Dhaulagiri

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON MAX EISELIN, LUZERN

Mit 3 Bildern ( 32-34 ) Gewaltig erhebt sich der Himalaya, das « Schneegebirge », über den Steppen Asiens. Über Hunderte, ja Tausende von Kilometern erstrecken sich die höchsten Gipfel unserer Erde zwischen dem Pamirgebirge und dem Kleinstaat Bhutan. Von den Einheimischen als « Thron der Götter » verehrt, von uns Europäern nicht minder als erhabene, geheimnisvolle Fels- und Eisburgen bestaunt und begehrt, ragen die Achttausender von Sikkim bis Kaschmir in den blauen Himmel Asiens hinauf.

Ich kenne keine Bergsteiger, vor allem keine jungen Bergsteiger, die nicht von dieser geheimnisvollen, gewaltigen Bergwelt des Himalaya träumen und die nicht den Wunsch in sich haben, wenigstens einmal in ihrem Leben durch die Täler des Himalaya zu wandern oder gar einen der dortigen Bergriesen zu besteigen. Diesen Wunsch zu verwirklichen, gelingt nur wenigen, denn unzählige Probleme müssen überwunden werden, bevor der schwerfällige Tross « Expedition » auch nur ins Rollen kommen kann.

Der Dhaulagiri, auf Deutsch « Weisser Berg », hat von jeher eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Mit seinen 8222 Metern ( nach früheren Messungen 8172 Metern ) ist er der sechsthöchste der dreizehn Achttausender und wurde in früheren Jahren sogar als höchster Berg der Erde betrachtet; wohl deshalb, weil er an klaren Tagen sogar von der Tiefebene Indiens aus sichtbar ist.

« Himalaya-Expeditionen sind das schwärzeste Kapitel des Bergsteigens! » warnte mich einst ein betagter Bergkamerad. « Da kannst du nur mitgehen, wenn Geld oder « Vitamin-B » zu gewissen Kreisen hast. Sonst bleibst schön brav zuhause hocken und schaust dir den Himalaya aus Büchern an. » Aber im Februar 1960 war es trotzdem endlich so weit! Die notwendigen Finanzen für eine umfangreiche Grossexpedition zu einem Achttausender wurden auf jede erdenkliche Weise zusammengekratzt, und Ernst Forrer, mein Kassier und Stellvertreter, konnte befriedigt die Dollar- und Rupiennoten, die Schweizer Franken und Reisechecks - und vor allem das Schiffs-billet nach Bombay - für sich und seine vier Kameraden in die Tasche stecken. Es war der erste Sieg unserer Expedition; die bergsteigerischen Probleme machten uns weniger Sorgen.

Zusammen mit seinen vier Kameraden Diemberger, Hajdukiewicz, Vaucher und Skoczylas schwammen dann noch die sechs Tonnen Expeditionsgepäck von Genua nach Indien, und vierzehn Tage später konnte der Rest unserer Mannschaft, nämlich Saxer, Wick, Diener, Weber Schelbert und ich, auf dem Luftwege nachfolgen. Der Walliser Käser Jean-Jacques Roussi, der als Mitarbeiter des Schweizerischen Hilfswerkes für aussereuropäische Gebiete in Kathmandu tätig ist, erwartete uns in Nepal, und der letzte unserer dreizehnköpfigen Expedition, Norman Dyhrenfurth, flog direkt aus seiner neuen Heimat, Kalifornien, nach Kathmandu.

Als Novum in der Geschichte der Himalaya-Erschliessung sollte unsere Expedition einen völlig neuartigen Ausrüstungsgegenstand mithaben: ein Gletscherflugzeug. Unser einmotoriger « Pilatus Porter PC-6 » musste einen etwas einfacher auszusprechenden Namen bekommen. Plötzlich kam mir eine Idee, und es war die Sache eines Augenblicks, dass ich dem Schriftenmaler der Pilatus-Flugzeugwerke das Wort « Yeti » ins Telefon rief. « Yeti » sollte das Ding heissen! Das ist einfach auszusprechen und ein guter Slogan zugleich! Und sollte die Maschine tatsächlich nicht mehr aus dem Himalaya zurückkommen - was viele Flugzeugkapazitäten im voraus behaupteten -, so wäre dann wenigstens ein Yeti dort oben und die ganze Sensation um das Schnee-Ungeheuer abgetan...

