Der Uebergang über die Monte Rosa-Kette von Macugnaga nach Zermatt über das Jägerhorn

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Macugnaga nach Zermatt über das

Der Uebergang über die Monte-Rosakette von Macugnaga nach Zermatt über das Jägerhorn ( 3975 m. ).

Dr. Theod. Curtius ( Sect. Bern ).

Von Unvergeßlich bleibt mir der Morgen des letztjährigen 23. August, welchen ich auf dem Belvédère, jener Wunderinsel inmitten des Eiscircus, den die Ostabstürze der Monte-Rosakette bilden, zubrachte. Die stolzen Felsklippen, die überaus kühnen Eishänge, welche das Gornerhorn heruntersendet, thürmten sich auf, im Morgenlichte glänzend, welches den aller Orten auf ihnen lagernden, frisch gefallenen Schnee in fast überirdischer Reinheit aufleuchten ließ, während die schön geschwungenen Linien des Kammes sich in blendendem Weiß von dem tiefblauen Himmel scharf abhoben. Am Abend vorher nichts als das graue Einerlei eines Nebelmeeres, hinter welchem die Schneestürme schon seit Tagen in der Höhe ihr tobendes Spiel trieben, und heute wolkenlose Klarheit, als ob die heitere Ruhe, welche über den sonnigen, silberglänzenden Flächen lag, niemals gestört worden sei, oder jemals wieder hätte getrübt werden können.

Wir waren zu Zweien, der Führer Ch. Klucker aus Sils-Maria im Engadin und ich. Nach einer Reihe von Streifereien in den Bergellerbergen waren wir von Chiavenna auf dem kürzesten Wege über die oberitalienischen See'n bis Ponte Grande im Val d' Anzasca gefahren und von dort im Regen nach Macugnaga hinaufgewandert. Wir kannten Beide die Gegend nicht und waren zum Belvédère hinaufgebummelt, um festzustellen, an welcher Stelle wir über den sich vor uns aufthürmenden Gebirgswall am nächsten Tage nach Zermatt gelangen könnten. Eigentlich wollten wir den höchsten Punkt der Kette, die Dufourspitze, hierzu benutzen. Der frische Schnee auf den Eisterrassen, über welche der Weg zu ihr hinaufführt, ließ diesen Versuch, bevor drei bis vier Tage verstrichen waren, als wahrscheinlich unausführbar, jedenfalls aber höchst leichtsinnig erscheinen. Wir beschäftigten uns deßhalb vorwiegend mit der Betrachtung der Felsen, welche die östlichen Spitzen des Monte-Rosastockes, das Nordend und das Jägerhorn, bis beinahe unmittelbar zu unserem Standpunkt hinunter streckten, und Klucker trat nach einiger Zeit mit der kühnen Behauptung vor, daß man den Grat, welcher sich zwischen Riegel- und Fillargletscher zum Jägerhorn ohne Unterbrechung emporzieht, von seiner Wurzel bis zum Gipfel dieser östlichsten Spitze des Monte-Rosa, ohne besondere Schwierigkeiten anzutreffen, werde begehen können.

Diese Behauptung ging am nächsten Tage vollkommen in Erfüllung. Wir erstiegen über jenen Grat, ohne die Felsen jemals verlassen zu müssen, in gerader Linie das Jägerhorn und gingen von dort nach dem Riffelhaus hinunter.

Nach Erkundigungen, welche ich später in Zermatt einzuziehen Gelegenheit hatte, mußte man annehmen, daß das Jägerhorn von Macugnaga aus niemals erstiegen worden sei. Von Zermatt aus ist dies wiederholt geschehen, und ebenso scheint der Uebergang über den Jägerpaß, die Lücke zwischen Jägerhorn und Nordend, ausgeführt worden zu sein, aber gewiß nur äußerst selten. Später aber habe ich gefunden, daß die Herren C. E. Mathews und Morshead am 17. Juli 1867, von Christian Almer und Andreas Maurer geführt, eine directe Besteigung des Jägerhorns von Macugnaga ausgeführt haben, welche in ihrem oberen Theil mit der unsrigen zusammenfällt.

Aus der etwas kurz gehaltenen Beschreibung] ) geht hervor, daß Mr. Mathews mit seinen Gefährten von der Fillaralp aus zunächst auf der rechten Seite des Fillargletschers emporstieg, dann den Gletscher nach links schräg aufwärts traversirte, bis er den Felskamm, welcher sich vom Jägerhorn herunterzieht, erreichte, denselben Kamm, welchen wir in seiner ganzen Länge zum Aufstieg benutzten. Mr. Mathews stieg dann ebenfalls auf den Felsen bis zur Spitze des Jägerhorns empor und ging am Nachmittage zum Riffelhaus hinunter.

