Die Grigne

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Photos René Pellaton, Genf

1 Die Grigne ( nördlich von Lecco ) 2Kletterei am Sigaro 3Der Sigaro ( zweite Seillänge ) wie wir zu unserm Auto hinunterkommen, tanzen eben die ersten Schneeflocken durch die Luft. Doch die sollen nun ruhig tanzen; wir denken nur noch an die warmen, weichen Betten im Motel unten.

Am Sonntagmorgen schneit es in Ouray. Die Besitzerin des Motels freut sich fast so wie wir, dass uns die Besteigung gelungen ist. Aber zum Feiern bleibt uns leider nicht viel Zeit; denn wir müssen gleich die Rückfahrt nach Illinois antreten, und auf dieser Reise verfolgt uns der Sturm bis Kansas, so dass die Fahrt sehr mühsam und zeitraubend wird.

Erst am Dienstag sind wir wieder daheim — und eine Stunde später schon bei der Arbeit. Doch unsere Gedanken kehren immer wieder zurück zu unserem Abenteuer und zu unsern Anstrengungen in der zauberhaften Wintergebirgslandschaft der Colorado-Rockies.

Die Grigne

René Pellaton, Genf Der moderne Alpinismus zwingt den Kletterer, sich ständig zu verbessern, seine Technik laufend zu vervollkommnen und stets jene körperliche und seelische Kondition zu bewahren, die ihm die kühnen Unternehmungen erlaubt, von denen er träumt. Es genügt heute nicht mehr, wie zu Anfang unseres Jahrhunderts, während der Wintermonate in der Turnhalle zu trainieren, um dann im Sommer für die grossen Bergwanderungen bereit zu sein. Diese grossen Bergwanderungen verachtet der Bergsteiger zwar nicht unbedingt; aber die Vorliebe des modernen Alpinismus hat sich mehr der Felskletterei zugewandt als den grossen Touren im Eis oder in gemischtem Gelände.

Dieser Geschmackswandel liegt vielleicht in der Verbesserung der alpinistischen Hilfsmittel und im Aufkommen von Felshaken und Stehschlingen begründet.

io8 Die Alpinisten der alten Schule, die häufig die Verwendung solcher Hilfsmittel aufs heftigste verdammen, klagen oft, die heutigen Kletterer verachteten den Berg. Doch ihr Jammern nützt nichts: Gegen die Entwicklung kommt man nicht an! Unsere Grossväter mussten sich ihr unterwerfen, wie wir ihr uns heute anpassen müssen, wie sich morgen unsere Kinder ihr werden fügen müssen.

Das strenge Training, dem sich der Kletterer heute unterzieht, lässt ihn in der Nähe der Städte die Kletterwände suchen, die er zu seiner Vorbereitung braucht. Es gibt keine Stadt, ob gross oder klein, die nicht ihr bestimmtes Übungsgelände hätte. Einige davon sind berühmt: die Calanques von Marseille, die Sandsteinfelsen von Fontainebleau; andere sind im Moment Mode: die Dünen von Saussois, die Voralpen von Vercors. Etliche schliesslich sind nur gerade den Eingeweihten bekannt, die am Ort wohnen - und es sind weder die reizlosesten noch die am wenigsten benützten.

Ich weiss nicht, in welche Kategorie ich die Grigne einordnen soll. Als Cassin in Alpinistenkreisen berühmt wurde, indem er nacheinander die Nordostflanke des Badile und den Walker-Pfeiler eröffnete, erfuhren die Kletterer, dass sich dieser ausserordentliche Mann ganz in der Nähe seines Wohnortes, in den Grigne, einübte.

Wenn auch jeder zünftige Kletterer weiss, wo die Grigne zu finden sind, so bin ich doch nicht sicher, ob viele Fremde dieses Massiv aufsuchen. Ich habe jedenfalls, wann immer ich hinging, nie einen getroffen... und das ist wohl auch kein Schaden, wenn man an die Invasion denkt, der die Hütten in den Dolomiten oder in den Alpen oft ausgesetzt sind...

Und doch bilden die Grigne einen wirklich schönen und mit keinem anderen vergleichbaren Gebirgskomplex. Es ist zwar durchaus möglich, dass der Alpinist, der zum erstenmal hinkommt, zuerst enttäuscht ist. Er wird Felswände suchen und keine finden, ganz einfach, weil nur wenige da sind. Seine ersten Schritte führen ihn in eine bukolische und friedvolle Landschaft. Aber dann, Der Mont Maudit, vom Gipfel der Médiane aus gesehen ( Aiguilles du Diable ) Photo Jean-Claude Notz, Meyrin ( GE,,,.: an der Wegbiegung, erblickt er durch die Zweige die Grigne. Er sieht plötzlich einen Spitzensaum von Felsnadeln gen Himmel stechen, die einen schlank wie richtige Nägel, die andern wie die Hauer irgendwelcher Fabeltiere. Und da steht er an der Schwelle des Paradieses der Kletterer!

