Die Hygiene des Bergsteigers

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Nach einem Vortrag, gehalten in der Sektion Uto, von Dr. M. v. Wyß ( Sektionen Weißenstein und Blümlisalp ).

Wer die alpine Unfalliteratur aufmerksam durchgeht und über eigene Beobachtungen verfügt, bemerkt bald, daß die übliche Einteilung der dem Bergsteiger drohenden Gefahren in objektive und subjektive zwar bequem, aber nicht der Wirklichkeit entsprechend und somit irreführend ist. Bei jedem Unglücksfall spielen in wechselndem Verhältnis die äußere Einwirkung und die im Betroffenen selbst liegenden Ursachen ihre Rolle. Die letzteren ganz auszuschalten wird nie gelingen; sie zu vermindern ist der Zweck der aufklärenden und beratenden alpinen Literatur, wie sie z.B. in dem von der Sektion Uto herausgegebenen „ Ratgeber " eine Zusammenfassung gefunden hat durch Belehrung über Technik, Wetterkunde, Ausrüstung, Gefahren der Berge etc. Besser als alles Gedruckte wirkt freilich auch hier die eigene Erfahrung.

Bei allen Schädigungen, die Gesundheit und Leben des Menschen bedrohen, ist seine körperliche ( und geistige ) Beschaffenheit von ausschlaggebender Wichtigkeit. Einem Massenunglück kann der Eine ohne Schaden entrinnen, während sein Nachbar — auch ohne körperliche Verletzung — eine schwere Nervenzerrüttung davonträgt. Epidemien befallen stets nur einen Teil der Bevölkerung und auch diesen verschieden schwer; der andere Teil bleibt gesund, obschon sich darunter nachweisbar sogenannte Bazillenträger befinden. Die beiden Beispiele zeigen, daß eine robuste körperliche und geistige Konstitution über Gefahren triumphiert, denen eine minder- wertige unterliegt. Aufgabe der Hygiene ist es, den Organismus mit dem nötigen Rüstzeug zu versehen, daß er allen äußern Angriffen trotzen kann.

Im Folgenden sollen nun diejenigen Maßregeln besprochen werden, die der Bergsteiger vor, während und nach Ausübung seiner Tätigkeit beobachten muß, um seinen Körper zu befähigen, nicht nur die mit dieser Ausübung verbundenen Strapazen ohne Schädigung zu ertragen, sondern noch einen Gewinn für die Gesundheit zu erzielen. Dabei verstehe ich unter Bergsteiger einen solchen, der — sei es mit oder ohne Führer — durch eigene geistige und körperliche Anstrengung die Schwierigkeiten überwindet, und nicht den, der bloß durch gemietete Muskelkraft und Routine „ hinaufgestiegen " wird.

Als Grundlage seien einige Betrachtungen vorangestellt über die verschiedenen Einwirkungen, denen die Körperfunktionen ausgesetzt sind.

Wie jeder Sport bringt das Bergsteigen eine gegenüber dem gewöhnlichen Leben andersgeartete, gesteigerte Arbeitsleistung mit sich. Die vermehrte Arbeit bedingt eine stärkere Abnützung der Körperbestandteile, damit die Notwendigkeit rascheren Ersatzes, also eine Beschleunigung des Stoffwechsels. Die Körpersäfte beladen sich reichlicher mit Abfallstoffen und suchen sich derselben zu entledigen; daraus resultiert eine stärkere Beanspruchung der Zirkulations- und Ausscheidungs-organe, d.h. vor allem des Herzens, der Lunge, Nieren und Schweißdrüsen. Dies zeigt sich in rascherem Herzschlag, rascherer und tieferer Atmung, stärkerem Schwitzen. Während andere Sportübnngen, namentlich wenn sie mit Wettkämpfen verbunden sind, leicht zur Überanstrengung führen, kann der Bergsteiger in der Regel seine Arbeitsleistung jederzeit den vorhandenen Kräften anpassen. Rekordsucht, unverständiges Nichtumkehrenwollen und das oft unsinnige Tempo der Führerpartien, das auf die Leistungsfähigkeit der Touristen keine Rücksichten nimmt, sind als Auswüchse zu betrachten.

