Der Itatiaya im Mantiqueira-Gebirge

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

( Brasilien ).

Von R. Streiff-Becker, Sektion Tödi.

Illustrationen nach Aufnahmen des Verfassers.

Im Jahre 1896 fuhr ich zum ersten Male am Fusse dieses Gipfels vorbei mit der Zentralbahn von Rio de Janeiro nach Sao Paulo. Von diesem Moment an blieb es mein stiller Wunsch, diesen höchsten Berg Brasiliens einst besteigen zu dürfen. Nun sollte dieser Traum endlich in Erfüllung gehen. Bei trübem Himmel fuhr ich am 15. Mai mit dem Schnellzug 7 Uhr morgens von Sao Paulo ab. Die Fahrt über die Wasserscheide ( zirka 800 m ü. M. ) der Flüsse Tieté und Parahyba hinunter in das breite Tal des letztern ist eigenartig schön. Die mächtig aufblühende Grossstadt Sao Paulo streckt ihre Arme direkt in den einsamen Camp hinein, wo zwischen steppenartigen Hügeln noch kleine Waldreste die Wasserläufe begleiten und nur die hellblinkenden Häuschen zerstreut wohnender Landwirte uns erinnern, dass wir noch nicht ganz in Wildwest sind. In weiten Abständen kommen wir an Städtchen vorbei; alten Siedelungen aus der Kaiserzeit. Obstgärten, hauptsächlich mit Orangenbäumen, umhüllen die Häusergruppen. Über die Hügel ziehen die langen Reihen der Kaffeesträucher ihre dunkelgrünen, regelmässigen Linien, und in der Flussebene beherrschen die hellgrünen Vierecke der Reisfelder die Landschaft.

Vom Städtchen Cruzeiro an ändert sich das Bild. Der Parahyba, der in breitem, ruhigem Lauf in seinen Windungen oft dicht an die Eisenbahnlinie herantritt, wird nun zum reissenden Strome, etwa von der Wasserfülle unserer Aare bei Bern. Die Talstufe ist in unzählige, ziemlich gleichhohe, abgerundete Hügel modeliert. Sie sehen aus wie « Drumlins », sind aber in Wirklichkeit wohl nur Erosionsrelikte der Talstufe des Parahyba, der gar oft, in Arme geteilt, seinen Lauf geändert haben mag. Die Aufschlüsse an diesen Hügeln zeigen überall den roten Laterit und die vielfarbigen Tone des zersetzten Gneises über anstehendem Gestein. Um 2 Uhr kamen wir bei der Station B aril o Homen de Mello ( ehemals « Campo Bello » ) an, in 407 m Meereshöhe. Hier erwartete mich mein Führer, Sr. Joäo de Freitas, ein Mann von 63 Jahren, aber noch sehr rüstig und von sympathischem Äussern. Wir bestiegen unsere Reittiere, nachdem mein Rucksack und Gepäck in den Sattelkörben eines dritten Maultieres wohlversorgt waren. Meine Stimmung war nicht ganz zuversichtlich, denn schwer hingen die Wolken bis 1000 m herab und gestatteten mir noch keinen Anblick des ersehnten Gebirges.

R. Streiff-Becker.

Nach etwa 1% km Weges durch die Grasebene kamen wir unvermittelt an den Gebirgsabhang und in ein Tälchen hinein, das mich lebhaft an unsere heimatlichen Bergtäler erinnerte. Die beidseitigen Hügel sind mit Blöcken übersät, der Weg auf und ab, eng an das wilde Bergwasser geschmiegt, das in rauschenden Fällen über die Felsblöcke stürzt. Nur einzelne Palmen und Bananenbüsche zwischen flachkronigen Bäumen mahnen mich wieder an die Tropen. Der Talhintergrund ist ein weiter, malerischer Kessel, mit freundlichen Landhäusern und Gärten. Hier ist das Militärsanatorium Bern Fica ( deutsch: « Hier ist gut sein » ).

W I Itatiaya 2830 m ü. M. M Posto Meteorologico 2275 m ü, M P Prateleira 2580 » » » MS Mont Serrât820 » » » PA Pedra Assentada.. 2480 » » » BF Bern Fica460. a > MA Morrò Alto 2340 » »BHM Station Barâo Homen de Meilo. .407 » » Von da an steigt nun der völlig von Urwald überdeckte Abhang des Hauptgebirges steil in die Nebeldecke hinauf. Der Weg geht nun in unzähligen Windungen, fast stets in hohem Wald, steil und holperig bergan, um Bergrücken herum, in feuchte Schluchten hinein, wieder auf einen kurzen Augenblick hinaus auf eine Kanzel, von wo der Blick schon weit und tief zurückfällt auf das Eingangstal und das Sanatorium. Wir bogen in ein Tal ein, in dessen Grund ein starker Bach in vielen Fällen, unter den Baumkronen halb versteckt, der Tiefe zueilt, und traten dann bald aus dem Wald auf eine freie Terrasse hinaus, auf der grössere Gebäude, umgeben von Gärten und mächtigen Bäumen, zur Rast einladen. Wir sind in 800 m Meereshöhe, auf « Mont Serrât », dem Sitz der Direktion der staatlichen Waldreservation, die das Gebiet des Itatiaya umfasst.

Hier müssen alle Halt machen, bevor sie Weiterreisen dürfen, und die Erlaubnis zum Betreten des Naturparkes einholen. Man schreibt seine Personalien in ein Buch und wird vom Herrn Direktor nach brasilianischer Gastfreundschaft mit einer Tasse schwarzen Kaffees erfrischt. Nach weitern 100 Meter Steigung erreichten wir das Häuschen meines Führers Freitas dicht unter dem Nebeldach. Das frugale Nachtessen, nach Landessitte Reis und schwarze Bohnen, schmeckte herrlich nach dem dreistündigen Ritt.