Die Idee, das Jägerhorn als Uebergangspunkt über den Monte-Rosa zu wählen, ist also nicht ganz neu, aber ich glaube annehmen zu dürfen, daß in den zwanzig Jahren, welche zwischen unserer Besteigung und derjenigen von Mr. Mathews liegen, dieselbe niemals wieder ausgeführt worden ist. Sie ist gänzlich in Vergessenheit gerathen; ich habe weder in der Literatur noch bei renommirten Führern, welche die Pässe und Gipfel zwischen Macugnaga und Zermatt häufig begehen, irgend eine Andeutung darüber finden können. Der Uebergang über das Jägerhorn verdient aber wie kaum ein anderer der Vergessenheit entrissen zu werden. Dicht neben ihm führt der Weg zum höchsten Monte-Rosagipfel über die Eiswände empor. Dieser letztere bildet gewiß eine der allergroßartigsten Ersteigungen, welche man in den Berggebieten aller Länder überhaupt ausführen kann. Aber er ist auch einer der gefährlichsten und mühsamsten, welche es gibt. Der Weg auf die nordöstlichste Spitze des Monte-Rosa, das Jägerhorn, dagegen vereinigt mit dem Reize unendlicher Großartigkeit vollständige Gefahrlosigkeit und bietet, falls er nicht von frischem Schnee bedeckt ist, keine einzige wirklich schwierige Stelle. Er führt über eine Felswand hinauf, welche mehr als 1800 m ohne Unterbrechung aufsteigt, also um etwa ein Drittel höher ist, wie die Felspartie, welche man von der Clubhütte am Hörnli bis zur Spitze des Matterhorns zu überwinden hat, und somit kaum von einem Felshang in den Alpen an Höhe übertroffen wird.

An dem erwähnten Tage, an welchem Klucker und ich auf dem Belvédère den Felsgrat des Jägerhorns recognoscirten, führten wir am Nachmittag noch eine zweite kleine Expedition aus, indem wir an der nördlichen Thalwand über Macugnaga ein Stück weit emporstiegen, um von dort aus einen besseren Einblick in den Sattel zwischen dem Nordend und dem Jägerhorn zu gewinnen, als wir vom Belvédère aus erhalten konnten.

Waren wir doch auf unsere eigene Beobachtungsgabe und Erfindungskraft angewiesen, denn Herr Lochmatter, der Besitzer des Gasthauses zum Monte-Rosa, der einzige Mann des Thales, der uns wohl Aufschluß über unser Project hätte geben können, war in Saas und andere kundige Führer gab es gerade nicht. Wir stiegen deßhalb in der Richtung des Monte-Moropasses aufwärts und verbummelten, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß zwischen dem Jägerhorn und der Wand, welche zum Nordend aufsteigt, sieh wirklich eine breitere Einsenkung befinden müsse, einige köstliche Stunden angesichts des herrlichen Panorama's. Nach der Abendtafel erwischte mich Frau Lochmatter. Sie hatte gehört, daß wir Zwei allein morgen etwas vor hätten, und warnte uns dringend vor den Gefahren, welche die der Wege Unkundigen treffen würden. Die gute Frau glaubte, uns nicht allein über das Weißthor ziehen lassen zu dürfen. Ich zeigte auf das Jägerhorn und sagte, daß wir morgen auf dem kürzesten Wege dort hinaufsteigen würden. Nur mit Mühe gelang es mir, sie über diesen Plan zu beruhigen; ich wies ihr einen kleinen Schneegrat, den einzigen an der ganzen Felswand, über den uns morgen nach unserer Berechnung der Weg führen mußte, und bat sie, dort uns oder unsere Stufen mit dem Fernrohr zu suchen, um sich von dem Erfolg unseres Aufstiegs vergewissern zu können. Waren wir nämlich an dieser Stelle, welche dem Gipfel schon sehr nahe liegt, so hofften wir sicher, unser Ziel erreichen zu können. Einige Tage später erfuhr ich in Zermatt von Be » kannten, welche über das Weißthor herübergekommen waren, daß die wackere Wirthin um uns den ganzen Tag in großer Sorge gewesen sei, bis wir auf dem Firnsattel gegen 12 Uhr Mittags mit dem Fernrohr entdeckt wurden, und unser Aufstieg von dort au& bis zur Spitze beobachtet werden konnte.

