Die «Nase» des El Capitan

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Frank Tschirky, Malans

Tosemite Valley, Kalifornien Bilder n bis ig 3.30 Uhr. Unsanft reisst uns der Wecker aus kurzem Schlaf. Es kostet einige Überwindung, aus den Daunen zu kriechen. Ich strecke den Kopf zum Zelt hinaus und schaue nach dem Wetter - eine Gewohnheit aus den Alpen, die wir uns hier in Kalifornien eigentlich sparen könnten, denn der Himmel ist wie gewöhnlich klar und wolkenlos. Bruno müht sich draussen mit dem Benzinvergaser ab. Ich wecke unsern australischen Zeltnachbarn Jan; seiner Mimik ist zu entnehmen, dass auch er noch gerne weitergeschlafen hätte. Bruno hingegen ist voller Elan und hantiert eifrig mit dem Geschirr. Das Morgenessen, eine nahrhafte Müeslimischung und Kakao, steht schon bereit. Beim Essen erwachen allmählich auch meine Lebensgeister.

Auf dem sonst von buntem Treiben erfüllten Camp IV, dem Zeltplatz der Kletterer, herrscht um diese Zeit noch Grabesstille. Ausser uns dreien scheint heute niemand in eine « big wall » einsteigen zu wollen. Wir aber packen schon unsere Schlafsäcke in einen Rucksack und schliessen die Zelte. Die kommenden Nächte werden wir uns wohl in unbequemerer Lage um die Ohren schlagen!

4-30 Uhr. Abmarsch! Kurz nach dem Zeltplatz hält Bruno plötzlich inne: « Ein Bär! » Tatsächlich — etwa zwanzig Meter vor uns bewegt sich ein dunkler Schatten. Endlich bekomme ich einen dieser sagenhaften « Yosemite-Yogibären », die den Campern so listig die Fressalien klauen, zu Gesicht. Brummend trottet er ins Gebüsch. Die etwas beklommene Stimmung des frühen Morgens ist nach diesem Zwischenfall verflogen, und lachend fragen wir uns, wem dieser « Halunke » wohl den Proviant gestohlen hat.

Nun geht 's auf der Asphaltstrasse talauswärts, während es allmählich zu dämmern beginnt. Nach der letzten Talbiegung schweifen unsere Blicke hinauf zur unheimlich steilen, kompakten Südostwand des El Capitan und bleiben an der « Nose » ( Nase ), der ausgeprägten Trennlinie zwischen Südost- und Südwestwand, hängen. Zweifel überfallen mich. Dort, wirklich dort wollen wir hinauf?

El Capitan — welch ein Koloss! Seit wir vor 14 Tagen angekommen sind, lässt uns sein Anblick gleichermassen in Begeisterungsstürme ausbrechen und in tiefe Zweifel stürzen. El Capitan -der Welt gewaltigster Monolith - schwierigster Kletterberg - die grossartigste Klettertour der Welt! Diese wohl etwas übertriebenen Attribute schwirren uns, seit wir uns an einem verregneten Herbsttag in den Alpen zu dieser Reise entschlossen haben, im Kopf herum. Der « El Cap », wie ihn die Amis nennen, ist tatsächlich eine beeindruckende Felsmasse! Übergangslos schiesst er aus dem Wald 1000 Meter senkrecht hinauf in schwindelnde Höhen - hellgrauer, vor Urzeiten von Gletschereis glattgeschliffener Granit. Die Augen finden nirgends Halt - überall kompakter Fels und ausladende Dächer, nur ein paar wenige Vertikalrisse durchziehen seine senkrechte Front.

Die « Nose » war die erste Route am El Cap; 1958 wurde sie eröffnet. Der Aufwand war gewaltig, benötigten die Erstbegeher doch 47 Tage bei einem Verschleiss von 600 Normal- und 125 Bohrhaken. Heute ist sie die meistbegangene Route am El Cap; Tag für Tag steigen Kletterer aus aller Welt in die berühmte « Nose » ein, und man kann von Glück reden, wenn man, wie wir drei, allein ist und nicht « Schlange stehen » muss.