Sehr wichtig ist der Einfluß der Höhe auf den Organismus, den wir sonst nur noch im Flug- und im Bergbahnsport begegnen. Der Fußgänger hat den Vorteil der allmählichen Anpassung. Je höher wir steigen, um so dünner wird die Luft, freilich auch reiner, d.h. weniger feste Bestandteile enthaltend. Der geringere Sauerstoffgehalt wird ausgeglichen durch vertiefte, raschere Atmung und beschleunigte Herztätigkeit. Einige Beobachter wollen erhöhten Blutdruck und verminderte Nierentätigkeit konstatiert haben. Bei längerer Einwirkung des Höhenklimas findet eine Vermehrung der roten Blutkörperchen statt. Bekanntlich werden diese Wirkungen in ausgedehntem Maße benützt zur Heilung entsprechender Leiden, namentlich von Lungenkrankheiten und Blutarmut.

Fast immer muß der Bergsteiger mit einer gewissen Unterernährung rechnen; die Zufuhr von Nährstoffen entspricht kaum der gewohnten, geschweige denn der vermehrten Abnutzung, und der Körper muß seine Reserven angreifen.

Von großer Bedeutung sind häufig die Wirkungen von Kälte, Wärme und Licht auf den Organismus. Der Blutkreislauf hat nicht nur die Verteilung der Nährstoffe zur Aufgabe, sondern auch die Regulierung der Wärme; er ist die Warm-wasserheizung des Körpers. Durch Einwirkung der Temperaturschwankungen auf das Nervensystem kommt der Ausgleich zustande: in der Kälte ziehen sich die Blutgefäße an der Oberfläche zusammen, die Haut wird blaß, das Blut strömt in die innern Organe und wird dort warm erhalten; bei hohen Wärmegraden erweitern sich dagegen die oberflächlichen Gefäße, die Haut wird gerötet, Schweiß wird ausgesondert. Durch Ausstrahlung und Verdunstung wird dem Körper Wärme entzogen und seine Überhitzung vermieden. Bei längerer Einwirkung oder unzweckmäßigem Verhalten des Menschen kann die Reguliervorrichtung versagen, und es tritt Erfrierung oder Hitzschlag ein.

Die Wirkungen der Lichtstrahlung sind um so intensiver, je höher wir steigen, da die besonders wirksamen ultravioletten Strahlen durch die Atmosphäre absorbiert werden. Je höher die Lage, um so dünner die übergelagerte absorbierende Luftschicht, also auch um so intensiver die Strahlenwirkung. Sie erregen auf den unbedeckten Hautstellen Entzündung, den Gletscherbrand, am stärksten an denjenigen Partien, die sonst bedeckt getragen werden. Besonders empfindlich für diese Strahlen sind die Augen, die, wenn nicht geschützt, sich ebenfalls entzünden; es tritt Schneeblindheit ein. Hochgradige oder ausgedehnte Verbrennung kann Fieber und erhebliches allgemeines Krankheitsgefühl zur Folge haben. Zu beachten ist, daß diese Schädigungen auch bei bedecktem Himmel und besonders stark bei Nebel eintreten können, und daß sie meist nicht sogleich, sondern erst hinterdrein zum Bewußtsein kommen.

Zusammenfassend konstatieren wir, daß beim Bergsteigen durch die allgemeine stärkere Abnützung der Körperbestandteile vor allem die Organe der Zirkulation und Atmung, also Herz und Lungen, angestrengt werden, daneben auch die übrigen dem Stoffwechsel dienenden Organe. Beim gesunden Menschen verfügt sowohl der Gesamtorganismus als jedes einzelne Organ über bedeutende Reservekräfte, die bei stärkerer Beanspruchung ohne weiteres in Aktion treten. Individuell in sehr verschiedenem Maße vorhanden, sind sie doch bei Keinem unbegrenzt, und es tritt Ermüdung ein als Anzeichen dafür, daß auch sie nicht mehr zu genügen anfangen. Der Gang wird langsamer, die Pickelschläge werden schwächer; die Finger ver-. mögen den Körper nicht mehr zum Griff hinaufzuziehen; Wadenkrämpfe treten auf, der Tritt wird unsicherer, die Atmung mühsamer, das Herz klopft spürbar. Verstimmung und Reizbarkeit stellen sich ein. Immer häufiger und stärker macht sich das Bedürfnis auszuruhen geltend. Das Urteil trübt sich; Schwierigkeiten und Gefahr werden nicht mehr richtig eingeschätzt. Allmählich kommt die völlige Erschöpfung; die Glieder versagen den Dienst; vollständige Gleichgültigkeit und unüberwindbare Schlafsucht zeigen, daß auch die Reserven aufgebraucht sind. Ge-hör- und Gesichtstäuschungen sind dabei nicht selten.