Um 1 Uhr 50 Minuten am Morgen des 23. August verließen Klucker und ich, geführt von einem Buben, der uns mit einer Laterne bis zur Fillaralp begleiten sollte, das Gasthaus und langten um 4 Uhr bei den Sennhütten an. Wir wandten uns von dort, nachdem der Bursche mit der nun unnöthig gewordenen Laterne zurückgeschickt worden war, über Alpweiden, Geröllhalden und schließlich Schneeflecken aufsteigend, zum untersten, äußersten Ende des Grates, welcher sich vom Jägerhorn, die Südseite des Fillargletschers begrenzend, in einem Winkel von 40-42° Durchschnittsneigung hinuntersenkt. Um 6 Uhr 10 Minuten befanden wir uns ganz unten auf der eigentlichen Schneide. Das schöne, sonnige Wetter des vergangenen Tages hatte den auf den Felsen des Ostabhanges der Monte-Rosakette nur spärlich gefallenen Schnee fast gänzlich entfernt, so daß wir dadurch beim Klettern nur wenig belästigt wurden. In den nächsten zwei Stunden verließen wir den Kamm nicht und erreichten um 8 Uhr 20 Minuten die einzige Stelle, an welcher der Fillargletscher bis zur Schneide des Grates. hinaufreicht. Diese Stelle ist auf der Excursionskarte S.A.C. 1869 nicht richtig wiedergegeben. Ein kleines, fast ebenes Firnplateau bildet eine nach Süden verlaufende Abzweigung der unteren Hälfte des Fillargletschers. Es unterbricht den vom Jägerhorn herabsteigenden Felsgrat beinahe vollständig und steht mit dem Riegelgletscher durch steile Schneecouloirs an mehreren Stellen in directer Verbindung. Steht man auf demselben, so steigt vor dem Beschauer in direct westlicher Richtung, nur durch einen Bergschrund getrennt, die ungeheure Felswand des Jägerhorns weiter auf, während die eigentliche Schneide des Grates, auf welchem wir hinaufgekommen waren, sich nunmehr etwas mehr südlich in die Höhe zieht. Da der Bergschrund in gerader Linie vor uns unzugänglich war, mußten wir das Firnplateau schräg nach Nordwesten kreuzen, um eine Stelle zu finden, an welcher derselbe passirt werden konnte. Nachdem wir ihn überschritten hatten, waren einige glatte Felsabstürze zu überwinden, die einzigen, welche bei dem ganzen Aufstieg einige technische Schwierigkeiten boten. Wir befanden uns nunmehr auf dem Nordabhang der eigentlichen Felsschneide, und suchten die letztere selbst möglichst schnell wieder zu gewinnen, da diese Stelle, zumal bei dem von den Felsen noch immer abthauenden Schnee und bei der ungeheuren Aus- dehnung der Felswand nach oben, Steinschlägen offenbar stark ausgesetzt war.

Das kleine Firnplateau ist, wie ich vermuthe, dieselbe Stelle, an welcher Mr. Mathews, auf dem Pillargletscher aufsteigend, die Felsen erreicht und letztere von da ab zu seinem weiteren Wege gewählt hat. Mit Sicherheit geht dies aus seiner Beschreibung nicht hervor. Er sagt ' ): „ Still keeping to the rocks, and rapidly mounting, we reached the „ séracs " at the head of the Fillarglacier. " Wo diese „ séracs " des Fillargletschers zu suchen sind, weiß ich nicht; wir haben überhaupt während unseres Aufstieges keine beobachten können. Sie können aber vor zwanzig Jahren dort gewesen sein, wo sich heute das kleine, ebene Gletscherplateau vorfindet, welches man, über den untersten Theil des Fillargletschers bei günstigen Schneeverhältnissen auf steilen Firnhängen aufsteigend, ebenfalls noch heute wird erreichen können.

Während wir immer auf der Schneide des Grates weiter aufwärts stiegen, entwickelte sich das wunderbare Panorama gegen Südosten. Die Engadineralpen stiegen an dem wolkenlosen Horizonte gleichzeitig mit uns empor. Die Höhen, welche wir erst vor vier Tagen verlassen hatten, standen in derselben unbeschreiblichen Majestät vor uns, in welcher wir von ihnen aus so oft die Kette des Monte-Rosa bewundert hatten. Allein wir waren dem Pizzo Bianco ( 3106 m ) noch immer nicht ebenbürtig, und die Zeit drängteloc. cit.

