Die Pläne an der Trift Das Stauseeprojekt

Unterhalb des schmelzenden Triftgletschers im Berner Oberland ist ein neuer Gletschersee entstanden. Dort möchte das örtliche Kraftwerkunternehmen einen Stausee bauen. Die Initianten sehen darin einen Beitrag zur Energiewende, die erwachte Gegnerschaft will die unberührte Landschaft nicht opfern.

Das Triftstöckli und die benachbarten Gipfel rundum sind über Nacht mit dem ersten frischen Schnee überzuckert worden. Im strahlenden Sonnenschein spiegeln sie sich jetzt im graublauen Gletschersee, dem Triftsee. Er ist erst in den letzten 20 Jahren entstanden. In dieser Zeit ist der Undre Triftgletscher ganz verschwunden und hat den Triftchessel freigegeben. Darin hat sich das Schmelzwasser gesammelt. Seit der Klimawandel die Gletscher zum Schmelzen bringt, geschehen solche Vorgänge überall in den Alpen. Das Phänomen wurde im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms untersucht. In den nächsten Jahren würden Seen mit einer Gesamtfläche von 50 Quadratkilometern entstehen, heisst es in der Studie: «Neben zahlreichen kleinen Seen wird es auch einige grössere Seen mit Tiefen über 100 Meter und Volumen über 10 Millionen Kubikmeter geben.»

Der Triftsee ist mit einer Tiefe von 20 Metern und einem Volumen von fünf Millionen Kubikmetern nur ein mittelgrosser Gletschersee. Aber berühmt sind er und die Hängebrücke davor, über die auch der Weg zur Trifthütte SAC führt, schon lange. Der Werbespot eines bekannten Outdoorausrüsters hat vor mehr als zehn Jahren eine ähnliche Wirkung gehabt wie die heutigen Posts in sozialen Medien.

Potenzial für Tourismus und Energiewirtschaft

Jetzt ist es noch zu früh für die Touristen. Die ersten Wanderer werden erst in ein bis zwei Stunden hier oben sein. Die Hängebrücke liegt im Schatten und ist mit einem zarten Raureif überzogen, der die Holzbretter rutschig macht. Der See und die ganze vom Gletscher freigegebene Geländekammer, die sich von der Brücke aus herrlich überblicken lässt, haben aber nicht nur touristisches Potenzial. Sie sind auch für die Energiewirtschaft von grossem Interesse. Die in Innertkirchen ansässige Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) hat den See und sein Potenzial schon lange entdeckt. Etwa dort, wo heute die Hängebrücke über das Triftwasser führt, soll dereinst eine 20 Meter dicke und 177 Meter hohe Bogenstaumauer gebaut werden. Der gestaute See würde 85 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten – und wäre damit fast so gross wie der Grimselstausee. Ein sechs Kilometer langer Stollen soll das weiter östlich gelegene Steiwasser in den Stausee führen. Im neuen Kraftwerk bei der Bergstation der Triftbahn würde das Wasser turbiniert. Es gibt auch an anderen Orten in der Schweiz neue Gletscherseen, die für die Energiewirtschaft von Interesse sind, zum Beispiel am Rhonegletscher. Aber kein anderes Projekt ist so weit fortgeschritten wie dasjenige der KWO an der Trift.

Die KWO wurde 1925 gegründet, als mit dem Bau der Grimselstaumauer auch der erste Stausee in dieser Region entstand. Seither ist das Gebiet unterhalb des Grimsel- und des Sustenpasses geprägt von der Nutzung der Wasserkraft. «Würde man die Schweiz heute elektrifizieren, würde man hier anfangen», sagt Benno Schwegler und lacht. Der Bauingenieur ist Leiter Projekte bei der KWO. Neben der aktuellen Baustelle am Grimselstausee ist der Triftsee sein wichtigstes Projekt. 2014 habe man das Triftprojekt angepackt, sagt er. Seither ist er unzählige Male zur Triftbrücke hochgestiegen: mit Experten, die Probebohrungen im Fels durchgeführt oder seltene Schmetterlinge, Flechten und Moose bestimmt haben, die hier vorkommen. Auch mit Vertretern von Behörden oder Interessen- und Umweltverbänden ist er hierhergekommen. Inzwischen ist die erste Stufe der Umweltverträglichkeitsprüfung abgeschlossen, im Frühling hat der Bundesrat die Schutz- und Nutzungsplanung genehmigt. Darin geht es um die Restwasserregelung unterhalb von Wasserfassungen (siehe Kasten) und die Ersatzmassnahmen an anderen Orten. Noch in diesem Monat wird der Grosse Rat des Kantons Bern über die Konzession debattieren.

Viereinhalb Kilometer langer Tunnel zur Baustelle

Und wie baut man ein solches Werk an einem Ort, wo der schnellste Weg über einen eineinhalbstündigen Fussmarsch hinführt? Vom Gadmental aus würde ein viereinhalb Kilometer langer, doppelspuriger Tunnel mit einer Steigung von 12% gebaut. Dadurch würde das ganze Baumaterial hinauftransportiert und das Ausbruchmaterial abtransportiert. «Ein grosser Teil der Baustelleneinrichtung wäre unterirdisch», sagt Benno Schwegler.

