Die Ostwand der Gais Alpins . Gedanken zur Entwicklung des Kletterns

Gedanken zur Entwicklung des Kletterns

Die Ostwand der Gais Alpins

1971 gelang Claude und Yves Remy die Erstbesteigung der Ostwand der Gais Alpins. Dieses kleine Massiv liegt unweit des Col de Jaman oberhalb von Montreux 1, der die Grenze zwischen den Kantonen Waadt und Freiburg bildet. 30 Jahre später klettern sie die gleiche Route frei – für sie ein Anlass, sich Gedanken zur Entwicklung des Kletterns zu machen.

Im Jahre 1971 war die Besteigung der 60 Meter hohen, abdrängenden Ostwand der Gais Alpins so ziemlich das absolut Unmögliche für unerfahrene Burschen, wie wir damals waren. Aber genau das reizte. Am Anfang stiegen wir der Wand entlang auf, das Seil um die Taille gebunden, aber schon bald drängte sich der Klettergurt auf. Um Geld zu sparen, nützten wir das Material maximal aus und setzten die Haken weit auseinander. Nach zahlreichen Irrungen und Wirrungen in der mächtigen Wand, verteilt auf mehrere Wochenende, erreichten wir schliesslich den höchsten Punkt des schmalen Grats, an dem wir 1965 unsere ersten Erfahrungen als Kletterer gemacht hatten. « Jo », eine fast rein künstliche Kletterei im Grad A2 mit einigen Stellen 5 c, war eröffnet.

30 Jahre später 30 Jahre später beschliessen wir, die Route – eine der ersten, die wir eröffnet hatten – frei zu klettern. Erste Feststellung: Die Wand hat sich kaum verändert. Die einzementierten Haken von 1971 sind immer noch solid, befinden sich aber nicht unbedingt an jenen Stellen, die fürs Freiklettern hilfreich sind. Die mitgebrachte Bohrmaschine und die Bohrhaken machen deutlich, was wir beabsichtigen!

Die erste Seillänge führt über ein Dach, das kaum frei geklettert werden kann. Wir rüsten also rechts davon eine Passage ( 7a+ ) ein, um den ersten Stand zu erreichen. Den nächsten Überhang überwinden wir problemlos links – die schönste frei zu kletternde Stelle der gesamten Route ( 6bund erreichen einen Schlingenstand. Für die Überwindung des letzten breiten, stark abdrängenden Risses, der an jenem Tag ziemlich feucht ist, müssen wir einen ungewöhnlichen Kletterstil anwenden, indem wir nach Gefühl und mit viel Schmerzen die Faust irgendwo einklemmen. Ein paar Tage später klettern wir diese mit Erinnerungen verbundene Route komplett frei. Der Ausstieg zum Gipfel, unter den aufmerksamen Augen unseres immer noch rüstigen 78-jährigen Vaters, ist ein ganz besonderes Gefühl.

Die beiden Besteigungen geben Gelegenheit, sich Gedanken zu machen über die unglaubliche Entwicklung des Kletterns in den letzten 30 Jahren. Wer hätte sich zu Beginn der Siebzigerjahre Plaisirklettern, Klettern in der Halle, den 9. Grad ( franz. Skala ) oder Wettkampfklettern vorstellen können?

1 LK 1:25 000, Montreux, 1264, Koordinaten 565 100/143 400 Die Ostseite der Gais Alpins, in der sich die Routen von 1971 und 2001 befinden Routenbuch am letzten Stand der Route in der Ostwand der Gais Alpins Die Gais Alpins. Klassische Ansicht der Westseite von der Combe de Jaman. Westwand der Dent Hautaudon ( links ) DIE ALPEN 8/2002

Die heroische Ära... Man könnte mit Wehmut an die « grosse Zeit » zurückdenken, als neben Geschicklichkeit vor allem Mut und Glück gefragt waren. Als die Trainingsmethoden noch nicht so ausgefeilt waren und Klettertechniken selber entwickelt werden mussten, Sicherungstechniken und Material noch in den Kinderschuhen steckten und der Erfahrungsaustausch limitiert war. Das Spiel in der Vertikalen war einigen wenigen Personen vorbehalten. Man denke nur daran, dass eine Route schon als klassisch galt, wenn sie von einigen Seilschaften pro Saison begangen wurde! Die Routen verliefen in der Regel dort, wo der Berg eine natürliche Schwachstelle, eine Verschneidung oder ein Kamin oder gar ein grasbewachsenes Couloir oder schmale Rampen aufwies. In den Routen steckten dubiose Haken, die weit auseinander lagen; die Bewertungen waren manchmal haarsträubend. Was zählte, war die Ambiance, die Stimmung: Man erzählte sich Geschichten über defektes Material, Steinschlag, improvisierte Biwaks usw.