rastlos vorwärts, wenn wir unser hohes Ziel erreichen wollten. Wir kamen jetzt an eine Stelle, an welcher auch vom Belvédère gesehen ein eigenthümlich weißes Gestein den dunklen Jägerhorngrat durchsetzt. Es ist dies ein Gneißschiefer, dessen außerordent- licher Reichthum von Muscovit die silberartige Farbe des Gesteins bedingt. Noch mancher Schweißtropfen wurde vergossen, noch mancher Klimmzug über große'und kleine Tafeln ausgeführt, da endlich schimmerte es silberhell zu unseren Häuptern bald standen wir auf der schon erwähnten kleinen Firnschneide, an deren glückliche Erreichung wir die Möglichkeit, unser Ziel zu gewinnen, geknüpft glaubten. Ein paar Schritte weit erschien der Schnee vorzüglich; wir konnten uns hart an der scharfen Schneide halten, die nach der einen Seite zum Pillar-, nach der anderen zum Riegelgletscher steil abstürzt, aber bald ging der Schnee in Eis über. Nun mußte eine lange Reihe von Stufen uns vorsichtig nach der weniger steilen Seite des Riegelgletschers hinübergeleiten, von welcher Felstrümmer uns wieder auf unsern Kamm hinaufzusteigen gestatteten. Dieser kleine Schneegrat ist die einzige Stelle, an welcher die Schneide des ganzen ungeheuren Felskammes auf eine Länge von kaum 100 m wirklich durch Eis vollständig unterbrochen ist. Wir hatten nun bereits eine beträchtliche Höhe erreicht, die Spitze des Pizzo Bianco lag weit unter uns, aber Mittag war schon vorüber und noch immer dehnte sich die Felswand in unabsehbarer Flucht vor uns aufwärts. Von dem Ende dieses Schneegrates aus erscheint der Steigungswinkel bedeutend ver- größert, und es bedurfte noch einer anderthalb- ständigen, energischen, aber niemals wirklich technisch schwierigen Arbeit, bis wir unser Ziel nur noch etwa 100 m über uns deutlich erblicken konnten. Jetzt aber kamen wir mit dem frisch gefallenen Schnee in harten Kampf; wir mußten uns in südwestlicher Richtung etwas links neben die Spitze wenden, da eine überaus steile Wand, mit frischem Schnee überschüttet, den kürzesten Aufstieg zu verbieten schien. Aus Mr. Mathews Beschreibung scheint hervorzugehen, daß er die Spitze des Jägerhorns unmittelbar über die letzten Felsen erreicht hat. Liegt dort kein frischer Schnee, so ist dies auch sicher möglich. Auf einem schneebedeckten Felsbande stiegen wir mit großer Anstrengung nach links schräg aufwärts. Der lockere Schnee ließ uns hier bis zu den Hüften einsinken und befürchten, falls ein Abrutschen einträte, den furchtbaren Abhang zum Fillargletscher hinunter zu stürzen. Das Band endigte in einem etwa noch 30-40 Fuß fast senkrecht aufwärts steigenden, mit Eis ausgekleideten Felskamin. Wir standen im Schatten, aber dort oben glühte das Sonnenlicht durch den eisigen Saum hindurch; dort oben mußte die Höhe sein. Klucker hackte sich in dem Kamin aufwärts, kroch zwischen einem Eisstück und einem Felsklotz, welche an ihren oberen Enden zusammengekittet waren, hindurch, stieß einen Schrei aus und zog mich mit großem Eifer nach. Da lag sie vor uns, die Eiswelt des Gornergebiets, ein fast überwältigender Anblick. Wenige Minuten brachten uns, über die Felsen nach Norden aufwärtssteigend, um 2 Uhr 45 Minuten auf die Spitze des Jägerhorns.

Mehr als eine Stunde lang erfreuten wir uns nach der schweren Arbeit, bei wolkenlosem Himmel und völliger Windstille, an der herrlichen Rundsicht, welche man von der Cima di Jazzi in ähnlicher, von der Dufourspitze des Monte-Rosa in viel vollkommenerem Maße zu genießen pflegt. Daher nur über unsere allernächste Umgebung einige Worte. Der Blick in die Tiefe des Macugnagathales zog da das Auge immer wieder zu sich nieder. Den Weg, welchen wir gekommen waren, konnte man nur ein kurzes Stück verfolgen, mit solch schwindelnder Steilheit stürzten die Hänge unseres Grates zum Riegel- und zum Fillargletscher ab. Von oben gesehen erscheint dieser Grat nur wie ein schmaler Strebepfeiler in die riesige Eiswand hineingeklemmt. Bergsteiger, welche das Jägerhorn vom Gornergletscher aus besuchten, würden einen Abstieg an diesem Felsen zum Macugnagagletscher wahrscheinlich ablehnen. Derselbe wird in der That ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen, läßt sich aber bei schneefreien Felsen gewiß ohne besondere Schwierigkeit durchführen. Einen wunderbaren Anblick gewährte die in südlicher Richtung sich noch mehr als 600m aufthürmende und nur durch den schmalen Eissattel des Jägerpasses von unserer Spitze getrennte Felswand des Nordendes. Von riesiger Schneewächte gekrönt, in welcher das durchschimmernde Sonnenlicht herrliche Lichtbilder hervorrief, so daß die Felsen oben wie mit einem glühenden Saum gekrönt erschienen, stieg sie unnahbar steil empor. Sie verdeckt für den Besucher des Jägerhorns ein nicht unwesentliches Stück der Rundsicht gegen Süden und Südwesten.

