Die bildlichen Darstellungen von de Saussures Mont-Blanc-Besteigung

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3 3Von Carl Egger

Mit 7 Bildern ( 181—187Basel ) Mit der Eroberung des Mont Blanc kommen die ersten bildlichen Darstellungen des Bergsteigers im Hochgebirge in Aufschwung. Dann aber ergiesst sich gleich eine wahre Flut von weitverbreiteten kolorierten Kupferstichen über die an den Besteigungen de Saussures interessierte Welt, Erzeugnisse einer ganzen Kopistenschule und, besonders in den landschaftlichen Beigaben, von mit den Jahren immer reicherer Phantasie. Es verlohnt sich, die Anfänge dieser Serie eingehender zu verfolgen.

Die Darstellungen vom Col du Géant Prof. de Saussure wollte im Jahre 1788 die auf dem Mont Blanc begonnenen wissenschaftlichen Untersuchungen fortsetzen und wählte dazu als Standpunkt den Col du Géant. Begleitet war er von seinem einundzwanzig-jährigen Sohne Théodore, seinem Kammerdiener Etienne und zahlreichen Führern und Trägern. Während der Dauer seines 17tägigen Aufenthalts dort oben erhielt er einmal den Besuch von C. F. Exchaquet mit vier Führern; wichtig ist, dass sonst kein andrer Besucher bei ihm war, also auch L' Evêque nicht, wie das z.B. fälschlicherweise im Schweizerischen Künstlerlexikon behauptet wird. Dagegen hat Théodore einige Zeichnungen nach der Natur gemacht und die eine davon, « Vue du Mont Blanc du pied de l' Aiguille Marbrée au N. E. de la cabane » ( reproduziert im tome IV des Voyages ), hat ohne Zweifel Anhaltspunkte für den Hintergrund der Zeichnung L' Evêques vom Aufstieg gegeben.

Henri L' Evêque, geboren am 27. Dezember 1769 in Genf und gestorben 1832 in Rom, ist der Urheber des ganzen Reigens von Abbildungen, die sich allmählich um die Reise Saussures zum Mont Blanc herumrankten. Und zwar halte ich die namenlose Zeichnung vom Aufstieg zum Col du Géant, die auch von der Familie Saussure als Original bezeichnet wurde ( reproduziert im Jubiläumsband 1890 der Société de Physique et d' Hist. Nat. de Genève ), für sein Werk. Leider ist diese Originalzeichnung seit 1890 verschwunden und nur in einer Reproduktion ( Photocollographie par J. Thévenoz & Co., Genève ) in der Bibliothèque Publique et Universitaire, Genève, noch erhalten. Der junge, 18y2]ährige Genfer Künstler ( oder damals noch Dilettant ?) L' Evêque begleitete Saussure auf seiner Reise nach Chamonix, um ihm dort während seines Aufenthalts auf dem Col du Géant gleichzeitige meteorologische Kontrollbeobachtungen auszuführen. Wohl nach den Angaben Saussures selbst zeichnete er dann nach dessen Rückkehr das bekannte erste Bild 1. Eine ge- 1 Saussure schreibt auf der Rückkehr an seine Frau: « ...je désirerais beaucoup que tu vinsses au devant jusqu' à la Bonneville pour me débarrasser de mon L' Evêque et pour me rendre heureux par ta compagnie. » War er der Gesellschaft L' Evêques überdrüssig...?

Die Alpen - 1946 - Les Alpes22 wisse Plumpheit und Ungeschicklichkeit zeichnet es vor allen andern aus. So ist vor allem die Schlagschattenrichtung der Stöcke und Beine ( nach S. ) falsch, die Struktur der Granitnadeln und Séracs unverstanden, die Handhabung von Saussures Stock unrichtig. Charakteristisch ist ferner der einzelne Führer im Vordergrund, der Vorausgänger mit gerade der schwersten Last auf dem Rücken, der Träger des Eispickels am Schluss der ersten « Geländerstange », die plumpe Figur Saussures, der immerhin damals 48 Jahre alt war, die Abwesenheit Etiennes und die vielsprossige Leiter.