Wir haben die Asphaltstrasse verlassen und suchen durch den Wald den Weg zum Einstieg. Nach zehn Minuten ist der Wandfuss erreicht. Wie ein Faden ziehen sich die 180 Meter Seil, die wir tags zuvor fixiert haben, zur « Sickle Ledge » hoch - ein wenig ermutigender Anblick, denn darüber ragen 800 Meter drohender Granit. Gestern hat uns Roland, ein Australier, mit unserem umfangreichen Gepäck zum Einstieg gefahren. Die Biwakausrüstung, den Proviant und als Wichtigstes das Wasser haben wir in einen Nach-ziehsack, den « haul-bag », und die Kletterausrüstung in zwei Tagessäcke, die « day-bags », verstaut. Dazu gehören unter anderem etwa 40 Klemmkeile, to Haken und 50 Karabiner. Der Gedanke an unser « gewichtiges » Gepäck macht mir Sorgen. Unser « haul-bag » wiegt gut und gerne 40 Kilo! Den Hauptanteil macht das Trinkwasser aus. Wir haben etwa 24 Liter in sechs « plastic gallons » gefasst, die für vier Tage bei einem Wasserverbrauch von zwei Litern pro Mann und Tag ausreichen sollten, obschon uns eine Heidenarbeit in kalifornischer Hitze bevorsteht. Die vier Seillängen zur Sickle Ledge hinauf haben uns gestern sechs Stunden in Atem gehalten. Besonders das Nachziehen des haul-bag war Schwerarbeit.

Diese ersten Seillängen werden mit A2/A3, 5.9VI Alpenskala ) bewertet und haben uns einen Vorgeschmack dessen gegeben, was uns noch erwartet. Die meisten Haken steckten zwar; die wenigen Klemmkeile, die wir brauchten, waren jedoch sehr schwierig anzubringen, und wir mussten noch zusätzliche Haken schlagen - die einzigen während der ganzen Tour, wie sich später herausstellen sollte.

6.00 Uhr. Mittlerweile haben wir unsere Jü-mar-Steigklemmen gerüstet. Es ist abgemacht, dass Jan, ein sehr guter Freikletterer, heute so viel wie möglich führen soll. Im unteren Wandteil befinden sich laut Führer die meisten Freikletterstel- len. Weil wir zu dritt sind, wird jeweils einer während eines Tages den Hauptanteil der Führungsarbeit leisten, während den anderen zwei die Aufgabe zufällt, den haul-bag nachzuziehen und mit den Jümars so schnell wie möglich nachzusteigen. So klemmt Jan als erster seine Jümars ins unterste Fixseil und beginnt zu steigen. Wegen der Seildehnung kommt er zuerst nicht vom Fleck, gerät aber bald rassig « in Fahrt ». Sobald er den ersten Stand erreicht hat und zum zweiten Seil umsteigt, folgt als nächster Bruno nach. Schliesslich bin ich an der Reihe. Die letzten nagenden Zweifel ab-schüttelnd, hänge ich - erst noch etwas misstrauisch — meine Jümars an die 7-mm-Reepschnur. Diese Art Klettern behagt mir gar nicht, aber es gilt sich dran zu gewöhnen. Die Reepschnur nehme ich mit; wir werden sie noch als Hilfsseil gebrauchen. Das Seilabbauen erfordert Konzentration - es wäre allzu peinlich, wenn mir eines entglitte. Das zweite Seil werfe ich mit Absicht die Wand hinunter; wir brauchen es nicht mehr, und ein paar Schweizer Kameraden, die ebenfalls im Yosemite klettern, werden es holen.

Beladen mit zwei Seilen, erreiche ich die Sickle Ledge und ziehe das letzte herauf. Unterdessen hat sich Jan bereit gemacht und klettert los. Diese Seillänge, eine schräg nach rechts hochziehende Rampe, ist wohl eine der leichtesten der Nose. Das Nachziehen des haul-bag erweist sich jedoch als echtes Problem. Während Bruno und Jan wie verrückt ziehen, muss ich beim Hochklettern darauf achten, dass der haul-bag nicht aus der Wand pendelt. Einen Pendler dürfen wir nämlich nicht riskieren - die Wasserflaschen könnten dabei platzen. Der haul-bag kriegt zum erstenmal nicht gerade feine australische Schmeicheleien und nicht minder deftige Bündner Flüche zu hören. Wir verlieren viel Zeit. Von der nächsten Seillänge an pfeift ein anderer Wind: eine Rissverschneidung hoch —5.9. Wir bewundern Jans Frei-kletterkunst. In dieser Seillänge ist der erste grössere Pendelquergang. Zur Bewältigung dieses Hindernisses lassen wir Jan ein Stück hinunter. Er holt Anlauf, rennt los und verschwindet hinter der Verschneidungskante. Das hat ja auf Anhieb geklappt!