Die Ermüdung ist eine durchaus natürliche und nützliche Erscheinung als Anzeichen dafür, daß der Körper Ruhe und Ersatz für die verbrauchten Stoffe nötig hat. Gewährt man ihm das, so macht sie bald einem starken Wohlbehageu Platz, wie Patienten es nach einer schweren Krankheit in der Rekonvaleszenz empfinden als Ausdruck der Stofferneuerung; man fühlt sich mit Recht „ wie neugeboren ".

Gibt es eine Bergkrankheit? Vor einigen Jahren standen sich in einer Zei-tungspolemik über diese Frage der praktische Arzt und Alpinist mit einem Nein, der wissenschaftliche Theoretiker mit einem Ja gegenüber. Verschiedene Theorien über ihre Ursachen sind aufgestellt worden: Sauerstoff- oder Kohlensäuremangel, Vergiftung infolge mangelhafter Ausscheidung der Stoffwechselprodukte ( Dr. Thomas, Bd. XLV des Jahrbuchs ) sollen ihre Ursache sein. Ihre Symptome sind Herzklopfen, Unwohlsein, Schwächegefühl, Schwindel, Schlafsucht usw. Kurz, ungefähr dieselben Erscheinungen, wie wir sie bei der Ermüdung sehen, freilich ohne daß entsprechende Anstrengungen vorausgegangen zu sein brauchen. Tatsächlich können wir sie bei scheinbar gesunden Personen beobachten, welche unvermittelt ins Gebirge kommen, z.B. bei Kurgästen oder Gebirgssoldaten. Bei genauerem Zusehen erweist es sich, daß die Betreffenden in irgendeiner Beziehung insuffizient sind: blutarm, an Herz-muskelschwäche oder Arterienverkalkung leidend, überarbeitet u. dgl., so daß ihre Organe den Anforderungen, die das Höhenklima an sie stellt, nicht sofort genügen können. Kommen dazu noch die Anstrengungen einer Bergbesteigung, so werden solche Leute eben bergkrank. Sie sind sozusagen pathologisch ermüdbar. Für viele krankhafte Zustände ist eine Bergwanderung ein Prüfstein, genauer als das Stethoskop des Arztes.

Aus alledem geht ohne große Überlegung hervor, daß das Bergsteigen für nicht ganz gesunde Leute doch eine recht riskierte Sache ist. Dieser Schluß wird durch die Tatsachen reichlich bestätigt. Eine Zusammenstellung aus der alpinen Unfallstatistik der 10 Jahrgänge 1903-1912 dieses Jahrbuches ergibt an Todesfällen, die auf unzulängliche Körperbeschaffenheit zurückzuführen sind: Tod infolge Erschöpfung, Überanstrengung, Herzschwäche, Schlaganfalls, Kälte 42 Fälle; Tod durch Absturz infolge Erschöpfung, Schwächeanfalls, Unwohlseins, Schlaganfalls 34 Fälle. Interessant sind Angaben wie „ nach durchtanzter Nacht ", „ nach Biwak ", „ Absturz infolge Krampfanfalls ", „ infolge Versagens des Kletterschlusses ". Dabei sind die einschlägigen Fälle in dieser Statistik in den verschiedenen Jahren ungleich und nicht immer vollständig aufgeführt und nur die tödlich verlaufenen berücksichtigt. Naturgemäß sind hier auch alle diejenigen beiseite gelassen, wo kein Überlebender den Hergang aufklären konnte, darunter die sehr große Zahl der verunglückten Einzelgänger. Für mich steht es mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit fest, daß Anfälle von Schwindel, Herzschwäche, Unwohlsein u. dgl. bei diesen Unfällen mit unbekannter Ursache eine große Rolle spielen.

Aus diesen durch Beobachtung und Erfahrung gewonnenen Tatsachen können wir nun leicht die praktischen Folgerungen ziehen: Erkenne dich selbst, d.h. deinen Gesundheitszustand! ist die erste Regel für den angehenden Bergsteiger. Wer ohne sich zu prüfen, ob er die nötigen körperlichen Eigenschaften besitzt, auf eine Bergtour geht und damit sich und seine Kameraden gefährdet, handelt zum mindesten fahrlässig. Daß er gesund sei, jedes einzelne Organ den Anforderungen gewachsen, ist absolutes Erfordernis Und wenn wir Umschau halten, wer denn eigentlich sich nicht eignet, so finden wir deren eine ganze Menge.