Der Morgen des 16. Mai graute, « graute » buchstäblich. Der Nebel kondensierte am kalten Blechdach und fiel in klatschenden Tropfen auf die breiten Bananenblätter. Fröstelnd, denn ich notierte nur 14 Grad C, bestiegen wir um 7 Uhr unsere Reittiere, und nun ging es in den Nebel hinein, weiter durch Urwald das Tal hinan. Anfangs durchschritten wir Stellen mit niederem Buschwald, in dem versteckt einige Häuschen verlassen liegen. Während des Rittes hörte ich die Geschichte dieses Tales an. Der älteste weisse Besiedler der Hochtäler des Itatiaya war der Barao de Mauâ, Sohn des verdienstvollen brasilianischen Staatsmannes gleichen Namens. Viel später gründete die republikanische Bundesregierung eine Kolonie, um, entsprechend den verschiedenen Höhenlagen, den Bau europäischen Obstes zu fördern. Die erste Besiedlung mit Franzosen schlug gänzlich fehl. Nachher kamen Leute verschiedener Nationen an deren Stelle, und heute sind nur noch der erwähnte Joäo de Freitas und zwei Deutschrussen die einzigen treugebliebenen Kolonisten. Aber auch diese scheinen den Kampf gegen eine übermächtige, urkräftige Natur ziemlich satt zu haben. Die Regierung von Rio hat nun das übrige, grosse Gebiet als eine Art Nationalpark oder botanische Reservation in Obhut genommen.

Wir waren mittlerweile auf 1300 m Meereshöhe gekommen. Eine Brücke überspannt den wilden Bergbach gerade da, wo er in prächtigem Wasserfall, « Cachoeira de Maromba », durch die Granitschlucht braust. Die Vegetation ist hier noch ganz tropisch. Gewaltige Baumriesen, untermischt mit schlanken Palmen, bilden das Dach über uns. Im feuchten Grund leuchten die hellgrünen Wedel der Farnbäume über blühenden Begonien. Ein Vogel mit zinnoberroter Brust und tiefschwarzem Rücken schaute uns lange an. Der Nebel wurde lichter, blaue Himmelsaugen schauten durch, und bald waren wir im strahlenden Sonnenschein über dem weiten Nebelmeer, das im Süden vom fernen Kamm des Küstengebirges begrenzt war. Vor uns aber zeigte sich ein herrlicher Anblick. Hoch-aufgetürmt in voller Klarheit lag das vielgestaltige Gebirge. Ich dachte nicht mehr an das Drücken des Sattels vom ungewohnten Ritt, ich hatte nur noch Augen und Sinne auf das begehrte Ziel gerichtet. Was wir sahen, war aber erst der Rand des Hochplateaus.

In 1880 m ü. M. betraten wir eine Waldüchtung, die den obersten Abschluss eines Seitentälchens bildet. Es war dies eine verlassene Obstbaumpflanzung. Jetzt im Mai, dem Herbst der südlichen Halbkugel, sind die Apfel- und Birnbäume sowieso kahl, sie machen aber auch sonst den Eindruck des Absterbens, da sie über und über mit Flechten und Moos bedeckt sind. An einem Zwetschgenbaum hängen noch einige kleine Zwetschgen. Die Obstbäume hatten sich dank sorgfältiger Pflege des Gründers dieses Gartens zu ordentlichen Bäumen entwickelt, aber auch hier hat offenbar im Kampf gegen pflanzliche und tierische Schmarotzer des nahen Waldes der Mensch den Kürzern gezogen. Das Ganze macht einen melan- cholischen Eindruck, der noch erhöht wird durch den Anblick des verlassenen und halbzerfallenen Hauses.

Wir liessen unsere Tiere etwas ausruhen und stärkten uns selbst an einfachem Mal. Köstlich schmeckte der Trunk des herrlich kühlen Bergwassers. Von hier weg wird der Weg besonders steil und holperig, voll runder Granitblöcke und tiefer Strudellöcher dazwischen. Wir näherten uns der Höhe, das zeigte schon der Wald an, der bis zu dieser Höhe von 2000 m noch voller herrlicher « Zedern », « Canellas », « Cajaranas » usw. war und nun auf einmal knorriger und niedriger wurde. Über Waldlücken, mit trockenem Steppengras und graugrünen Buchsbäumchen ( Alecrim ) bestanden, erblickten wir plötzlich felsige Gipfel, die nun rasch höher und höher wuchsen, und nach kurzem Ritt auf horizontalem Gelände eröffnete sich uns ein Anblick von überwältigender Schönheit. Ein Schweizer, der seine heimatlichen Berge liebt, muss da unwillkürlich rufen: « Das ischt ja mi liäbi Schwiz! » Eine Alp zu Füssen trotziger Gipfel, übersät von mächtigen Felsblöcken, rauschende Bäche, auf gegenüberliegender Höhe eine einsame Hütte und durch die Passlücken Tiefblicke in blauende Ferne. Dieser Anblick kam so unerwartet und war bei näherem Zusehen doch so seltsam! Kein lebendes Wesen weit und breit, die Felsen haben absonderliche Formen, ebenso die vereinzelt stehenden Tannen. In den Erosionsschluchten klettert immergrüner Buschwald hoch hinauf. Im harten, braungrünen Gras weidet keine Herde. Wir können uns eher einen Panther als Staffage in dieses Bild hineindenken und erinnern uns bei diesem Gedanken wieder, in Brasilien und nicht in der Schweiz zu sein. Noch einmal ging der Ritt steil zu einem Bach hinunter und dann zur Höhe « Alto de Itatiaya », wo jenes einsame Häuschen uns vorhin winkte. Nun kamen die Bewohner heraus, voran Dona Rosalina de Freitas, die Tochter meines Führers, die hier oben als Wärterin der meteorologischen Station einsame Tage verlebt. Neben dem Hause befinden sich innerhalb einer festen Umzäunung im Freien verschiedene Apparate, wie Windmesser, Windfahne, Regenmesser, im weiss-gestrichenen Holzhäuschen Thermometer, Feuchtigkeitsmesser, im Wohnhaus verschiedene Barometer. Draussen auch ein Sonnenlichtmesser. Mit grosser Gewissenhaftigkeit besorgt die Tochter die dreimaligen täglichen Ablesungen und wechselt die Diagramme aus. Einmal pro Monat sendet sie die ausgefüllten Formulare nach der Zentralanstalt nach Rio. Das Telephon oder der Telegraph haben diese Gegend noch nicht erreicht. Die Station liegt in zirka 2275 m Meereshöhe, 19 Kilometer von Mont Serrât entfernt. Wir brauchten gut 4 Stunden vom Hause Freitas bis hier hinauf und mussten öfters des steilen Weges halber absteigen.

