Die etwas andere Lebensschule Siegen, vor allem aber auch verlieren können

Am Mammut Youth Climbing Cup geht es nicht nur ums ­Gewinnen, sondern auch ums Verlierenkönnen. Ein Trainings­besuch beim Regionalkader Zürich zeigt, die Wettkämpfe sind ein wichtiger Ansporn für die jungen Klettertalente.

«Wer macht gern Wettkämpfe?», fragt Alexandra Eyer die acht jungen Kletterinnen und Kletterer des Regionalkaders Zürich. «Ich!», schallt es aus fast allen Kehlen zurück. «Was gefällt euch daran?», will die Trainerin wissen. «Äh …», dann wird es so ruhig wie noch nie, seit sich die jungen Athletinnen und Athleten im Kletterzentrum Milandia in Greifensee versammelt haben. «Ich gewinne zwar nie etwas, aber ich gehe trotzdem gerne hin», ruft Annika.

 

Die Matte hinauf, die Treppe hinab

Eyer gibt das Aufwärmprogramm bekannt: «Räder schlagen um die Säule herum, dann im Spinnengang zurück, die Treppe hochrennen, auf einem Bein wieder hinunterhüpfen, dann mit Purzelbäumen weiter, die Matte hinauf, die Treppe hinab und am Schluss noch über die Slackline balancieren.» Mühelos merken sich die acht- bis elfjährigen Mädchen und Knaben das Programm und stürmen los. Ihre Bewegungsfreude ist spürbar und ansteckend. Sie können es kaum erwarten, an der Boulderwand zu klettern, tun es einhändig oder auf Zehenspitzen, grad so, wie es die Übungen verlangen. Konzentriertes Klettern und wildes Umhertollen wechseln in rascher Folge. Hier haben sich acht Energiebündel gefunden, die noch viel Energie loswerden wollen heute Abend. «Für sie ist das alles ein Spiel», sagt Alexandra Eyer. Auch die Wettkämpfe geht der Nachwuchs noch spielerisch an. Dennoch: «Etwas nervös werde ich jeweils schon», gibt Marco Weiss zu. Er findet die Kletterwettbewerbe aber schon noch etwas cooler als die Trainings. «Ich gebe mir noch mehr Mühe als im Training und klettere noch etwas besser», sagt der Zehnjährige ganz analytisch.

 

Wenn aus dem Spiel Ernst wird

Bis es richtig Ernst wird, dauert es, es ist eine Frage der Zeit. «In der Kategorie U14, besonders im zweiten Jahr kommt er von selber», sagt Eyer. Ihre Aufgabe sei es, die Jungen vom Spiel zum leistungsorientierten Sport zu bringen. «Vielleicht bin ich da etwas zu wenig hart», sinniert die Trainerin, die während mehr als zehn Jahren an der Weltspitze kletterte, «aber sie müssen sowieso selber weiterkommen wollen, sonst schaffen sie es nicht.»

 

Loben und den Fünfer mal gerade sein lassen

Inzwischen hat die Trainingsgruppe von den Boulders an die Top-Rope-Wand gewechselt. Routiniert sichern sich die Primarschüler gegenseitig und steigen die Wand mit den Fusswechseln und Überkreuzbewegungen hoch, die Alexandra Eyer verlangt. Sie korrigiert, lässt fünfe auch mal gerade sein, sie lobt und greift ein, wenn beim Sichern die Konzentration nachzulassen droht. Anja und Annika baumeln zwischen den verschiedenen Aufgaben am Seil hin und her, kichern und glucksen. Im nächsten Moment steigt die eine von ihnen souverän die Route hoch, während die andere das Sicherungsseil straff hält und ihre Freundin wieder abseilt.

Im Regiokader trainieren die talentiertesten jungen Athletinnen und Athleten aus dem Kanton Zürich. Die Frage, ob sie gute Wettkämpfer oder einfach nur gute Kletterer werden wollen, erstaunt sie. Sie wollen natürlich beides. Würden sie sich nicht gerne mit anderen messen, wären sie gar nicht erst für diese Trainingsgruppe selektioniert worden. Dennoch, an den Wettkämpfen, allen voran dem nationalen Mammut Youth Climbing Cup, sind die Reise in einen anderen Landesteil und die Gspändli, die sie treffen, ebenso wichtig wie der Sport.

 

Und Niederlagen verdauen lernen

Zum Wettkampf gehört die Niederlage. Sie zu akzeptieren und aus ihr zu lernen, das gehört zum Kräftemessen. «Wenn es nicht gut gelaufen ist, bin ich schon etwas frustriert», sagt Marco, «aber es gibt ja noch mehr Wettkämpfe. Da kann ich es besser machen.» Niemand gibt an diesem Abend zu, an Niederlagen zu leiden. Die Tränen, die an Jugendwettkämpfen regelmässig zu sehen sind, sprechen eine andere Sprache. Doch sie sind Teil des Lernprozesses.

Man mag sich fragen, was schön sein soll an einer Freizeitbeschäftigung, die auch Wut und Verzweiflung mit sich bringt. Wer solchen Gefühlen aus dem Weg gehen will, der ist im Wettkampfsport tatsächlich fehl am Platz. Der wird aber auch beim Eile-mit-Weile-Spielen wenig Freude haben. Den anderen aber bietet der Mammut Youth Climbing Cup die Möglichkeit, Mut zu beweisen, über sich hinauszuwachsen, Niederlagen zu verdauen und den einen oder anderen Erfolg zu feiern. Am 30. März beginnt die neue Saison in Bassersdorf (ZH). Das Regionalkader Zürich wird aufgeregt und motiviert an die Boulders gehen – genauso wie ihre Freunde und Konkurrenten aus dem Rest der Schweiz.

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