Der schnellste Gletscher der Welt Feldforschung am Sermeq Kujalleq

Die Schweiz und Grönland verbindet eine langjährige Forschungsgeschichte. Vor 100 Jahren begann Alfred de Quervain mit Gletschermessungen auf dem Claridenfirn und auf seiner Grönlanddurchquerung. Heute erforschen Schweizer in Grönland den Klimawandel.

Die weltweit längste Gletschermessreihe wurde letztes Jahr 100 Jahre alt. 1914 begannen der Schweizer Grönlandforscher Alfred de Quervain und der Klimatologe Robert Billwiler erstmals mit den Messungen auf dem Claridenfirn in den Glarner Alpen. Seither werden dort zweimal jährlich an zwei Standorten der Zuwachs von Schnee im Winter und die Schmelze im Sommer gemessen. Diese Messungen haben wichtige Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Klima und Massenveränderungen von Gletschern gebracht. Seit dem Ende der Kleinen Eiszeit um 1850 haben die Schweizer Gletscher bis zu 40% ihrer Masse verloren. Der verbleibende Eisvorrat beträgt noch rund 65 Kubikkilometer.

Quer durchs Grönlandeis

Was sich in den Schweizer Alpen abspielt, beobachten Gletscherforscher auf der ganzen Welt, insbesondere auch in Grönland. Der grönländische Eisschild hat eine riesige Fläche von 1,7 Millionen Quadratkilometern und ein gigantisches Eisvolumen von 2,85 Millionen Kubikkilometern. Zum Vergleich: Verteilt auf die Landesfläche ergibt das Volumen der Schweizer Gletscher eine Eismächtigkeit von 1,5 Metern. Das gesamte Grönlandeis würde die Schweiz dagegen mit einem 70 Kilometer dicken Mantel bedecken.

1912, zwei Jahre bevor er auf den Claridenfirn stieg, gelang Alfred de Quervain mit seinem Forschungsteam die Pionierleistung, das grönländische Inlandeis auf einer Strecke von 700 Kilometern von West nach Ost zu durchqueren. Unweit der Route, auf der de Quervain zum Inlandeis aufgebrochen war, entstand Jahrzehnte später das Swiss Camp. Die Basis für atmosphärische Forschung wurde 1990 von Atsumu Ohmura und seinen Mitarbeitern der ETH Zürich rund 70 Kilometer entfernt von der Küstenstadt Ilulissat errichtet. Vom Swiss Camp aus werden 25 Wetterstationen unterhalten, die weite Teile Grönlands abdecken. Mit neuester Technologie misst Konrad Steffen heute 32 meteorologische Parameter und übermittelt sie über Satellit in die Schweiz. Die Gegend in Westgrönland, die de Quervain damals mit seinen Schlittenhunden durchquerte, ist für die Schweizer Gletscherforschung bis heute bedeutsam geblieben. In mehreren Studien untersuchten ETH-Glaziologen die Dynamik des grössten Auslassgletschers der Disko-Bucht, des Sermeq Kujalleq, was auf Grönländisch «südlicher Gletscher» bedeutet (Dänisch: Jakobshavn Isbrae).

Schnellster Gletscher der Welt

Anders als in der Antarktis erreicht der grönländische Eisschild das Meer an den meisten Stellen nicht. Durch zahlreiche Täler fliessen sogenannte Outlet-Gletscher ins Meer, wo sie kalben und auf diese Weise Eisberge erzeugen. Der Sermeq Kujalleq ist der schnellste und produktivste Eisstrom der Welt: Bei einer Fliessgeschwindigkeit von 14 Kilometern im Jahr bricht an seiner Gletscherfront jährlich ein Eisvolumen von 48 Kubikkilometern ab – das ist rund dreimal das Volumen des Aletschgletschers.

Der Fjord ist über 1000 Meter tief und vollgepackt mit Eisschollen, die während Monaten durch den 40 Kilometer langen Eisfjord geschoben werden. Obwohl die grössten Eisberge in der Höhe des Berner Münsters aus dem Meer hinausragen, sind nur 10 bis 15% eines Eisbergs über der Wasseroberfläche sichtbar. Am Ende des Eisfjords stossen die grösseren Eisberge auf eine Moränenablagerung, wo das Wasser nur rund 200 Meter tief ist. Erst wenn sie in kleinere Stücke zerbrochen oder genug geschmolzen sind, treiben sie ins offene Meer hinaus. Sie treten eine lange Reise an, entlang der Küste Nordamerikas. Es wird vermutet, dass einer dieser Eisberge 1912 der Titanic zum Verhängnis wurde.

Symbol der Klimaerwärmung

Über lange Zeit blieben die Gletscherzungen Grönlands ziemlich stabil. Es war die Zeit, als das Abschmelzen des Grönlandeises noch kein Thema war. Im Gegenteil: Als der Bau von Wasserkraftwerken in den 1960er-Jahren in den Schweizer Alpen boomte, hatte der Wissenschaftler Hans Stauber eine kühne Vision: Grossflächig wollte er Kohlestaub auf die Eiskappe Grönlands streuen, um deren Rückstrahlung zu senken und den Schmelzprozess zu beschleunigen. An der Küste Grönlands sollten Wasserkraftwerke betrieben werden, um Dänemark mit Energie zu versorgen. Heute könnte diese Vision Wirklichkeit werden – auch ohne Kohlestaub. In den letzten 50 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Grönland um 3 bis 4 °C angestiegen. Während sich Eiszuwachs und Eisabtrag durch Kalbung – das sind jährlich je 600 Kubikkilometer – die Waage halten, schmelzen zusätzlich 300 Kubikkilometer Eis im Jahr. Die Massenbilanz ist negativ. Seit der Jahrtausendwende schmilzt das Eis mit Rekordgeschwindigkeit ab: So hat sich der Sermeq Kujalleq um rund 15 Kilometer zurückgezogen, und seine Eisgeschwindigkeit an der Kalbungsfront hat sich von 20 auf 40 Meter am Tag verdoppelt.

Schweizer Gletscher verschwinden

Wie schnell das Grönlandeis in Zukunft tatsächlich schmelzen wird, ist noch unklar. Für Prognosen hilft manchmal der Blick in die Vergangenheit: Das internationale Forschungsprojekt NEEM (North Greenland Eemian Ice Drilling) analysierte einen 2540 Meter langen Eisbohrkern und lieferte umfassende Daten zur letzten grossen Warmzeit. Während der Eem-Zeit, die vor 130 000 Jahren begann und vor 115 000 Jahren endete, war es noch wärmer, als es heutige Klima­szenarien für die Zukunft vorhersehen. Damals war es in Nordgrönland bis zu 8 °C wärmer als heute, und der Süden Grönlands war bewaldet wie das heutige Schweden. Die drastische Erwärmung während Jahrtausenden liess den Eispanzer damals etwa um einen Viertel schrumpfen, was einen Meeresspiegelanstieg von zwei Metern zur Folge hatte.

Während die Eisschmelze in Grönland längerfristig globale Konsequenzen haben wird, sind die Folgen in der Schweiz früher sichtbar: Noch gibt es gegen 1000 Gletscher, die etwa 1000 Quadratkilometer bedecken. 75% dieser Gletscher – sie sind kleiner als ein Quadratkilometer – werden bis 2050 von der Landkarte verschwunden sein. Auch ein 200-Jahr-­Jubiläum der Gletschermessungen am Claridenfirn dürfte es kaum mehr geben.

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