Der rechte Weg

Weg

Ernst Siegenthaler, Biel

Im Einklang mit der Natur Deutlich erkenne ich die Skispur meiner Kameraden im tiefen Pulverschnee. Sie sind heute Nachmittag durch das Val Tuors zur Keschhütte auf 2632 m aufgestiegen, um von dort aus während einer Woche die Alpen südlich der Suvretta bis ins Ötztal zu durchqueren.

Eigentlich sollte ich erst morgen zu der Gruppe stossen, doch der schöne Abend verleitet mich, den Aufstieg in Angriff zu nehmen, obwohl es schon spät, bald 18 Uhr, ist. Ich fühle mich richtig in Form, und das schöne Wetter verspricht ein genussreiches Erlebnis.

Bald habe ich Bergün hinter mir, die Steigfelle aufgeklebt. Ein Stück weit begleitet mich noch die untergehende Sonne. Jetzt dürften meine Kameraden in der Hütte sein und vermutlich eine dampfende Suppe geniessen. Ich falle in einen zügigen Schritt und gleite wie beflügelt durch die zauberhafte Landschaft. Weit hinten im Tal eine Alphütte, dann ganz zuhinterst eine kleine Häusergruppe, bevor der steile Aufstieg beginnt.

Diese Ruhe, ganz allein in dieser Einsamkeit, ein unbeschreiblich beglückendes Gefühl. Vergessen sind die anfänglichen Schmerzen in den Schuhen und, vom schweren Rucksack, auf den Schultern. Ein Sternenhimmel baut sich auf, wie er schöner nicht sein könnte. Dank dem klaren Wetter wird es sicher lange hell bleiben. Die Berggipfel zeichnen sich rötlich am Himmel ab. Sie sind verziert mit leichten Schneefahnen. Dass diese letzteren für mich noch eine Bedeutung haben könnten, darüber mache ich mir keinerlei Gedanken.

Ich geniesse es, meinen eigenen Schritt zu laufen, muss aber daran denken, die Kraft so einzuteilen, dass sie für mindestens einige Stunden ausreicht. Viel sicherer kommt man über eine grosse Distanz, wenn der Führer vorne den richtigen Gang einschlägt und die ganze Gruppe harmonisch mitläuft. Dieser gleichmässige Rhythmus ist sehr wichtig. Auf Touren stört es mich manchmal nur, wenn ich bei steilem Gelände die Steighilfe an der Skibindung einraste und ein Kamerad hinter mir einen Fluch ausstösst, weil er seinen Schritt während ein paar Sekunden verlangsamen muss. Doch an diesem Abend bin ich allein und nichts kann mich aus dem Gleichgewicht bringen. Die tiefen Spuren im Pulver, die durch den Föhrenwald ansteigen, zeigen mir den Weg. Auch die Skistock- Einsamer Aufstieg ( Im Gebiet Grialetsch-Kesch ) löcher stimmen mit unserer Gruppe überein, so dass ich volle Gewissheit habe, auf der richtigen Route zur Hütte zu sein.

Über der Waldgrenze bietet sich mir ein völlig neues Bild. Die Konturen der Hügel und Berge gehen fliessend in den Himmel über, vielmehr in ein einzigartiges Meer von Sternen. Ich fühle mich wie auf dem Dach der Welt und komme kaum aus dem Staunen heraus. Zum Rasten bleibt jedoch keine Zeit, denn es ist empfindlich kälter geworden. Dank der Anstrengung bleibt der Körper aber gut durchwärmt. In meiner Laufrichtung fixiere ich drei ganz tiefliegende Sterne als Anhaltspunkte. Eines dieser Lichter ist viel gelber, in einer Distanz von schätzungsweise 1 bis 2 Stunden. Sicher haben sie in der Hütte ein Licht brennen lassen?

Vom Winde verweht Aus meinen Träumen werde ich jäh wachgerüttelt, als ich vor mir keine Spur mehr sehe. Bin ich wohl falsch gelaufen? Ich gehe zurück und suche mit der Stirnlampe intensiv das Gelände ab. Der Wind pfeift mir um die Ohren, was mir plötzlich den Ernst der Lage bewusst macht. Keine Spur einer Spur - vom Winde verweht. Ich taste mich weiter in Richtung meines gelben Sterns - und finde glücklich wieder den Weg. Er ist zwar nicht mehr so eindeutig erkennbar, aber ich fühle mich doch in Sicherheit.