Obwohl die verhältnismässig kurze Beobachtungsperiode noch keine definitiven Daten liefern kann, sei zur Beleuchtung der Witterungsverhältnisse folgendes erwähnt: Die Temperatur schwankt im Mittel im Jahre zwischen 0 Grad und 20 Grad, ohne sehr grosse Differenzen zwischen Sommer ( Dezember ) und Winter ( Juni ). In den letzten 15 Jahren ( seit die Station in Funktion ist ) war die tiefste Temperatur — 6 Grad und die höchste + 26 Grad. Im Jahre 1919 fielen 3129 mm Regen, anno 1920 nur 2137 mm Die Hauptregenmengen fallen im Januar-Februar, die geringsten im Mai und August. In den beiden erwähnten Jahren kamen einzelne Regenfälle von 110 und 120 mm in wenigen Stunden vor. In den 15 Beobachtungsjahren fiel nur zweimal richtiger Schnee bis etwa 2200 m Meeres- höhe hinunter, der aber innerhalb dreier Tage wieder gänzlich wegschmolz.B.ei unserer Ankunft war die Temperatur + 16 Grad.

Nach einem stärkenden Kaffee erstiegen wir den naheliegenden Gipfel des « Morrò Alto », zirka 2340 m, am Rande des Hochplateaus gegen das Parahybatal. Die Aussicht ist sehr schön und weit. Über dem Parahybatal lag leider noch das Nebelmeer, aber darüber hinaus liess der unendliche Zug der Gipfel der « Serra do Mar », von der « Tijuca » bei Rio de Janeiro weg bis weit in den Staat Sao Paulo hinein erkennen, was der Blick von diesem Punkt aus bei nebelfreiem Wetter uns bieten müsste. Mich interessierte heute weniger die Fernsicht nach Süden und Westen als der Nahblick nach Norden zu den Gipfeln, die wir in den nächsten Tagen bezwingen wollten. Zum Photographieren war es bereits zu dämmerig, aber zu einer Bleistiftskizze musste der Tag noch ausreichen. Parallel zum Höhenzug, auf dem wir stehen, verläuft eine hohe Kette von Granitgipfeln mit bizarren Formen. Die uns nächstliegenden heissen « Pedra assentada » ( sitzender Stein ) und « Prateleira » ( Gestelle ), 2480 m und 2580 m hoch. Dazwischen durch erhebt eine rauhe Granitkuppe ihr Haupt, es ist der höchste Berg Brasiliens, der « Ita-tiayassu » oder « Agulhas Negras » ( schwarze Nadeln ) genannt. Das ganze Massiv heisst Itatiaya. Die Endung « ssu » bedeutet in der Indianersprache eine Steigerung des Ausdrucks, also ist der Gipfel der « höchste Itatiaya ».

Ein wunderbares Abendleuchten im Winkel, der zwischen unserem Massiv und dem Bergmassiv des « Picü » einen tiefen Blick in den Staat Minas Geraes hinein gestattet, lässt uns einen guten Tag für den 17. Mai erhoffen. Ich blättere noch im Hüttenbuch und sehe daraus, dass zu 90 % der Besucher dieses wunder-barens Fleckens Erde Europäer germanischer Herkunft sind und die Brasilianer ihren herrlichen Naturpark fast nur dem Namen nach kennen. Von Schweizern waren auch erst ganz wenige hier oben, unter ihnen unser gegenwärtige Minister Gertsch von Rio de Janeiro. Damals galt der Gipfel noch als unersteiglich. Erst am B. September 1911 gelang es nach langem, vergeblichem Suchen nach einem praktikablen Aufstieg dem Sohne meines Führers, dem jungen Faustino de Freitas, den Berg zu bezwingen. Seither wurde er oft erstiegen, kann aber heute noch ohne Hilfsmittel ( Leiter und Seil ) als recht pikanter Kletterberg gelten. Unter den Touristen können als beste Kenner aller Gipfel die beiden Herren Karl Spierling ( S.A.C. Uto ) und Samuel Heinsfurter von Sao Paulo gelten. Letzterem Freunde verdanke ich die Empfehlung an die Familie Freitas und viele gute Ratschläge. Über die Höhe des Itatiaya wurde und wird noch viel gestritten. Dr. Alvaro da Silveira von der Bergbauschule in Bello Horizonte ( Minas ) will den Berg Caparaó im Staate Espirito Santo mit 2850 m als den höchsten Brasiliens ansprechen, während der Itatiaya nach ihm nur 2830 m Höhe hat. Massena lange vor ihm gab dessen Höhe mit 2994 m an, doch war diese Messung offenbar irrig. Nach altern geologischen Karten soll dem archäischen Grundstock eine jüngere Haube aufsitzen. Dr. A. de Silveira und andere sprechen die seltsamen Felsformen als glazialen Ursprungs an. Diese drei Probleme: Höhe, geologische Formation und Glazialformen, reizten mich besonders.