Während der zehnstündigen Dauer unseres Aufstiegs fiel an der gewaltigen Eiswand, welche sich zur höchsten Spitze des Monte-Rosa hinaufzieht, weder ein Stein noch ein Eisstück. Das geftirchtete große Couloir hätte heute ungefährdet passirt werden können. Ich bemerke dies ausdrücklich, weil ein Führer^ Namens Lochmatter, Klucker einige Beobachtungen über die Zeit der Eisfälle an diesem Abhang mitgetheilt hat, welche zu bezweifeln ich keinen Grund habe. Man huldigt gewöhnlich der Ansicht, daß man lawinengefährdete Eiscouloirs vor Sonnenaufgang ohne Gefahr passiren könne, indem die Fälle erst nach dieser Zeit eintreten. Aus demselben Grunde pflegt man auch Stellen, an welchen der Weg durch ein sogenanntes „ Labyrinth " hindurchführt, in möglichst früher Morgenstunde zu begehen. Der genannte Führer hatte nun bei Gelegenheit des Baues der italienischen Hütte auf dem Jägerrücken 17 Nächte in unmittelbarer Nähe des „ großen Couloirs " zugebracht. In jeder dieser Nächte traten Lawinenfälle ein; aber die meisten derselben fielen regelmäßig kurz vor und nach 1 Uhr Morgens, während vereinzelte Stürze dann weiter nur noch bis in die fünfte, höchstens die sechste Stunde sich ereigneten. Nach dieser Zeit, in welcher gerade die Wärme des Tages zu wirken beginnt, fielen nur noch sehr selten größere Massen. Wie gesagt, haben wir selbst während unseres ganzen Aufstiegs nicht einen einzigen Fall gehört. Ueber die angeführten Beobachtungen braucht man sich nicht zu wundern, wenn man bedenkt, daß das Ablösen von Eis oder Felsmassen sich häufiger durch den Proceß des Gefrierens, wie durch den des Auf- thauens vollziehen wird Daß die zahlreichen La- winenfälle, welche Lochmatter eine Stunde, nach Mitternacht beobachtete, unter dem Einfluß des ersteren vor sich gingen, unterliegt keinem Zweifel. Gerade um diese Zeit pflegt im Hochsommer der kälteste Moment der Nacht einzutreten, innerhalb welchem die unter dem Einfluß der Wärme des Tages mit Wasser gefüllten Spalten in Eis und Fels in der höchsten Gebirgsregion zum Gefrieren gelangen.

Wie lange hatte ich mich darauf gefreut, die altbekannten Freunde da drüben im Zermattergebiete wieder zu sehen. Sieben Jahre waren inzwischen vergangen, sogar elf, seitdem ich zum ersten Mal auf der Spitze des Monte-Rosa als blutjunger Bursche gesessen. Mancher kleinere Gipfel war mir fremd geworden, aber Klucker nannte nicht allein die wohlbekannten großen Gipfel, sondern auch Spitzen wie Rimpfischhorn und Strahlhorn mit Namen, als ob er zwischen ihnen aufgewachsen wäre. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß Jemand allein durch Kartenstudien seinem Gedächtniß das so verwickelte Bild einer mit unzähligen Berggipfeln bedeckten Gegend hätte einprägen können, wenn er die letztere noch niemals mit eigenen Augen geschaut hat.

So verrann die Zeit, welche wir auf dem Gipfel des Jägerhorns zubrachten« Wozu auch eilen? Die Frühmittagssonne scheint warm und da drüben zum Greifen nahe ragt der schwarze Fels des Riffelhorns empor, hinter welchem unser Ziel, das behagliche Riffelhaus, versteckt ist. Der Weg dorthin führt über ungefährliche, wohlbekannte Pirnterrassen in ganz allmäliger Neigung. In drei, höchstens vier Stunden mußten diese ja hinter uns liegen, wenn wir dort gemächlich hinabtrollten. Also wozu denn eilen? Und doch drängte es Jeden von uns Beiden abwärts. Wir hatten ein dunkles Gefühl, als ob noch nicht alle Mühsal für heute überstanden sei; von dem, was uns bevorstand, davon hatten wir allerdings keine Ahnung.