Klettern – eine Aktivität der Entbehrungen All das führte zu einem Nimbus, der nicht dazu angetan war, die Verbreitung einer Aktivität zu fördern, welcher der Geruch der Entbehrung anhaftete. Eine grosse Tour bedeutete endlos lange Tage, nächtlichen Anmarsch, schwere Rucksäcke, Zustiege durch kombiniertes Gelände, eine Mischung aus freiem und künstlichem Klettern, Setzen und Entfernen von Haken, Heimkehr in tiefer Nacht.

Den Nostalgikern sei in Erinnerung gerufen, dass die « grossen Routen » noch immer da sind und machbar auch für junge Kletterer, denen man zu Unrecht nachsagt, sie seien häufiger am Einklinken von Karabinern als am Klettern. Es stimmt zwar, dass die junge Generation gewisse alte Routen links liegen lässt und lieber gut abgesicherte Routen auf gutem Fels vorzieht. Aber sie hat zweifellos die Fähigkeiten, auch die alten Routen problemlos und sicher zu klettern.

Gewichte verschieben sich Man muss einfach feststellen, dass sich bei der abgesicherten Kletterei von

Claude Remy im abdrängenden Riss unter dem Gipfel Yves Remy am Beginn der zweiten Seillänge in der Ostwand der Gais Alpins, 1971 An der gleichen Stelle, 30 Jahre später Fo to s:

Cl au de Rem y 30 Jahre später, an der gleichen, mit 7a+ bewerteten Stelle, frei geklettert.

DIE ALPEN 8/2002

Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen

Storia, cultura, letteratura alpina

Histoire, culture et littérature alpines

heute – mit fixen, vertrauenswürdigen und nahe beieinander gesetzten Sicherungen, was den Zugang zum Klettern erleichtert – das Interesse auf die reine Schwierigkeit und einen Stil, der den Kontakt von Körper und Fels fördert, konzentriert. Diese neue Haltung hat dazu geführt, dass das Klettern zu einem Freiluftsport mit hohem Konsumcharak-ter mutierte. Trotzdem ist die moderne Kletterei nicht einfach banalisiertes Bergsteigen. Das Risiko ist immer noch da, auch wenn man sich an eine Route in vollständig freier Kletterei wagt, wo ein möglicher Sturz, der grundsätzlich keine Verletzungs- oder Todesgefahr einschliesst, zum Spiel gehört. Aber dieser Sturz, obwohl abgesichert, ist und bleibt dennoch das Eingeständnis des Scheiterns: Die Route wurde nicht am Stück frei geklettert. Die Risiken haben sich geändert, aber sie bleiben mindestens so faszinierend wie früher. Vielleicht ist Klettern einfach gesünder, menschlicher geworden.

Mögliche Auswüchse Das Klettern ist in der Tat weniger gefährlich und daher immer populärer. Umso besser! Denn ist nicht gerade das Teilen die Quelle der Freude, welche die Begegnung, den Austausch und den Fortschritt fördert? Aber diese Demokratisierung kann auch zu Auswüchsen führen. Seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts haben nämlich bestimmte Felswände, die leicht zugänglich und/oder nahe an Siedlungen und Strassen liegen und zahlreiche gut abgesicherte Routen von vielleicht einer Seillänge bieten, wachsenden Zulauf. Diese Anziehungskraft wurde erkannt und vor allem in Südfrankreich entsprechend genutzt. Leider kann ein solcher Andrang, wenn er nicht in Bahnen gelenkt wird, Unannehmlichkeiten für die Bewohner der betroffenen Region und vor allem Schäden an der Natur zur Folge haben. Deshalb muss man sich heute, wenn man neue Klettergebiete erschliesst, mit zahlreichen Personen und Körperschaften auseinander setzen – Naturschutzorganisationen, Gemeinden,. " " .Anwohnern, Eigentümern, Kletterern der Region, SAC-Sektionen – und deren allfällige Einwände respektieren. a

Claude Remy, Vers-l'Eglise ( ü )

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