Auf Grund dieser Vorzeichnung kommen wir nun zu der ersten Veröffentlichung in der Technik des handkolorierten Kupferstiches. L' Evêque hat seine Zeichnung im Format von 34 auf 24,5 cm gestochen und koloriert und dazu ein zweites Blatt, den Abstieg vom Col du Géant geliefert, beide signiert mit « H. L' Evêque delinsculp* ». Als sicheres Datum des Druckes kann das Jahr 1789 ( Französische Revolutionbestimmt werden wegen der Schreibweise des Namens Desaussure. Ein Verleger ist nicht angegeben, wahrscheinlich hat er sie im Selbstverlag herausgegeben und in Genf drucken lassen. Die Schrift lautet:

Monsieur Desaussure son fils & ses guides arivant au glacier du Tacul au grand Géant où ils ont habité 17 Jours sous des Tentes en Juillet 1788 und für Blatt II:

Monsieur Desaussure son fils & ses guides descendant le glacier du Tacul en Juillet 1788.

Im allgemeinen ist für Blatt I, den Aufstieg, die Komposition der Originalzeichnung beibehalten mit folgenden Verbesserungen: in die Landschaft ist mehr Struktur gebracht, was sich besonders in den Felsnadeln zeigt, auch ist der Zug der Bergsteiger straffer gefasst. Die beschatteten Teile des Eises sind nicht mehr so dunkel, so dass die Figuren mehr hervortreten und, besonders auch ihre Gesichter, lichter gehalten werden können. Der vereinzelte Führer im Vordergrund mit seinem baumelnden Kochtopf hat nun Gesellschaft in Gestalt eines Deckenträgers bekommen, so dass die Zahl der Führer und Träger um einen ( 10 statt 9 ) vermehrt ist, auch ist der Deckenträger an der Spitze in seiner ganzen charakteristischen Haltung an den Schluss versetzt und dafür der Träger der Leiter an die Spitze gestellt.

Vor allem aber ist der Kammerdiener Etienne hinzugekommen: er geht hinter Balmat. Der Eispickel wird nun vom ersten Führer getragen, Saussure Vater ist jugendlicher und geht nun auf der linken Seite der « Geländerstange »; einzigartig ist das Proviantsäckchen, das vor ihm daran aufgehängt ist und das nicht aus einer Eingebung des Zeichners erfunden, sondern nur auf Veranlassung Saussures selbst angebracht sein kann! Was den engeren Zusammenhang zwischen den beiden Kompositionen beweist und direkt auf die Spur L' Evêques bei der Originalzeichnung führt, ist der Umstand, dass die Schlagschatten der Stöcke und Beine, wiewohl viel weniger stark beim Kupferstich, auch hier noch auf die falsche, d.h. Südseite, zeigen, was bei den späteren Mechelschen Stichen dann nie mehr vorkommt. Die Porträt-ähnlichkeit der einzelnen Führer ist hier noch mehr herausgearbeitet; be- sonders trifft dies bei Balmat, dem hinter Saussure gehenden und direkt uns zugewandten Manne, zu.

Blatt II, der Abstieg vom Col du Géant, ist noch viel dilettantischer gezeichnet, sowohl was die Landschaft als das bergsteigerische Gehaben der Beteiligten anbetrifft. Zwar kommt die Form des Gipfels des Mont Blanc, wohl nach der Zeichnung Theodors, der Wirklichkeit einigermassen nahe, aber die Felsnadeln ( Péteretgrat ?) und der Blick in das italienische Doratal sind Phantasiegebilde eines, der noch nie in diesen Hochregionen geweilt hat. Während im Aufstieg eine gewisse Ordnung in der Reihenfolge der Personen herrscht, spaziert nun jeder für sich ( « wie eine Schafherde », sagt Whymper ) und ohne den richtigen Gebrauch des Stockes zu kennen, auf den unmöglichsten Hängen herum, so dass jeder weitere Schritt zu einer Katastrophe führen müsste. Die elende Steinhütte am Col sieht wie ein stattliches Haus aus, und nebendran kleben noch grössere Felsbrocken an einem 60grädigen Hang! Ein Gletschersee unterbricht angenehm den Absturz und gibt Anlass zum Anbringen einer sentimentalen, das Eiswasser trinkenden Führerfigur. Sie hat ihre Last in Gestalt eines mit Weinflaschen ( leeren oder vollen ?) gefüllten Tragkorbes neben sich abgestellt. Whymper behauptet, die Zeichnung sei seitenverkehrt gedruckt, weil das sichtbare Tal das obere italienische Ferrettal sei und daher auf die rechte Seite gehöre: dazu kann man ein grosses Fragezeichen setzen.