Am 12. März 1960 steuerten unsere beiden Piloten, Ernst Saxer und Emil Wick, unseren « Yeti » über die Alpen. Beim Anblick der herrlichen Schneefelder von Krönte und Sustenhorn schauten sich Peter Diener und ich lange an. Am liebsten wären wir hier in unserer herrlichen Bergwelt geblieben. War es nicht vor zwei Jahren, als ich das erste Mal in den Himalaya flog, genau gleich? Lange schaute ich damals aus dem engen Fensterchen eines grossen Verkehrsflugzeuges zum Mittellegigrat und in die gewaltige Fiescherwand, bis dann der Riesenvogel in brodelndem Nebel verschwand. Ja, unsere Alpen! Eigentlich sind sie doch hundertmal schöner als der Himalaya! Und während all der Zeit, da sich eine Expedition an einem einzigen Himalayariesen abmüht, könnte man in den Alpen Dutzende schönster Bergfahrten geniessen. Aber trotzdem lockt das Abenteuer Himalaya, lockt die Ferne und Weite Asiens mit seinen zauberhaften, geheimnisvollen Ländern und unverdorbenen, einfachen Menschen.

Während Ernst und Emil gewissenhaft die vielen Instrumente kontrollieren, Funkfeuer um Funkfeuer einstellen, Berechnungen über Reichweite und Benzinvorrat anstellen, geniessen Peter und ich den Blick vom langsam fliegenden « Yeti » aus. In der Ferne die gewaltige Ostwand des Monte Rosa, dann unter uns die bizarren Felstürme der Grigna und die schmucken Städte Oberitaliens, so zieht die Welt unter uns dahin. Der Flug mit dem kleinen, langsamen « Yeti » ist ein viel grösseres Vergnügen als mit einem grossen, schnellen Verkehrsflugzeug. Es folgen Florenz, Rom, Brindisi und Athen - und dann folgt über den verträumten Inseln von Rhodos und Zypern der Einzug in Asien, diesem wunderbaren Kontinent mit seinen extremen Gegensätzen. Die leicht verschneiten Höhenzüge des Libanon und die einladende Stadt Beyrouth eröffnen den langen Reigen eines abwechslungsreichen Fluges. Nach Damaskus, der Hauptstadt Syriens, heute zur Provinzhauptstadt der « Vereinigten Arabischen Republik » degradiert, beginnt die endlose arabische Wüste. Stundenlang, über Hunderte von Kilometern, sehen wir nichts als Sand, Sand und nochmals Sand. Nirgends ist auch nur das geringste Lebenszeichen zu sehen, kein Strauch und kein Baum, ja nicht einmal Gras. Wir fliegen über politisch heissumstrittenem Gebiet: das Dreiländereck Syrien/Jordanien/Irak. Plötzlich taucht mitten in der Sandwüste ein moderner Flugplatz auf, obwohl weit und breit keine Ortschaft zu erkennen ist. Wir wissen: es kann nichts anderes als der legendäre Wüsten-Flugplatz « H-2 », eine irakische Öl-Pumpstation, sein. Richtig! Gut erkennbar ist die mächtige « Pipeline », in der das Öl, der Reichtum der Wüste, zum nächsten Ver-schiffungshafen fliesst. Ernst dreht zwei Kreise über dem Flugplatz, und wir fliegen so tief wie möglich, um einige der streng verbotenen Aufnahmen zu machen. Dann geht es weiter gegen Osten, bis Mesopotamien mit Euphrat und Tigris auftaucht. Und dann landen wir endlich, um die Mittagszeit herum, in der Stadt Harun al Raschids: in Bagdad. Der Schweizerische Botschafter im Irak und sein Sekretär geben uns einen freundlichen Empfang, und die flinken Iraki bringen uns in prächtigem Tempo durch die Schleusen der Bürokratie. Am gleichen Abend sind wir bereits in Abadan, der persischen Ölstadt, bei einem gastfreundlichen Schweden, und dann folgt unsere längste Tagesetappe: wir hoffen, noch am gleichen Tage in Pakistan zu sein. Aber der Golf von Persien will kein Ende nehmen, zweimal heisst es, bei kleinsten Dörfern Landungen zum Benzin-auftanken durchzuführen, und einmal will man uns dabei sogar noch einen Negersklaven verkaufen! Menschenhandel im löblichen zwanzigsten Jahrhundert... Der Tag geht schon bald zur Neige, da wir endlich im pakistanischen Grenzort Jiwani landen. Die Freude der diensttuenden Flugplatz-Beamten kennt keine Grenzen! Dass Fremde ankommen, ist für sie die Sensation des Jahres. Wir werden mit grösster Gastfreundschaft aufgenommen, trotzdem es hier nicht einmal Trinkwasser gibt ( das mit dem einmal monatlich hier verkehrenden Postflugzeug gebracht werden muss ). Die Erinnerung an die reichlich genossene Gastfreundschaft bei den netten Pakistanern wird auch dadurch nicht getrübt, dass wir anderntags plötzlich einen ganzen Haufen neuer Bewohner im « Yeti » vorfinden und dann einander während langer Zeit allerhand Ungeziefer aus den Hosenbeinen hervorkratzen müssen. Kurz vor Karachi haben wir endlich wieder Ruhe - die Schlacht ist gewonnen, und nur viele angeschwollene und gerötete Stellen sind zurückgeblieben. Noch zwei Tage vergehen, an denen wir das riesige, fruchtbare Indien überfliegen und uns an den Gegensätzen dieses grandiosen Landes kaum sattsehen können - und dann haben wir die Kette des Himalaya vor uns.

