Die einsamen Altextremen

Was für ein schöner Herbsttag heute, und ich klammere mich an die Griffe einer Trainingsmaschine im Kraftraum statt an den Fels einer sonnigen Südwand. Der Not gehorchend, frei nach Schiller. Ich habe keinen Kletterpartner gefunden – ehrlich gesagt, auch nicht gesucht. Die Jungen stehen im Beruf, meine Altersgenossen hätten vielleicht Zeit, aber ich mag nicht mehr anrufen. «Keine Zeit!», habe ich schon zu oft gehört. Enkel hüten, Kreuzfahrt, die Heizung im Ferienhaus reparieren oder Arzttermin. Ich verstehe, habe auch schon häufig abgesagt. Darum reisse ich jetzt an der Maschine die Kilos herunter, verbissen mit geschlossenen Augen, und stelle mir vor, ich kletterte im Ausstieg der Route Trämul im Oberwallis.

Das Alter ist einsam. Einige Freunde sind verstorben, andere haben längst aufgehört, sind vernünftig oder zu schwer geworden oder leiden an Gebresten. Niemand soll es ihnen verargen, sie haben ihren Teil beigetragen, im Beruf, in der Politik, im Gebirge. Klar, da wäre die Seniorengruppe des SAC: spannendes Programm, feine Kolleginnen und Kollegen, teilweise über 80 und noch immer rüstig auf den Beinen und erfahren am Fels. Doch bin ich wohl nicht der einzige Senior, der nichts mit Gruppen am Hut hat. Da ruft mich der Sohn eines Bergsteigers an, der seinerzeit mit bedeutenden Erstbegehungen Aufsehen erregte. Der Papa hätte Freude, wenn ich mit ihm Kontakt aufnehmen würde, er finde keine Kollegen mehr zum Klettern. Irgendwie klappte es dann doch nicht. Von einem andern Altextremen, der sich in der Alpingeschichte einen Namen gemacht hat, erfahre ich, dass er Klettersteige geht, weil er dazu keinen Partner braucht.

Es gibt auch die Legenden. Der Bündner Bergführer Walter Belina schaffte mit 80 nochmals die Badile-Nordostwand. Marcel Remy, Vater der Routenerschliesser Claude und Yves, klettert mit 96 noch 6a im Vorstieg. Für die meisten in diesem Alter bleibt die Erinnerung, über die der Dichter Jean Paul schrieb, sie sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden könnten. Ein weiser Satz, doch hilft er nicht über die Melancholie hinweg, die uns manchmal ergreift, wenn wir uns erinnern. Denn alt werden ist schwer. Vor allem, wenn man dabei jung bleiben möchte.

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