Wir brauchten vom Gipfel des Jägerhorns bis zum Riffelhaus 7 Stunden! Damit dies verstanden werde, muß ich Folgendes hier einschalten. Als wir in Macugnaga ankamen, hatte während einiger Tage ein ungeheurer Schneefall auf den Nordabhängen der Alpen, namentlich der Sttdwestalpen, stattgefunden. Von der Bedeutung dieses Schneefalls ahnten wir bei unserer Ankunft in Macugnaga nichts. Hatten wir doch in denselben Tagen theils bei lachendem Sonnenschein, theils bei warmen Regen eine Reise vom Engadin über die italienischen See'n hieher gemacht. Während wir in einer windstillen, schwülen Sommernacht in einem Garten am See von Lugano bei deutschem Bier italienische Arien anhörten, hatte auf der Nordseite der Alpen ein rasender Sturm die Schneemassen Fuß um Fuß aufeinander gehäuft. Als am Abend des Tages, an welchem wir in Macugnaga ankamen, der Wolkenvorhang sich theilte, erglänzten allerdings auch die niederen Höhen von frisch gefallenem Schnee, allein die Sonne des nächsten Tages, an welchem wir unseren Weg auf das Jägerhorn recognoscirten, hatte denselben bald fortgeleckt, und :.'* » wir fanden bei unserer Besteigung nur noch in den oberen Felspartien durch denselben geringen Aufenthalt. Aber, daß es drüben bei Zermatt so ganz anders aussah, davon hatten wir keine Ahnung und erhielten auch keine Mittheilung darüber, weil während unseres Aufenthaltes in Macugnaga Niemand über die Pässe herüberkam.

Um 3 Uhr 50 Minuten Nachmittags verließen wir die Spitze, stiegen zum Jägersattel hinunter und fanden die steile Mulde, welche sich bis auf die ebeneren Plateaux hinuntersenkt, zum Theil sogar von Schnee gänzlich entblößt, so daß wir in der oberen Partie derselben eine Zeitlang Stufen schlagen mußten. Mit dem weiteren Hinuntersteigen nahm jedoch die Tiefe des Schnee's zu, und am Fuß der Mulde geriethen wir förmlich in ein Bad von pulvrigem Schnee, welcher auf seiner Oberfläche eine etwa zolldicke, hartgefrorene Kruste trug.

Wir arbeiteten uns gegen 50 Schritte weit mit vieler Mühe in der Weise vorwärts, daß wir die Kruste durchtraten und nun bis zu den Hüften in den lockeren Schnee einsanken, worauf es besondere Geschicklichkeit erforderte, das Bein ohne Verlust von Haut- und Hosenfetzen durch das in die harte Oberfläche getretene Loch wieder herauszuziehen.

„ Klucker, wir sind offenbar in eine Schneewehe gerathen, aus der wir gleich wieder heraus sein müssen. "

„ Ich hoffe es. "

„ Klucker, meinen Sie wirklich, daß der Schnee weiter so tief bleiben könnte ?"

„ Ich hoffe nicht. "

„ Also vorwärts !"

Nachdem wir etwa hundert Schritte weiter gestampft, machten wir wieder Halt.

„ Klucker, ich kann mein linkes Bein höchstens noch fünfzig Mal aus einem derartigen Loch herausziehen; dann bleibe ich einfach an der Stelle stecken, wo ich mich gerade befinde. "

Klucker drehte sich mit einem vielsagenden Blicke um und meinte: „ Wir werden doch wohl noch weiter müssen. "

Und wir gingen weiter. Wir sprachen nicht viel mehr zusammen. Wir hielten uns zunächst ziemlich nördlich gegen den Cima di Jazzi-Weg und bewegten uns noch immer im Schatten der Abstürze des Nordendes. Jeder Schritt bot dieselbe Mühsal: Klucker durchbrach die harte Decke zuerst, ich folgte in seinen Stapfen nach. So hatten wir uns etwa zwei Stunden lang mechanisch wie ein Uhrwerk vorwärts gearbeitet. Wir gingen schon längst in der Sonne. Aber die Sonne stand bereits tief, ihre Strahlen trafen uns in fast horizontaler Richtung; wir waren erst ein paar Kilometer vorwärts gekommen, und die Tiefe des Schnee's blieb vollkommen gleichmäßig. In tadelloser Reinheit zogen sich die sanftgeneigten Firnterrassen zum flachen Boden des Gornergletschers hinunter. Dort unten mußte wenigstens der Schnee ein Ende haben. Aber auch der Gornergletscher leuchtete in verdächtigem Weiß. Hätte ich da, wo wir jetzt standen, geahnt, daß selbst das Riffelhaus noch von Schnee umgeben sei, ich glaube, ich hätte auf den weiteren Kampf verzichtet. Allein wie Unkenntniß der Zukunft dem Menschen in allen Lebenslagen neue Hoffnung einflößt, so hofften wir auch hier von Schritt zu Schritt, von Spalte zu Spalte, von Terrasse zu Terrasse, daß die nächste Minute uns auf festeren Grund und damit aus aller Sorge führen kennte.

