Die Hotelbauten von Caux. Wintersport über dem Genfersee

Die Hotelbauten von Caux 1

Erst war es eine Liebesgeschichte aus der Feder von Jean-Jacques Rousseau, die Gäste aus der ganzen französischsprachigen Welt an die mediterranen Seeufer des Genfersees lockte. Später folgten einzigartige Winter-sportmöglichkeiten, die in den 1890er-Jahren einen richtigen Hotel-bauboom in den Höhenlagen auslösten, so auch in Caux.

Im 18. Jahrhundert lagen im Gebiet der heutigen touristischen Region von Montreux über zwanzig kleine Weiler und Bauerndörfer verstreut in den Weinbergen am Ufer des Genfersees. Die meisten Ortschaften befanden sich nicht direkt am See, sondern an den zahlreichen Verkehrswegen, die das Rebbaugebiet mit einem spinnwebenartigen Netz überspannten. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die Landschaft von Montreux mit ihren mediterranen Seeufern, weiträumigen Rebbergen und steilen Alpweiden bis gegen 2000 m immer wieder von aufmerksamen Reisenden besucht. Unter ihnen befand sich auch Jean-Jacques Rousseau, den diese Region zu seinem Roman « La nouvelle Héloïse » inspirierte. In dem 1761 erschienenen Werk stand die Gegend um Clarens im Zentrum einer Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen. Dadurch wurde sie schlagartig zu einer der bekanntesten Regionen in der gesamten französischsprachigen Welt. Bereits um 1800 besuchten zahlreiche Wissenschaftler und Künstler aus ganz Europa, aber auch « gewöhnliche Touristen », das von Rousseau verherrlichte Gebiet.

Am Seeufer und in der Höhe In den 1830er-Jahren entstanden in Montreux die ersten bedeutenden Pensionen, darunter die Kernbauten von zwei späteren Hotelimperien: 1836 war es das Hôtel du Cygne als Vorgängerbau des späteren Palace von Hotelkönig Alexandre Emery. 1840 folgte die Auberge du Chasseur des Alpes in Territet, der Kern des Hotelreichs von Ami Chessex. Gleichzeitig mit der Eröffnung der ersten Pensionen am Seeufer wurden auch Betriebe in Höhenlage eröffnet wie 1834 in Chernex oder 1838 in Glion, wobei sich Letzteres früh zum bedeutendsten Hotelstandort über dem Genfersee entwickelte.

Den grössten Bauboom in Höhenlage lösten die touristischen Eisenbahnen in den 1890er-Jahren aus. In Glion und Les Avants konnten sich dank den neuen Schienensträngen einige bereits bestehende Hotels stark vergrössern, in Chamby und Caux entstanden zu dieser Zeit die ersten grossen Hotelbauten. Diese Höhenstationen waren um die Jahrhundertwende besonders beliebt: künstlich geschaffen, modern und komfortabel ausgerüstet, im Prinzip völlig von der Welt isoliert und dennoch mit Bahn, Telefon und Telegraf gut mit ihr verbunden. Eine besonders markante Entwicklung erlebte der Höhenort Caux auf 1050 m, knapp 700 m über dem Wasserspiegel des Genfersees. Er wurde in den 1890er-Jahren gewissermassen aus dem Nichts geschaffen und verdankt seine Entstehung grundsätzlich dem Bau der Eisenbahn auf den Gipfel des Rochers de Naye.

Das Grand Hôtel von Caux Den Reigen der Grossbauten eröffnete das von Architekt Louis Maillard ( 1838–1923 ) aus Vevey im Auftrag eines Baukonsortiums erbaute Grand Hôtel von Caux oberhalb von Montreux. Das Hotel wurde gleichzeitig mit dem Bau

Den grossen Bauboom im 19. Jahrhundert lösten die touristischen Eisenbahnen aus. Das Palace in Caux, modern und komfortabel ausgerüstet, war von der Welt völlig isoliert, aber dank Bahn sowie Telefon und Telegraf gut mit ihr verbunden. Das Caux-Palace war bei seiner Eröffnung 1902 mit seinen 250 Zimmern und 100 Bädern eines der grössten und luxuri-ösesten Hotels, die je in der Schweiz gebaut wurden. Heute dient es der Stiftung « Initiativen der Veränderung », vormals « Moralische Aufrüstung », als Zentrum.