Ein paar Tassen Matte ( Paraguay-Tee ) werden als Schlaftrunk genossen, und dann kam für mich der grosse Tag, der 17. Mai 1923.

Die Nacht lag noch über der Erde, als Freitas die Türe aufriegelte und mit dem traurigen Bericht kam, dass das Wetter schlecht und von Sternen keine Spur vorhanden sei. Also wurde der Tag abgewartet. Da zeigte es sich aufs neue, dass eine Sache, bei Licht besehen, besser aussieht als im Dunkel der Nacht. Die graue Nebeldecke lag bis etwa 2400 m herunter, aber im Osten Hess die Sonne ein paar Strahlen durch und übergoss das zweite, 1000 m tieferliegende Nebelmeer im Parahybatal mit rosigem Schimmer. Unsere Reittiere weideten weitab von hier irgendwo im Busch, wo sie mit Vorliebe von einem Bambusgras naschen. Wir konnten die Tiere zu unserer heutigen Tour nicht brauchen und schritten deshalb zu Fuss tüchtig aus. Voran mein Führer Freitas, ich mit vollbepacktem Rucksack getreulich in seinen Spuren. Der Rucksack war ihm ein kaum dem Namen nach bekanntes Gepäckstück. Er betrachtete ihn schon gestern mit halbem Misstrauen und überliess ihn mir gerne. Als er aber später sah, wie ich beim Klettern beide Hände frei behielt, während ihn sein lose getragener Futtersack gar oft hinderte, wollte er das Ding doch auch probieren und trug ihn fortan gerne. Auf einem alten, verlassenen Alpweg, noch aus der Zeit stammend, da Barao de Mauâ hier oben Schweizerkäse fabrizieren wollte, stiegen wir rüstig bergan, um den Ausläufer der « Pedra Assentada » herum. Der Weg hat sich durch die Wirkung des Wassers tief in das zersetzte Gestein eingefressen, nur die Granitteile, deren chemische Zusammensetzung der Verwitterung Widerstand leisteten, blieben als runde Blöcke liegen. Dazwischen stehen die hohen Büsche des Grases, genannt « Cabeça de Negro », so dass man oft die Füsse in einem wassergefüllten Loch hatte, die Hände am rauhen Fels, und den Kopf im taunassen Grase. Nun änderte sich das Bild auf dem ersten Sattel plötzlich.

Rechts unten kämpfen wallende Nebel mit den Sonnenstrahlen und lassen uns einen lichten Wald von Tannen sehen ( Araucaria brasiliensis ). Links vor uns liegt ein weites Tal echt alpinen Charakters. Es erinnerte mich lebhaft an die Passhöhe unseres St. Gotthard. Im braungrünen Gras die ungezählten Granitblöcke, hellgrau und violett angewittert und mit grünen und gelben Flechten bedeckt, klare Bächlein, halb verborgen, da und dort ein Seelein bildend, und das Ganze umschlossen von trotzigen Felsen, die von Zeit zu Zeit vom zerfliessenden Nebel enthüllt werden. Kugelige Büsche mit feinen, roten Blümchen erinnern an unsere Erika, weissbehaarte Stengel und Blättchen der « Marselha » und « Arnica»täuschen von weitem das Edelweiss vor.

Die Nebel wurden allmählich lichter, goldener und liessen bald hier, bald dort ein Stück tiefblauen Himmels oder einen Berggipfel sehen. Wir setzten uns am Rande eines Seeleins hin, etwa in 2500 m Höhe. Auf einer kleinen Höhe am Eingang des Tales liegt eine Filiale des meteorologischen Postens, wo allwöchentlich einmal die Ablesungen gemacht und die Diagramme gewechselt werden. Für einen Moment kam die Prateleira klar aus dem Nebel, aber bis ich den Photoapparat gerichtet hatte, war wieder alles grau in grau. Wir warteten geduldig ab. Die kleine Ruhepause nach den 2% Stunden Weges bis hierher war ganz angenehm. Ein braunes Vögelein kam ganz zutraulich fast in Greifnähe. Es hat wohl den bösen Menschen noch nicht kennen gelernt. Auf einmal ward es hell in unserem Rücken. Wir schauten auf und sahen die jähen Wände und Zacken der « Agulhas Negras » in die reine Bläue des Himmels ragen. Sie präsentieren sich ähnlich wie der Mürtschenstock vom Robmen aus im grossen ganzen und doch wieder so seltsam im einzelnen. Was dem Auge als fester Alpboden zwischen den Felsblöcken erscheint, ist in Wirklichkeit mannhohes Pflanzenwerk, dichtes Gewirr von hartem Gras auf torfigem Grund, knietiefem, wasserdurchtränktem Moos, knorrigen Bäumchen mit winzigen Blättchen und Zwergbambus, dessen Stengel zwischen den Knoten nicht hohl sind wie beim gemeinen Bambus, sondern voll.

