Die Bergkönigin. Ein Leben als Pionierin: Elizabeth Main (1861–1934)

Die Engländerin Elizabeth Main schrieb Geschichte. Als Alpinistin, Sportlerin, Schriftstellerin, Fotografin und Filmerin. Vor 100 Jahren half sie zudem mit, den ersten alpinistischen Verein für Frauen zu gründen, und präsidierte den Ladies Alpine Club von 1907 bis 1912.

Die erste winterliche Traversierung des Palükammes und somit auch die Wintererstbesteigung des West- und Hauptgipfels gelingt am 2O. Februar 1891 Elizabeth Main und William Henry Bulpet zusammen mit den einheimischen Führern Martin Schocher und Martin Weibel. Noch mehr Bewunderung erregt die Disgrazia-Tour vom 16. Februar 1896, laut dem englischen Alpinhistoriker und Skipionier Arnold Lunn « wahrscheinlich eine der längsten, wenn nicht die längste Expedition, die je mitten im Winter unternommen wurde » 1. Aufbruch in der Capanna del Forno ( 2574 m ) um 3.15 Uhr und dann im Schnellzugtempo hinauf auf den Monte Sissone ( 3330 m ). Andere Partien hätten sich mit der Wintererstbesteigung dieses Gipfels zufrieden gegeben, aber Main, Schocher und Christian Schnitzler steigen auf der italienischen Südseite ab, queren lawinengefährliche Hänge und gelangen über schneesturm-umtoste Felsen um halb elf auf den stolzen Monte Disgrazia ( 3678 m ). Der Rückweg erfolgt auf der gleichen Route, um halb sieben abends stösst die Dreierseilschaft die Hüttentüre auf. Je 2400 Höhenmeter Auf- und Abstieg, verteilt auf 20 Kilometer und etwas mehr als 15 Stunden.

Aus bestem Haus

Wer war diese aussergewöhnliche Frau? Die Geschichtsbücher führen die Engländerin unter drei Namen: Mrs. Fred Burnaby, Mrs. John F. Main und Mrs. Aubrey Le Blond. Denn Elizabeth, geborene Hawkins-Whitshed, war dreimal verheiratet. Ihren ersten Mann, den deutlich älteren Offizier und Abenteurer Frederick Gustavus Burnaby, heiratete die gut behütete, zartgliedrige Tochter der viktorianischen High Society in London mit 18 Jahren, gebar ihm Sohn Arthur ( der bei der Grossmutter aufwuchs ) und sah mit 20 erstmals die Berge. « Im Sommer 1881 kam ich zum ersten Mal nach Chamonix. Meine Gesundheit war angeschlagen. Vom Bergsteigen wusste ich nichts und interessieren tat es mich noch weniger. » 1 Das sind die ersten drei Sätze im Buch, das Elizabeth als Mrs. Fred Burnaby 1883 veröffentlichte. Ihr erstes Buch, aber auch das erste Buch zum Winteralpinismus überhaupt mit dem stolzen Titel The High Alps in Winter; or Mountaineering in Search of Health, was so viel wie « Die Hochalpen im Winter oder Bergsteigen für die Gesundheit » hiess. In zwei Jahren hatte Elizabeth also einiges übers Bergsteigen gelernt und war dabei sogar gesund geworden.

« Sie schockiert ganz London »

Ihre neue Leidenschaft fand in England wenig Anklang. Ihr Erstling wurde im Alpine Journal, der Zeitschrift des führenden britischen Alpine Club, verrissen: 1 Die Bücher von Mrs. Burnaby/Main/Le Blond sind in den Zentralbibliotheken von Bern und Zürich sowie in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern ausleihbar. Erhältlich sind sie nur antiquarisch, z.B. bei www.zvab.com und www.bookfinder.com Elizabeth Alice Frances, geborene Hawkins-Whitshed, nahm jeweils die Namen ihrer Ehemänner an, was noch heute für Verwirrung sorgt. Nacheinander war sie die Ehefrau von Fred Burnaby, John Frederic Main und zuletzt von Francis Bernard Aubrey Le Blond.

Piz Roseg und Piz Bernina vom Piz Palü: Auch am Palü schrieb Elizabeth Main Alpingeschichte, weniger mit der ersten winterlichen Traversierung als vielmehr mit der ersten Überschreitung durch eine reine Frauenseilschaft im Sommer 1898 mit Evelyn McDonnell. Winterliches Klettern bei St. Moritz: Während andere Ladys im Hotel Kulm Tee tranken, betätigte sich Elizabeth Main als « Outdoor Photographer ».