Der Sankt Petrus dieses Himmels ist unbestritten Gigi Alippi. Sein Hotel, ganz einfach gebaut, steht unscheinbar in einem Rahmen von Grün vor der Szenerie der Grigne. Gigi ist natürlich der grosse Mann der Grigne. Er kennt sie wie seine Hosentasche. Er ist dazu ein Schalk, der dich, um deine Temperatur zu messen, auf die Comici dei Corni del Nibbio schicken wird. Hast du die Probe bestanden, dann bist du sein Freund und genies-sest sein Zutrauen, seine Herzlichkeit, seine Grosszügigkeit. Er wird dich in den Kreis seiner Kameraden, der Ragni di Lecco, einführen, und du wirst eine ganz eigene Atmosphäre kennenlernen, ausgefallene Gespräche, in denen sich alles um die Berge dreht. Er wird dir alle nötigen Tips geben, wird dir sagen, wie man die Giulia oder die Teresita angeht ( Vorsicht! das sind nicht etwa junge Mädchen, sondern Bergnadeln !), und wird dir die schönsten Führen der Grigne reservieren.

Da die Grigne kein hohes Gebirge sind, sondern Berge, an denen man die Finger ertüchtigt und die Technik verfeinert, muss man keineswegs am Vorabend schon aufbrechen. Im Gegenteil, es empfiehlt sich, um 8 Uhr aufzustehen und ein kräftiges kleines Frühstück zu geniessen, das gleichzeitig als Mittagessen dienen kann. So hältst du 's aus bis zum Abend. Der Rucksack wird dadurch nur leichter, und zum Klettermaterial legst du nur noch eine Feldflasche hinein. Gegen 9 oder halb i o Uhr brichst du dann auf zum Fungo ( als Kletterschule eine Art Capucin du Tacul ), oder du nimmst die Gandini-Führe des Cinquantenario in Angriff, die spektakulärste und schwierigste der Grigne. Der Weg, der dich zur Basis deines Zieles führt, ist zwar gut ausgetreten, aber er steigt und steigt... Und wenn du beim Einstieg ankommst, wirst du voll Freude eine begeisternde Klettertour kennenlernen, die all dein Können beansprucht. Je nachdem, in welcher Gruppe der Felsnadeln du bist, wirst du eine oder mehrere Führen ersteigen, wirst von der Freikletterei zum Klettern mit Hilfsmitteln oder, nach Lust und Kraft, zur « künstlichen Freikletterei » übergehen. So wirst du dich den ganzen Tag an Klettertouren berauschen, bis die Sonne niedergeht und du wieder zu Gigi heimkehrst, um ihm die Entdeckungen des Tages zu erzählen. Du wirst ihn lachen sehen über deine Schwierigkeiten, und er wird, seine listigen Äuglein kneifend, dir mit Hilfe seiner ausdrucksvollen Handbewegungen erklären, wo du den Fehler gemacht hast. Dann wird er dich zur Bar führen, wird dir ein Gläschen offerieren, und ihr werdet plaudern, bis die Mamma, flink und lachend auch sie, dir den Tisch anweist, den sie dir reserviert hat.

Dann wirst du das Leben herrlich und die Grigne eine unvergleichliche Gegend finden.

Heute früh brechen wir zum Sigaro auf. Vorgestern abend sind wir bei Gigi angekommen. Wir wollten vom Auffahrtstag und dem Wochenende profitieren, um einige Besteigungen in den Grigne auszuführen. Am Mittwoch nach Büroschluss fuhren wir von Genf ab und kamen gegen Mitternacht in Piano di Resinelli an. In tiefem Schlaf lag das grosse Gebäude. Auf unseren Ruf kam die Mamma uns die Tür öffnen.

Wenig Gäste waren im Hotel. Am Morgen trafen wir Giorgio Bertone, einen vortrefflichen Führer aus Gourmayeur, der mit einem Klienten und dessen Frau gekommen war. Die Frau fesselt uns mehr als der Klient. Meine Freunde, Robert und Wannès, finden sie zwar fuchsrot; mir aber scheint sie wunderbar blond, und ich würde sie sehr gerne auf mein Jagdtableau heften. Doch meine Kameraden rufen mich zur Ordnung; denn wir sind zum Klettern gekommen und nicht zum Schä-kern.

Heute, am Freitag also, gehen wir auf den Sigaro, an dem uns Bertone die Molteni-Führe empfohlen hat. Gestern haben wir den Torre, den Spigolo del Fungo ( herrlichund den Lancia bezwungen.

Dann genehmigten sich meine Freunde als besonderen Genuss eine halb freie, halb künstliche Kletterei im Campaniletto.

Der Weg zum Sigaro führt durch ein tiefes Couloir. Der Schnee liegt darin als dicke und feste Decke, auf der wir leicht vorankommen. Wir haben den Eindruck, als wären wir im Hochgebirge. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als wir uns am Ende einer Schlucht in einem engen Becken mit senkrechten und ausserordentlich hohen Wänden eingeschlossen finden.