Wir fliegen auf 5000 Meter Höhe. Gerade neben uns erhebt sich Spitze an Spitze - von Nanda Devi bis Gaurisankar und Mount Everest ein einziges gleissendes Silberband! Nicht lange geht es, dann kann ich das schon lange erwartete Wiedersehen mit « unserem » Berg, dem Dhaulagiri, feiern. Es ist ein Markstein in meinem Leben! Was habe ich nicht alles darangesetzt, dass dieser wunderbare Berg durch unsere Expedition angegangen werden kann, und auch meine Kameraden, die neben mir im Flugzeug sitzen und den Himalaya zum ersten Male sehen, haben alles auf eine Karte gesetzt und schon seit geraumer Zeit nur noch ein einziges Ziel im Kopf: den Weissen Berg.

Ein paar Wochen später ist auch die Schiffsmannschaft in Nepal angekommen. Mit der Eisenbahn und mit zwei altertümlichen Lastautos wurden die sechs Tonnen Expeditionsmaterial zum nepalischen Grenzdorf Bhairava geschafft, wo sich einstweilen unsere Flachland-Basis befindet. Aber es ist ein unangenehmer Platz, dieses Bhairava. Das feuchtheisse Klima des moskitover-seuchten indischen Terai herrscht auch hier, und zudem machen uns die heissen Sandstürme, die mit einer Regelmässigkeit sondergleichen jeden Nachmittag zur Hölle werden lassen, schwer zu schaffen. Unser armer « Yeti » leidet am meisten darunter, und eine besonders starke Böe eines solchen Sandsturmes zerstört ihm gar das Seitensteuer. Unsere Lage wird mit der Zeit dermassen prekär, dass wir unseren Standort verlegen müssen, und so ziehen wir ins bedeutend angenehmere Pokhara um, auf 900 m Höhe, dicht am Fusse der Himalayakette. Pokhara kommt uns nach Bhairava geradezu als Paradies vor; es hat nur einen, dafür aber sehr ernstlichen Nachteil: es gibt hier kein Benzin, und das bedeutet für unseren « Yeti » Arbeitslosigkeit. Doch wir finden einen Ausweg: Captain King, der Flugkapitän des Maharadschas von Darbangha, erklärt sich bereit, uns das wichtige Nass von Zeit zu Zeit mit seinem « Dakota»-Flugzeug zu überbringen. Das ist eine prächtige Nachricht - und die Gletscherfliegerei zum Dhaulagiri kann einsetzen!