Unser heutiges Ziel ist der « Doit Tower » ( 12. Stand ), der erste gute Biwakplatz; doch hoffen wir insgeheim, die « El Cap Towers » ( 15. Stand ) zu erreichen. Aber die Seilmanöver sind sehr kompliziert und zeitraubend; das Nachziehen des haul-bag bringt uns fast um. Zu zweit ziehen wir ihn über eine Seilrolle und einen Jümar, der als Blockierung dient, Zentimeter um Zentimeter hoch. Unser einziger Trost besteht in der Aussicht, dass er von Tag zu Tag leichter wird.

8. Seillänge. Nun kommt der grosse Pendelquergang, von dem man sich viel Abenteuerliches erzählt. Gespannt verfolgen wir, wie Jan eine kleine Verschneidung hochklettert. Nach gut 25 Metern lassen wir ihn ein Stück hinunter; doch das scheint noch nicht zu genügen. « More, more !» ruft er. Nach einigen weiteren Metern hat er offensichtlich genug Seil, holt Anlauf, überspringt die einen Meter hohe Verschneidungswand und entschwindet unseren Blicken... um bald darauf wieder zum Vorschein zu kommen. « More down! » - Wir lassen ihn noch ein paar Meter hinab, und er probiert 's nochmals. Nun scheint er zwar die richtige Höhe, aber zu wenig Anlauf erwischt zu haben. Also: noch mehr Schwung! Vergebens - er pendelt immer wieder zurück. Bruno und ich sehen allerdings jeweils nur einen kleinen Ausschnitt seiner Luftreise, und es sieht beinahe komisch aus, wie er da oben'rumzappelt, richtig zum Lachen. Aber Jan ist es gar nicht danach zu-mute.Vielmehr stösst er ein paar saftige Flüche aus. Es folgt abermals ein Rückpendler, und da er den Schwung nicht rechtzeitig abbremsen kann, prallt er mit voller Wucht rücklings an die Wand... Sekundenlange Stille... dann ein Stöhnen - glücklicherweise aber keine ernsthafte Verletzung, ein paar blaue Flecken vielleicht... Begreiflich, dass er nach diesem Schreck nicht mehr will. Einer von uns solle es einmal probieren, lautet sein Kommentar; aber nach einer kurzen Erholungspause gewinnt sein Ehrgeiz wieder Ober- hand, und trotz einem weiteren Versuch mit Rückpendler gibt er sich zuversichtlich, hat er doch den etwa faustbreiten Riss erreicht; nun gilt es nur noch sich dort festzuklemmen. Endlich, nach der x-ten Wiederholung des Manövers, scheint es geklappt zu haben. Wir halten den Atem an und erwarten noch immer, dass Jan wieder zurückpendelt. Nun muss er nämlich den senkrechten Faustriss mindestens 15 Meter hochklettern, bis er wegen des Seilzugs eine Zwischensicherung einhängen darf. Aufatmend hören wir endlich das « Belay on! » ( Stand, gesichert ) von Jan.

Dies ist der erste ausgesetzte Schlingenstand; wir hangen in unseren Leitern in der senkrechten Wand. Unter uns nichts als Luft - 300 Meter! Meine Füsse beginnen zu schmerzen, denn es gibt zwar kaum bessere Kletterfinken als meine profillosen « slicks », in dieser Position allerdings keine unbequemeren!

Nun geht es unter meiner Führung weiter, drei Seillängen einen sich allmählich verbreiternden Riss hoch, der am Doit Tower endet! Wie herrlich, endlich so richtig klettern zu können, von der Pflicht befreit, den haul-bag heraufzuhissen!

