Die Flora unserer Wälder. Auf Licht angewiesen

Die Flora unserer Wälder

Die bewaldeten Lebensbereiche bilden meist ein geschlossenes und eher lichtarmes System, das grundsätzlich weder für Blütenpflanzen noch für Vögel oder Insekten besonders günstige Voraussetzungen bietet. Trotzdem beherbergen unsere Wälder eine Vielzahl verschiedene, bestens an diese Lebensbedingungen angepasste Arten und Lebewesen. Ein Spaziergang durch unsere Wälder zur Blütezeit lohnt sich.

Bevor wir die Flora unserer Alpen- und Voralpenwälder beschreiben, dürfen wir nicht vergessen, dass natürlich die verschiedenen Baumarten selbst auch dazu-gehören. Die Artenzusammensetzung des Waldes und dessen Eigenschaften hängen von der Geologie, dem pH-Wert 1 des Bodens, der Höhenlage, der Exposition und dem lokalen Klima ab. Diese Faktoren ermöglichen die Entstehung unterschiedlicher Waldformationen, die jeweils von einer speziellen Flora begleitet werden.

Wälder an warmen und trockenen Lagen

An trockenen und warmen Hängen, je nach Lage zwischen 800 und 1300 m über Meer, erstreckt sich das Gebiet der Flaumeiche. Zumindest theoretisch, denn es wurden sehr viele Flaumeichen-wälder von Weinbergen oder Wohnge-bieten verdrängt. Die Flaumeichenwälder gehören zu den reichhaltigsten Biotopen der Schweiz. Sie sind aber immer seltener, und mit ihnen verschwinden viele Vögel, Insekten oder Pflanzenarten mediterranen Ursprungs. Heute befinden sich die interessantesten Flaumeichen-wälder im Wallis zwischen Martigny und Sierre sowie im Tessin.

Die Wald-Föhre, erkennbar an ihrer rostroten Rinde, ist unter den Nadelbäumen das Pendant zur Flaumeiche, und oft findet man diese beiden Arten nebeneinander. Sie wächst bis 1500 m an trockenen bis sehr trockenen Standorten, meist auf nährstoffarmen und steinigen Böden abseits von Konkurrenz, der sie nicht gewachsen ist. Das Zentralwallis sowie das Bündnerland beherbergen unsere ausgedehntesten Wald-Föh-ren-Wälder. Der floristische Reichtum dieser Biotope ergibt sich daraus, dass diese lichten Wälder vielfältige, trockene und warme Standorte mit sich abwechselnden Felsfluren, steppenartigen Abschnitten und Wiesen bilden. Seltene, oft gefährdete und immer faszinierende Orchideen wie verschiedene Waldvögelein, 1 Der pH-Wert gibt an, wie sauer oder basisch eine Lösung ist.

Das Langblättrige Waldvögelein, eine Orchidee, blüht ab den ersten beiden Maiwochen in lichten Wäldern und Lichtungen der tieferen und mittleren Lagen. Man erkennt die Wald-Föhre an ihrer rostroten bis orangefarbenen Rinde. Zentralwallis das Blasse Knabenkraut, der Dingel oder das Ohnsporn wachsen von Mai bis Juni im sonnigen Unterwuchs oder am Rand dieser Gebiete. Einige Arten sind vorwiegend an den Flaumeichenwald gebunden wie die Astlose Graslilie, der Dost oder Sträucher wie die Berberitze mit ihren reiskornartigen roten Beeren. Andere wiederum begleiten hauptsächlich die Wald-Föhre und sind auf saure Böden angewiesen. Dazu gehören die Grüne Beerentraube, die einen einheitlichen Teppich bilden kann, Erikapflanzen oder die Buchsblättrige Kreuzblume, erkennbar an ihrem spalierförmigen Wachstum. Unter den Orchideen findet man die Moosorchis oder die Braunrote Sumpfwurz. Andere Arten wie das Rote Seifenkraut oder die aus den Steppen stammenden Lotwurze sind in beiden Waldtypen zu finden.

Die Wälder des gemässigten Klimas

Nun verlassen wir diese Trockenstand-orte für gemässigte bis feuchte Regionen. Bis 700 m im Norden und 1200 m im Süden gedeihen auf lockeren steinigen Böden Laubmischwälder. Meist dominiert die Sommerlinde, begleitet von verschiedenen Ahornarten, der Esche und der Bergulme. Diese Mischformation findet sich besonders in den Voralpen. Dank den relativ milden Wintermonaten wachsen immergrüne Sträucher. Schlingpflanzen, Efeu und Farne verstärken den Eindruck einer tropischen Pflanzenüppigkeit.