Jeder Ausweg nach oben scheint uns versperrt. Wir suchen lange, bis wir uns einem überhängenden Vorsprung zuwenden, der schwer zu überwinden ist, über dem wir jedoch in den breiteren Teil des Couloirs gelangen. Bisher haben wir den Sigaro noch nicht zu Gesicht bekommen, und wir können ihn auch jetzt nicht erkennen. Fast glauben wir, wir hätten das falsche Couloir erwischt. Denn wir sehen zwar den oberen Teil des Berges, seine Grasrücken, aber vom Sigaro nichts!

Und doch war er da; seine enorme zylindrische Masse liess sich von den Felsmauern, die uns umgaben, nicht unterscheiden. Es ist ein grossartiger Turm. Er gleicht ziemlich genau einer enormen, zum Himmel aufgerichteten Zigarre, die ein tiefer Einschnitt vom Berg trennt. Nach Bertones Angaben hätten wir in 45 Minuten an seinen Fuss gelangen müssen; in Wirklichkeit brauchten wir mehr als das Doppelte für die Strecke.

Der Anblick dieses Monolithen mit den makellosen Wänden tötet in mir jeden Wunsch, ihn zu ersteigen. Ich habe überhaupt keine Lust, mich an diesem abweisenden Felsen abzumühen. Es ist so schön in der Sonne; der trockene Rasen des Couloirs lockt zum Verweilen. Warum lege ich mich nicht hin und überlasse meinen Freunden den Kampf mit dem Sigagro? Wirklich, mein Mut ist an diesem Saisonanfang noch schwankend, und der menschenfeindliche Anblick der Felsnadel ist nicht geeignet, eine geschwächte Tatkraft aufzurütteln.

Der Mensch sieht gerne seinesgleichen leiden, wo er selber leiden zu müssen fürchtet. Als ich HO meine Rolle als Akteur gegen die beschaulichere und geruhsamere des Zuschauers eintauschte, hoffte ich natürlich, dass meine Freunde ungeheure Schwierigkeiten antreffen und dass sie damit nicht ohne Anstrengung fertig würden.

Eine erste steile Traverse wurde ohne Gefahr überwunden. Doch weiter oben würde es ohne Zweifel nicht so glimpflich verlaufen. Robert hatte eine neue Seillänge begonnen. Ich sah ihn, angeklammert wie eine Spinne, mit seinen langen, ausgebreiteten Gliedern den Fels abtasten, um darin Griffe zu finden. Er hob sich gemächlich hoch, von einem Haken zum andern strebend und von Zeit zu Zeit an Wannès Anweisungen für die Handhabung des Seiles gebend. Es schien, als leistete ihm die Wand keinen heftigen Widerstand. Und doch war die Führe von ausserordentlicher Schwierigkeit.

Kurz gesagt: Es verdross mich nicht wenig, als ich zusehen musste, mit welcher Leichtigkeit meine Freunde die Probleme lösten. Ich hätte mich gefreut, wenn ein unerwartetes, unüberwindliches Hindernis sie zu irgendeinem verzweifelten Manöver gezwungen hätte. Nichts! Sie stiessen von einer Schlüsselstelle zur anderen vor, ohne dass etwas ihren zwar langsamen, aber stetigen Anstieg hemmte.

Jedesmal, wenn ich sie fragte: « Geht's? » bekam ich die gleiche Antwort: « Es ist toll! » Und der Ton ihrer Stimme enthielt die ganze Freude, die ihnen diese Besteigung bot.

Ohne gerade den Gemütszustand jenes Engländers zu teilen, der überall den Zirkus besuchte in der Hoffnung, dass eines Tages der Löwe den Dompteur fressen werde, so hätte ich doch gewünscht, der Sigaro möchte seine Zähne zeigen.

Einmal glaubte ich meinen Wunsch erfüllt zu sehen. Fast zuoberst, in einer sehr heiklen Traverse von etwa zwanzig Metern, klagte Robert, er finde keine Sicherung. Schon war ich gefasst, einen meisterhaften Absturz zu photographieren, da fand der gerissene Bursche einen Ausweg und setzte seinen kaum gezeichneten kleinen Weg fort, ohne sich in den Äther hinauszuschaukeln.

Es war soweit! Er hatte den letzten schwierigen Schritt getan, und wenig später betrat die Seilschaft, triumphierend und strahlend, den Gipfel.

Mir blieb nichts übrig, als gesenkten Blickes abzuziehen, völlig geschlagen, dass ich so leichtfertig auf diese schöne Kletterei verzichtet hatte. Am Abend, bei Gigi, liess ich mir nichts anmer-ken,dass ich nicht mit von der Partie gewesen war. So wurde ich mit Betrug eines Ruhms teilhaftig, den ich gar nicht verdiente.

Aber wenn man nicht gar zu armselig bleiben will, muss man sich manchmal von der Grosse anderer eine kleine Anleihe machen.

Übersetzung W. Derungs

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