11. Seillänge. Der berüchtigte « Stoveleg-crack » ( Ofenbeinriss ). Die Erstbegeher nagelten sich hier förmlich hoch; heute klettern ihn viele gewandte Kraxler frei. Er wird in diesem Fall mit 5.1 oa ( VII in der Alpenskala ) bewertet. Ich weiss, dass ich dazu in dieser Wand nicht imstande bin; also gilt es mit Klemmkeilen hochzukommen. Für den gut faustbreiten Riss eignen sich zwar nur die grössten Keile, und es ist da und dort recht schwierig, sie so einzusetzen, dass sie wirklich halten. Ausserdem haben wir gar nicht genug grosse Keile vorrätig, was mich zwingt, hie und da wieder einige von unten heraufzuholen.

Den ganzen Tag ist die Zeit im Nu verstrichen -nur zu schnell; denn bereits geht die Sonne unter, und meine Kameraden drängen zur Eile. Roland, ein Australier wie Jean, hat hier vor ein paar Jahren ein Schiingenbiwak machen müssen. Als er uns dies erzählte, haben wir uns nichts dabei ge- dacht. Jetzt weiss ich aber, was das heisst. Ein Schiingenbiwak! Nur das nicht! Darum arbeite ich verbissen weiter und bringe die Keile nicht mehr mit der anfänglichen Sorgfalt an. Ein 1 ier-Keil. Etwas misstrauisch begutachte ich ihn zwar schon; aber der wird schon halten!... Ein paar Meter weiter unten, im Seil hängend, finde ich mich wieder! Bruno ist wohl mehr erschrocken als ich, denn besorgt fragt er, ob ich verletzt sei. Aber unterdessen bin ich schon wieder oben. Nur nicht noch mehr Zeit verlieren! Schnell setze ich den Keil nochmals, nun gewissenhafter.

Die Verletzungsgefahr bei einem Sturz in dieser Wand ist - vorausgesetzt, dass das Seil hält -nicht einmal so gross, denn bei einer kleinen Luftreise berührt man den Fels kaum. Trotzdem arbeite ich jetzt behutsamer. Nur kein Schlingenbi-wak! Zu allem Überfluss gehen mir wieder die Keile aus. Muss ich tatsächlich abermals'runter, um welche zu holen? Eine riskante Sache! Da entdecke ich keine drei Meter weiter oben Bohrhaken. Bestimmt ist dort ein Standplatz. Den letzten Keil bringe ich nun mit äusserster Sorgfalt an, rufe überflüssigerweise hinunter, sie sollen gut sichern, und erreiche mit letzter Kraft den Stand. Bruno kommt nach wie die Feuerwehr. Nun fängt es aber auch schon zu dunkeln an. Schnell nehme ich meinem Kameraden das eingesammelte Material ab und klettere weiter. Glücklicherweise ist die nächste Seillänge nur kurz.

Beim letzten Tageslicht stehe ich auf dem Doit Tower - und mir fällt ein Stein vom Herzen. Was für ein bequemer Biwakplatz! Sogar für alle drei genug Platz zum Liegen! Ich binde mich fest, johle hinunter, und bald triumphieren wir zu dritt. Ebenfalls zu dritt ziehen wir den haul-bag hoch, müde zwar, aber in gehobener Stimmung, und Bruno gibt gar einen Jodler zum besten. « Yo-deling! » grinst Jan und macht 's ihm nach.

Nachdem wir einigermassen bequem eingenistet sind, gemahnen Hunger und Durst, dass wir ja heute überhaupt noch nichts gegessen und getrunken haben. Morgen werden wir früher dran denken!

tt Adhäsionskletterei am Glacier Point Apron Photo B. Sprecher 12 Routenverlauf mit Biwakplätzen am El Capitan ( « Nose » ) 13 Der « El Cap », vom Middle Cathedral aus gesehen. Im Schatten die Südwest-, in der Sonne die Südostwand Vom Schlafsack aus, natürlich am Seil gesichert, werfen wir einen Blick ins Tal hinunter. Mittlerweile ist es völlig dunkel geworden. Weit, weit unten auf der Strasse huschen ab und zu Au-toscheinwerfer vorbei. Was für ein grandioser Ausblick! 30 Zentimeter neben meinem « Bett » fällt die Wand 400 Meter ins Leere. Hinter der Strasse im Tal lässt sich die märchenhafte El-Cap-Wiese erkennen. Von dort aus haben uns während des ganzen Tages sicher Scharen von Touristen und wohl auch andere Kletterer mit Feldstechern beobachtet. Das stört uns hier oben nicht im geringsten. Wir waren ja auch dort unten und schauten halb sehnsüchtig, halb erschrocken hinauf zu den kühnen Felsakrobaten. Jetzt sind eben wir dran; jetzt stehen eben wir in der Wand — allein, auf uns selbst gestellt, gewissermassen als winzige menschliche Exklave im kalten Fels.