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der Zahnradbahn auf den Aussichtsberg in Angriff genommen. Die bereits am 2. Juli 1892 bis Caux eröffnete Bahn leistete in ihrem ersten Betriebsjahr grosse Dienste zur Bauvollendung des Hotels. Durch den U-förmigen Grundriss sind die Gästezimmer nach drei Aus-sichtsseiten orientiert. Zwei erhöhte und leicht vorspringende Ecktürme mit flachem Dachabschluss markieren die Ge-bäudeecken. Ein kuppelbedeckter Trakt, der hofseitig das vorgelagerte Treppenhaus enthält, bildet die Mitte der symmetrischen Anlage. Um 1900 wurden die Zwischentrakte um ein Geschoss und die Ecktürme um zwei Geschosse aufgestockt und mit Steildächern versehen, was dem Gebäude ein neues Gesicht verlieh. Der im Gesamtwerk des bekannten Westschweizer Architekten besonders reich gestaltete Bau erinnert – wenn auch mit wesentlich kleineren Dimensionen – stark an die Gestaltung der Fassade bei dem vom Brüsseler Architekten Jules Rau ein Jahrzehnt früher erstellten Hotel Kursaal Palace in Maloja. Komfortabel war dieses Hotel, wie der Führer bei seiner Eröffnung 1893 vermerkt: von Lift über elektrisches Licht, Telefon bis hin zur Dampfheizung, was für ein dermassen abgelegenes Hotel zu jener Zeit beachtlich war. Badezimmer allerdings gab es, wie zu dieser Zeit noch üblich, nur je eines pro Etage.

Das Caux-Palace Im Februar 1899 gründete Ami Chessex, der eigentliche Hotelkönig von Territet, die « Société immobilière de Caux ». Ihr Ziel war, das bestehende Grand Hôtel aufzukaufen und ein neues Hotel zu bauen, das alles in den Schatten stellen sollte, was bisher in Montreux existierte. Nach den Plänen des « Stararchitekten » im Hotelbau am Genfersee, Eugène Jost ( 1865–1946 ), entstand zwischen 1899 und 1902 einer der grössten und luxu-riösesten in der Schweiz je realisierten Hotelpaläste in schönster Aussichtslage mit 100 Bädern für 250 Zimmer.

Architekt Jost gestaltete das Grand Hôtel Caux-Palace als monumentalen Schlossbau. Ein mächtiger Mittelteil und

Auf 1050 m, knapp 700 m über dem Genfersee, wurde Caux praktisch aus dem Nichts geschaffen. Palace in Caux Als monumentales Schloss mit einer 800 m langen Promenierterrasse gestaltete « Stararchitekt » Eugène Jost das Palace in Caux.

Die Zimmer des Grand Hôtel Caux-Palace waren alle seeseitig angeordnet und hatten einen Balkon.

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der westliche Seitentrakt werden jeweils von einem turmartigen Zentralbau mit steilem Walmdach dominiert. Runde Ecktürmchen mit Spitzhelm und ma-schikuliartigen 2 Auskragungen markieren die Ecken der schlossartigen Anlage. Die gesamte nach oben hin auskragende Fassade ist sowohl horizontal als auch vertikal mit Balkonen, Loggien und Veranden gegliedert.

Der Grundriss ist, wie bei allen drei von Eugène Jost in Montreux erstellten Grand Hotels – Caux 1902, Territet 1905, Montreux Palace 1906 – gleich strukturiert. Das Grundgerüst bildet ein schmaler Längsbaukörper, bei dem die Zimmer entlang eines langen Erschlies-sungskorridors nur seeseitig angeordnet sind, alle mit eigenem Balkon. Im stattlichen Mitteltrakt liegen die Vertikal-erschliessung, die Serviceräume und zusätzliche Sanitäranlagen. Die Speise-und Festsäle sind aus dem Hotelgrund-riss ausgelagert, weil sie die Höhendi-mensionen der traditionellen Stockwerke sprengen. In Caux sind sie im ostseitigen Kopfbau untergebracht. Jeder dieser Räume wurde in einem anderen Stil ausgeführt, so gab es beispielsweise den « grand salon Louis XVI » oder den « salon Empire ».

