Der Stetind - das Matterhorn des Nordens

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HENRIK BIERBERG t, STOCKHOLM

Mit 2 Bildern ( 23,24 ) Die guten Dinge des Lebens sollen nicht zu leicht zugänglich sein, sonst verlieren sie an Reiz. Der Stetind, das Matterhorn des Nordens, steht weitab von den üblichen Touristenwegen, fast verborgen im hohen Norwegen, im abgelegenen Stefjord, eine Tagesreise südlich Narwik. Bergführer Anderl Heckmair, aus Oberstdorf im Allgäu, und sein dänischer Gefährte, das heisst meine Person, hatten den langen Anfahrtsweg mit Flugzeug und Eisenbahn hinter sich und dazu noch eine lange Fusswanderung durch die lappländische Wildnis, als sie eines Tages im August 1952 von der Passhöhe aus, bei Eidstö im Tysfjord, den Stetind erstmals sahen.

Vor uns versanken die Felsen der Fjordberge im Wasser, und grau hing der Nebel in den Hängen. Beinahe beklemmend schien diese Urgewalt einer verlassenen Landschaft. Und vom 1381 Meter hohen Stetind waren nur stückweise Flanken und Gipfel zu sehen.

Wir querten dann den Fjord in einem Ruderboot und erreichten Hauköy, wo es mit dem Weitertransport schlecht aussah. Nach etwa einer Stunde des Wartens kamen vier junge, wettergebräunte norwegische Fischer in einem Motorboot vorbei, hörten unsern Anruf, legten an - und nahmen uns nach Fjordbotten mit.

Das eigentliche Abenteuer konnte beginnen!

« Woher kommst Du? Und gehst Du mit Deinem Kameraden auf die Zinne? » so frugen sie, als seien wir Fernlandfahrer. « Und wie heisst Dein Freund? » So ergab sich freundliches Fragen und Antworten, wobei unser Norwegisch aus wenig Wörtern bestand. Der Nebelregen war kalt, beissend. Nach einer Stunde waren wir in Storelva, wo uns die Fischer ans Ufer setzten mit dem Hinweis, dass von hier aus die « Zinne » bestiegen werde. Die Zinne war der Stetind.

Ein schmaler Uferstreifen. Dahinter steil aufsteigend eine riesige Felswand. Ein Haus, umgeben von Birken, grau und alt. Wir klopfen an die Tür. Nichts! Wir gehen ums Haus und klopfen an die Hintertür. Ebenfalls nichts! Wir schauen durch ein Fenster und erkennen im Raum eine Frau und winken ihr zu. Sie verschwindet. Und wie ich die Vordertüre öffne, falle ich fast über sie hinweg: eine kleine, alte Frau, die nicht wenig erschrocken ist. Die Altfrau Synnöve ist schwerhörig, hatte unser Klopfen kaum gehört. Erst, als ich unter dem Fenster stand, bemerkte sie, dass jemand Einlass begehrt. Jemand der Sippe. Und nun steht vor ihr ein baumlanger Kerl, der gar noch einen Sack auf dem Rücken trägt. Und so glaubt sie gar, es stehe ein Berggeist vor ihr. Denn in Storelva sind Besuche sehr selten. So alle drei Monate kommt jemand vorbei.

Wir nennen unsere Namen und übermitteln Grüsse,.die Bekannte uns mitgegeben haben. Laut müssen wir sprechen. Aber das Vertrauen ist bald geweckt, und die Augen der Alten leuchten auf. Ein kleines Kind zeigt sich unter der Kammertüre. Zwei erwachsene Männer erscheinen, wie aus dem Nichts getaucht. Es sind die Söhne der Altfrau, wie sie genannt wird. Und der Altvater kommt Woher - ist uns nicht ersichtlich.

Wir werden willkommen geheissen, als seien wir alte Bekannte. Kaffee wird gebraut. Trockenfleisch und Fische werden aufgetischt. Hartes, gutes Brot. Wort um Wort gibt sich. Einer der Söhne erläutert den Weg zum Stetind.

In der guten Stube wird uns ein Lager bereitet, denn wir dürfen nicht weiter, um irgendwo im Wald im Schlafsack zu nächtigen: Mit duftender, frischer Wäsche bereitet man uns die Schlafstatt, für Anderl auf der « Kutsche », für mich auf dem Boden. Jede Widerrede ist nutzlos.

Immer wieder treten wir vors Haus und schauen über die Wiese zum Berg hinauf. Gegen 11 Uhr nachts hellt es in den Wolken auf. Nur kurze Weile. Der Altmann Synnöve meint: « De'svarte-skodden, ikje gâ i fjellet da! » Das ist schwarzer Nebel, geht lieber nicht zum Berg.

Dann aber, um Mitternacht, hellt es auf. Die Nebel steigen hoch, aufgefetzt. Der Fuss der Zinne zeigt sich. Die Wand wird frei. Die Pfeiler Immer höher wird der Berg, der im Zwielicht der nordischen Nacht, die halb Tag ist, wie ein Riese erscheint. Die Steilheit steigt von 30 zu 50 zu 60 Grad. Und die letzten hundert Meter scheinen senkrecht in den Himmel zu streben, wie ein Turm, wie eine Panzerplatte, fast ungegliedert. Vierzehnhundert Meter, gelbgrau, wie ein Mondberg. Was für ein Berg!