Q. Tag. Bei Morgengrauen wird Tagwache geblasen. Ich liege noch im Schlafsack, als mich ein regelmässiges Klappern erschrocken nach oben blicken lässt: Eine Konservendose, sich überschlagend und die Wand nur selten berührend, kommt auf unser Lager zugeschossen. Alle Mann Kopf einziehenUnd schon ist sie in grossem Bogen über uns hinweggesprungen. Dieser frühmorgendliche Gruss stammt von der Seilschaft, die einen Tag vor uns in die Wand eingestiegen ist und diese Nacht im Camp IV, unserem heutigen Ziel, zugebracht hat.

Die drei Seillängen zu den « El Cap Towers » sind ausschliesslich Felskletterei, die ersten zwei 5.9, die dritte leichter. Jan seilt sich etwa io Meter vom Doit Tower ab und erreicht den Riss, der zu den El Cap Towers führt. Schnell sind diese drei Längen gemeistert. Nun übernimmt Bruno die Führung. Vorerst aber wollen wir den haul-bag hochziehen. Verflixt — er hat sich verklemmt! Alles Ziehen und Reissen hilft keinen Deut. Während Bruno, von Jan gesichert, weiterklettert, hole ich unser 7-mm-Hilfsseil hervor, um mich -wohl oder übel - an diesem Strang abzuseilen und den haul-bag zu lösen, den ich nach gelungenem Manöver in die freie Wand hinausschwingen 14 « Pancake Flake » - El Cap 15 Tiefllick von der « Boot Flake » zu den El Cap Towers Photos 12 bis 15 F. Tschirky lasse, so dass er sich nicht mehr verklemmen sollte. Wieder oben angekommen - Bruno hat den nächsten Standplatz noch nicht erreicht -, bleibt mir etwas Zeit, zusammen mit Jan die « El-Cap-Schwalben », eine Art Mauersegler, die hier oben nisten, zu beobachten. Obwohl wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben sollten, erschrecken wir doch jedesmal, wenn diese eleganten Vögel in wahnwitzigem Sturzflug an uns vorbeizischen.

« Stand! » - Der Ruf kommt von Bruno und unterbricht unsere Betrachtungen. Sofort steige ich am fixen Seil zu ihm hoch. Der Standplatz ist einmalig: Eine Riesenschuppe, die « Texas Flake », durch einen etwa 15 Meter hohen und einen Meter breiten Kamin von der Wand getrennt, bildet zuoberst eine ungefähr 30 Zentimeter breite und zwei Meter lange Plattform. Darauf lassen wir uns rittlings nieder, wobei das eine Bein in den Kamin, das andere in die Wand hinunter baumelt, und schauen in die Tiefe: 15 Meter vollkommen griff- und trittloser Granit - ohne Zwischensicherungen! Bin ich heilfroh, dass Bruno geführt hat! Kamine liegen mir nämlich gar nicht sonderlich. Doch weiter! Vorsichtig steht Bruno unter meiner Sicherung auf, spreizt zur gegenüberliegenden Wand, streckt sich und erreicht eine Bohrhakenreihe, wo er sogleich seine Leiter am ersten Bohrhaken einhängt und bald hinter einer Kante verschwindet. Unterdessen zieht Jan mit Erfolg den haul-bag hoch.

Bruno hat bereits den nächsten Standplatz, « Boot-Flake » genannt, erreicht, und wir beiden andern steigen zu ihm hoch. Es ist eine etwa 40 Zentimeter breite und zwei Meter lange Leiste, gegenüber unsern gestrigen Schlingenstän-den, an die wir uns nur mit Schaudern erinnern, ein fast komfortables Podest.