« Wohl das schwächste und trivialste Buch, das einem alpinistisch interessierten Publikum je vorgesetzt wurde », befand Schriftleiter W. A. B. Coolidge, Alpinismushistoriker und selbst Pionier des Winteralpinismus. Nur hatte er es verpasst, darüber selbst ein Buch zu schreiben. Wahrscheinlich hätte er die Forderung von Elizabeths Grosstante Lady Bentinck nur zu gern unterschrieben: « Haltet sie vom Bergsteigen ab, sie schockiert ganz London und sieht aus wie ein Indianer. » Das vernichtende Urteil hielt Elizabeth nicht vom Schreiben ab. Insgesamt verfasste sie zwölf Bücher, die meisten übers Bergsteigen, aber auch eine Autobiografie, einen ziemlich humorvollen Roman zum winterlichen Hotelleben in St. Moritz ( The Story of an Alpine Winter ), einen Reiseführer zu Spanien und einen Gartenführer zu Italien. 1

Immer einen Schritt voraus

Mrs. Burnaby, die ab 1886 Mrs. Main hiess, ging immer wieder voraus. So auch im Sommer 1898, als sie und Evelyn McDonnell ohne Führer den Palü überschritten, offenbar als erste Seilschaft in der beginnenden Sommersaison. Diese Tour gilt als eine der ersten, wenn nicht als die erste reine Frauenbesteigung in der Geschichte des Alpinismus. Leider hat Elizabeth Main über diese Unternehmung nichts geschrieben. Wer ihr vierseitiges Tourenverzeichnis von 1882 bis 1903 durchgeht, könnte neidisch werden. Rund 130 grosse Touren wie Matterhorn ( mit Alexander Burgener, dem König der Bergführer ), Weisshorn, Zinalrothorn, Piz Bernina, Dent du Géant ( dritte Besteigung und erste als Frau ), Monte Rosa ( Wintererstbege-hungsversuch bis 4200 m ) und viele Erstbesteigungen finden sich darin. 26 Mal stand Elizabeth Main als Erste auf einem Gipfel, davon 24 Mal in Norwegen in den Jahren 1897 bis 1899. Dort taufte sie zwei namenlose, erstmals bestiegene Gipfel Elizabethtind und Imbodentind, nach ihrem Führer Joseph Imboden. 1903 beendete sie ihre Bergsteigerkarriere als Mrs. Le Blond, war doch auch ihr zweiter Ehemann schon früh verstorben.

Fotografin, Filmerin, Autorenn-fahrerin

Fast immer mit dabei auf den Touren war ihre Kamera. Vom verschneiten Engadin zum Beispiel machte sie wunderbare Aufnahmen. 1899, nur vier Jahre, nachdem die Bilder laufen lernten, drehte sie in St. Moritz zehn Kürzestfilme zu verschiedenen Wintersportarten – die ältesten heute bekannten Filme aus dem Die erste Winterbesteigung von Monte Disgrazia und Monte Sissone gelang Miss Main – am gleichen Tag wohlverstanden. Die Männer waren beeindruckt. Vor der Capanna del Forno aus unternahm Elizabeth Main am 2O. Februar 1891 mit zwei Führern eine ihrer strengsten Touren: Wintererstbesteigung des Monte Disgrazia mit insgesamt je 2400 Höhenmetern Auf- und Abstieg.

Fotos: Markus Britschgi, Doris Fässler: Elizabeth Main ( 1934 Alpinistin, Fotografin, Schriftstellerin, Diopter Verlag, Luzern 2003.

Engadin. Die Filme sind leider verschollen, die Fotos aber in einem prächtigen Bildband veröffentlicht.

Nicht genug: Im Engadin, wo sie als Miss Elizabeth Main Ende des 19. Jahrhunderts fast dauernd lebte ( im Hotel Kulm natürlich ), engagierte sie sich im Komitee zur Erstellung des Cresta Run und organisierte Schlittelwettkämpfe. Sie war eine gute Eisläuferin und bestand als erste Frau und gegen heftigen Widerstand den schwierigen Männertest des noblen St. Moritz Skating Club. Sie machte ausgedehnte Fahrradtouren durch Frankreich und Italien, als diese Art des Reisens noch absolut neu war. Mit ihrem dritten Gatten, Francis Bernard Aubrey Le Blond, fuhr sie Auto-ralley. Eine abenteuerlustige Frau bis ins hohe Alter, immer nach Neuem trachtend.

