden nicht gefunden.

Aus diesen Untersuchungen ergeben sich folgende Schlüsse:

Der Staub im « gelben Schnee » ist wegen seines Quarzreichtums nicht kosmischen ( von Steinmeteoriten herrührend ), sondern terrestrischen Ursprunges. Feinste Vulkanasche hätte ein anderes Aussehen und wäre anders zusammengesetzt. Schon wegen der weiträumigen Verteilung ist Fabrik-staub ausgeschlossen. So feines Material kann sich lange Zeit in der Luft schwebend erhalten.

Ein Vergleich mit den Untersuchungen ähnlicher Vorkommnisse ( Staubfälle von 1867, 1901, 1928 etc., Blutregen von 1926, 1930 etc. ) ergibt eine überraschende Ähnlichkeit der physikalischen, chemischen und mineralogischen Daten. Für viele dieser Erscheinungen ist nachgewiesen, dass sie Abwehungen feinsten Wüstenstaubes sind; häufig ist die Sahara der Lieferant des Materiales.

Indessen ergeben die angeführten Untersuchungen keinen strikten Beweis für den Ursprung der Verunreinigung im gelben Schnee. Ja, es erscheint überhaupt fraglich, ob je ein solcher Beweis durch physikalische, chemische und mineralogische Methoden allein gelingen möchte, selbst wenn einmal die Analysen von den verschiedenen Wüslensanden vorliegen würden.

Hier tritt die aerologische-meteorologische Untersuchung, d.h. die Betrachtung der Luftströmungs- und Wetterverhältnisse, in die Lücke. Unsere Höhenstationen Jungfraujoch, Säntis und St. Gotthard gaben wertvolle Beobachtungen, Prof. Eredia und Direktor L. Palazzo in Rom stellten mir in liebenswürdigster Weise die Beobachtungen der Pilotballonaufstiege und der Wetterelemente der italienischen Stationen zur Verfügung, Prof. Dr. Peppler in Friedrichshafen überliess mir freundnachbarlich die schönen Messungen der dortigen Drachenstation, und Direktor Fadeuille in Algier verdanke ich die Angaben über die Sandstürme, die zu der kritischen Zeit in der Sahara stattfanden.

Das Studium dieses Materials ergab folgende Resultate: Am Morgen des 23. April 1926 werden aus dem ungeheuren Gebiete Beni Abbes-In Salah-Biskra-Touggourt heftige Sandstürme gemeldet, die in ursächlichem Zusammenhange stehen mit einer nordwärts wandernden, saharischen Depression, die das Mittelmeer überquert, mit ihrem Kerne am 25. April früh die Alpen überschreitet und am 26. April den Ärmelkanal erreicht hat ( vgl. die Karten Fig. 5, 6, 7 ).

Aus den Pilotballonaufstiegen der italienischen Stationen, der Drachenstation Friedrichshafen und den Beobachtungen der Wetterwarten unserer Gipfelstationen folgt für die Luftströmung in der freien Atmosphäre an den wichtigen Tagen:

a ) Der am 23. und 24. April in Italien und der Schweiz beobachtete N-E-Wind stellt eine mehr oder weniger seichte Unterströmung dar.

b ) Darüber hinweg weht ein starker Wind aus südlicher Richtung, der in grösserer Höhe ( 2500-3000 m ) Orkanstärke erreicht. Dieser Oberwind berührt, abgesehen von den Alpengipfeln, den Boden des europäischen Festlandes nur in der Gegend von Rom und Neapel und gleitet von da nach Osten und Norden über die Kaltluft hinauf.

c ) Diese hohe Luftströmung stellt die Zirkulation auf der Ostseite des von Süden nach Norden wandernden barometrischen Tiefs dar ( vgl. Wetterkarten Fig. 5, 6, 7 ).

d ) Diese Zyklone haben am 23. April in der Sahara starke Sandstürme verursacht, wobei Massen feinen Staubes hoch in die Luft hinauf gewirbelt wurden, die in den höheren Luftschichten suspendiert blieben. Nur der östliche Teil des Wirbels führt Staub ( vgl. Fig. 4 ).

e ) Die Luftdruckverhältnisse vom 23./2S. April 1926 sind auffallend ähnlich denjenigen vom grossen Staubfall im März 1901, der eingehend von Hellmann und Meinardus untersucht wurde.