Plötzlich ertönt eine Polizeisirene aus der Tiefe herauf: Ein Park Ranger hält mit blinkenden Alarmlichtern. Besorgt fragen wir uns, was wohl passiert sei. ( Später müssen wir leider erfahren, dass ein Kletterer an der Südostwand beim « Jümaren » an einem Fixseil infolge eines Seilrisses zu Tode gestürzt ist. ) \

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16 4- Seillänge an der « Nase » des El Cap 17Tiefblick von der 33. Seillänge Für uns folgt nun der « King-Swing », der Kö-nigsschwung. Wir lassen Bruno etwa 15 Meter hinunter; er pendelt nach links, zu einer Ansammlung von Schlingen, und hängt sein Seil an einem Karabiner ein. Darauflassen wir ihn weitere 15 Meter hinab. Das sollte reichen. Und wirklich, schon nimmt er Anlauf und sprintet wie ein 1 oo-Meter-Läufer - zu einem gewaltigen Pendelschwung. Es klappt auch tatsächlich auf Anhieb. Ein paar Meter weiter oben ist der nächste Stand. Jan und ich Schlaufen das haul-bag-Seil doppelt durch eine Anzahl Schlingen, darauf vertrauend, dass es für unser Vorhaben lang genug ist, und nun seilt sich Jan, von mir mit dem Hilfsseil gesichert, ab und wird von Bruno mit dem Partieseil zu seinem Standplatz hinübergezogen.

Bruno und Jan sind nun beim nächsten Stand, der sich auf gleicher Höhe wie die Boot Flake befindet, angekommen. Sie spannen und befestigen das haul-bag-Seil doppelt. Mit zusätzlichem Karabiner und einem Hilfsseil vervollständige ich die « Seilbahn » und hangle, während Bruno und Jan den haul-bag mit dem Hilfsseil hinüberziehen, an einem Karabiner gesichert, ebenfalls zu ihnen, den Sack über die diversen Kanten stossend. Die nächste Seillänge führt durch einen Riss zu einem Schlingenstand. Dabei bleibt der verflixte Sack wieder stecken,"was Jan einen währschaften Fluch auf Schweizerdeutsch entlockt und mich veranlasst, mich mit dem 7-mm-Seil abzuseilen, um ihn heraufzuholen.

Bruno hat unterdessen nach einem weiteren Pendelquergang ein Band erreicht. Wir installieren erneut eine « Seilbahn », allerdings diesmal mit mehr Mühe, weil sie ansteigt. Auf dem Band geht es darauf etwa 20 Meter waagrecht bis unter einen Vertikalriss, dann eine Seillänge hoch zum Camp IV, unserem heutigen Biwakplatz.

Nach dem gestrigen relativ komfortablen Nachtlager sind wir eher enttäuscht. Bruno und Jan richten sich auf einem etwa 1,20 Meter breiten Band ein; ich selbst ziehe ins obere « Stockwerk », eine sich etwa zwei Meter weiter oben befindliche dreieckige, leicht nach aussen geneigte 18 Am« Great Roof » Photos F. Tschirky 19 Half-Dome-Nordiveslivand « Thank God Ledge » Plioio B. Spire her Plattform, die allerdings, wie sich beim ersten Augenschein feststellen lässt, keine bequeme Lagerstätte bietet. Warum aber nicht einmal in der Hängematte? Mit ein paar Haken wird ein Seilgeländer konstruiert und daran die luftige Liege befestigt.

Während wir uns bemühen, unsere Ess- und Wasservorräte weiter zu dezimieren, und dabei triumphierende Blicke zum immer magerer werdenden haul-bag werfen, besprechen wir das morgige Vorgehen: Unser Camp IV befindet sich beim 21. Standplatz. Zwei Seillängen über uns hängt das « Great Roof », das grosse, markante Dach der Nase. Da es noch 13 Seillängen bis zum Gipfel sind, besteht wenig Aussicht, schon morgen aus der Wand aussteigen zu können; aber bis zu Camp VI ( 28. Stand ) sollte es reichen. Von dort führen dann nochmals sechs Längen bis zum Gipfel.