Von 2500 m Höhe an wird die Vegetation spärlicher, weil der Fels immer steiler wird. Die bis 45 Grad geneigten Granitplatten sind, wie Riesenwellblech, mit 50 bis 70 cm breiten und halb so tiefen Rillen in der Gefällsrichtung durchzogen und werden überragt von den 200 m hohen Steilwänden der Gipfelpartien, welche gar absonderliche Verwitterungsformen zeigen, wie ich dergleichen noch nirgends beobachtet habe. Einige Wände sind durch tiefe Kerben in Säulen geteilt, dass sie aussehen wie eine Reihe von Heizkörpern einer Zentralheizung. An einer Stelle hängt ein über 6 m langes Felsstück frei in die Luft, geformt wie Hals und Kopf einer Riesenente.

Wir arbeiteten uns im Grünzeug rasch empor. Meine weisse Leinenhose nahm im Moorboden bald eine dunklere Färbung an, und nun ging es in den Erosionsfurchen der steilen Platten weiter empor. Die Nagelschuhe passten genau in den Grund der Rillen, indessen man mit den Händen zu beiden Seiten auf den konvexen Rücken gut nachhelfen konnte. Die harten Quarz- und Augitkristalle ragen ein wenig über das Muttergestein empor, so dass der Fels durchwegs wie allergröbstes Schmiergelpapier aussieht und das Klettern sehr erleichtert.

Die einzige bis jetzt gefundene Aufstiegsroute führt durch einen etwa 100 m hohen Kamin, welcher wohl durch Auswaschung einer tiefen Verwerfungsspalte entstanden sein mag. Anfangs geht es darin leicht über Stufen hinauf. Dicke Graspolster und die schon erwähnten, zähen Zwergbambusse geben guten Halt, und zwei oder drei Wändchen werden überwunden, indem man sich an den Wurzeln und Stämmchen der Buchsbäumchen hochzieht, die irgendwo in dunkler Spalte wurzeln. Die Kluft wurde enger, und das oberste Drittel erheischt ein richtiges Klettern und Stemmen über oder unter eingeklemmten Platten und Blöcken, bis man zu einer dunklen Kammer gelangt, von wo aus man nur noch das Loch sieht, durch das man herauf kam, und je links und rechts oben ein Fenster mit einem Stück blauen Himmels. Das Fenster links ist ohne Seil und Leiter nicht erreichbar. Da wir keins von beiden hatten, wandten wir uns dem rechten Fenster zu. Das untere Gesimse kann man mittels einer Stufe und leichtem Aufschwung mit den Händen erfassen und sich so weit hochziehen, dass man den Oberkörper in eine etwa 40 cm klaffende, schrägaufwärts führende Spalte schieben konnte. Wir verstauten alles an unserer Kleidung vorstehende Zeug, Brillenfutter, Uhrkette und Hut, im Rucksack, ehe wir diese Eidechsengangart anschlugen. Dank der Rauheit des Granites ging es knirschend, aber sicher vorwärts, vorerst in ein Haufwerk runder Blöcke, dann hinaus gegen eine Wand. Unsere Spalte geht in zirka 30 Grad Steigung weiter dieser Wand entlang. Der obere Teil der Wand tritt gegen den untern etwas zurück. So entstand ein vegetationsbedecktes Band, das konvex nach unten in die Wand übergeht. Ein Teil der Vegetationsdecke musste erst kürzlich abgerutscht sein, nur eine schmale Reihe in der Spalte festgeklemmter Polster blieb oben, den Übergang erleichternd. Der blossgelegte Felsen war noch nass und hellfarben, wie frischgebrochener Stein, nicht so grauviolett wie der altangewitterte Fels. Von jedem Pflanzenpolster aus geht eine anfangs nur schwach angedeutete, nach unten tiefer und breiter werdende Rille, an deren Grund j e ein braunes Wässerchen vom vertorf ten Wurzelstock herunterrann.

Vorsichtig wurde diese Passage genommen, dann ging es luftig über Klüfte und Blöcke dem Gipfel zu. Schon im Aufstieg, besonders aber im Gipfelkamm, fielen uns kreisrunde, halbkugelige Löcher im Fels auf, etwa 10 bis 25 cm im Durchmesser, oft mit etwas Sand im Grund und Wasser gefüllt. Der ganze Gipfelkamm ist voll wunderlicher Verwitterungsformen. Wir sahen da karrenartige Rinnen, einzelne Blöcke teils kantig, meistens aber abgerundet und mit zahlreichen Löchern besetzt, wahre Mondlandschaft, oder durch Rinnen in Säulen und Platten zerlegt, aber keine losen Trümmer, keine Schutthalden. Ich konnte nicht ein einziges Handstück auflesen, sondern musste mir ein solches mit Meissel und Hammer vom Gipfel mit Mühe losklopfen. Auf dem platten Dach der Gipfeltürme sitzt in den breiten Karen noch üppige brasilianisch-alpine Flora, bei deren Anblick ich aufs neue meine Unkenntnis in botanischen Dingen bedauerte.

Die Aussicht vom Gipfel des « Itatiaya » oder « Agulhas Negras » ist weit und schön, besonders fesselnd ins Tal des « Parahyba ». Ich will verzichten, hier auf Einzelheiten einzugehen und alle die Namen der Orte anzugeben, die dem Leser doch nicht vertraut sind. Ich freute mich königlich, das Ziel erreicht zu haben, nachdem ich über ein Vierteljahrhundert in seinem Bereiche gelebt und mir nie die Zeit zu einer Besteigung erlaubt hatte. Die Notwendigkeit des Erwerbs materieller Güter hält eben den Menschen gar oft in der Tiefe fest, buchstäblich und bildlich. In diesen freien Höhen spricht ein ganz anderer Geist zu uns und erfüllt uns mit Glücksgefühlen.