Die Temperalurbeobachlungen zeigen, wie die nordwärts wandernde Depression in ihrem östlichen Teile eine Warmluftmasse mit sich führt, die in Italien und der Schweiz den in Fig. 8 und 9 dargestellten auffälligen Tem-peraturgang zur Folge hat. In Italien werden am 24. April extrem hohe Temperaturen gemessen.

Die aus W und NW über Nordafrika hereinbrechende Kaltluftfront ( Böenlinie ) hat am 24. April die Warmluftmasse der Mittelmeerdepression von ihrem Ursprungsort, der Sahara, abgetrennt, so dass sie, den Staub mitführend, als isolierter « Warmlufttropfen » nordwärts wandert. Während am 24. April in Italien eine « afrikanische » Hitze ( bis 30°C ) herrscht, sinkt inNord- Fig. 1.

Fig. 2.

Vergrösserungen 43X- Fig. 3.

Fig. 1. Flugsand aus Tozeur.

Fig. 2. Mit feinster Müllerseide ausgesiebter Flugsand aus der Sahara.

Fig. 3. Staub im gelben Schnee vom 26. April 1926.

Fig. 4. Sandsturmgebiete:vom 23. April WW: vom 29./30. April.

Pfeile: Warmlufttransport mit der nordwärts wandernden Depression. Punktierter östlicher Streifen: Staubtransport. Dunkler Flecken in der Schweiz: Ablagerungsgebiet des Staubes. Grosser Pfeil: Bewegung der Depression vom 29./30. April.

afrika an diesem Tage in Höhenlagen von zirka 1000 m das Thermometer bis auf den Eispunkt.

Auch in Bewölkung und Niederschlag bildet sich der Süd-Nord gerichtete Transport einer Warmluftmasse ab. Über ganz Italien haben sich an der Aufgleitfläche der Warmluft über die Kaltluft ausgedehnte Schichtwolken als Aufgleitkondensationen gebildet, die aber erst bei ihrer Stauung am Apennin und besonders am Alpenkamm zu zeitweise kräftigen Niederschlägen führten. Durch diese wurde der Staub gewissermassen aus der Luft herausgewaschen. ( Im südlichen Teil von Italien, wo kein Niederschlag fiel, war die Luft stark getrübt. ) In den höheren Lagen unserer Alpen fiel der Niederschlag in Form von Schnee, der vom mitfallenden Staub gelbrötlich gefärbt wurde. Dadurch erst wurden die günstigen äusseren Bedingungen geschaffen, die die Beobachtung dieses Staubfalles ermöglichten. Die afrikanische Herkunft des Staubes im gelben Schnee vom 24. April steht ausser Zweifel.

Der internationale Kongress für Meteorologie und Geophysik hat im verflossenen Jahre in Stockholm beschlossen, es sei in Zukunft derartigen Staubvorkommnissen vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken. Sie treten häufiger auf, als man erwarten möchte.Von 1851 bis 1901 sind in der Schweiz — mehr zufällig — fünf Staubfälle beobachtet worden. Nach einer Statistik von Valentin treten die Staubfälle in Europa nur in der kälteren Jahreszeit auf, und zwar vorzüglich beim Übergang vom Winter zum Sommer. Gerade in dieser Zeit fallen in unseren Alpen die Niederschläge gewöhnlich in fester Form und schaffen eine überaus günstige Beobachtungsmöglichkeit. Heute wird das winterliche Hochgebirge fast täglich besucht. Deshalb dürften wohl keine Staubfälle in unseren Alpen unbemerkt bleiben, wenn die Turisten dieser interessanten Erscheinung ihre Aufmerksamkeit schenken wollten. Durch derartige Beobachtungen würden sie sich selbst eine Freude bereiten und der Wissenschaft einen wertvollen Dienst leisten. Es wäre nach Möglichkeit folgendes festzustellen:

1. Möglichst genaue Zeitangabe des Staubfalles.

2. Materialsammlung, dadurch, dass man den gefärbten Schnee einer gemessenen Fläche ( 1 m2, 1/z m2 etc. ) sammelt, schmilzt, das Schmelzwasser filtriert oder sich absetzen lässt und das Filtrat oder den Bodensatz aufhebt.

3. Welches ist der feststellbare Verteilungsraum des Staubfalles?

4. Windrichtung, Windstärke, Wolkenzug?

5. Temperatur?

6. Fällt das Barometer oder steigt es?

7. Trübung der Luft?

Punkt 1 und 2 sind die wichtigsten.

Ich würde zweckdienliche Angaben gerne und dankbar entgegennehmen. Adresse: Dr. Wilhelm Jost, in Bern, Wyttenbachstrasse 25.

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