Unter so gleichmäßiger, rastloser Arbeit verrannen die Viertelstunden schnell. Wir machten keine Pausen mehr, sondern strebten lautlos vorwärts, un » nur des einen Zieles bewußt: Wir müssen vor gänzlichem Einbruch der Dunkelheit die Moräne erreichen. Die Sonnenstrahlen blendeten unerträglich. Wir steuerten jetzt mehr westlich auf den Stockknubel zu, aber die Blendung verhinderte uns, die noch zurückzulegende Entfernung genauer zu ermessen. Endlich verschwand der letzte Lichtblick der Sonne hinter den Felsen nördlich vom Matterhorn. Ich hatte mich auf diesen Augenblick lange gefreut, aber als der letzte Lichtfunke verschwunden war und die kalten blauen Schatten auf einmal über uns hinliefen, da erst wurde mir klar, daß unsere Situation eine bedenkliche sei und wir wirklich in die Lage kommen könnten, daß die heranziehende Nacht uns noch auf dem Gletscher finde, bis an die Oberschenkel in den Schnee eingegraben.

Die zahlreich auftretenden Schrunde auf der nördlichen Seite des Gornerfirns — die Zerklüftung hatte in den sieben Jahren, in welchen ich die Gegend nicht betreten, bedenklich zugenommen — zwangen uns, noch ehe wir die Höhe des Stock- knubels erreichten, vollends auf das Ufer loszusteuern. Die breiten Spalten erforderten jetzt oft weite Umgehungen und lästiges Laviren. Und doch war dieses Vorwärtsbewegen in nördlicher Richtung unser Glück. Kluckers scharfes Auge hatte schon von Weitem eine linienartige Schattirung im Schnee bemerkt, welche sich längs des nördlichen Felsbandes hinuter zu ziehen schien. Je näher wir derselben kamen, um so deutlicher erkannten wir, daß wir Fußspuren im Schnee vor uns hatten. Dieselben konnten nur von Leuten herrühren, welche bereits nach dem großen Schneefall das Weißthor überschritten hatten. Wir begrüßten diese Spur mit Freuden. Aber noch manchen Schritt harter Anstrengung kostete es, bis wir sie erreichten. Mit ihr zugleich hatten wir an dieser Stelle den Rand des Gletschers gewonnen. Hier machten wir eine kleine Pause und stillten an dem von den Felsen herabtröpfelnden Wasser den brennenden Durst. Hatten wir doch in frohem Uebermuth über die gelungene Besteigung schon auf dem Gipfel des Jägerhorn » den letzten Tropfen mitgenommenen Getränkes ausgeschlürft.

Es war jetzt tiefer Abend geworden. Als die Sonne die Eisgipfel um uns in glühendes Roth getaucht hatte, hatten wir noch weit oben in den Firn-plateaux gesteckt, und die Schönheit des in tadelloser Reinheit heraufziehenden Abends hatte unsere Sinne nicht zu fesseln vermocht, wie sie die große Gesellschaft, welche um dieselbe Stunde auf dem Gornergrat das selten schöne Schauspiel genoß, mit Entzücken erfüllt haben mochte. Damen und Herren, Pührer und Maulthiertreiber waren dort in großer Anzahl versammelt. Auch sie sahen die beiden schwarzen Punkte auf der weißen Fläche vom Monte-Rosa her sich langsam fortbewegen, aber Keiner hatte die Ueberlegung, sich zu sagen, daß die beiden Wanderer das Ende der ungeheuren Schneefläche vor Einbruch der Nacht nicht erreichen konnten, und Keiner von der Gesellschaft, die nach Sonnenuntergang lachend und plaudernd zum behaglichen Diner in das Riffelhôtel hinuntereilte, dachte daran, einen Mann mit einer Laterne den Weg über die Moräne den Gletscher entlang zu senden.