Mein Aneroid gab als Höhe 2825 m an. Ich notierte mittags um 12 Uhr im Schatten einer Spalte + 12 Grad C, und Windstille liess den Gipfelgenuss vollkommen zu.

Der Abstieg ging rasch und sicher vor sich, nur die Hose wurde bedenklich aufgerauht, und jedesmal, wenn mein Führer Freitas, den Rucksack als Bremsklotz benützend, sich durch eine Spalte gleiten liess, wurde mir angst und bang um den getreuen Gefährten, den Rucksack nämlich. Als wir unten ankamen, beleuchtete die Mittagssonne die Aufstiegsroute, so dass ich noch eine Aufnahme machen konnte, dann aber zog es uns mit Macht zur Talrinne, wo über Fels und feinen Quarzsand das herrliche Wasser rinnt. Wir tranken, tranken mit dem unbeschreib-baren Genuss eines wirklich Dürstenden. Der Aufstieg vom Fusse des Gipfelgrates bis zum Gipfel ( zirka 400 m Höhendifferenz ) dauerte \l/2 Stunden, der Abstieg 1 Stunde. Ein gutes Seil würde die Besteigung bedeutend erleichtern.

Wir kehrten ungefähr auf demselben Weg zum Stationshaus zurück, nur war jetzt der Himmel heiter, und die Abendsonne beleuchtete die farbenprächtigen Bilder, die meine Kamera leider nur schwarz auf weiss und sehr unvollkommen wiedergibt. Ein paar besondere Objekte wurden mit Bleistift im Skizzenbuch festgehalten. Der glanzvolle Sonnenuntergang in der Passlücke diesseits der « Serra do Picü » hätte aber der Wiedergabe durch den Pinsel eines Segantini bedurft, um auch nur eine Ahnung seiner Wirklichkeit in einem Beschauer wachzurufen.

Der andere Morgen brach in den Höhen nebelfrei an, nur in 1300 m Tiefe lag das unbewegliche Nebelmeer, wie seit vielen Tagen schon. Mein Führer erklärte, dass unsere heutige Tour nach der « Pedra Assentada » und « Prateleira » nicht so weit, aber teilweise mühsamer und heikler sei als unsere gestrige. Die « Prateleira » wurde 1920 zum ersten Male von den Herren Oswaldo Leal und Karl Spierling aus Säo Paulo bestiegen.

Langgestreckte Cirrhuswolken von Westen herauf liessen auf den Abend Witterungsumschlag befürchten. Deshalb zogen wir so schnell wie nur möglich los, ein Stück weit auf dem gestrigen Weg, dann nach links zum Grat der « Pedra Assentada » abbiegend. Wir sprangen von einem « Negerkopf » auf den andern; wer daneben sprang, sank tief im schwarzen Moorgrund ein. Unter dem Gewicht unserer Füsse rann das braune Moorwasser aus dem vertorften Wurzelstock wie aus einem gefüllten Schwamm, und das lange Gras breitete sich auf dem Kopf radial zu einer grünen Rosette aus.

Etwas höher oben wird der Grund fester. Es treten erst flach, als Schilder, dann höher als Halbkugeln und schliesslich als frei aufliegende Kugeln grosse Granitblöcke aus dem Grase, und schliesslich ist der ganze Gipfelgrat nur ein Haufwerk trocken aufeinanderliegender, 20 bis 200 m3 grosser Granitkugeln. Man kann oft von oben durch zwei und drei Stockwerke in dunkle Tiefen sehen, aus denen herauf ein Baumstamm sich reckt und gerade seine kleine Krone zwischen den obersten Kugeln ans Licht bringt und so von weitem einen festen Boden zwischen Steinblöcken vortäuscht.

Es ist nicht leicht, einen praktikablen Weg in diesem Blockwerk zu finden, und der Sprung von Kugel zu Kugel ist nicht immer ungefährlich, über Löcher von 10 bis 15 m Tiefe. Zum Glück ist die Oberfläche immer sehr rauh und fest. Die leichter löslichen Bestandteile des Felsens werden abgelaugt, die härteren Kristalle bleiben als feine Warzen stehen, bis deren Wurzel zu fein wird und abbricht, besonders bei Hagelwetter. So werden diese Granitkugeln immer kleiner wie ein sich auflösendes Zuckerstück. Das abfliessende Wasser erzeugt die tiefen Einkerbungen, besonders unter Mitwirkung von Pflanzensäften. An einigen Kugeln wieder sieht man, wie die Abwitterung in konzentrischen Stücken vor sich geht und die Kugel unter Beibehaltung ihrer Form allmählich kleiner werden muss wie eine Zwiebel, die man abhäutet. Seltener sind die Blöcke, die in grössere Teile zerspalten sind, und auch hier vielleicht weniger durch Sprengwirkung infolge Temperaturwechsels als durch Schlag und Sturz hervorgerufen. Die wunderlichsten Formen fesseln unser Auge. Der Gipfelstein, der dem Berg den Namen gab, ist ein etwa 120 m3 fassender Block, der lose auf einem mehr als 1000 m3 grossen Stein sitzt, so kühn und keck, dass man glauben möchte, ein kräftiger Windstoss müsste ihn in die Tiefe stürzen. Von hier aus präsentieren sich die « Agulhas » als schöne Pyramide und scheinbar leicht zugänglich.

