Die letzte ­Chance Nationalpark Locarnese

Im Juni wird in acht Tessiner Gemeinden über die Schaffung des Nationalparks Locarnese abgestimmt. Worum es geht.

Der geplante Nationalpark Locarnese dürfte die vorerst letzte Chance auf einen zweiten Schweizer Nationalpark sein. Das vorletzte Projekt – der Parc Adula – wurde im November 2016 von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern bachab geschickt. Das Schicksal des letzten Kandi­daten hängt jetzt von der Bevölkerung von acht Tessiner Parkgemeinden ab. Im Juni 2018 können sie sich für oder gegen eine erste, zehnjährige Betriebsphase des Locarnese entscheiden.

Ein internationaler Park

Das Projekt wird von acht Gemeinden und zwölf Patriziaten getragen. Patriziate sind mit Bürgergemeinden vergleichbar und spielen vor allem als Wald- und Bodenbesitzer eine wichtige Rolle. Vertreter von Patriziaten, Gemeinden und weiteren Organisationen gehören dem Parkrat an, der das Projekt entwickelt hat. Im Laufe des Planungsprozesses stiegen mehrere Gemeinden im oberen Maggiatal aus, dafür stiessen jene am Lago Maggiore dazu. Diese konnten allerdings die Flächenverluste bei der Kernzone nicht wettmachen. Sie umfasst lediglich 61 Quadratkilometer. Zu wenig, denn die Pärkeverordnung verlangt mindestens 75. Deswegen soll im angrenzenden Valle dei Ba­gni auf italienischem Boden ein Schutzgebiet geschaffen werden. Um einen grenz­über­schreitenden Nationalpark zu ermöglichen, hat der Bundesrat im Februar die Pärkeverordnung angepasst und einen Staatsvertrag mit Italien genehmigt.

Das Schweizer Parkgebiet umfasst eine Fläche von 218 Quadratkilometern. Es reicht von den Brissago-Inseln im Süden bis nach Bosco/Gurin. Das Walserdorf bildet eine Exklave. Kernstück des Parks sind das Centovalli und das Onser­none­tal mit ihren tiefen, bewaldeten Schluchten und den wilden Flüssen. Viele Dörfer im Park sind im Inventar schützenswerter Ortsbilder verzeichnet. Steinhäuser, Kirchen und Kapellen, terrassierte Trockenmauern und historische Verkehrswege sind Zeugen einer ganz eignen alpinen Kultur.

Die Kernzone im Schweizer Teil macht 28% der Parkfläche aus. Hier sind Velos, Fischen, Jagen und das Sammeln von Beeren, Pilzen und Mineralien verboten. Betreten darf man sie nur auf Wegen und Routen. Das Netz von Wanderwegen, alpinen Routen und Schneesportrouten hat eine Länge von rund 110 Kilometern. Über 60% der Kernzone sind heute schon kantonale Jagdbanngebiete oder Waldreservate.

Die Befürworter sehen im Nationalpark ein Instrument, um die Wirtschaft anzukurbeln, die Abwanderung zu stoppen und das landschaftliche und kulturelle Erbe der Gegend zu erhalten. Mit jährlich 5,2 Millionen Franken – zum grössten Teil aus der Kasse des Bundes und des Kantons Tessin – könnten entsprechende Projekte unterstützt werden. Die Gegner zweifeln am wirtschaftlichen Nutzen des Parks, warnen vor Bürokratie und hohen Kosten und befürchten Einschränkungen für die Landwirtschaft und die individuelle Freiheit.

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