Sommer- und Wintersport hoch über Montreux Das Grand Hôtel und später in noch viel ausgeprägterem Umfang das Palace stellten ihren Gästen eine eigene Infrastruktur für Erholung, Spiel und Sport zur Verfügung, die ihnen ein autarkes Leben abseits der übrigen Welt ermöglichte. Im Innern der Hotels gehörten mehrere Personen- und Gepäckaufzüge, elektrisches Licht und Zentralheizung ebenso zu den Selbstverständlichkeiten wie zahlreiche Fest- und Privatsäle sowie mehrere Spielsalons. Nachdem in Caux bereits bei der Eröffnung des Grand Hôtels zahlreiche Spazierwege und Tennis-felder angeboten wurden, erstellte man im Winter 1897 eine eigene Eisbahn und eine 700 m lange Schlittelbahn. Vor dem Caux-Palace wurde eine 800 m lange alpine Promenierterrasse angelegt, die im ganzen Alpenraum einzigartig blieb. Nach der Eröffnung des Palace begann man in Caux, besonders die Wintersaison zu propagieren. Den sportlichen Gästen standen neben der bereits bestehenden Schlittelbahn und einem Eisfeld zwei weitere Eisbahnen sowie eine eigene Bobsleighpiste zur Verfügung, zu deren Erschliessung die Zahnradbahn im Winter eigens in Betrieb genommen wurde. Caux war nach 1902 eine Welt für sich, die alles zur Erholung und für die sportliche Betätigung bot, was man sich damals wünschen konnte. Ein Prospekt aus der Zwischenkriegszeit zeigt eine bunte Palette von Sportmöglichkeiten: « Sport-taxe, einschliessend die Benützung des Eisfeldes, des Curling-Rink und der Rodel- und Bob-Bahn, die Miete von

2 Maschikulis sind aus der Mauer hervorspringende Steine mit Öffnungen, durch die man auf einen Gegner Steine werfen oder heisses Öl giessen konnte. 3 Der Verfasser dieses Beitrages ist Autor der beiden Bücher: Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2001, und Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2003. Er bedankt sich bei Herrn Peter Patrik Roth für die Wintersportfotos, die er freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Die Hotelregion zwischen Territet am Genfersee und dem Gipfel des Rochers de Naye um 1900 mit den Höhenstationen Glion und Caux, die seit 1892 mit der Eisenbahn erschlossen waren. Eine absolute « Hotel-Traumwelt » bildete das 1902 eröffnete Palace Hôtel in Caux mit seiner 800 m langen Promenierterrasse. Etwas weiter oben rechts das 1893 eröffnete Grand Hôtel in Caux Hier trafen sich die Reichen und Weitgereisten: die « Hall » des Caux-Palace.

Foto: zvg/Sammlung Roland Flückiger DIE ALPEN 2/2004

Schlitten und Skis, sowie das Orchester und die Unterhaltungen im Hotel, Fr. 2.– je Person und Tag. » Um diese aussergewöhnliche Palette von Wintersportmög-lichkeiten zu finanzieren, entrichteten die Gäste der beiden Grosshotels eine spezielle Taxe. Entzauberter Märchenzauber Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges endete, wie in den meisten Schweizer Fremdenorten, der Märchenzauber in den Hotelpalästen. Das Grand Hôtel erlebte in der Zwischenkriegszeit als Hotel Regina eine kurze Blütezeit, das Palace aber konnte kaum noch an die Erfolge in der Belle Epoque anknüpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus dem ehemaligen Grand Hôtel ein religiöses Zentrum ( Lectorium Rosicrucianum ), und im Palace etablierte die Bewegung der moralischen Aufrüstung ( « Réarmement moral » ) ihr Zentrum, in dessen Umfeld einige bedeutende Friedensini-tiativen entstanden. Beide Häuser sind deshalb noch heute vorhanden, zugänglich sind sie aber für den « Normalsterb-lichen » nur bei speziellen Anlässen oder an besonderen Besuchstagen. a

Dr. Roland Flückiger-Seiler 3 Fo to: z vg /A rc hi ve s d e M on tre ux Den Gästen von Caux stand eine eigene Bobsleighpiste zur Verfügung. Aufnahme aus den späten 1920er-Jahren Die Zahnradbahn wurde jeweils im Winter extra in Betrieb gesetzt, um die sportlichen Gäste mit ihren Schlitten in die Höhe zu befördern.

Das grosszügig gestaltete « Entrée du Vestibule » im Palace Hôtel Fo to: z vg /P et er Ro th ,Wa ngen a/ Aa re Fo to: z vg /P et er Ro th ,Wa ngen a/ Aa re Fo to: z vg /A rc hi ve s d e M on tre ux DIE ALPEN 2/2004

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