Wir suchten nun den Abstieg gegen ein Seitentälchen des gestern durchlaufenen Hochtales. Die Sache ist nicht so einfach, wie sie von weitem erscheint. Man ist im Abstieg leicht versucht, einen Sprung nach unten zu tun, der aber verhängnisvoll werden könnte, wenn dann kein Ausweg aus dem Keller unter den Blöcken gefunden werden kann. Nach einigem Auf und Ab fanden wir eine Schlucht, in der dichtes Pflanzenwerk und zähe Buchsbäumchen die Arbeit erleichterten. Wunderbare Blumen in leuchtenden Farben wirken neben dem dunklen Laub der Bäumchen und dem perlgrauen Grundton der Felsen wahrhaft entzückend. Besonders erwähnenswert ist die goldbraune Dolde mit violettem Hauch darüber, der « Paraplanta », wie sie nach Aussage meines Führers ein Kenner benannt haben soll. Eine andere Blume, zitronengelb mit orangeroten Tupfen, sieht aus wie ein Schmetterling, der eben abfliegen will; eine dritte sendet aus agaveartigem Blätterbusch einen hohen, zinnoberroten Blütenkolben aus.

Dazwischen reckt der schon oft erwähnte Zwergbambus, « chusquea pinifolia », seine mit hellgrünen Blättern dichtbesetzten Triebe ans Licht, und der rauhe Fels ist mit trockenen, gelbgrünen Flechten besetzt wie ein Kinn mit Bartstoppeln. Eine kleine Pflanze, deren Stengel, zierliche Blättchen und Blüten weiss bewimpert sind und die sehr aromatisch riecht, nennt mein Führer « Arnika », eine andere erkenne ich als Salbei. Unten im Tal ist ein kleines Seelein, rings umgeben von hohen Büschen des Grases « cabeça de negro » ( Negerkopf ). Der Wurzelstock dieses Grases steht isoliert über dem Boden in Form und Grosse etwa wie ein Bierfässchen. Er ist ganz vertorft und mit braunem Wasser vollgesogen. Es macht den Eindruck, als ob die Pflanze auf sich selbst wurzle und höher und höher aufbaue. Ich fand den Namen « Negerkopfgras » etwas deplaciert, denn Neger haben doch nicht so langes, steifes Haar. Mein Führer erklärte mir die Sache einwandfrei: Wenn das Gras zur Trockenzeit wie üblich angezündet wird, kräuseln sich die langen Halme zu kurzen, schwarzen Spiralen zusammen, und das Feld sieht dann mit den rundlichen, geschwärzten Wurzelstöcken tatsächlich wie mit Negerköpfen besetzt aus.

Vom kleinen See aus zieht sich das Tal steil gegen die Prateleira hinauf. Hier liegt nun ein Naturpark von ganz besonderem Reiz. Der Gipfelkamm der Prateleira ist wieder ein Haufwerk von rauhen Wänden, Türmen und Blöcken, alle abgerundet, geriffelt und gespalten. In einer Kluft hängt ein Riesenblock, dessen tiefe Furchen, etwa 45 Grad geneigt, von links oben nach rechts unten gehen und welche wiederum mit neuen, erst schwach angedeuteten, nun senkrechten Rinnen überkreuzt sind, auf diese Weise das Alter und die Geschichte seiner besondern Lage verratend.

Der Talgrund besteht aus riesigen Granitplatten, die nach allen Gefälls-richtungen tiefgefurcht sind, und auf zwei bis drei Meter hohen Sockeln paradieren darüber in abenteuerlichen Stellungen mächtige, abgerundete und tiefgekerbte Felsblöcke von Hausgrösse. Unschwer lässt sich erkennen, dass die Felsplatten und Oberflächen der Blöcke im Laufe der langen Zeit um zwei bis drei Meter abgelaugt worden sind, und die Säulen unter dem Schütze des Blockes erhalten blieben wie die Säulen unter den Gletschertischen in unsern Alpen.

Ein Block sieht aus wie eine halbgeöffnete Rose und wurde deshalb « Pedra Rosa » getauft. Ein anderer dürfte « Pedra Tornata » heissen. Es gelang mir gerade noch, den letztern auf die Platte zu bringen, als der Nebel in raschem Fluge herankam und uns zur Heimkehr zwang.

Von der grössern Tierwelt bekam ich wenig zu sehen, aber mein Führer Freitas versicherte mir, dass gelegentlich der Tapir und der Panther ( Onça ) Ausflüge ins Hochland machen. Häufiger sollen der « Quati » ( ein Halbaffe ) und ein Zwerggürteltier und der sogenannte kleine Waldhund vorkommen. Ausser der Schwalbe und Amsel belebt der Aasgeier die Luft, der « Jacü » ( dem Auerhahn ähnlich ) den Wald und das Rebhuhn den Camp. Von Schlangen kennt Freitas hier oben nur zwei, aber sehr giftige Arten, die « Jararäca », mit braun-und gelb-schwarzer Zickzacklinie gezeichnet, und die ganz schwarze « Urutii ». Am folgenden Tage musste ich die Heimreise antreten. Der Ritt durch den Urwald ins Parahybatal hinunter war wieder sehr genussreich. Manche schöne Partie des Weges, Wasserfälle unter Palmengruppen, würde ich gerne hier im Bilde zeigen. Leider war mein Filmvorrat erschöpft, ein anderer Teil verunglückt.

Vom Speisewagen des Schnellzuges nach Säo Paulo aus grüsste ich nochmals die « Agulhas Negras » und das eigenartige Hochland, das so verhältnismässig nahe den glänzenden Grossstädten ist und doch so wenig bekannt und besucht.