Immer wieder finde ich es ganz besonders artig, dass uns die Regierung von Nepal in entgegenkommender Art und Weise die Bewilligung erteilt hat, frei im Lande herumzufliegen. Ansonst ist ja Nepal dadurch bekannt, dass der Fremde für jede auch noch so kleine Fussreise einer Spezialbewilligung des Aussenministeriums bedarf, die gar nicht so selbstverständlich erteilt wird. Unsere Flugbewilligung verdanken wir unserm Landsmann, der in Nepal grösstes Ansehen geniesst und der in diesem Himaiaya-Königreich eine ganz aussergewöhnliche Pionierarbeit als Geologe geleistet hat und heute wohl der beste Nepalkenner überhaupt ist: Dr. Toni Hagen. Ihm und den Mitarbeitern des Schweizerischen Hilfswerkes für aussereuropäische Gebiete, darunter ganz besonders dem Wädenswiler Käsereifachmann Werner Schulthess, ist es zuzuschreiben, dass der Name unseres kleinen Landes im fernen Himalaya derart guten Klang besitzt.

Die Höhenangewöhnung, die sogenannte « Akklimatisierung », werden wir dank dem Gletscherflugzeug auf ganz andere Weise durchführen, als dies bei jeder früheren Expedition der Fall war. Wir starten im 900 m hoch gelegenen Pokhara bzw. im 200 m hohen Bhairava bei tropischer Hitze und landen eine halbe Stunde später in arktischer Kälte auf dem 5200 Meter hohen Dambuschpass. Es ist eine « Rosskur » ohnegleichen, aber wir sind zuversichtlich, dass der zu erwartende Höhenschock in drei bis vier Tagen ohne Folgen überwunden sein wird. Welch ketzerisches Unterfangen! Zwar sind wir eine rein bergsteigerische Expedition ohne wissenschaftliche Neben-aufgaben. Aber die erste Gletscherlandung im Himalaya, der Welt-Höhenrekord im Landen und Starten und die Blitzakklimatisierung interessieren weite Kreise, die sonst keine Beziehungen zum Bergsteigen haben. Auch wir selber sind gespannt, ob wir es auf diese Weise schaffen, oder ob wir nach kurzer Zeit Aufenthalt im Akklimatisations-Lager Dambuschpass in niedrigere Regionen absteigen müssen.

Doch alles verläuft wie am Schnürchen. Ein einziger mag die plötzliche Höhe nicht ertragen und muss wieder ins Flachland hinunterevakuiert werden. Später stellt es sich dann heraus, dass er überhaupt höhenuntauglich ist, denn selbst nach dem Fussmarsch hält er es in der sauerstoffarmen Luft nicht aus. Zur Ehre unseres « Yeti » sei es gesagt: ich fühle mich diesmal sogar schneller akklimatisiert als vor zwei Jahren, als ich die extreme Höhe nicht im halbstündigen Flug, sondern in fast zwanzigtägigem Marsch gewann. Unser Flugzeug-Experiment ist gelungen. Es ist der zweite Erfolg unserer Expedition! Dass die Weltagenturen das Gegenteil in die Presse posaunten, hat nichts zu sagen.

Das wichtigste im Verhalten auf dem Dambuschpass ist für uns jedoch absolute Ruhe, damit sich der Körper ohne Anstrengung an das plötzliche Sauerstoffmanko gewöhnen kann. Beim Aussteigen verspüren wir zuerst einmal gar nichts. Erst nach etwa vier Stunden bemerken wir eine kleine Benommenheit, die rund drei bis vier Tage anhält, während denen Appetit- und Schlaflosigkeit die hervorstechendsten Merkmale sind. Doch es vergeht keine Woche, dann können die ersten, die hier oben landeten, bereits mit Trainingstouren beginnen, wenn auch anfänglich mehr Spazier- gänge als Bergfahrten. Und bald darauf kann an den Abbruch des Akklimatisationslagers und die Einrichtung des Hauptlagers auf dem 5700 m hohen Dhaulagiri-Nordostsattel gedacht werden.

Zusammen mit den beiden Piloten und mit Dr. Georg Hajdukiewicz, unserem Arzt, der schon 1958 mit uns am Dhaulagiri war, fliege ich zu einem Rekognoszierungsflug längs der wilden Nordflanke des Dhaulagiri zum Fusse des Nordostsporns hinauf. Ernst Saxer, der sich am Steuer des « Yeti » befindet, macht nicht lange Geschichten, sondern landet gleich im weichen Schnee, auf 5700 Metern Höhe! Es ist eine erstaunliche Sache, die teils dem Geschick unseres Piloten, teils den Fähigkeiten unseres Flugzeuges zu verdanken ist. Georg und mich interessiert vor allem der Nordost-Sporn unseres Berges. Es ist « unser Weg », den wir schon lange als den Aufstiegsweg zum Gipfel des Dhaulagiri betrachten, obwohl von unseren sieben Vorgängerexpeditionen nur eine einzige diese Route einschlug. Wir hoffen nur eines: dass es uns, als der achten Expedition an diesem Berg, gelingen möge, endlich auf dem Gipfel des Dhaulagiri zu stehen.