Gründerin des Ladies Alpine Club

1907 war sie, alpingeschichtlich gesehen, nochmals die Erste: Zusammen mit andern Frauen gründete sie in London den Ladies Alpine Club, die erste Bergsport-vereinigung dieser Art. Elizabeth Main wurde zur ersten Präsidentin gewählt; sie behielt das Amt bis 1912 und wurde 1932, zwei Jahre vor ihrem Tod, nochmals Präsidentin.

Nur etwas ist ihr verwehrt geblieben: die Erstbesteigung eines hohen Alpengipfels. Dabei ist sie am 6. August 1884 so nah dran gewesen. Das Bishorn nördlich des hoch aufragenden und weithin gleissenden Weisshorns blieb den nach jungfräulichen Gipfeln dürstenden Alpinisten im 19. Jahrhundert lange verborgen. Als Elizabeth Main von diesem « unbestiegenen Erstklassgipfel in den Alpen » hörte, brach sie zusammen mit den einheimischen Führern Joseph Imboden und Peter Sarbach auf. Nach einem Biwak in der Nähe des Abberggletschers ging es übers Brunegg- zum Bisjoch, wo die Kletterei über den ziemlich schwierigen Ostgrat ansetzte. In High Life and Towers of Silence schildert sie den entscheidenden Augenblick: « Noch ein, zwei Schritte und der Gipfel trat zurück in die Reihe der ihn umgebenden Brüder, der letzte unbestiegene Berg der Alpen über 13 000 Fuss war bezwungen. Es gab kein Zeichen für eine frühere Besteigung. Der Gipfel war wirklich unser. » Aber eben nur der Ostgipfel ( 4135 m ) des Bishorns. Fast unerklärlich: Elizabeth und ihre Führer bemerkten nicht, dass der nur 250 m entfernte Westgipfel 18 Meter höher ist – ein Katzensprung wäre es gewesen! Am 18. August 1884 erreichte Imboden den höchsten Punkt des Bishorns, allerdings ohne seinen weiblichen Gast. Ein kleiner Trost: Der Ostgipfel des Bishorns wird, wenn auch nicht auf der topografischen Karte, so doch wenigstens in Führerwerken, Pointe Burnaby genannt. Pointe Elizabeth wäre eigentlich richtig gewe-sen. a Daniel Anker, Bern

Literatur:

Britschgi, Markus/Fässler, Doris: Elizabeth Main ( 1934 Alpinistin, Fotografin, Schriftstellerin. Eine englische Lady entdeckt die Engadiner Alpen, Diopter Verlag, Luzern 2003. Brown, Rebecca A.: Woman on High. Pionneers of Mountaineering. Appalachian Mountain Club Books, Boston 2002.

Frischknecht, Jürg/Kramer, Thomas/Schwei-zer, Werner: Filmlandschaft Engadin Bergell, Puschlav, Münstertal. Verlag Bündner Monatsblatt 2003.

Wirz, Tanja: Gipfelstürmerinnen. Eine Ge-schlechtergeschichte des Alpinismus in der Schweiz 1840–1940, hier+jetzt, Baden 2007.

Elizabeth Main neben einem Steinmann auf einem Gipfel in Norwegen, wo sie 1897 bis 1899 jeden Sommer kletterte und ihr viele Erstbesteigungen gelangen.

Verfehlter Höhepunkt: Mit dem Bishorn wäre Elizabeth fast noch eine weitere Erstbesteigung gelungen. Leider stoppte sie mit den Führern auf dem niedrigeren Ostgipfel ( 4135 m, im Bild ). Kleiner Trost: Er wird in Führerwerken oft Pointe Burnaby genannt.

Foto: Emile-Robert Blanchet in: Die Alpen. Monatsschrift des Schweizer Alpenclubs ( Bern ), 1926, S. 267 Foto: Markus Britschgi, Doris Fässler: Elizabeth Main ( 1934 Alpinistin, Fotografin, Schriftstellerin, Diopter Verlag, Luzern 2003.

Neue Daten bringen mehr Zuschauer

Filmfestival in Les Diablerets: Ziel erreicht

Feedback