Die wenigen Tage, die mir zum Besuche des Itatiaya-Massives zur Verfügung standen, waren natürlich nicht genügend, um mir eine befriedigende Antwort auf die eingangs gestellten Fragen zu geben, wie z.B. über die Höhe des Gipfels, den geologischen Bau und über die Entstehung der als « glazial » angesprochenen Felsformen.

Es will mir scheinen, dass alle drei Fragen noch der exakten Lösung durch Fachgelehrte harren. Das Itatiaya-Massiv ist noch ein dankbares Feld für Geologen, Botaniker und Zoologen. Leider existiert noch keine genaue Karte des Itatiayagebietes, das hauptsächlich zum Staat Rio de Janeiro gehört. Nur der Staat Minas Geraes, der Bundesdistrikt und der besonders fortschrittliche Staat Säo Paulo besitzen eigene, gute Kartenwerke.

In der geologischen Karte Brasiliens von John Casper Branner, 1919, ist die Gipfelpartie des Itatiaya als Eruptivgestein ( Igneous Rocks ) angegeben, mitten im brasilianisch-archäischen Block.

Das Auffallende an diesen Bergen ist das gänzliche Fehlen von Schutthalden und die Trümmerlosigkeit der Gipfel. Die Bäche enthalten nur ganz kleine Gerolle, hauptsächlich nur Quarzsand. Als Ursache dieser Erscheinung glaube ich die sehr kleine tägliche und jährliche Schwankung der Temperatur annehmen zu dürfen. Die Sprengwirkung durch plötzlichen Temperaturwechsel ist hier, im Gegensatz zu unsern Alpen, fast null oder selten. Viel wirksamer ist jedenfalls die chemische Auflösung durch Regenwasser und organische Säfte ( Säuren ); daher sind scharfe Kanten so selten. Alles ist abgerundet.

Die Entstehung der auffälligen Felsformen, wie Kugeln, Rillen und Löcher, auf die Wirkung früherer Vereisungen zurückzuführen, scheint mir nicht haltbar zu sein. Ich konnte nirgends unzweideutige Eiszeitspuren entdecken, weder Gletscherschliffe, noch Moränen, noch Glaziallehm, noch Erratikum. Nach J. C. Branners Geologie von Brasilien sind die als glazialen Ursprungs gedeuteten Lehme und Rundblöcke in den Staaten Säo Paulo und Minas permischen Alters. Spuren jüngerer Eiszeiten sind bis jetzt nicht gefunden worden. Wenn aber die solch ausgedehnten Vergletscherungen entsprechenden Gebirge und Firnsammelbecken längst durch Abtragung verschwunden sind, wären denn da die glazialen Kleinformen erhalten geblieben? Wohl kaum! Die höchste heutige Erhebung erreicht nicht 3000 m. Die Firnlinie in gleicher geographischer Breite in Bolivien liegt in 4600 m ü. M. Die Zeit der grossen Niederschläge fällt in den Tropensommer, die kühle Jahreszeit ist sehr niederschlagsarm. Das sind alles Umstände, die gegen eine Vereisung zur Diluvialzeit sprechen und auch eine solche zur Permzeit nicht sehr wahrscheinlich erscheinen lassen. Die Erosionsformen habe ich weiter oben schon in Bild und Wort beschrieben. Sie scheinen mir viel zwangsloser zu erklären als mittels Eistheorie.

Die karrenartigen Rillen entstehen durch vorgehend chemische Tätigkeit des Wassers und nachfolgend mechanischer durch das Mitführen der harten, ungelösten Quarz- und Augitkristallen. Die Kugelform entsteht durch Auswitterung härterer Stellen aus dem Muttergestein, welches früher aufgelöst wird, und die Löcher umgekehrt durch Einwitterung und Zersetzung weicherer Stellen, R. Streiff-Becker.

ehe das umliegende Muttergestein angegriffen wird. Die Löcher treten sowohl auf dem Rücken wie im Grunde der Karrengebilde auf, zeigen keine Spiral-gänge oder Ritzen noch haben sie Reibsteine auf dem Grunde und sind nicht tiefer als ihr Durchmesser. Platzregen und Hagel räumen die Löcher aus, die deshalb gewöhnlich nur wenig Quarzsand enthalten. Rundblöcke kann man längs der Meeresküste in Menge sehen, ebenso auch im Hochland, wo z.B. in « Riberäo Pires » im Staate Sao Paulo solche Granitkugelhaufen als Steinbrüche ausgebeutet werden. Ebendort ist ein hoher Einschnitt der Säo Paulo Railway sehr instruktiv. In diesem Einschnitt sieht man in dem zu sandig-toniger, roter Erde zersetzten Muttergestein grosse Kugeln aus schönem, gesundem Granit regellos eingebettet wie die Rosinen in einem Kuchen. Wird die Erde von einem solchen Hügel durch das Regenwasser abgeführt, kommen die Kugeln allmählich obenauf, bis sie einen trockenen Kugelhaufen bilden. ( Siehe das Bild « Pedra Assentada », Fig. 8 der beigefügten Autotypietafeln. ) Das Hochplateau des Itatiaya ist nur auf wenigen Wegen erreichbar, sonst ist der eigenartige Naturpark durch einen imposanten Mantel schwer durchdringlichen Urwaldes abgeschlossen. An Schönheit und Mannigfaltigkeit reicht das Itatiayagebirge bei weitem nicht an unsere Schweizerberge heran, aber ich möchte doch jedem Naturfreund und Forscher, der Gelegenheit hat, nach Brasilien zu kommen, warm empfehlen, dem höchsten Berge des Landes einen Besuch zu machen.

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