Wir deponieren bereits das erste Material auf dem Nordostsattel. Dann fliegen wir sofort zum Dambuschpass hinunter und beginnen intensiv damit, Menschen und Material hinaufzuverschie-ben. Die Expedition macht prächtige Fortschritte, doch eines Tages erscheint trotz bestem Wetter kein « Yeti » am Himmel. Wir warten voller Hoffnung auf unser Flugzeug und reden uns alles aus dem Kopfe, was irgendwie pessimistisch sein könnte. Wir warten zwei, dann drei Tage, und schliesslich ist eine Woche vergangen, ohne dass unser guter, treuer « Yeti » erscheint. Die Situation ist ernst! Denn ohne Flugzeug ist unsere Expedition völlig desorganisiert. Eine Gruppe ist im Hauptlager, eine auf dem Flugplatz von Pokhara, wir auf dem Dambuschpass. Alle sind durch grosse Entfernungen voneinander getrennt, und niemand weiss etwas vom andern. Um jeden Preis gilt es deshalb vor allem, mit dem Nordostsattel, dem Hauptlager, möglichst schnell Verbindung aufzunehmen. Wer weiss, ob die dortigen Kameraden noch genügend Lebensmittel und Brennstoff haben, nachdem bereits eine Woche ohne Nachschub verstrichen ist. Wir haben nur wenige Träger, insgesamt sieben Sherpas, von denen einer noch in Pokhara und drei auf dem Nordostsattel sind, so dass uns hier auf dem Dambuschpass noch ganze drei Mann verbleiben, während rund 200 Träger erforderlich wären! Aber trotzdem wollen wir nicht verzweifeln. Ein schöner Teil des Materials ist schon im Hauptlager, und vielleicht wird der « Yeti » ja bald wieder erscheinen. Unterdessen wollen wir so viel wie nur möglich hinauftragen.

Eines Abends - wir sind gerade von einem Materialtransport zum Franzosenpass zurückgekommen - tauchen einige Gestalten aus dem Nebel unter dem Dambuschpass hervor. Es ist unser Pilot, Ernst Saxer! Zusammen mit ihm sind noch Norman Dyhrenfurth und der Sherpa Ang Dawa sowie ein Kuli von Pokhara her zu Fuss aufgestiegen. « Was ist mit dem „ Yeti " los ?» - « Ein Zylin-derdeckel ist während des Fluges explodiert, und wir mussten notlanden. Alles ist glimpflich abgelaufen, und Emil wartet jetzt beim „ Yeti " in Pokhara drunten auf einen neuen Motor! » Der lang ersehnte Bescheid über unser Flugzeug ist schlimm, aber wir sind trotzdem erleichtert, denn wir haben nun die Gewissheit, dass nur Materialschaden entstanden ist. Während ich zusammen mit Ernst Saxer im Eilmarsch nach Pokhara absteige, um die zu erwartenden administrativen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Motoreinfuhr möglichst rasch zu beheben, wird unter der Leitung von Peter Diener eine schnelle Verbindungsgruppe zum Nordost-Sattel entsandt, und Georg Hajdukiewicz übernimmt die Leitung der Nachzügler. Ich weiss die Expedition somit in besten Händen und kann mich der neuen Aufgabe, die mit Bergsteigen allerdings herzlich wenig zu tun hat, voll widmen. Aber es sollte gar nicht dazukommen, denn wie wir nach fünf Tagen in Pokhara ankommen, steht der neue Motor für den arg mitgenommenen « Yeti » bereits da. Und sogar einen weiteren Mechaniker, Hans Reiser aus Stans, haben die Pilatus-Flugzeugwerke nach Nepal entsandt; über mangelhaften Kundendienst können wir uns also wahrhaftig nicht beklagenDrei Wochen später: der neue Motor sitzt in der Haube unseres « Yeti », und wieder einmal machen wir die grandiose Flugreise hinauf in die Gegend unseres Basislagers. Gleich winzigen Punkten können wir unsere Kameraden erkennen, wie sie sich mit schweren Rucksäcken den wilden, zerrissenen Mayanghdigletscher hinaufmühen. Im Hauptlager Nordostsattel befindet sich gerade die Gruppe von Peter Diener. Die Freude unserer Kameraden, dass wir wieder zurück sind und dass der « Yeti » in alter Frische funktioniert, ist gross. Dankbar nehmen sie ein umfangreiches Bündel Post in Empfang - es ist schon lange her, dass sie Nachrichten von der Aussenwelt erhielten. Zu meiner grossen Freude können mir die Kameraden nur Erfreuliches vom Verlauf der Expedition berichten, insbesondere aber, dass es dem Spitzentrupp, der unter der Leitung von Ernst Forrer steht, gelungen ist, in der Zwischenzeit sämtliche Hochlager ohne fremde Hilfe zu errichten. Dies ist eine gewaltige Leistung! Aber auch die Nachschubgruppe, die eine bedeutend undankbarere Aufgabe hatte, brachte alles zum Klappen.

Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Der Ausfall unseres Flugzeuges hätte bedeutend schlimmere Folgen zeitigen können. Hätte es nur in einer einzigen der vielen Splittergruppen nicht geklappt, so wären wir am Berg um Wochen zurückgeworfen worden. Aber dies war glücklicherweise nicht der Fall. Ganz im Gegenteil - wir haben eine gewaltige Zeitreserve, denn schon am 4. Mai konnte vom Lager V ( 7450 m ) der erste Versuch zu einem Gipfelvorstoss unternommen werden. Bis auf 7800 Meter gelangten Ernst Forrer, Kurt Diemberger und Albin Schelbert. Dann war es aus! Das « Dhaulagiri-Wetter » brach mit voller Wucht auf die drei Männlein ein, die dem gewaltigen Berg trotzen wollten. Sie konnten froh sein, heil ins nächste Lager zurückzukommen.

Obwohl nicht gelungen, brachte dieser erste Vorstoss in Richtung zum Gipfel doch die Gewissheit, dass keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr vorhanden sind. Aber eine wichtige Lehre zogen die Drei: Lager V, auf 7450 m gelegen, ist zu niedrig, um vor dem Ausbruch des obligatorischen, alltäglichen Schlechtwetters bis zum Gipfel zu kommen. Es ist unbedingt nötig, ein weiteres Lager noch höher hinauf, möglichst nahe unter den Gipfel, zu stellen.

So erfolgreich der bergsteigerische Verlauf unserer Expedition auch war, desto grösseres Pech hatten wir mit dem « Yeti ». Der neue Motor, der mit grossem Einsatz nach Nepal gebracht und ins Flugzeug eingebaut wurde, sollte nur ein ganz kurzes Leben haben. Keine zwei Tage flog der « Yeti » mit ihm, da stürzte er endgültig ab! Ernst und Emil starteten vom Dambuschpass aus, um das Akklimatisationslager endgültig zu räumen, da geschah ein äusserst komischer Zwischenfall: Die Gummimanschette des Steuerknüppels löste sich, die Hand des Piloten entschlipfte für einen ganz kurzen Moment und verlor die Kontrolle über das Flugzeug. Da der « Yeti » aber mitten im Startmanöver war und sich keine vierzig Meter in der Luft befand, war keine Zeit vorhanden, die Maschine abzufangen. Und ehe sich 's die beiden Piloten versahen, splitterte es bereits auf allen Seiten: der « Yeti » war kopfvoran abgestürzt. Der Benzintank wurde aufgerissen, und in gewaltigen Sätzen entflohen Ernst Saxer und Emil Wick dem zerstörten Wrack. Sie waren praktisch unverletzt! Abgeschnitten von der übrigen Expedition und einen Tagesmarsch weit vom nächsten Dorf entfernt standen sie da, und Emil, der als erster wieder Worte fand, meinte nur: « Ernst, jetzt müemer abelaufe! » - Am 12. Mai 1960 stand der Spitzentrupp Ernst Forrer/Kurt Diemberger/Albin Schelbert mit den beiden Sherpas Nima Dortschi und Nawang Dortschi wiederum an der Umkehrstelle vom 4. Mai. Diesmal waren sie noch durch Peter Diener verstärkt. Am gleichen Ort, wo sie vor acht Tagen zurück mussten, stellten sie diesmal das höchste Lager auf. Der Höhenmesser zeigte genau 7800 Meter. Unter einem mächtigen Felsüberhang konnte ein freier Platz für ein Zweimannzelt aus- gehackt werden. Es gab eine « enge Nacht », denn zu sechst musste die Zeit im Zweimannzelt verbracht werden. Nima Dortschi, der jüngste aller Sherpas, fand die Behausung dermassen eng, dass er sich trotz einer Temperatur von -38° C samt seinem Schlafsack ins Freie begab und die Nacht draussen verbrachte. Kein Zuspruch vermochte, ihn in die wärmere Behausung zurückzubringen.

