Der SAC und die Erforschung der Alpen

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VON ED. WYSS-DUNANT, GENF

Die Expeditionsteilnehmer, welche auf ihrem Rückflug vom Himalaya die Alpen überflogen, waren ausserordentlich beeindruckt vom Gegensatz des Geschauten: dort das gigantische Chaos des Himalayamassivs, hier der ungleich geordnetere Aufbau der Alpenkette.

Hier Berge im menschlichen Ausmass - dort die Masslosigkeit eines Landes der Bergriesen.

Mit überströmenden Gefühlen neigt man sich zum Bordfenster, um jeden dieser vertrauten Gipfel wiederzuerkennen. Diese harmonisch gewundenen Gletscher mit ihren von Fusswegen gezeichneten Moränenkämmen, was sind sie anderes als prächtige Zugangs wege zu den Gipfeln?

Und weiter oben die Schutzhütten - eine komfortabler als die andere -jede auf einem Platz, der zu Ruhe und Entspannung einlädt. Die Alpen erscheinen uns als auserwähltes Land, als ein Garten für Bergsteiger! nach dem harten Ringen - sagen wir es offen: nach diesem Feldzug mit seinem Kampf gegen nie gekannte Naturgewalten, um die höchsten Gipfel des Himalaya zu erreichen.

Und doch sind es kaum zweihundert Jahre her, dass unsren Altvordern das Alpenmassiv als eine Welt des Schreckens erschien, mit ihren Labyrinten, mit drohenden Gewalten, die als feindlich gesinnte Geister verstanden wurden. Besonders die Gletscher waren von der menschlichen Phantasie mit drohenden Spukgestalten bevölkert. Es war magische Deutung aus mangelnder Kenntnis, oder mehr als das: aus gewollter Unkenntnis des unheimlichen Ortes.

Es war die Epoche des feindlichen Berges.

Mit den Vorläufern des Alpinismus, unter denen Horace-Bénédict de Saussure eine hervorragende Rolle spielte als Wissenschafter, Forscher und Mann von Mut, begann die Epoche des wissenschaftlichen Vordringens in die Berge. Sie führte auch zum Erwachen eines lyrischen Naturempfindens in der Malerei wie in der Dichtkunst. Es war die Epoche der Entdeckung des Berges: in seiner Majestät durch den genialen Aquarellisten Robert Cozens, in seinem Licht durch Jean Antoine Linck, in seinem erregenden Reiz durch Gabriel Lory, und endlich in glücklicher Ekstase durch William Turner. Shelly, als Dichter, bildete den Höhepunkt in der romantischen Darstellung.

Während 80 Jahren, das heisst bis 1856, forschten die Vorläufer mit privaten Expeditionen, die ihnen erlaubten, ins Herz der Alpen einzudringen. Wissens- und Forschungsdrang intensivierten die Anstrengungen, wobei die Schweizer einen ehrenvollen, um nicht zu sagen den ersten Platz einnahmen. Mit dem Auftreten der Engländer, « angetrieben von einer starken Dosis Neugier, von Abenteuerlust und dem leidenschaftlichen Wunsch, an einer Entdeckung teilzuhaben », wie später Irving sagt, trat der Alpinismus in eine neue Phase ein. Der Ausdruck « an einer Entdeckung teilhaben » ist bezeichnend für eine Auffassung vom Berg, welche psychologische Phänomene offenbart, auf die einzugehen hier zu weit führen würde 1.

Jahr um Jahr wurden neue Gipfel erreicht; bei der Gründung des SAC war schon eine grosse Zahl von Viertausendern unserer Alpen bestiegen. Die Engländer hatten in wenigen Jahren 55 Gipfel « erobert » und aus dem Alpinismus einen Sport gemacht.

Es ist nicht ohne Grund, dass die Tätigkeit des SAC in diesem Augenblick begann. Rudolf Theodor Simler hatte die Aufgabe verstanden, die zu erfüllen war, sowohl in technischer und wissenschaftlicher wie in moralischer Hinsicht. Bis dahin hatte die Erforschung der Bergwelt auf Empirie aufgebaut; es galt nun, die noch nicht begangenen Zonen systematisch zu untersuchen.