Jugendliche verfügen noch nicht über die für Hochtouren nötigen Reservekräfte, ihre Organe sind zu wenig gleichmäßig entwickelt. Ältere haben oft ihre Reserven verbraucht, ihre Atmungs- und Kreislauforgane sind häufig geschädigt. Überhaupt, wessen Lungen, Herz und Blutgefäße nicht ganz gesund sind, soll nicht bergsteigen. Leiden, die zu Störungen im Stoffwechsel führen, und sogenannte konstitutionelle Krankheiten sind für ihren Träger gleichbedeutend mit einem Berg-steigenverbot: Nieren- und Leberleiden, Blutarmut, Fettleibigkeit, Diabetes, erhebliche Nervosität. Ist ein derartiges Leiden schon fortgeschritten, so wird der Patient von selbst nicht ans Bergsteigen denken. Aber im Beginne wird es oft nicht er- kannt, und der Laie macht sich schwerlich eine Vorstellung davon, wie viele Leute mit einem Leiden behaftet sind, ohne eine Ahnung zu haben.

Soll denn der angehende Bergsteiger zum Arzt laufen, um sich einen alpinen Gesundheitsschein ausstellen zu lassen? Durchaus nicht nötig.

Aus allgemeinen Gründen ist schon von anderer Seite die Forderung aufgestellt worden, daß die Leistungen im Bergsteigen von bescheidenen Anfängen nur allmählich im Laufe der Jahre gesteigert werden sollen. Mittelgebirge-Voralpen-Hoch-gebirge. Diese Forderung ist ganz besonders auch aus hygienischen Erwägungen gültig. Der Vater, der seinen 14jährigen Sohn ( oder Tochter ) aufs Matterhorn steigen läßt, damit es die Zeitungen nachher rühmend verkünden, tut seinem Sprößling einen schlechten Dienst. Man sollte ihm die elterliche Gewalt entziehen. Ebenso verwerflich sind Gewaltausmärsche ganzer Schulklassen mit schwerbeladenen Rucksäcken und ohne Rücksicht auf die Eignung der einzelnen.

Auch der gesunde Körper und seine einzelnen Organe können nur durch allmählich vermehrte Arbeitsleistung sich gleichmäßig so ausbilden, daß sie Höchst-anforderungen gewachsen sind. Nur durch allmähliche Gewöhnung vermögen sie zuletzt auch all das auszuhalten, was Höhenklima, Unbilden der Witterung und Entbehrungen in der Nahrung von ihnen verlangen. Was wir als Training und Akklimatisation bezeichnen, braucht Jahre ebensogut wie die Ausbildung in der Technik. Ein solches langsames, zielbewußtes Verfahren kann ursprünglich schwächliche, zu Krankheiten disponierte Organismen kräftigen und zur Gesundheit führen, während es anderseits wirklich vorhandene Leiden aufdeckt und die damit Behafteten'aus-schaltet, besser als der Arzt es mit einer Untersuchung kann. Für beides hat der Grenzbesetzungsdienst unserer Gebirgstruppen zahlreiche Beweise geliefert. Große Muskelstärke ist für den Alpinisten wohl nützlich, aber bekanntlich durchaus nicht unbedingt erforderlich. Die Mehrzahl der tüchtigen Bergsteiger sind keine Kraftmenschen. Viel wichtiger ist gleichmäßige Durchbildung aller Organe, durch Übung gewonnene Gewandtheit, Abhärtung gegen äußere Einflüsse und ein fester Wille.

Allerdings lassen sich auch in verhältnismäßig kurzer Zeit durch eifrige, rasch steigernde Übung Höchstleistungen erzielen. Der Erfolg pflegt bei diesem forcierten Trainieren eine kurze Glanzperiode mit nachfolgendem Zusammenbruch, meist infolge Überanstrengung des Herzens, zu sein.

Nicht Jeder kann das ganze Jahr hindurch sich fortwährende Übung im Bergsteigen leisten; und doch müssen die Organe beständig einigermaßen in Tätigkeit bleiben, sollen sie die einmal erworbenen Fähigkeiten nicht wieder einbüßen. So wird, namentlich wer eine mehr sitzende Lebensweise führt, mit Vorteil zu Ersatz-mitteln greifen: Marschübungen in der Umgebung, Turnen, Zimmergymnastik u. dgl. können uns die zum Steigen und Klettern nötigen Kräfte, kalte Bäder und Abwaschungen bei offenem Fenster die Widerstandsfähigkeit gegen Witterungseinflüsse erhalten. Sehr häufige warme Bäder machen eher empfindlich.

