Der Gletscherraum als Ort der Kunst

Gletscherblick 99 - eine spezifische Form von Landart Natur- und Bergliebhaber werden in diesen Sommermonaten auf ihrem Wanderweg im Alpenglet-schergebiet durch ungewohnte Gebilde, Bauten und Aktionen aufgehalten, die weder in einer Wanderkarte eingezeichnet noch in einem SAC-Führer erläutert werden.

Die 21. schweizerische Ausstellung alpiner Kunst, die der SAC in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe « l' art pour l' aar » organisiert, findet erstmals nicht im Museum, sondern in der Landschaft statt. Diese bildet nicht das Motiv für ein Gemälde oder einen Kupferstich, sondern den eigentlichen Kristallisationspunkt für das Werden eines Kunstwerks.

Kunst im öffentlichen Raum Seit den sechziger Jahren ist die Kunst vermehrt aus den traditionellen weissen Galerie- und Museums-räumen ausgezogen. Die sogenannte Landart suchte damals passende neue Orte für ihre Visionen in Wüstengebieten der USA. Seit den siebziger Jahren hat sich das Kunstschaffen vor Ort im städtischen Kontext etabliert und ist heute Teil der aktuellen Kunstszene. Die meist temporär installierten Arbeiten greifen auf spezifische lokale, geschichtliche und soziale Hintergründe zurück und stellen sie in neue Zusammenhänge. Dabei sind die Kunstwerke nicht mehr explizit als solche zu erkennen. Eines der wichtigsten Ziele solcher im öffentlichen Raum stattfindenden Kunstprojekte ist es, Begegnungsorte für eine breitere Öffentlichkeit im Alltag zu schaffen.

Die für die Ausstellung Gletscherblick 99 entstandenen Arbeiten setzen sich in unterschiedlicher Weise mit den ortsspezifischen Begebenheiten auseinander und sorgen alle für aussergewöhnliche Begegnungen, ungewohnte Assoziationen und feine Blickverschiebungen. Claudio Magoni, einer der teilnehmenden Kunstschaffenden, formulierte im Zusammenhang mit einer früheren Arbeit ein auch für diese Ausstellung gültiges Leitmotiv: « Ich sehe meinen Beitrag als Werk(zeug), das durch seine Präsenz vielerlei mögliche Gedan-kenprozesse bei den Betrachtenden auslöst und sie zu Mitschaffenden werden lässt. » Begegnungen anderer Art...

Jedem Wanderweg seine Raststel-len: Eine Stuhlinstallation aus Holz von Monika Rechsteiner gebietet Einhalt für eine Verschnaufpause. Haben sich die vom Aufstieg ermüdeten Wanderer erst einmal gesetzt und geniessen den Ausblick, lädt eine auf einem Podest stehende Schreibmaschine dazu ein, Gedanken und Eindrücke niederzuschreiben. Die persönlichen Aufzeichnungen sollen später im Schweizerischen Alpinen Gletscherlandschaft als Kristallisationspunkt modernen Kunstschaffens; « Gletscherblick » vom Rhonegletscher auf den Galenstock Museum in Bern einsehbar sein und bei den Leserinnen und Lesern in der Stadt neue Bilder und Vorstellungen der Gletscherwelt hervorrufen. Axel Haberstroh beschäftigt sich ebenfalls mit dem Rastplatz, nicht nur als Platz des Verweilens und des Ausruhens, sondern auch als Ort der Reflexion. Seine Installation besteht aus einem oder mehreren Tischen mit dazugehörigen Bänken und einem Kühlschrank. Darin sind keine kühlen Getränke, sondern eine als Diorama ausgebildete alpine Miniaturland-schaft untergebracht. Damit soll auf die unterschiedliche Art der Wahrnehmung hingewiesen werden: der Blick vom Rastplatz auf eine authentische Landschaft einerseits und auf einen konstruierten Landschafts-Illusionsraum im Kühlschrank andererseits.

Eine Wegbeschilderung der besinnlichen Art nimmt Hans Rudolf Fricker vor. Bezeichnungen wie « Ort der Wut », « Ort der Lust » oder « Ort der Illusion » haben keine « äusserliche » ortsbeschreibende Funktion, sondern schildern vielmehr einen « inneren » Weg der verschiedenen Gemütszustände und Geisteshaltun-gen aus. Eine andere Funktion des Beschilderns trifft man bei der Arbeit « Sommerung » von Ursula und Claudio Magoni. In ihrer Arbeit widmen sie sich den geschichtlichen Fakten der Oberaaralp und den durch den a Modell einer Installation für Gletscherblick 99: « Höhepunkt » von Adrian Scheidegger/Christian Grobb Staudamm unwiederbringlichen Na-tur- und Funktionsveränderungen. Dazu führten sie zahlreiche Gespräche mit ortskundigen und alteingesessenen Menschen, in denen u.a. die Namen der ehemaligen Hirten und die Route des Alpaufzugs von Törbel nach Oberaar in Erfahrung gebracht wurden. Glastafeln mit einge-ätzten Namen, Ortsbezeichnungen, Horizont- und Weglinien werden zu Gedenktafeln, um das sommerliche Ritual und die darin eingebundenen Menschen in Erinnerung zu rufen.