Schweigend stehen wir da und bestaunen diesen einen Berg, der im nächtlichen Dämmerschein unnahbar scheint. Wir kommen uns klein vor und möchten fast zugeben, auf eine Besteigung zu verzichten.

Wir legen uns zur Ruhe.

Aber am Morgen ziehen wir aus, die Säcke vollgepackt, noch schlaftrunken. Der Pfad führt durch lichten Birkenwald, in welchem die stärksten Bäume an dessen oberer Grenze stehen, während, wohl wegen der Holznutzung, unten Jungholz vorherrscht. Es folgt grobes Geröll, in welchem wir mühsam vorwärts kommen. Dann stehen wir in der « Königsloge »: ein weites Kar am Fuss der Südwand. Der Berg verliert seine schlanke Form. Wir queren zur Schulter hinauf, längs einem exponierten Kletterweg, weil die Felsen von nassem Moospolster überzogen sind, so dass wir mit dem Seil einander sichern. Nach zwei Stunden stehen wir in der Schulter, der Schlüsselstelle der Nordroute.

Der Stetind wird selten aufgesucht. Professor Arne Näss von der Universität Oslo hat ihn wiederholt besucht und Routen durch die Südwestwand, über die Südkante und in der Nordostwand geöffnet. Er bestieg auch den Vorgipfel. Die Wände und Grate sind von den einstigen Gletschern geschliffen und glatt, nur dank der nachfolgenden Verwitterung sind sie aufgeklüftet, so dass man in diesem Urgestein gute Kletterwege findet.

Der Stetind ist ein breiter Felszahn, der Rest eines Bergklotzes, an dem die Jahrtausende mit Eis und Schnee, Wind und Wetter, Sonne und Kälte gearbeitet haben. Das Eigenartige ist, dass er wenig Absätze in den Flanken zeigt. Er gleicht einem zwischen Südosten und Nordwesten gequetschten Grat, dessen Flanken über tausend Meter Höhe besitzen. Auf der Nordostseite fallen die Felsen direkt zum Fjord ab, mit einer Steilheit von 40 Grad.

Von der Schulter steigen wir in exponierter Kletterei den Grat hinauf. Wir stossen auf ein Steinmännchen, das um die Jahrhundertwende der Däne Carl Hall errichtet hat, als er diese Route erschliessen wollte, aber vor den sich auftürmenden und zum Teil wackeligen Blöcken kehrtmachen musste. Schon zuvor hatten Wm. Cecil Shjngsby, der in Norwegen eine Reihe von Gipfeln erstmals bestiegen hat, mit seinem Sohn und dem englischen Photographen Norman Collie diesen Weg zu ersteigen versucht, ohne ans Ziel zu gelangen. Auch die Umgehung auf der Nordseite war nicht möglich, da Sturm und Kälte zum Rückzug zwangen. Zusammen mit C. W. Rubenson, einem Norweger, standen die Shingsby wieder bei dieser Stelle, als sie 1910 dann den Durchstieg zu bewältigen vermochten und den Gipfel erreichten.

So steigen wir von der Schulter den exponierten Grat hinauf, der nicht « messerscharf » ist, wie ihn die Erstbesteiger beschrieben. Er hat verschiedene Blockbreiten, fällt aber beidseitig wohl an die 800 Meter tief ab, was eine grosse Exponiertheit ergibt. Er ist stark gegliedert, zeigt aber wenig leichte Kletterpartien.

Unter dem Sperrblock, den die Bergsteiger « Käse » nennen, führt eine schmale Leiste nach links, die unter einem Überhang endet, bei dem man gehörig hinauslehnen muss, um die Kante einer abgespaltenen Platte fassen zu können und eine schräg aufwärts führende Hangeltraverse auszuführen, bis man wieder guten Stand erreicht. Wahrhaftig eine luftige Passage, bei der man mitten in glatten Platten hängtSchon in Narwik hatten uns Freunde darauf hingewiesen, dass hier zahlreiche Kletterhaken unvorsichtig eingeschlagen seien, durch die der Halt der Hangelplatte stark gelitten habe. So ergab sich auch, als Anderl sich an ihr zu schaffen machte, dass ich bemerkte, wie sie sich bewegte und nachzugeben schien. Ich rief: « Die Platte ist los! » Ich glaube nicht, dass diese Traverse je so rasch bewältigt worden ist, wie durch meinen Seilgefährten, der wie eine Katze sich vorwärts-bewegte und einem Akrobaten gleich die Stelle meisterte. Für mein Nachkommen sichert Anderl mit Seil. Wir haben ein 40-Meter-Seil bei uns, so dass ich, gut gesichert, die Stelle passieren kann. Ich übersehe, dass die Platte ganz und gar nicht so lose ist, wie ich annahm, nehme etwas weite Schrittlängen, mit dem Resultat, dass sich mein Karabiner im Spalt verhängt und ich alle Mühe habe, mich wieder zu lösen. Anderl hat seine helle Freude an meinen Kletterkünsten - und wohl auch an der etwas zur Geltung kommenden Angst, hängen zu bleiben -, des Flachländers, wie er mich ab und zu schelmisch nennt.