Trotzdem wird in jedem Jahre, wenn die Bergsteigersaison beginnt, der Alpinist merklich weniger leistungsfähig sein, als er es am Ende der letzten war. Mancher, wenn er seine Ferien antritt, ist ermüdet, nervös von seinen Berufsarbeiten und hofft nun im Gebirge Erholung zu finden. Da ist zu bedenken, daß zu der schon vorhandenen Ermüdung nicht einfach eine zweite, wenn auch anders geartete hinzu- gefügt werden darf. Also zuerst ausruhen und dann wiederum mit kleinern Leistungen anfangen, um allmählich fortzuschreiten. Jedes Jahr müssen wir unsere Fähigkeiten wieder prüfen. Mancher Bergsteiger vergißt nur zu gern, daß er älter wird; und je älter man ist, desto notwendiger wird ein sorgfältiges Training.

Zu den einer Tour vorangehenden Maßnahmen gehört unbedingt, daß nicht nur jeder für sich, sondern daß der Tourenleiter oder Führer für jeden seiner Begleiter sich die Gewißheit verschafft, daß er die Eignung dazu besitzt. Er soll auf die zu erwartenden Strapazen, die sichern und die möglichen, aufmerksam machen und nicht sie verschleiern und beschönigen, wie es von Seiten gerade der Berufsführer nicht selten geschieht. Wer in Kenntnis bevorstehender Schwierigkeiten einen Zögernden oder Widerstrebenden zu einer Bergbesteigung überredet, lädt sich eine große Verantwortung auf. Zahlreiche Unfälle sind entstanden aus der Mitnahme von Zufallsbekannten oder von guten Freunden, die „ auch einmal mitgehen wollen ".

Wichtig ist die momentane Verfassung jedes Teilnehmers. Mit einem Kameraden gehen, der die Nacht durchgetanzt oder -gekneipt hat, kann Selbstmord bedeuten. Vor einer anstrengenden Tour ist ausgiebiger ruhiger Schlaf notwendig; leider bleibt er uns in der Klubhütte oft versagt. Der Hauptgrund ist ungenügende Akklimatisation; der rasche, unvermittelte Übergang vom Tal in bedeutende Höhe verursacht vielen anfangs Schlaflosigkeit. Dazu kommt das ungewohnte Schlafen in den Kleidern und oft überreichliches Trinken von Tee oder Kaffee am Abend. Manch einem stört abendlicher Fleischgenuß die Nachtruhe. Insektenpulver ist in vielen Klubhütten fast unentbehrlich. Kräftigere Mittel braucht es oft freilich noch zur Unschädlichmachung jener „ Hüttenwanzen ", deren einziges Ziel die Hütte und denen rücksichtsloses Lärmen Bedürfnis ist. Bei richtiger Angewöhnung, Vermeidung von aufregenden Getränken und Beobachtung einer guten Hüttenordnung ist der nicht empfehlenswerte Gebrauch von Schlafmitteln überflüssig.

Über das .Verhalten des Bergsteigers während der Tour belehren uns die Abhandlungen des „ Ratgeber ", die Ausrüstung, Technik und Gefahren der Berge be handeln, in ausgiebiger Weise; es sei auch hier darauf verwiesen.

Von der Kleidung zu sprechen, ist schon fast unmodern, nachdem in den letzten Jahren das kleiderlose Gehen überhandgenommen hat. Glücklicherweise setzt ihm der Gletscherbrand seine Grenzen; auch die eingeborene Bergbevölkerung hat sich gelegentlich schon mittels Heugabeln gegen allzu zwanglos unbekleidetes Natur: burschentum verwahrt. Wer noch Kleider trägt, muß darauf bedacht sein, durch sie die natürlichen Ausdünstungen nicht zu behindern, um so mehr, als die Schweißdrüsen durch vermehrte Ausscheidung von Abfallstoffen den Nieren in ihrer Auf-* gäbe zu Hülfe kommen. Wollene Leibwäsche ist aller andern vorzuziehen. Wasser-und luftdichte Stoffe wie Kautschuk, Papier und Leder verhindern die Ausdünstung vollständig und erzeugen dadurch dem bewegten Körper in kurzer Zeit Unbehagen. Dagegen sind sie ein ausgezeichnetes Schutzmittel gegen kalten Wind. Die Kleidung muß ferner so beschaffen sein, daß nirgends Druck oder Schnürung entsteht. Durch Einschnürung, besonders an den Extremitäten, wird die Blutzirkulation behindert; es treten Anzeichen lokaler Ermüdung ( Muskelkrämpfe ) auf, und die Gefahr der Erfrierung wird vergrößert. In dieser Erkenntnis und unter dem Einfluß der norwegischen Skitracht scheint sich der Streit: Hie lange — hie kurze Hosen! in der letzten Zeit wieder eher zugunsten der erstem entscheiden zu wollen; kurze Hosen und Wadenstrümpfe ohne Druck sind mir nicht bekannt. Wadenbinden und noch besser Gamaschen lassen sich so anlegen, daß sie nicht schnüren. Weniger günstig sind die sogenannten Hosenschoner. Auch bei den Schuhen ist sorgfältig darauf zu achten, daß sie nicht drücken; nicht ohne Grund ist Erfrierung der Zehen ein häufiges Vorkommnis. Mit Vorteil werden sie so weit gewählt, daß zwei Paar Socken oder Strümpfe angezogen werden können. Beim Kucksack sollen die Riemen breit sein; schmale Riemen können durch Druck auf Nerven und Gefäße der Schulter -gegend erhebliche Beschwerden verursachen.

