«Die Alpen als Erlebnispark». Podiumsgespräch in der Schulwarte in Bern

Die Ausstellung «Schöne neue Alpen» im Schweizerischen Alpinen Museum1 wurde mit dem Podiumsgespräch «Die Alpen als Erlebnispark» eröffnet. Schwerpunkte waren das Verhältnis von Schutz und Nutzung in den Alpen, Trendsportarten, «Naturkonsum», Tourismus und deren Entwicklung und Grenzen. Zur Diskussionsrunde gehörte auch SAC-Zentral-präsident Franz Stämpfli.

Unterschiedliche Ansichten Bereits die Einleitungsfrage, wie weit die Alpen Erlebnispark sind bzw. den romantischen Vorstellungen einer heilen Welt entsprechen, polarisierte: Unterschiedlichste Projektionen, Wünsche und Ziele standen sozialen, ökonomischen und ökologischen Interessen gegenüber. Dies zeigte sich auch darin, dass die einen möglichst viele Leute in die Alpen bringen möchten, damit sie diese Welt und ihren Erholungswert kennen lernen, während die anderen hoffen, dank Erschliessungsbeschränkungen bestimmte Alpengebiete in ihrer Ursprünglichkeit zu bewahren.

Je nach Standpunkt bewirkt der «Erlebnispark Alpen» eine Vielzahl von gegensätzlichen Forderungen, beispielsweise bei den Nutzungsformen. Erachten die einen mehr nur die natur- oder «abenteuersportliche» Nutzung (z.B. Canyoning, Höhlenforschung, Bergsteigen usw.) als sinnvoll und «legitim», setzen sich andere dafür ein, dass jeder Aufenthalt Anstoss zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Erlebnisraum Alpen geben kann. Ein grosser Teil der Alpen-Besucher kann aber nur dank Infrastrukturanlagen (wie z.B. Seilbahnen) die Bergwelt aus der Nähe erleben, da ihnen die Voraussetzungen für «abenteuersportliche» Formen fehlen. Daraus kann sich aber ein ebenso intensives und «aktives» Beschäftigen - beispielsweise beim Bergwandern - mit der Alpenwelt entwickeln.

Im Alpenraum leben auch viele Menschen, die ganz andere Bedürfnisse haben als jene, die die Alpen (nur) erleben wollen. Tourismus und Wirtschaft sind in Berggebieten oft von ausschlaggebender Bedeutung für das Überleben der ansässigen Bevölkerung und damit gleichzeitig auch für den Erhalt der gesamten Kulturlandschaft.

Wie soll der Alpenraum mit den darin lebenden ungefähr 13 Mio. Menschen aufgeteilt werden, um den unterschiedlichen Ansprüchen von ca. 100 Mio. Gästen genügen zu können? Dass der Hochalpenbereich als Schutzzone betrachtet wird, ist heute weit gehend unbestritten. Wo aber beginnen die Hochalpen? Wo sollen zur Sicherung des Lebensunterhalts der Bergbevölkerung bestehende Infrastrukturen erhalten bzw. ausgebaut werden? Wo und in welchem Umfang sollen die ausserhalb der erschlossenen Flächen betriebenen Natursportarten Platz finden? Besteht hier nicht die Gefahr einer künstlichen Aufteilung in einen sozusagen «aufgegebenen» genutzten und in einen strikt freigehaltenen ungenutzten Raum?

Diese Problematik wird durch das Konfliktpotenzial überlagert, das sich aus dem Gegensatz von den Idealen jener Naturliebhaber ergibt, die die Naturlandschaft Alpen nach ihren bergfernen Vorstellungen erhalten bzw. formen möchten, und jenen, für die die Berggebiete Arbeitsort und Lebensunterhalt sind.

Als eine Lösung zur Erhaltung der Ursprünglichkeit wurde die Begrenzung der Mobilität vorgeschlagen und damit begründet, dass das Nachgeben gegenüber Sachzwängen nur neue schafft. Aus dieser Sicht ist es deshalb notwendig, den Menschen zum «richtigen» Verhalten zu erziehen. Man muss nur den Mut aufbringen, die mehrheitlich künstlich geschaffene Mobilität einzuschränken. Erst dann können sich die wahren Bedürfnisse der Menschen durchsetzen. Gemäss dieser Auffassung wird der Verzicht auf die Mobilität die wirtschaftliche Entwicklung nicht behindern, sondern sogar zu einem ihrer Haupttrümpfe werden.

Dem wurde entgegengehalten, dass die Mobilität einem Grundbedürfnis des Menschen entspricht, sich technische Entwicklungen nicht verbieten und touristische Trends wirtschaftlich nicht ungestraft ignorieren lassen. Der Tourismusmarkt ist weltweit nicht nur die grösste Industrie, sondern wird auch von einem Ange-botsüberhang geprägt, was bedeutet, dass der Käufer auswählen und damit das Angebot bestimmen kann. Deshalb gilt in besonderem Masse: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Der Tourismus ist immer auch ein Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung. So sind heute Reisen gefragt, in die kurze und intensive « Erlebnispakete » eingestreut sind. Will der Tourismus als breite wirtschaftliche Basis der Berggebiete überleben, muss ihm genügend Innovations-spielraum und Entwicklungspotenzial belassen werden. Ebenso muss er in der sozialen Entwicklung mithalten können, wobei es immer wieder gilt, die Grenzen der ökologischen Verträglichkeit zu definieren und zu wahren.

Im Rahmen des gesamten Problemkreises «Erlebnispark Alpen» spielen diese Sportarten letztlich nur eine marginale Rolle. Für jene, die diese Sportarten betreiben, ist aber das Naturerlebnis ein wesentlicher Teil der sportlichen Aktivität. Seitens des Bergsports wurde deshalb besonders die sich in undifferenzierten Kletterverboten und Felssperrungen manifestierende zunehmende Regelungswut kritisiert, und zwar vor allem dort, wo sie - bezogen auf die ökologischen Gesamtzusammenhänge - unverhältnismässig und damit letztlich kontraproduktiv ist. Gefordert wurde der Erhalt des Rechts auf freien Zugang.

Die Diskussionsrunde hat den zahlreich erschienenen Zuhörern sicher einen interessanten Einblick in das sehr umfassend angelegte Thema «Erlebnispark Alpen» gegeben. Gleichzeitig wurde einmal mehr deutlich, dass, wie immer bei prinzipiellen Fragen, aneinander vorbeidiskutiert wurde. Die Voten basierten auf unterschiedlichen Gesellschaftsvorstel-lungen mit teils mehr ökologisch- idealistischer, teils mehr pragmatisch-wirtschaftlicher Ausrichtung. Je nach Blickwinkel ortete deshalb fast jeder die entscheidenden Probleme anderswo und erachtete den Standpunkt des andern für verfehlt oder sogar gefährlich.

Wer in solchen Diskussionen mit Idealismus und moralisch begründeten Forderungen aufwartet, gehört rasch einmal zu den «Guten» und gewinnt (zu) leicht breite emotionale Zustimmung. Wer diesen Ansichten Argumente praktischer und materieller Natur entgegensetzt, sieht sich demgegenüber nur zu bald in die Ecke der «Bösen» abgedrängt - was einer der Podiumsteilnehmer auch entsprechend formulierte.

Wenn deshalb in Zukunft im «Erlebnispark Alpen» langfristig für alle tragbare Lösungen - die ebenso ökologische wie andere Komponenten enthalten müssen - gefunden werden sollen, wird man von jeglicher einseitiger «Betroffenheitspolitik» abkommen müssen.

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