Am frühen Morgen des 13. Mai 1960 herrschte prächtiges Wetter am Dhaulagiri, und um halb acht Uhr machten sich die sechs Mann auf den Weg, dem Gipfel zu. Jedem war es klar, dass der heutige Tag die Entscheidung bringen musste, nur noch 422 Meter Höhe trennten sie vom Gipfel.

Der Aufstieg war mittelschwer, aber sehr mühsam. Denn Sauerstoff war keiner vorhanden, weil die mitgebrachten Sauerstoff-Flaschen den kostbaren Inhalt während des Transportes verloren! So blieb nichts anderes übrig, als den Dhaulagiri eben ohne künstlichen Sauerstoff anzugehen.

Ernst Forrer, der stämmige und durchtrainierte Toggenburger Briefträger, entwickelte sich zu einem wahren Wunder eines Menschen: während es eine ganz normale Erscheinung ist, dass Himalaya-Bergsteiger in der extremen Höhe infolge Schlaf- und Appetitmangels an Gewicht verlieren, nahm Ernst Forrer sogar zu! Weder das Schlafen noch das Essen bereiteten ihm Schwierigkeiten, und wenn einer der Kameraden infolge Übermüdung keinen Rucksack mehr zu tragen vermochte, dann nahm Ernst Forrer eben zwei auf den Buckel. Seine körperliche Hochform ging sogar so weit, dass er selbst die Sherpas übertraf, und es machte ihm nichts aus, den ganzen Tag lang im Neuschnee zu spuren, ohne sich auch nur ein einziges Mal ablösen zu lassen.

Es handelte sich bei der letzten Etappe um kombinierte Fels/Firn-Kletterei, nicht allzu schwierig, aber für die Achttausender-Region heikel genug. Mehrere Gratzacken und Aufschwünge mussten erklettert oder umgangen werden, und am Schluss wurde der Firngrat messerscharf.

Glücklicherweise blieb das Wetter gut. Im Süden brodelte ein Nebelmeer, gebildet durch die thermische Bewölkung, im Norden herrschte wolkenloses Wetter bis weit nach Tibet hinein. Um halb ein Uhr mittags wurde endlich der höchste Punkt des Dhaulagiri, 8222 m, erreicht. Es war Freitag, der 13. Mai 1960, an dem unsere 13köpfige Expedition den 13. Achttausender in die Reihe der bestiegenen Achttausender zu stellen vermochte.

Einen Tag später waren alle im Hauptlager zurück. Alle unsere Mühen wurden aufs schönste belohnt: der Gipfel eines der schwierigsten Achttausender wurde nach sieben erfolglosen Anstürmen endlich bestiegen. Und zwar standen gleich sechs Mann zusammen auf dem Gipfel. Wir hatten doppelt gewonnen!

Wenn der Erfolg einer Expedition sichergestellt ist, sollte sie der Expeditionsleiter eigentlich abbrechen und den Rückmarsch beginnen. Denn es wäre töricht, nach wohlgelungener Gipfelbesteigung noch weiter Risiken auf sich zu nehmen. Anderseits aber war die Lage in unserer Expedition etwas anders. Infolge des Ausfalls unseres « Yeti»-Flugzeuges war der Grossteil der Bergsteiger dazu gezwungen, Trägerdienste zu leisten, und anfänglich « durften » nur drei Mann an der eigentlichen Aufstiegsroute tätig sein. Einzig Peter Diener gelang es, sich von der « Kuligruppe » zum Spitzentrupp durchzuschlagen. Es ist begreiflich, dass auch die übrigen Kameraden, die noch nicht auf dem Gipfel standen, den Wunsch hegten, nach der wochenlangen Schlepperei endlich auch zur eigentlichen Kletterarbeit zu kommen.