Die Schneebrille ist zum Schütze der Augen unentbehrlich. Da es hauptsächlich auf Abhaltung der ultravioletten Strahlen ankommt, sind die gelben Gläser, die das in hinreichendem Maße tun und das Seilen weniger beeinträchtigen, den dunkel-gefärbten vorzuziehen. Ob man seine Gesichtshaut mittels Maske aus Rohseide oder Salbe oder gar nicht vor dem Gletscherbrand schützen will, ist individuelle Geschmacksache. Manchem ist das wichtigste an der ganzen Tour, eine tüchtige Verbrennung mit heimzubringen.

Die Kopfbedeckung ist ein nahezu veralteter Begriff und teilweise mit Recht. Durch Verhinderung der Ausdünstung und Druck auf den Kopfumfang, der die Ernährung der Kopfhaut schädigt, hat der Hut unser haarloses Zeitalter verschuldet. Als Schutz gegen große Kälte und gegen Sonnenstich bei starker Lichtstrahlung, besonders auf Eis und Schnee, haben jedoch zweckmäßige Kopfbedeckungen immer ihre Berechtigung.

Die Reinlichkeitspflege kann im Gebirge oft nur primitiv durchgeführt werden. Bäder in Gebirgsbächen und -seen können einem gesunden Körper nicht schaden, wenn durch vorheriges Sichabkühlen eine zu große Druckschwankung im Kreislaufsystem vermieden wird. Herzschwache und beginnende Arteriosklerotiker müssen hier besonders vorsichtig sein. Ohne Fußbäder läßt sich eine richtige Fußpflege nicht durchfuhren. Die Füße sind der am stärksten schwitzende Körperteil, und durch die mehr oder weniger wasserdichten Schuhe wird die Ausdünstung verhindert. Bergsteigen mit wunden Füßen ist ein qualvolles Vergnügen. Das beste Verhütungsmittel sind eben Fußbäder und nicht zu spärlicher Sockenwechsel. Formalinbehand-lung, wie sie im Militär üblich, ist für den Alpinisten selten nötig.

Sehr wichtig ist die Ernährungsfrage. Der beste Proviant des Bergsteigers ist der, den er am eigenen Leibe mitführt, d.h. ein guter allgemeiner Ernährungszustand ( nicht nur Fett !) und einfache Gewohnheiten. Ein Schlemmer und gewohn-heitsmäßiger Vielesser kann sich im Gebirge höchstens dann wohl fühlen, wenn eine ganze Trägerkolonne ihn begleitet. Meistens ist das Eßbedürfnis während der Tour herabgesetzt; da muß der Körper von seinen Reserven zehren können. Kaum auf einem andern Gebiete sind die individuellen Unterschiede bei den Alpinisten so groß wie in den Ansprüchen an Qualität und Menge der Nahrung. Es gibt unglaublich anspruchslose Menschen. Durchschnittlich am anspruchsvollsten ist das Militär, wo man auch auf Gebirgsmärschen ohne Spatz, Suppe etc. nicht durchzukommen glaubt. Freilich ist fast immer ein Teil der Leute unterernährt und die auf dem Mann mitgeschleppte tote Last groß.