Doch was kümmerte uns der Einbruch der Dämmerung! Der alte Muth war mit dem Auffinden der Spur wiedergekehrt. Mußte uns dieselbe doch sicher auf den Weg geleiten, welcher über die Moräne zum Riffelhaus hinführt. Von dieser Stelle an war die Tiefe des Schnee's thalabwärts immer noch so bedeutend, daß man bis an das Knie einbrach. Allein in der vorgetretenen Spur zu gehen, zumal bei der nun zunehmenden Kälte des Abends, dünkte uns Kinderspiel gegen die bis dahin ausgestandenen Mühen. Die schmale Sichel des erst wenige Tage alten Mondes stand über dem Breithorn; in ihrem schwachen Lichte hob sich der ausgetretene Pfad, der sich nunmehr in weiten Schlangenlinien zwischen den Spalten hindurch nach dem „ Gadmen " hinzog, als deutliche Schattenlinie von der matt schimmernden Schneefläche ab. Als wir die Felsecke des „ Gadmen " umgangen hatten, wandte sich die Spur der Moräne zu und lief in dieselbe aus. Mit dem Wege verschwand gleichzeitig das letzte Licht des Mondes hinter dem kleinen Matterhorn. Wir waren jetzt wieder auf unsere eigenen Künste angewiesen. Die Noth macht erfinderisch; denn, wenn wir jetzt auch außerhalb der Gefahr waren, so wäre doch ein Bivouac auf der halbabgethauten Moräne nach den ausgestandenen Strapazen recht unangenehm gewesen. Ich besann mich plötzlich, daß in einer kleinen Eisenbahnlaterne, welche ich in meinem Rucksack hatte, wahrscheinlich ein Stückchen Kerze Vorhandensein mußte. Mit Hilfe dieser Kerze tappten wir glücklich über die Moräne bis zum gebahnten Weg hinauf. Die Kerze erlosch in demselben Augenblicke, als wir auf dem „ Rothenboden " zum ersten Mal die Lichter des Riffelhauses erblickten. Nach 11 Uhr betraten wir dasselbe, und die liebenswürdige Wirthin machte meine letzte Sorge an diesem Tage, daß kein Bett dort in so später Stunde zu finden sei, dadurch zu Schanden, daß sie uns ein luxuriöses Zimmer anwies. Noch heute segne ich das Andenken des mir unbekannten Engländers, der so liebenswürdig war, an demselben Abend unerwartet abzureisen, da wir dadurch ein Zimmer erhielten, das sonst wohl nicht für gewöhnliche Sterbliche bestimmt ist. Trotz der späten Stunde verschwand in wenig Minuten noch eine Flasche Sect unter fröhlichem Geplauder und gegen die Mittagsstunde des nächsten Tages zogen wir in das Hôtel Monte-Rosa in Zermatt ein, von dem liebenswürdigen Herrn Seiler wie immer herzlich aufgenommen.

Eine Reihe herrlicher wolkenloser Tage verlebte ich noch in Zermatt. Aber der frische Schnee hat uns in ihnen noch manche Stunde harter Arbeit verschafft. Die tief verschneiten Terrassen des Monte-Rosa blieben mehrere Tage unbetreten. Vom Gipfel des Matterhorns und des Zinal-Rothhorns haben Klucker und ich noch oft nach der schmalen Schattenlinie hinüber geblickt, welche sich von der blendenden Fläche deutlich abhob. Aber jedesmal waren wir froh, die Stunden nicht noch einmal durchkämpfen zu müssen, in welchen wir ihre Zeichnung hervorgerufen hatten.

Zeitangaben:

ab Macugnaga1 Uhr 50 Minuten an Fillaralp4 „ 20 Minuten Pause ab Fillaralp4 „ 20 „ auf der Gratschneide6 „ 10 „ an Gletscherplateau8 „ 20 „ 25 Minuten Pause ab Gletscherplateau845 „ ca. 1 Stunde 15 Min. Pause an Spitze2 „ 45 „ Zeit des Aufstiegs 12 Stunden 55 Minuten incl. 2 Stunden. Pausen.

Mr. Mathews brauchte zu der Ersteigung des Jägerhorns über den untern Theil des Fillargletschers und den obern Theil unseres Grates ebenfalls nahezu 11 Stunden inclusive 1 Stunde 10 Minuten Aufenthalt. Der Abstieg zum Riffel erforderte dagegen nur 31/« Stunden, während wir volle 7 Stunden durch den .Schnee aufgehalten wurden.

. ' ' fi Die Besteigung des Jägerhorns von Macugnaga aus wird unter normalen Verhältnissen jedem Felsgänger eine Reihe köstlicher Genüsse darbieten. In der Erinnerung an das Durchlebte verschwindet ja. das Unangenehme sehr bald, und so steht der Uebergang über den Monte-Rosastock über die Spitze des-Jägerhorns von Macugnaga nach Zermatt in ungetrübter Schönheit vor mir da. Ich verdanke diese Erinnerung der ausgezeichneten Findigkeit und Energie meines treuen Führers.

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