So wollten Jean-Jacques Roussi, Hugo Weber und Michel Vaucher ihr Glück auch noch versuchen. Ich liess sie ziehen, stellte ihnen aber die Frist, bis wann sie im Hauptlager zurücksein sollten. Auch Adam, Georg und Norman wollten noch höher steigen, obwohl ihre Chancen nur mehr gering waren, da die Vorräte in den Hochlagern nun bedenklich zur Neige gingen.

Während die letzteren Drei nur noch bis zum nächsten Lager kommen, sind Roussi, Weber und Vaucher am 19. Mai auf Lager VI ( 7800 m ). Aber das berüchtigte « Dhaulagiri-Wetter » schiebt ihnen einstweilen den Riegel. Selbst wenn der Schneesturm vorüber ist und blauer Himmel lacht, wütet ein Wind, der jedes Weiterklettern verunmöglicht. Drei Tage lang harren sie im Hochlager aus. Es ist zu viel, denn ohne künstlichen Sauerstoff in solcher Höhe zu verbleiben, zehrt an den Kräften. Bei der nächstmöglichen Windstille steigen sie so rasch wie nur möglich nach Lager V ( 7450 m ) ab. Verräterischer Neuschnee liegt auf vereisten Platten, Hugo Weber gleitet aus, saust in die Tiefe und reisst Jean-Jacques Roussi ebenfalls aus dem Stand. Verzweifelt treibt der zuunterst gehende Michel Vaucher seinen Pickel ins harte Eis, um die Seilschaft zu retten. Doch der Pickel will nicht richtig gehorchen, die Unterlage ist zu hart. Dafür hat Michel guten Stand und kann den Ruck mit seinem ganzen Einsatz aufhalten! Der kalte Schauer läuft den Dreien den Rücken hinunter. Was wäre geschehen, wenn Michel nicht zufällig so guten Stand gehabt hätte!...

Die drei Tage Schlechtwetter haben genügt, Lager V teilweise zu zerstören. Ein Zelt wurde zerrissen, und Michel findet seinen Schlafsack nicht mehr. Die Nacht ist nicht bequemer als im engen Zelt von Lager VI, und schon der nächste Morgen beginnt wieder mit starkem Wind! Trotz den immer knapper werdenden Lebensmittelvorräten harren die drei noch aus und geben ihre Hoffnungen nicht auf. Und endlich, zehn Tage nach der Erstbesteigung, am 23. Mai, lacht ein windstiller Morgen. Auf, zum Gipfel!

Jean-Jacques hat aber keinen Pickel mehr. So gibt es für ihn nichts anderes als zurückbleiben und Hugo und Michel allein ziehen zu lassen. Eine harte Sache für Jean-Jacques.Seine beiden Kameraden sind schon dreieinhalb Stunden später auf Lager VI. Im frühen Nachmittag kommen sie auf den Gipfelgrat, und eine Viertelstunde nach sechs Uhr stehen sie im Schein der untergehenden Sonne auf dem eiskalten Achttausender-Gipfel! Im Osten grüsst die Annapurna, prächtig beleuchtet von der Abendsonne. Es ist auch für sie der schönste Moment ihres Bergsteiger-LebensMichels Füsse sind gefühllos. Es ist reichlich spät für eine Gipfelrast auf einem Achttausender, und so rasch als möglich klettern beide ins nächste Lager hinab. Im fahlen Schein einer Taschenlampe finden sie den Weg über den Gipfelgrat zurück und kriechen spätnachts, fast ohnmächtig vor Müdigkeit, ins halb zerstörte Zelt von Lager VI.

Der « Weisse Berg », der dreizehnte und vorletzte Achttausender, wurde dadurch von unserer Expedition zum zweiten Male bestiegen. Vergessen sind all die Mühen und Plagen jahrelanger, zermürbender Vorbereitungsarbeiten, vorbei die Strapazen des harten Kampfes um einen besonders schwierigen Achttausender. Unsagbare Freude erfüllt uns alle!

Feedback