Die Gletschertaufe

VON RICHARD HOPF, THUN

Mit tausend Freuden hatte Luigi unsere Einladung zu ein paar Tagen Ferien in den Schweizer Bergen angenommen. So schnell ihn sein Moped zu tragen vermochte, entrann er der unerträglichen Hitze der Poebene, wo er beheimatet ist, und erklomm unglaublich geschwind Gotthard und Susten.

Ein paar Tage später steigen wir von der Sustenstrasse aus dem Obertalgletscher entgegen. Herrlich kühl ist das Aufwärtsstreben in der Morgendämmerung und später im Schatten des wild gezackten Grates, der im Osten die Sonnenstrahlen abfängt. Es ist Luigis erste Bergfahrt.

« Du kannst dann oben im Gratsattel gefahrlos warten, bis wir anderen den Gipfel bestiegen haben, und überhaupt, wer weiss, vielleicht langt es für dich noch ein wenig weiter hinauf. » Das ihm bis jetzt unbekannte Bergseil wird dem Rucksack entnommen und umgebunden. Mit besonderer Feierlichkeit natürlich, es ist ja das erste Mal. Dann noch ein paar eindrucksvolle Instruktionen, und Luigi stapft, noch etwas ängstlich zwar, aber voll Begeisterung, den stotzigen Gletscher hinauf bis in die besagte Gratlücke, wo er auf uns warten soll.

Strahlende Sonne blendet uns nach dem schattigen Aufstieg im dunklen Couloir, und wir sind alle wieder einmal so recht glücklich: Neben uns einladende warme Felsplatten, vor uns die ganze leuchtende Bergwelt und in dichtem Dunst die Niederungen mit dem Alltag, dem wir so gerne entfliehen.

« Du kannst es dir hier herrlich bequem machen, Luigi, in zwei bis drei Stunden sind wir wieder zurück! » « Ich möchte aber auch mitkommen! » Ich mustere den weiteren Aufstieg zum felsigen Gipfel. Scheint eigentlich nicht so schwer, und das letzte steile Stück zur Scharte hat Luigi eigentlich ganz gut genommen Mit etwas Seilnachhilfe dürfte es schon gehen. Und es geht.

Was ihm an Übung und Erfahrung mangelt, ersetzt er durch Begeisterung und wir durch gelegentlichen Seilzug. Auch über den nahezu senkrechten, etwa fünf Meter hohen Gipfelblock bringen wir Luigi gut hinauf. « Bravo Luigi! Du hast deine erste Hochgebirgsfahrt gemacht, und wie gut! » Er ist allerdings etwas bleich von der Anstrengung, dem ungewohnten Tiefblick und den fast dreitausend Metern Höhe. Mir scheint, etwas sehr bleich.

« Leg dich hin und nimm diese Tablette Coramin-Traubenzucker! » Haben wir ihm vielleicht doch etwas zuviel zugemutet? Es scheint fast so zu sein, und besorgt denke ich an den steilen Abstieg. Sorgfältig - er hat sich nun etwas erholt, und der Kontrast zwischen seinen leuchtend roten Haaren und seiner Gesichtsblässe ist nicht mehr so gross, seilen wir ihn mit aller Sicherung über die ersten paar Meter ab. Dann geht es zunehmend besser, und ohne Komplikationen landen wir in der Scharte.

« Bravissimo, Luigi! Sehr gut gemacht! » Die Gefahr ist hinter uns, Zuversicht und Übermut kommt über uns.

« Deine erste Hochgebirgstour! Weisst du, was das bedeutet? Es ist ein ungeschriebenes Gesetz der Schweizer Alpinisten. Wer zum erstenmal auf einem Gletscher ist, hat die Gletschertaufe zu bestehen. Siehst du dort unten im Gletscher das grünblaue Seelein mit den Eisschollen? Dort musst du untertauchen. Natürlich nur schnell. Erst dann bist Du ein richtiger Alpinist! » « Ist das aber auch wahr? » « Klar », antworten wir alle mit todernsten Gesichtern.

Bedenklich und nicht mehr aufmerksam steigt Luigi ab. Er achtet gar nicht mehr auf die Tritte, um so mehr gilt sein Blick dem immer näher kommenden Gletschersee.

« Du brauchst natürlich nicht dort hinein, wo das Eis so blaugrün ins Wasser abfällt. Sieh ', auf der anderen Seite ist eine Felsplatte dort ist es flacher » sagt einer von uns tröstend. In Luigis Kopf herrscht, das sieht man ihm an, ein Widerspruch der Gefühle: Soll ich kläglich auf die heroische Gletschertaufe mit ehrenvoller Aufnahme unter die Schweizer Alpinisten verzichten, oder soll ich in das scheussliche Eiswasser?

Wir bekommen nun doch etwas Mitleid.

« Luigi, für Italiener, die das kalte Wasser nicht so gut ertragen, darf man die Taufe etwas erleichtern. Du brauchst nicht ganz unterzutauchen. Es genügt, wenn du den Kopf dreimal zehn Sekunden lang unter Wasser hältst. Die Taufe gilt dann gleichwohl. » Luigi ist erleichtert und entschieden.

Die Vorbereitungen werden getroffen. Mit nacktem Oberkörper liegt er am Ufer des eisigen Gewässers, zur Vorsicht am Seil. Rechts und links haben wir andern Stellung bezogen. Die Uhr wird gezückt.

« Du musst unter Wasser von 20 bis 30 zählen, wir kontrollieren mit der Uhr. Los! » Ohne Zögern taucht Luigi sein Haupt ins Gletscherwasser. Dreimal, mit humaner Erholungspause zwischenhinein. Und überglücklich und krebsrot nach bestandener Prüfung zieht Luigi mit uns zu Tal.

Immer noch sehe ich das feurigrote Haar Luigis dreimal im graugrünen Wasser des Obertalgletschers verschwinden und wieder auftauchen!

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