In höher gelegenen Lagen sowie an kühleren oder nordexponierten Standorten und auf tiefgründigen stabilen Böden dominiert die Buche. In einem grossen Teil der Schweizer Wälder, in tiefen und mittleren Lagen, nimmt diese Art eine Schlüsselposition ein. Solange die Buche nicht durch Trockenheit be- Das Rote Waldvögelein ist eine unserer attraktivsten Orchideen. Sie zeigt ihre Schönheit ab Mitte Juni in lichten Wäldern bis in mittleren Lagen. Bereits im März bedeckt das Buschwindröschen den Boden von Buchenwäldern oder anderer Laubwälder der tiefen und mittleren Lagen. Waadtländer Voralpen Der Efeu, eine immergrüne Art, wächst entlang von Baumstämmen oder auf dem Waldboden.

Fotos: Alexandr e Scheur er schränkt wird, 2 besiedelt sie grosse Flächen und verdrängt die anderen Baumarten auf weit ungünstigere Standorte, insbesondere auf solche mit instabilem Boden. Die Buche dringt nur selten in die inneralpinen Trockentäler vor, sie bevorzugt eindeutig die Voralpen und erreicht bei 1500 m ihre obere Grenze. Ab 1000 m vermischt sie sich an kühlen bis feuchten Standorten mit der Weisstanne oder der Fichte.

Frühblüher und Saprophyten 3

Eines der auffälligsten Anpassungsmerk-male der Flora, welche die Laubwälder der gemässigten Zone und insbesondere die Buchenwälder begleitet, ist die sehr frühe Blütezeit. So sichern sich diese Arten einen Platz an der Sonne, bevor sich das Blätterdach schliesst und der Unterwuchs im Sommer schattig bleibt. Die Frühblüher profitieren auch von den im Frühjahr sehr aktiven Hummeln, die sie zu ihrer Bestäubung nutzen. In den ersten Frühlingswochen ist der Boden die-2 An südexponierten Kalkhängen gibt es eine Buchenwaldformation mit Arten gewisser Flaum-eichen- oder Wald-Föhren-Gesellschaften. 3 Der Name Saprophyten stammt aus dem Griechischen: sapros = faul, verfault; phyton = Pflanze. Saprophyten sind Fäulnisbewohner, die teilweise oder ganz ihren Nährstoffbedarf aus toter organischer Substanz decken; zu ihnen gehören Bakterien, Pilze und einige Pflanzen.

Im Buchen-Tannenwald wechselt das Dunkelgrün der Nadelbäume mit dem Hellgrün der Laubbäume. Chablais/VS Das Leberblümchen in seiner violetten Form – eine häufig vorkommende Art der Hahnenfuss-gewächse – blüht bereits im März an wärmeren Standorten sowohl in Laubwäldern als auch in Buschformationen. Die schaftlose Primel bevorzugt Laubwälder der wärmeren Klimabereiche in tiefen und mittleren Lagen. Chablais/VS ser Waldformationen sehr farbenfroh: Die blauvioletten Veilchen und Leberblümchen blühen bereits im März, die gelb blühende schaftlose Primel und das weisse Busch-Windröschen kommen dann zusammen mit den zart grünen, stark duftenden Blättern des Bärlauchs. Später folgt der Waldmeister mit seinen quirlig angelegten Blättern und den zahlreichen kleinen weissen Blüten. Einige Arten überdauern die Sommermonate, andere verschwinden ganz. Jene, die den Schatten ertragen, blühen erst gegen Ende der Vegetationsperiode. Es gibt aber auch noch andere Mittel, um dem Lichtmangel im Wald entgegenzuwirken und ohne die nährenden Lichtstrahlen auszukommen. Die Saprophyten ernähren sich von organischem Material, besitzen kein Chlorophyll und leisten keine Fotosynthese. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist die Nestwurz, eine Orchideenart, die Wärme liebende Buchenwälder bevorzugt. Die Nestwurz – kein Pilz, sondern eine saprophytische Orchidee, also ohne Chlorophyllbevorzugt Wärme liebende Buchenwälder. Fichtenwald im Chab-lais/VS. Die weitläufi-gen Lichtungen dieser Gegend sind gelegentlich vom Frühlingskro-kus bedeckt.