Aber jetzt bringt der eisige Wind immer mehr die Spur, die mich sicher ans Ziel führen soll, zum Verschwinden. Ich beobachte ganz intensiv jede Geländeunebenheit. In solchen Situationen kommt uns das bei Blinden so ausgeprägte Tastgefühl zu Hilfe. Ich spüre, dass ich auf der richtigen Fährte bin, denn wenn ich seitlich abweiche, sinken die Ski tiefer ein. Dieses Tasten durch die Dunkelheit braucht zwar viel Zeit, bringt mich aber wieder über grosse Stücke vorwärts -bis plötzlich der Schnee überall gleich weich und gleich tief ist. Da erkenne ich weiter oben im Lampenschein eine Reihe kleiner Einbuchtungen im Schnee, kaum merkbar, die nicht ganz zugewehten Löcher der Skistöcke. Die Lampe sucht jetzt jede kleinste Bodenveränderung scharf ab. Zu meinem Pech hat leider die Leuchtkraft schon stark abgenommen. Ob sie wohl noch reicht bis zur Hütte? Dort- ein deutlicher rechteckiger, schwarzer Fleck, das müsste sie doch sein. Ich taste mich weiter voran, aber diese Illusion wiederholt sich noch einige Male. Habe ich nicht eben Stimmen gehört? Nach meiner Uhr müsste das Ziel ganz nahe sein. Ich rufe laut in den Wind und horche wieder. Die vermeintlichen Stimmen tönen wie Orgelmusik.

Ungewissheit Um meinen schnellen Puls zu beruhigen und um besser zu hören, verhalte ich mich eine Weile ganz still. Ich überdenke meine Lage. Immer noch überwiegt in mir ein Glücksgefühl, mit der Natur verbunden unter dem prachtvollen Sternenhimmel dahinzu-schweben, umgeben von berauschenden Klängen des Windes. Nur langsam melden sich leise Sorgen: Kann ich bei 20 Grad minus die Nacht draussen überleben? Oder grabe ich mich mit der Lawinenschaufel in den Schnee ein? Mit dem Gedanken des Ein-grabens kann ich mich bei dem vorherrschenden Pulverschnee allerdings nicht befreunden. Viel lieber laufe ich bis zum Morgengrauen weiter, um mich warm zu halten. Dazu muss ich nun aber unbedingt Ersatzbatterien in die erlöschende Stirnlampe einsetzen. Gerade das jedoch scheint mir das grösste und zugleich schicksalhafte Problem zu sein. Die vier kleinen Stabbatterien herausnehmen ist einfach. Schwieriger aber, bei völliger Dunkelheit vier neue aus dem Rucksack in die Lampe einsetzen, jedesmal den Plus- resp. Minuspol richtig nach oben oder unten gekehrt. Was tun, wenn die Übung nicht gelingt? Ein Streichholz zu Hilfe nehmen wäre noch die letzte Möglichkeit; bei dem rasenden Wind allerdings ein fragwürdiges Unterfangen. Mehr und mehr wird mir bewusst, dass ich nun stark bleiben muss. Es darf nächste Woche nicht in der Zeitung stehen . Ich habe doch meiner Familie, Kindern und Grosskin-dern versprochen, bei meiner Heimkehr werde ein schönes Geburtstagsfest gefeiert.

Es gab nur einen rechten Weg Ich muss einen guten Schutzengel haben, denn meine Lampe brennt wieder, und, welch ein Wunder, im hellen Lichtkegel finde ich nach einigem Suchen erneut den Hauch von Spuren im verwehten Schnee. So kann ich den rechten Weg weiter verfolgen, wenn ich ihn auch immer wieder neu suchen, erforschen, befühlen muss. Noch manchmal bilde ich mir ein, die Hütte im Dunkel zu erkennen. Bis endlich hinter einem Hügel - es ist diesmal keine Fata Morgana - die Konturen eines Hausdaches erscheinen. Wirklich, es ist die Hütte, und bei näherem Suchen entdecke ich noch Licht durch ein kleines Fenster. Die Worte fehlen mir, um meine Gefühle zu beschreiben. Ich bahne mir einen Weg durch hohe Schneewächten und erblicke drinnen den krausen Haarschopf und ebensolchen Bart von Willy, unserem Führer, der mit zwei Frauen am Tisch sitzt. Sie glauben im ersten Moment wohl an ein Gespenst, lassen mich aber gleich durchs Fenster in die heimelig warme Küche einsteigen. Die Hüttenwartin Erika und ihre Freundin Lisa waren extra aufgestiegen, um unsere Gruppe, die jetzt schon schläft, zu verpflegen.

Welch ein Glück habe ich, nach den schwierigen Stunden in eisiger Winternacht hier geborgen zu sein. Willys Blicke sagen mir, was er von meiner Tat hält - dazu braucht es nicht viele Worte. Mir ist auch klar, dass ich keinen Grund habe, auf meine Leistung stolz zu sein. Einer höheren Macht habe ich es zu verdanken, dass mein etwas leichtsinniges Experiment so gut endete - es gab nur einen rechten Weg.

Wer viel wandert kennt es: das erhebende Gefühl, wenn der Aufstieg beendet ist und die Weite des Tales zu Fussen liegt. Und wenn später beim Abstieg mit jedem Schritt der Komfort eines guten Trekking-Schuhs noch deutlicher spürbar wird. Aber erst wer lange weit hinauf und steil bergab unterwegs ist, wird den gesamten Komfort des neuen Salomon Trekking Konzeptes erleben: Das Salomon S-Fit System, das den Fuss umhüllt und festhält, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Weil die Freiheit grenzenlos erscheint, wenn Berg und Tal zu Fussen liegen.

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