Am zweckmäßigsten ist diejenige Nahrung, die von der gewohnten am wenigsten abweicht. Rascher, unvermittelter Wechsel hat leicht Verdauungsstörungen zur Folge. Auch hierin muß der Alpinist sich selbst beobachten und erkennen, was ihm zuträglich ist. Konserven sind als Notproviant oder für einzelne Touren brauchbar; auf die Dauer erregen sie häufig Widerwillen. Selbstverständlich muß man sich genau vergewissern, daß sie nicht verdorben sind. Wenn die Wissenschaft glaubt, den Bergsteiger mit theoretisch berechneten Kalorienzahlen in Tabletten- oder Pulverform ( Tropon, Hygiama etc. ) ernähren zu können, so verhalten sich Gaumen und Verdauungsapparat in der Praxis nachdrücklich ablehnend gegen diese Zumutung. Fett ist ein vorzüglicher Wärmespender und wird besonders bei Kälte in größern Mengen auch von solchen vertragen, die es sonst eher meiden. Häufige kleine Mahlzeiten macht der Tourist gern und mit Vorteil, schon um der kurzen Ruhepausen willen.

Reichliches Trinken auf einer Bergtour ist nützlich; es bewirkt eine Durch-spülung des Körpers und eine raschere Ausscheidung der schädlichen Stoffwechselprodukte.Vor dem nächst erreichbaren Getränk, dem Wasser, haben viele Leute eine merkwürdige Scheu. Gewiß kann überreichliches, hastiges Trinken von eiskaltem Wasser die Verdauungsorgane schädigen. In den höhern, unbewohnten Regionen ist das Wasser frei von schädlichen Keimen. Ich selbst habe vom Trinken von Eiswasser nie Schädigungen erlebt oder gesehen. Essen von Schnee und Eis kann unangenehme Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut hervorrufen.

Über Wirkung und Wert der alkoholischen Getränke besteht schon eine überreiche Literatur. Die voraussetzungslose Wissenschaftlichkeit der Autoren ist dabei häufig durch ihren Standpunkt: Abstinent oder Nichtabstinent beeinträchtigt. Ich bin nicht Abstinent, nehme aber auf Bergtouren nie Alkohol in irgendwelcher Form mit. Der Satz: „ Der Kognak darf im Rucksack allerdings nicht fehlen " ist falsch. Dieser Kognak hat schon mehr Unheil als Nutzen gestiftet. Der anfänglichen scheinbar anregenden Wirkung macht bald eine vermehrte'Erschlaffung Platz; so folgt dem ersten Schluck bald der zweite usw. In Wirklichkeit täuscht der Alkohol nur über das Müdigkeitsgefühl für kurze Zeit hinweg; seine Wirkung ist lähmend, die Erschöpfung beschleunigend. Auch die „ erwärmende " Wirkung ist eine Täuschung. Sie beruht einmal auf der Ätzung der Magenschleimhaut und sodann auf der Lähmung der Gefäßnerven. Die Adern erweitern sich, das Blut kreist rascher und erzeugt ein subjektives Wärmegefühl; dabei geht dem Körper erheblich Wärme verloren. Wer sich mit Wein oder Schnaps erwärmen will, erhöht die Gefahr des Erfrierens.

Theoretisch könnte der Alkohol also höchstens kurz vor dem Ziel, als Ansporn zu einer letzten kurzen Kraftanstrengung empfohlen werden. Wie leicht man sich aber, gerade in ermüdetem Zustande, über die Entfernung des Ziels täuscht, hat wohl Jeder selbst schon erfahren. Man glaubt, es in 1/g Stunde erreichen zu können, und hat noch Stunden zu gehen. Die Trübung des Urteils, die Unterschätzung der Gefahren und damit die Sorglosigkeit, sowie die Unsicherheit in Handhabung der Technik werden durch den Alkohol gefördert, obschon subjektiv das Gegenteil der Fall zu sein scheint.

Die Gipfelflasche als Belohnung und zur Feier des errungenen Sieges ist beliebt und ohne Nachteile, wenn der Abstieg als leicht bekannt ist. Sind jedoch noch Schwierigkeiten zu erwarten oder ist die Abstiegsroute gar unbekannt, so ist die Feier besser auf den endgültigen Abschluß der Tour zu verschieben. Vorzeitige Siegesfeste können leicht zur Niederlage führen.