Schon ist es wieder dunkel geworden. Wir verkriechen uns in unseren Schlafsäcken; es dauert zwar eine ganze Weile, bis ich mich in meinem engen Luftbett eingenistet habe. 60 Meter über meinem Kopf hängt, weit ausladend, das dunkle, drohende, muschelförmige Dach. Bald fallen mir die Augen zu, denn: « Big wall climbing is a lot of hard work », sagen die Amis, und sie haben recht!

3. Tag. Nach dem wie gewöhnlich ausgiebigen Muesli-«Zmorge » machen wir uns bereit. Weil man mich zum heutigen Führer erkoren hat, behänge ich meinen Klettergurt mit den notwendigen Accessoires, dem üblichen « Christbaumschmuck ». Die erste Seillänge vollzieht sich in freier Kletterei -5.9. Die Sache läuft, und während die andern nachkommen, schaue ich hinauf zum Dach, zu dem ein Riss hinaufzieht, der halbmondförmig weiter nach rechts zum nächsten Standplatz verläuft. Also - los! Bei den vielen Haken sind Keile selten notwendig, dafür um so mehr Karabiner. Seit dem Morgenessen singt Jan ununterbrochen « Knockin'on heaven 's door », einen Bob-Dylan-Song, und immer wieder tönt dieser in gewissem Sinn passende Refrain ( « an die Himmelstüre klopfend » ) zu mir herauf. Endlich bin ich beim Stand, dem wohl luftigsten Schlingenstand der Nase.Von hier aus zieht sich ein Riss- und Verschneidungssystem in der Vertikalen bis zum Ausstieg. Es stehen uns also glücklicherweise keine komplizierten Quergänge und Pendelmanöver mehr bevor —dafür ein um so steilerer Anstieg! Die nächste Länge heisst « Pancake Flake », ein herrlicher Piazriss; laut Führer 5. i oa. Man ist versucht, ihn frei zu klettern; da aber keine Haken stecken, traue ich mir die notwendige Kraft nicht zu, an einem Arm hängend die richtige Klemmkeilgrösse auszusuchen und den Keil noch sorgfältig zu plazieren. Deshalb geht 's halt in halb künstlicher, halb freier Kletterei hinauf. Der Standplatz, der mir schliesslich eine Verschnaufpause gewährt, ist recht bequem. Die folgende Seillänge, eine Verschneidung, führt zu Camp V, einem weiteren möglichen Biwakplatz, wo wir, da es mittlerweile 12 Uhr geworden ist, eine Verpflegungsrast einschalten, bevor die noch verbleibenden drei Längen bis zu Camp VI in Angriff genommen werden. Nun übernimmt Bruno die Führung, und spät nachmittags stehen wir am Ende der heutigen Etappe.

Anscheinend werden die Biwakplätze nach oben immer schlechter. Camp VI ist ein in der Verschneidung stehender, durch einen etwa 30 Zentimeter breiten Spalt von der Wand losgelöster Turm. Dieser Spalte entströmen allerlei unliebsame Gerüche, die unzweideutig an Abfall und Kot erinnern - vornehmlich an menschlichen! Der Turm selbst bildet eine dreieckige, nach vorn geneigte Plattform, auf der knapp zwei bis drei Personen ausgestreckt liegen können -so-fern sie das von oben heruntertropfende Wasser nicht stört -, ein ungemütliches, feuchtes Örtchen! Heute beschliesst Jan, in der Hängematte Zuflucht zu suchen. Bruno und ich wollen noch eine bis zwei Seillängen « ausstaffieren ». Die erste, mit Ai bezeichnete Länge ist ordentlich zeit- und kraftraubend; jedenfalls macht es mir erstaunliche Mühe, mich zu konzentrieren, um ja keinen Fehler zu begehen, und um Bruno ist es kaum besser bestellt. Zeit zum Umkehren also!

Nun sind wir doch froh, dass es die letzte Nacht in der Wand sein wird, und freuen uns im voraus auf,die Bequemlichkeiten des Tales. Die Zeit bis zum Morgen zieht sich denn auch bedenklich in die Länge. Immer darauf bedacht, unsere Nase in gebührendem Abstand von dem stinkenden Spalt zu halten, müssen wir dafür in Kauf nehmen, dass unsere Füsse über dem Abgrund baumeln, und ich erwache mehr als einmal, weil ich hinuntergerutscht bin und im Seil hänge. Dazu kommt noch das unangenehme Tropfen von oben...