Die Darstellungen vom Mont Blanc De Saussure hatte von seiner Mont Blanc-Besteigung noch im September 1787 eine « Relation abrégée d' un voyage à la cime du Mont Blanc » in Genf veröffentlicht, die noch im selben Jahre ins Deutsche und Italienische, im folgenden ins Englische übersetzt wurde. Eine neue Ausgabe erschien 1790 in Basel, trägt den Untertitel « Nouvelle édition faite pour accompagner deux estampes enluminées qui représentent cette expédition, publiées par Chrétien de Méchel, graveur et membre de diverses académies. A Basle .» und Saussure hat dazu einen « Avis de l' auteur » geschrieben, der folgendermassen lautet:

« Les deux planches que M. de Méchel vient de faire graver pour représenter mon voyage au Mont-Blanc donnent très bien l' idée générale de cette expédition, de la vue de ces montagnes, de la marche et des attitudes des voyageurs.

On voit dans la Planche Ire, qui est celle de la montée, la manière la plus commode et la plus sûre de se faire aider par ses guides sans les fatiguer et sans embarrasser leur marche. Une perche de sapin légère, quoique forte, dont deux guides tiennent chacun une extrémité, tandis que le voyageur la tient lui-même par le milieu, lui présente un point d' appui assuré, pour le retenir au bord d' un précipice si le pied lui glisse, ou que la neige manque sous ses pieds; et il peut lui-même sauver un de ses guides au cas qu' un pareil accident lui arrive.

La IIe Planche, qui est celle de la descente, représente la manière de descendre sur la neige avec la plus grande rapidité, en se glissant debout sur les pieds parallèles, et avec le corps appuyé en arrière sur un bâton. Les guides de Chamonix se glissent ainsi, même sur la glace vive et rapidement inclinée, avec une hardiesse et une adresse étonnantes: ils savent s' arrêter où ils veulent en rapprochant le bâton du corps, et en enfonçant avec force dans la glace la pointe ferrée de ce bâton. Mais cet exercice est dangereux, lorsque la pente aboutit d' un précipice ou à une crevasse. Aussi voit-on un des guides retourné en arrière et prêt à retenir le voyageur au bord de la crevasse, au cas qu' il ne puisse pas s' arrêter lui-même.

Mais ce qu' il y avait de plus difficile à rendre et que M. de Méchel a exprimé aussi bien qu' on puisse le faire dans une estampe enluminée, c' est I' aspect de ces déserts hérissés de rochers sourcilleux couverts de neiges et de glaces, et de ces gouffres ouverts au milieu de ces glaces éternelles. Ainsi par le moyen de cet ouvrage de M. de Méchel, ceux qui ne peuvent pas aller sur les lieux admirer ces étonnans objets, pourront sans fatigue et sans danger meubler leurs têtes de ces grandes images. » Diese « Geländerstangen » dienten also gewissermassen als Vorläufer des Gletscherseiles, obschon sie seit Saussure nie mehr angewendet wurden, da sie natürlich ganz unzweckmässig sind. Sie waren übrigens keine Erfindung Saussures, denn Paccard schreibt in seinem Tagebuch vom Versuch Saussures an der Aiguille du Goûter vom September 1785:

« Mr. de Saussure s' est fait attacher comme un prisonnier pour redescendre. Il était ceint par-dessous les bras par une corde attachée derrière à Pierre Balmat et François Folliguet. Dans les mauvais pas à traverser on faisait des garde-fous avec un bâton sur lequel Mr. de Saussure s' appuyoit, en montant et en descendant. » Mit besonderem Nachdruck hat Saussure auch die Abfahrtsmethode beschrieben und Wert darauf gelegt, dass er sie selbst praktiziert habe; wir kommen darauf noch zurück. Was den letzten Satz über die Wiedergabe der Gletscherlandschaft betrifft, so dürften die heutigen Ansichten mit seinem Lob nicht ganz übereinstimmen. Immerhin ist sie noch besser als alles, was in der Folge in Verbindung mit der Mont Blanc-Besteigung auf diesem Gebiet noch geleistet worden ist.