In den Nadelbaumwäldern der Bergstufe ist der Bergahorn eine der wenigen Laubbaum-arten. Hier von Moos bedeckt, was auf eine hohe Luftfeuchtigkeit hinweist An frischen Standorten tiefer Lagen bedeckt der Bärlauch den Boden der Buchenwälder. Waadtländer Voralpen Fotos: Alexandr e Scheur er

Nadelwälder der Bergstufe

Mit steigender Höhe verkürzt sich die Vegetationsperiode, und das Klima wird kälter. An diese Bedingungen sind Laubbäume schlecht angepasst, weshalb sie seltener werden und den Nadelbäumen Platz machen, die je nach geografischer Lage ab 1100 bis 1500 m überwiegen. Über zirka 1600 m findet man nur einen Vertreter, der zu den Laubbäumen gehört und grössere Gebiete erschliessen kann: die Grünerle. Der Vogelbeerbaum, ein Strauch mit gefiederten Blättern und roten Beeren, der Bergahorn, oft an steinige instabile Hänge verdrängt, die Birke und die Zitterpappel, die nur selten richtige Wälder bilden, sowie verschiedene Weiden sind nur noch in geringer Zahl vorhanden. Unter den Nadelbäumen bildet hauptsächlich die Fichte – insbesondere in den Voralpen und an der Alpennordseite – ausgedehnte Wälder. Man erkennt sie an den allseitig abstehenden, stechenden Nadeln und den hängenden Zapfen. Begleitet wird sie sowohl von der Lärche als auch von der Weisstanne. Letztere, erkennbar an den flachen, zarten Nadeln und aufrechten Zapfen, findet man hauptsächlich in den Voralpen, wo sie sich vielfach der Buche beigesellt. Der Unterwuchs der Fichtenwälder ist artenarm, und die meisten Pflanzen bevorzugen sauren Boden, so die Rost-blättrige Alpenrose oder die Heidelbeere aus der Familie der Heidekrautgewächse, der Gemeine Sauerklee sowie das Kleine Zweiblatt und die Korallenwurz – zwei eher seltene Orchideenarten. Der Wald-Wachtelweizen mit seinen schmal-lan-zettlichen Blättern bildet im Spätsommer einen grünen Teppich voll von kleinen gelben Blüten. Und schliesslich findet man auf den feuchten und nährstoffreichen Böden der schattig-kühlen Lichtungen grosse breitblättrige Arten der Hochstaudenfluren wie Alpendost, Eisenhut und Pestwurz.

Fichte und Tanne bevorzugen die kühlen und feuchten Standorte. In höhe- Im Herbst bildet der Vogelbeerbaum reichhaltige Dolden mit leuchtend roten Beeren, während sich die Blätter rot färben. Martigny/VS Im Alpeninnern vermischt sich die Fichte ( r. ) oft mit der Lärche ( l. ). Die Grünerle, ein Strauch, verbreitet sich nach Aufgabe des Weidelandes sehr schnell.

Je nach Klima findet man die letzten Bäume – hier Lärchen – zwischen 2000 und 2300 m. Diese sind oft verkrüppelt und von Wind und Schnee geprägt. Vallée du Trient/VS Fotos: Alexandr e Scheur er ren und sonnigen Lagen der inneren Alpen, meist zwischen 1600 und 2100 m, versucht die Lärche diese Arten zu ersetzen. Sie ist die einzige europäische Na-delbaumart, die sich im Herbst gelblich verfärbt, bevor sie dann ihre Nadeln verliert. Der Unterwuchs der Lärchenwälder setzt sich aus einer Ericaceen-Heide mit Alpenrose, Preiselbeere, Heidelbeere, der immergrünen Beerentraube sowie aus verschiedenen Gräsern zusammen. Auch die Bergföhre erreicht die Waldgrenze. Mit ihrer dunkelgrauen Rinde unterscheidet sie sich von der Wald-Föhre, die sie ab 1500 m ersetzt. In tieferen Lagen findet man die Bergföhre an kälteren Standorten und in Moorge-bieten, meistens auf armen und steinigen Böden. Sie wird sowohl von ähnlichen Arten wie der Wald-Föhre als auch von Arten der Bergstufe begleitet.

In den sonnigen und trockenen Gebieten über 2000 m herrscht im Wallis sowie in Graubünden die Arve vor. Sie ist Frost gegenüber resistent und bildet bis an die klimatische Waldgrenze, also maximal bis 2350 m, lichte Wälder. Auch wenn sie in älteren Waldpopulationen dominiert, so ist sie doch häufig von Lärche, Bergföhre oder sogar der Fichte begleitet. Der Unterwuchs ist eine Erica-ceen-Heide, die reich an verschiedenen Moosarten ist. Dies ist der Grund, dass der Arvenwald im Herbst einen so feinen Duft verbreitet. a Alexandre Scheurer, Mar tigny ( ü ) Die Weisse Pestwurz findet man im Frühling häufig in feuchten Bergwäldern, insbesondere in Fichten- und Weisstannen-wäldern. Sie ist manchmal von roten Mischpflanzen begleitet.

Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen

Storia, cultura, letteratura alpina

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