4. Tag. Trotz der schlechten Nacht fühlen wir uns heute morgen wieder blendend. Bruno scheint am besten in Form zu sein. Er wird daher vorerst die Führung übernehmen und jümart als erster hoch zum gestrigen Umkehrpunkt. Der Gipfel ist nahe - von hier sind es nur noch fünf Seillängen! Ein abdrängender Riss, Ai ., bis zu einem Schlingenstand, dem ein nach rechts drängender Riss unter einem Überhang folgt, dann eine freie Kletterei zum bequemen Stand. Fabelhaft, diese Ausgesetztheit! Eine weitere Ai-Seil-länge führt hinauf in eine Nische. Es läuft heute wie geschmiert - nur noch zwei Seillängen! Bruno ist in Fahrt und möchte bis zu oberst führen. Zweitletzte Seillänge: Ein Überhang wird rechts umgangen, dann schliesst eine herrliche Wandkletterei bis zum Stand an.

Letzte Seillänge: Ein Doppelüberhang bildet den unglaublich kühnen Abschluss dieser Tour. Beim Einstieg haben wir mit dem Feldstecher Kletterer, die an diesen Abschlussüberhängen turnten, beobachtet; dabei hat uns die ungeheure Ausgesetztheit tief beeindruckt. Es waren 1000 Meter über unsern Köpfen zwei winzige Gestalten zu sehen, die sich nur vage vom Himmel ab-zeichneten.Und heute sind wir da oben! Die luftige Höhe macht uns nicht mehr viel aus; wir haben uns von Tag zu Tag an sie gewöhnen können. Während Bruno an Bohrhaken den Doppelüberhang überwindet, erkläre ich Jan, wie er am besten nachsteigen soll. Vermutlich wird er rebellieren, denn ihm steht ein besonderes Abenteuer bevor: Er soll sich auf den haul-bag setzen, sich mit den Jümaren am haul-bag-Seil sichern, den Stand abbauen und sich dann in die Luft hinauspendeln lassen. Zu meinem Erstaunen nickt er nur — « okay! ».

Ein Jauchzen verkündet, dass Bruno den letzten Stand erreicht hat. Ich steige schleunigst nach und sammle alle Karabiner ein; Bruno staunt geradezu über mein Tempo. Ich ziehe das haul-bag-Seil straff, fixiere es und rufe Jan zu nachzukommen. Gespannt schauen wir nach unten. Da - plötzlich erscheint er, auf dem haul-bag hockend, und segelt weit in die Luft hinaus, so dass er direkt über der Strasse im Tal, wo die Autos wie Spielzeuge hin- und herhuschen, und die Menschen nicht mehr als solche zu erkennen sind, zu schweben scheint. Wir johlen und lachen. Während Jan sich in Rekordzeit zu Bruno hoch-jümart, klettere ich über unschwierige Platten auf flaches Gelände.

12 Uhr mittags. Wir haben es geschafft -die Wand liegt unter uns! Unsere Freude äussert sich in befreienden Lachen und einem kräftigen Handschlag - zum Dank für gegenseitige Hilfe und Kameradschaft. Es ist ein komisches Gefühl, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, sich unbeschwert bewegen zu können, nicht mehr von drohenden Abgründen umgehen zu sein.

Die « Nase » des El Capitan hat uns ein unvergleichliches Abenteuer, unvergessliche Stunden und tolle Kameradschaft beschert - und schon schmieden wir neue Pläne von der nächsten « big wall ». Vorerst aber erwarten uns ein fünfstündiger Abstieg durch unberührte Wildnis und im Tal unten eine erfrischende Dusche, ein saftiges Steak und ein kühles Bier.

io Tage später. Zufrieden verlassen wir das Yosemite Valley. Bruno und mir ist noch die 600 Meterhohe Nordwestwand am « Half Dome », diesmal ohne den lästigen haul-bag, in nur einem Tag gelungen.

Hoffentlich haben wir bald wieder Gelegenheit, das Yosemite, dieses phantastische Kletter-Mekka, zu besuchen, denn da warten noch unzählige « big walls »...

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