... anknüpfend an die Geschichte Das Bedürfnis, die Alpen wissenschaftlich und philosophisch zu erforschen, ist gut 200 Jahre alt. Davor waren die Berge allgemein Projek-tionsfläche für bedrohliche Schreckensbilder. Die bereits seit mehreren Jahren engagierten Künstler und Künstlerinnen der Gruppe l' art pour l' aar haben sich mit zahlreichen Projekten zu « Kunst im Naturschutzgebiet » etabliert. Das Grup-penprojekt « Hôtel des Neuchâtelois » bezieht sich direkt auf das gleichnamige « Hotel », das Gletscherforscher Louis Agassiz und seine Mitarbeiter auf dem Unteraargletscher erbauen liessen ( vgl. Beitrag S. 28 ). Dieses Hotel als Thema und Zentrum der Gruppenarbeit wird exakt am ursprünglichen Standort auf der Mittelmoräne in Form von Mauern oder einer Plattform aus Stein nachgebaut. Mit zusätzlichen individuellen Arbeiten rund um das schon lange nicht mehr existente « Hôtel des Neuchâtelois » leistet die Gruppe l' art pour l' aar eine Form von historischer Erinnerungs-arbeit.

Ebenfalls an die Tradition der ersten Glaziologen und ihre Grunder-kenntnisse über das Fliessen der Gletscher knüpft Hansjörg Steinmann an:

« Ohne Titel », 1995: Installation von Heinz Stähli, einem Mitglied der Gruppe l' art pour l' aar Ein fünfzig Meter langes ro,tes Band wird von Aluminiumstützert fünf Meter über dem Eisboden absolut waagrecht gehalten. Mit der unterschiedlichen Fliessgeschwindigkeit der Stüt-zenstandorte verschieben sich die Distanzen in der Horizontalen wie in der Vertikalen. Die ursprüngliche Gemeinsamkeit der identischen Höhenlage aller Punkte sowie ihre Ausrichtung auf eine gerade Linie gehen mit der Zeit verloren. Hingegen entsteht eine Aufzeichnung des Verlaufs der Gletscherbewegung. Die Veränderung soll nicht nur visuell, sondern mit Hilfe von Mikrophonen und Lautsprechern auch akustisch wahrnehmbar werden: Der Gletscher lebt.

Und was mag ein Zeltkubus in transparenter Verkleidung mitten Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler Ursula Bohren Magoni, Reinach; Hans Rudolf Fricker, Trogen; Thomas Galler, Luzern; Christian Grobb, Bern; Axel Haberstroh, Karlsruhe; Karin Isler, Basel; Claudio Magoni, Reinach; Monika Rechsteiner, Luzern; Adrian Scheidegger, Bern; Hansjörg Steinmann, Zürich; Bendicht Walthert, Bern; Martin Zimmermann, St. Gallen.

Gruppe l' art pour l' aar: Mercedes Capderila, Tom Gerber, Michel Jausin, Iris Krebs, Anton Rittiner, Nick Roellin, Georges Sprecher, Heinz Stähli, Peter Stähli, Adolf Urweider, Hansueli Urwyler, Hanspeter Wespi auf einem Gletscher bedeuten? Eine Lichtquelle aus dem Innern lässt zwei Figuren in Menschengrösse erkennen. Ist « Höhepunkt » - die Gemeinschaftsarbeit der Künstler Christian Grobb und Adrian Scheidegger- ein Ort als Schutz vor der Kälte, ein Laboratorium für wissenschaftliche Zwecke oder ein Leerraum, der Platz lässt für neue imaginäre Welten?

Beim Gletscherblick 99 wird es auf die Fragen rund um die Ausstellungsobjekte immer mehrere Antworten geben, denn die Kreativität der Betrachtenden ist genau so wichtig wie jene der Kunstschaffenden. Dies ist einer der Gründe, die den Besuch dieser Ausstellung so spannend machen wird.

Mirjam Fischer, Bern

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