Stimulierende Mittel werden häufig und gedankenlos gebraucht; selten sind sie nötig oder auch nur empfehlenswert. Nicht nur dem Anfänger, auch dem Geübten kann es vorkommen, daß er vorzeitig ermüdet. Wer im Aufstieg deutliche Er-müdungszeichen an sich oder einem Kameraden wahrnimmt, soll sich nicht scheuen, es zu sagen. Das Gleiche gilt für jedes Unwohlsein, welcher Art es sei. Hilft Ausruhen und eine kleine Mahlzeit nicht, so muß umgekehrt werden. Falsche Scham hat in solchem Falle schon manches Unglück verschuldet. Im Aufstieg mit Reizmitteln nachhelfen zu wollen, statt die Tour zu unterbrechen, ist absolut verwerflich. Muß umgekehrt werden, so ist die ganze Partie solidarisch. Einen Kameraden, der sich unwohl fühlt, allein zurückzulassen, um selbst die Tour fortzusetzen, ist die gröbste Verletzung der alpinen Pflichten, die ich mir denken kann.

Zu den Gefahren der Erschöpfung tritt häufig die des Erfrierens hinzu, besonders bei Schneesturm oder Biwak. Auch hier gilt als erstes: womöglich umkehren. Ist Umkehr untunlich, so ist vor allem Schutz gegen Wind und allfällige Lawinengefahr zu suchen auf aperm Boden, wenn solcher vorhanden ist. Die Meinung, der Schnee gebe warm, ist nur dann richtig, wenn zwischen ihm und dem Körper eine isolierende Schicht, Steinplatten, Decken, Skis etc. samt dem nötigen Luftraum eingeschaltet wird, so daß eine Schneehöhle entsteht. Das einzig sichere Mittel gegen Erfrierung ist, sich in Bewegung zu halten. Ein gut trainierter Körper und zähe Energie können da Außerordentliches aushalten.

Müssen doch einmal Reizmittel her, so finden wir sie vorzüglich im Kaffee oder Tee. Hier haben wir eine wirklich anregende Wirkung auf Zirkulation und Nervensystem, die die letzten Reserven des Körpers herausbringt ohne lähmende Nachwirkung. Ein großer Vorteil ist bei diesen Getränken die Vermehrung der Nierentätigkeit und damit die Ausscheidung der Stoffwechselprodukte.

Hier dürfen wir den vielgepriesenen und vielverlästerten Tabak nicht vergessen; auch er hat anregende Wirkung ohne — bei mäßigem Genuschädliche Neben-wirkung. Unübertrefflich ist er, uns bei knapp werdendem Proviant über Hunger-und Durstgefühl hinwegzutäuschen. Als Labsal ist die Gipfelpfeife unschätzbar.

Andere anregende Mittel sind noch empfohlen worden: Koffein ist in Kaffee und Tee enthalten; Hoffmannstropfen bestehen aus Alkohol und Äther, sind also mindestens entbehrlich; ebenso Kola. Kokain als narkotisches Gift ist absolut verwerflich.

Damit wären wir ins Gebiet der Taschenapotheke gelangt. Darin fühle ich mich nicht heimisch, denn ich habe nie eine mitgenommen und auch nie ein Bedürfnis danach gefühlt. Wer eine Apotheke braucht, ist auch nicht gerade zum Bergsteiger geeignet. Allenfalls kommen für entsprechend disponierte Personen Medikamente zur Regelung der Verdauung in beförderndem oder verlangsamendem Sinne in Betracht, die in Tabletten- oder Pulverform leicht mitgenommen werden können wie Cascara, Bismutsalze u. dgl. Bei richtiger Vorbereitung und zweckmäßiger Ernährung sollten sie überflüssig sein. Beruhigungsmittel wie Antipyrin, Brom u. dgl. sind bei Schlaflosigkeit nach der Tour, z.B. infolge Gletscherbrand, manchmal recht angenehm, aber entbehrlich. Eigentliche Schlafmittel vor der Tour sind abzulehnen. Zum Anlegen eines Notverbandes kann eine Verbandpatrone gute Dienste leisten. Ein paar reine Taschentücher als Verbandmaterial sind empfehlens- werter als eine Binde, die seit Jahren vielleicht zusammen mit der Tabakpfeife und dem Notproviant in einem Beutel als eiserner Bestand der Ausrüstung versorgt ist. Nach vollendeter Tour müssen die verbrauchten Reserven des Körpers durch Ruhe und Ernährung wieder ersetzt werden. Nicht nur bevor eine neue Besteigung unternommen wird, auch vor der Rückkehr ins gewohnte Arbeitsleben sollen die letzten Spuren von Ermüdung geschwunden sein. Schlafen und sich satt essen sei die Losung. Nur so wird der Bergsteiger den größtmöglichen Gewinn mit nach Hause bringen. Zahlreiche Beispiele beweisen, daß der vernünftig- betriebene Bergsport seine Jünger bis in höheres Alter geistig und körperlich jugendfrisch zu erhalten vermag.

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