Nach dieser Schlüsselstelle wird der Grat bedeutend leichter begehbar, abgesehen von einem Sims, das direkt der Hangeltraverse folgt und das man sitzend stückweise « überrutschen » muss, weil darüber der Felsen so stark überhängt, dass man auf ihm nicht stehen kann. Nach diesem Sims können wir beide gleichzeitig klettern, eine Gratlänge von gegen dreihundert Metern. Es ist ein prächtiges Steigen auf diesem luftigen, abwechslungsreichen Grat, wobei man mit Freude dem Gipfelplateau immer näher rückt. Dieses besitzt eine artige Länge und Breite und eine längliche Mulde, das«Goldfischseelein », das aber von uns völlig ausgetrocknet angetroffen wird. Auch der kleine Firn ist gänzlich weggeschmolzen. Im Gipfelsteinmann steckt noch ein Stück einer Stange, die von den Erstbegehern als « Balanze » mitgeschleppt worden war. Aber die Blechdose ist leer...

Wir stehen 1400 Meter über Storelva!

Rund um uns dehnt sich die unendliche Weite in klarer Nordlandluft. Alle Nebel sind verschwunden. Im Westen schliesst die Kette der Lofoten den Horizont, im Osten und Süden dehnt sich das gebirgige Land Norwegens und verliert sich in dunstiger Ferne. Schäfchenwölklein werden unregelmässig vom Westerwind in die Fjorde getrieben. Kalt und scharf fegt der Wind über den Gipfel, so dass wir zur Rast im Schutz des Steinmannes Schutz suchen. Tief unter uns, als lägen sie unter einer senkrechten Wand, sehen wir den hellgrünen Birkenwald und die sattgrüne Wiese von Storelva. Wie ein « Felsmesser » steigt das Horn des Stetind aus dieser Tiefe zu uns herauf. Wir freuen uns fast unbändig, unsere Zweierfreundschaft gerade auf diesem Berg zu erneuernUnd wir sind froh, dass dieses « Matterhorn » nicht irgendwo in Mitteleuropa steht, sonst würde sicher eine Luftseilbahn zu seinem Gipfel führen. Und es wären Hakenrouten geschlagen und Fix-Seile gespannt, vielleicht sogar Wege in die Felsen gesprengtSo aber sind im Verlauf der Jahrzehnte erst rund dreissig Bergsteiger auf dieser Höhe gestanden.

Auf der Anstiegsroute kehren wir zurück, da ja lediglich die Schlüsselstelle bei der Hangeltraverse als ein Fünfer bewertet werden muss und alle andern Strecken « leichtern Grades » sind.

Wir steigen nach ergiebiger Rast ab, nehmen die Zone der Blöcke und Platte beim « Käse » in gutem Lauf. Wie wir wieder unter der Felswand stehen, wissen wir, dass wir einen schönen Bergtag hinter uns haben. Und wir verstehen nun, dass der norwegische Dichter und Bergsteiger P. W. Zappfe schrieb, als er vom Stetind zurückkehrte: «... und wenn du eines Tages beim letzten Steinmann stehst, dann werden Pfeiler aus Feuer in deiner Erinnerung vor dir aufsteigen, und du weisst, du hast den Erdentag ganz erlebt ».

Freundlich grüssen uns die Leute in Storelva, bewirten uns und sind besorgt, damit wir mit einem Boot wieder den Fjord hinausfahren können und den Anschluss an das « Grosse Land » finden, wie Altvater Synnöve beim Wegfahren uns sagt.

« Glückhafte Heimkehr! » Und diese durften wir kosten.

Henrik Bierberg hat uns im September 1952 in einem Brief die Fahrt, die er mit seinem Seilgefährten Anderl Heckmair durchgeführt hatte, mitgeteilt. Er war damals noch Vorsitzender des Dansk Bjergklub - Danish Mountaineering Club - und Angestellter der Fluggesellschaft Scandinavian Airlines System. Er gehörte als Mitglied der Sektion Oberhasli zum SAC. Und als wir Vorbereitungen für die Vierteljahreshefte 1965 unserer Zeitschrift trafen, da fanden wir diesen Briefbericht über die Besteigung des norwegischen Matterhorns, des Stetind, erfuhren dann durch den Haslibergkameraden Hans Thöni, dass Henrik Bierberg Anno 1957 leider verunglückt ist. Er kehrte von einer allein unternommenen Kletterfahrt im Kebnetkaise ( Nordschweden ) nicht mehr zurück. Wir haben den Briefbericht zur Hand genommen und etwas verarbeitet, um unsern Lesern just im « Matterhornjahr » im Erinnern an den toten Kameraden Henrik Bierberg von diesem Matterhorn Norwegens, dem Stetind, zu berichten. Vielleicht regt dieser Bericht den einen oder andern Leser an, diesen Berg im hohen Norden aufzusuchen.M. Oe.

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