De Saussure hat also, offenbar angeregt durch den Erfolg der beiden Stiche von L' Evêque vom Col du Géant, beschlossen, die neue Auflage seiner Relation mit Bildern zu versehen. Aber wie zu Bildern vom Mont Blanc kommen? Einfach indem man für den Mont Blanc-Aufstieg den zum Col du Géant substituiert und so ein Plagiat begeht! Der phantasievolle Hintergrund ist ja so indifferent, und die beiden über den Gletscher herausragenden Granitnadelgruppen können sogar als Grands Mulets bezeichnet oder bei Mechel zu richtigen Eisbergen werden. Und der anwesende Théodore de Saussure? Er wird mit übernommen und nicht einmal der Versuch gemacht, ihn der Wirklichkeit gemäss auszuschalten. Für das zweite Blatt vom Abstieg allerdings können die Steinhütte und das Zelt sowie der Blick ins Doratal nicht mehr gebraucht werden: es wird daher eine neue Zeichnung verwendet. Aber auch auf ihr steht der Berg links, so dass die Kolonne scheinbar auf seiner Westseite absteigt.

Die Komposition des Blattes I ist also telle quelle von L' Evêque übernommen worden, aber die Ausführung hat geändert. In der Tat sind die Unterschiede der Mechelschen Blätter von den L' Evêqueschen auffallend und weisen auf eine ganz andere Hand hin. War dort noch einige Ungeschicklichkeit in der Anordnung und Ausführung der Figuren zu verspüren, so hier eine Beweglichkeit, ja Eleganz. Nicht mehr treten sich einzelne am Schluss des Zuges fast auf die Fersen, sondern alle sind durch gehörige Zwischenräume getrennt, und an der Spitze ist sogar eine perspektivische Wirkung angedeutet. In der Mitte hinter den Fortschreitenden ist eine grosse, senkrecht eingeschnittene Eisspalte dazugekommen, die charakteristischen natur-widrigen runden Schmelzlöcher in den Eisbrocken rechts sind geblieben. Die bei L' Evêque viel zu lange Leiter ist nun auf das von Saussure in seinem Brief an Tairraz vom 18. August 1786 befohlene Mass ( 12-13 Fuss ) reduziert. Bemerkenswert die Haarzöpfchen der beiden Saussure und dass hier bei der zweiten Auflage der Professor zum ersten und einzigen Male Handschuhe trägt. Vor allem aber ist ein Merkmal wichtig: die Schlagschatten der Stöcke und Körper sind nun, vielleicht auf Anweisung Saussures selbst, alle in der richtigen Lage nach NW gerichtet.

Der grösste Kenner dieser Stiche, Kunsthändler William S. Kündig in Genf, unterscheidet davon drei Stadien:

1. Druck vor der Schrift ( sehr selten ). Das einzige mir bekannte Exemplar von Blatt I besitzt der grösste Sammler dieser kolorierten Kupferstiche, W. Lloyd in London. Es ist handschriftlich signiert: « Marq. Wocher illum. 1789. » 2. Erster Druck mit der Schrift ( selten ). Die Legende lautet Blatt I:

Voyage de Mr. de Saussure à la cime du Mont-Blanc au mois d' août MDCCLXXXVI1 /re Planche Ce célèbre Physicien Genevois accompagné de l' intrépide Jaques Balmat dit le Mont-Blanc et de dix-sept autres Guides monte cette fameuse Montagne et après une marche penible et dangereuse qui dura 18 heures, il en atteint la cime, élevée de 2450 toises environ au-dessus du niveau de la mer. Publié par Chr. de Mechel, en 1790, et se trouve chez lui à Basle.

Blatt II:

Voyage de Mr. de Saussure à la cime du Mont-Blanc au mois d' août MDCCLXXXVII Ijde planche Ce célèbre Physicien Genevois descend le Mont-Blanc avec l' intrépide Jaques Balmat dit le Mont-Blanc et ses autres Guides après avoir fait le 3e Août sur la Cime élevée de cette fameuse Montagne diverses observations et expériences interessantes, qui se trouvent détaillées dans le 3e volume de ses Voyages. Publié par Chr. de Mechel, en 1790, et se trouve chez lui à Basle.

( Schlass folgt )

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