Das CC teilte sie in Forschungsgebiete ein, welche die interessierten Sektionen als Aufgabe übernahmen, und so wurden fast alle Berge der Schweiz methodisch durchstiegen. Die Wahl der Regionen war bestimmt durch die sukzessive Herausgabe der Siegfriedkarten.

Diese Arbeit wurde anfangs dieses Jahrhunderts zu Ende geführt.

Aber es galt noch, die Zugangswege zu schaffen, vorhandene zu verlängern oder zu verbessern; zu gefährliche Strecken wurden korrigiert. Mit gegenseitiger Hilfe mussten Hütten gebaut und primitive Unterstände ausgebaut werden.

Von seinen ersten Anfängen an galt das ganze Interesse des SAC der wissenschaftlichen Erforschung der Alpen. Da es nicht möglich ist, hier alle Publikationen aufzuführen, seien nur die wichtigsten erwähnt.

Bei den gemeinsamen Besteigungen im August 1863 hatten nur die Gruppenleiter Spezialkarten von J. Frey, 1:75 000, mit Höhenkurven zur Verfügung. Die übrigen Teilnehmer mussten sich mit Übersichtskarten 1:100 000, einem Überdruck aus der Dufourkarte, begnügen.

Es war nun das Verdienst des CC, die Herausgabe neuer Publikationen in die Wege zu leiten, die der SAC nicht selbst übernehmen konnte. So erbat das CC vom Bundesrat die Herausgabe von Originalblättern der Dufourkarte 1:50 000. Es waren die ersten Karten des SAC mit Höhenkurven von 30 m Aequidistanz. Die Generalversammlung 1865 ersuchte dann den Bund, sämtliche Blätter der Karte herauszugeben. Es waren Initiativen, die rasch zu glücklichen Lösungen führten.

1866 schlug das CC St. Gallen ein Werk vor, das von grossem Weitblick zeugt: die Herausgabe einer Schweizerischen Gebirgskunde. Da dies die technischen und finanziellen Möglichkeiten des 1 « Die Alpen », Heft II 1960. « L' action libératrice de la montagne » von Ed. Wyss-Dunant.

SAC überstieg, nahm es 1868 mit der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft Verbindung auf zum Zweck einer Zusammenarbeit. Ein weiser Entschluss, denn die Zukunft zeugte, dass sich der SAC mehr in der Richtung einer Bergsteigervereinigung entwickelte als in der einer Gesellschaft für wissenschaftliche Forschung.

Eine Gletscherkommission war gegründet worden. 1872 schlug sie die Ausarbeitung eines grossen Werkes über Gletscher vor, sowie einer Instruktion für die Gletscherreisenden des schweizerischen Alpenklubs 1. Diese enthielten auch eine spezielle Anleitung zu meteorologischen Beobachtungen.

Das Gletscherbuch wurde von J. J. Siegfried verfasst; jedes Jahr wurde es durch neue Beobachtungen ergänzt. 1874 veröffentlichte Siegfried einen Faszikel: Die Gletscher der Schweiz, in welchem die Gletscher nach Regionen und Gruppen aufgeteilt sind. Im gleichen Jahr endlich beschloss die Gletscherkommission, eine Reihe von Vermessungen des Rhonegletschers im Maßstab 1:5000 durchzuführen. Die Sache kostete bis im Jahre 1892 etwa 30 000 Franken. Seit 1889 erschienen die Berichte über die Varations périodiques des glaciers suisses in den Alpen. Gegenwärtig haben die Forschungen durch die pollenanalytischen Untersuchungen, die Aufschluss über die Ausdehnung der Gletscher im Verlauf der Jahrtausende geben, grosses, um nicht zu sagen ausserordentliches Interesse gefunden.

Von 1912-15 gab der SAC einen Führer für den Gebrauch seiner Mitglieder heraus: Geologische Wanderungen durch die Schweiz, von Julius Weber, Winterthur, eine Art Fortsetzung zur Monographie Bild und Bau der Schweizeralpen, 1907 erschienen.

Die Delegiertenversammlung 1935 bestätigte einmal mehr das Interesse, welches der SAC weiterhin für die wissenschaftliche Erforschung der Alpen besitzt.

Auch in den Alpen sind unzählige Artikel geologischen, glaziologischen, mineralogischen, botanischen, zoologischen, physiologischen und ethnographischen Inhalts erschienen, welche in unauffälliger, aber beharrlicher Linie die Tradition weiterführen.

Was die moralische Seite anbelangt, rief der SAC eh und je zur Ehrfurcht vor dem Berg auf, vor seiner Pflanzen- und Tierwelt, vor den erratischen Blöcken ( 1907 ), diesen Zeugen ferner Vergangenheit. Der Berg soll weder der Befriedigung des Ehrgeizes noch der Eitelkeit dienen und ebensowenig zum Turnsaal degradiert werden, wie Kugi sagte. Er soll im Gegenteil Bescheidenheit und Ehrfurcht vor seiner Hochwelt wecken. Die Grundidee des SAC war weniger, zu sportlichen Leistungen zu ermuntern, als die Liebe zum Berg zu wecken.

Aber lässt es sich denken, dass ein menschliches System sich entfalten kann, wenn der beste Ansporn für die Energie, der Wetteifer, nicht mitsprechen darf? Wetteifer und Bergleidenschaft, nicht aber eitler Ehrgeiz waren es, welche die Bergsteiger zur letzten Erforschung der Alpen an-spornten; ich denke an die noch unbestiegenen Grate, an neue Routenwege und - last but not least -die Nordwände.

Die Technik ist zuerst durch die Verwendung von Steigeisen vervollkommnet worden; dann kamen Karabiner und Haken dazu und endlich die Steigbügel zur Überwindung von Überhängen. Wenn diese Fortschritte nicht immer mit Begeisterung aufgenommen wurden - denken wir an die anfängliche Abneigung der Führer gegen die Steigeisen - in der Besorgnis, dass der Alpinismus zur Mauerakrobatik werde, so brachten sie doch eine Sicherheit, die man nicht kannte in einer Vergangenheit, wo man die Vertikale mied und nicht davon träumte, dass man gar einmal darüber hinausgehen könnte. Denke man nur an die Risiken, denen man sich einst auf Felsbändern ohne Griffe und ohne Haken aussetzte...

1 Jahrbuch 1871/72, S. 352-384. 28 Wir leben zum Glück nicht mehr im Zeitalter eines Tartarin, und man darf sagen, dass die Bescheidenheit zur Haltung der grössten Alpinisten geworden ist. Wer wagte es, mit seinen Taten zu prahlen? Gewiss keiner, und dies nicht, weil man es von ihm so erwartet, sondern weil es in der Natur der Sache liegt. Es ist die sensationshungrige Presse unsrer Gegenwart, die das neue, peinliche Element eingeführt hat, das schwer zu bekämpfen ist.

Die letzten Probleme der Alpen haben ihre Lösung gefunden. Das ist es, was der Mensch erreicht hat: die Berge, die er einst fürchtete, hat er lieben gelernt, indem er sie kennenlernte, und einst unmöglich Scheinendes hat er möglich gemacht.

Das Flugzeug ist zu spät erschienen, um in den Alpen einen Forschungszweck zu erfüllen wie im Himalaya, in Alaska oder in Kanada, wo es einen enormen Beitrag zum Eindringen in entlegenste Gebiete leistet. In unsern Bergen hat es eine kräftige Unterstützung der Rettungskolonnen gebracht; es übernimmt den Transport von Waren und neuestens von Skifahrern und Bergsteigern. Der Zugang zum Berg ist vereinfacht worden, mit Vor- und Nachteilen. Wenn aber, dank dem Helikopter, die Kommerzialisation Uneingeweihte in kürzester Zeit auf höchste Gipfel bringt, werden sie nicht immer ohne Schaden die ihnen zugewiesenen physiologischen Grenzen überschreiten. Es wird sich weisen, was resultiert.

Das Ziel, das sich der SAC bei seiner Gründung vor hundert Jahren setzte, hat er in jeder Hinsicht erfüllt. Heute sind wir im Zeitalter einer neuen Auseinandersetzung angelangt: es gilt, die Hochwelt der Alpen gegen die Überflutung durch die Kommerzialisation zu schützen.

Übers. F. Oe.

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