Das Stauvolumen des Triftstausees würde dem Energieinhalt von 215 Gigawattstunden entsprechen. «Das ist etwa so viel Strom wie 16 Millionen Tesla-Batterien speichern können», erklärt Benno Schwegler, damit man sich unter dieser Zahl etwas vorstellen kann. Speichervolumen sei gerade im Zusammenhang mit erneuerbarer Energie wichtig, weil etwa Wind- und Sonnenenergie nicht immer dann produziert werden könne, wenn sie benötigt werde. Zudem leisteten Speicherseen einen wichtigen Beitrag zur Netzstabilität, denn das Stromnetz hänge europaweit zusammen. «Einmal hatte Frankreich 22 Atomkraftwerke gleichzeitig ausser Betrieb. Damit das Stromnetz nicht zusammenbrach, mussten wir den Oberaarsee komplett leeren», sagt Benno Schwegler.

Bereits heute wird das Triftwasser bei der Bergstation Triftbahn gefasst und entweder ins Kraftwerk Hopflauenen oder in die Kraftwerke im Aaretal geführt. Künftig würde das Wasser schon beim Triftsee gefasst und im neuen Kraftwerk bei der Bergstation turbiniert. Mit dem Gewinn von rund 400 Höhenmetern liessen sich jährlich 145 Gigawattstunden zusätzlicher Strom produzieren. Das entspricht gemäss KWO einem Anteil von 10% der zusätzlichen Wasserkraft, die sich der Bund in der Energiestrategie zum Ziel gesetzt hat.

Trotz Begleitgruppe gibt es Widerstand

Mit ganz anderen Zahlen argumentieren die Gegner des Projekts. Im Komitee «Rettet die Trift» haben sich im Jahr 2019 Kritiker des Stauseeprojekts zusammengetan. Sie sagen, die zusätzliche Energie entspreche weniger als 1% des gesamten Strombedarfs. Etwas mehr ins Gewicht falle das Speichervolumen, sagt Komiteemitglied Dominik Siegrist. «Aber für den künftigen Bedarf an Speicherkapazität müsste man 100 solche Stauseen realisieren. Für einen solch kleinen Beitrag lohnt es sich nicht, die Landschaft an der Trift zu opfern», sagt er. Er und seine Mitstreiter denken, dass man künftig andere Technologien zur Speicherung von Energiespitzen entwickeln wird.

Die KWO hat viel Erfahrung mit Widerstand. So ist zum Beispiel die Erhöhung der Grimselstaumauer noch immer vor Bundesgericht hängig. Beim Triftprojekt versuchte sie, diese Erfahrung zu nutzen und mögliche Gegner von Anfang an miteinzubeziehen. Es gab eine Begleitgruppe unter der Leitung des Kantons Bern, und namhafte Landschafts- und Naturschutzverbände stellten sich hinter das Projekt. Im Gegenzug wurde die Zusicherung eingefordert, im Kanton Bern keine weiteren Kleinwasserkraftwerke zu realisieren. Doch nicht alle sind für das Projekt. So haben etwa der Grimselverein und Aqua Viva Einsprache gegen das Konzessionsgesuch erhoben.

Auch der SAC war in der Begleitgruppe vertreten. Er stehe neuen Grossinfrastrukturen in unerschlossenen Landschaften kritisch gegenüber, trotzdem billige er das Projekt, teilte er nach dem letzten Zusammenkommen der Begleitgruppe im Herbst 2017 mit. «Das Projekt trägt viel zur zukünftigen Energieversorgung bei», sagt Philippe Wäger, Ressortleiter Umwelt und Raumentwicklung beim SAC. Aber es stelle einen grossen Eingriff in die Landschaft dar: Aus einer natürlichen Gebirgslandschaft werde eine Energielandschaft. «Das Projekt sollte in die nationale oder zumindest kantonale Energiestrategie eingebettet werden, und wir wünschen uns, dass der Kanton Bern im Gegenzug bei wenig effizienten Wasserkraftwerken nun eine restriktivere Bewilligungspraxis anwendet», sagt er. Die «Ja, aber»-Haltung des SAC beim Triftprojekt sei aber keine grundsätzliche Haltung des SAC zur Energienutzung von Gletschervorfeldern: «Der SAC befürwortet die Energiewende und die Gletscherinitiative, gleichzeitig will er die herausragenden alpinen Landschaften vor Eingriffen schützen», sagt Philippe Wäger.

Die SAC-Sektion Bern unterhält in der Gegend zwei Hütten, die Trifthütte und die Windegghütte SAC. Betroffen vom Projekt wäre insbesondere die Trifthütte. Es gebe Vor- und Nachteile, sagt Hüttenwartin Nicole Müller auf Anfrage. Ein Vorteil wäre die Verkürzung der Wegstrecke zur Trifthütte, und ein allfälliger Stollenzugang könnte den Weg für einige Gäste interessanter machen. Als negativen Punkt sieht die Hüttenwartin den Ersatz der Triftbrücke durch die Staumauer: «Damit entfällt ein Publikumsmagnet für die ganze Triftregion.»

Bund muss 387-Millionen-Projekt unterstützen

Wenn die erwachte Gegnerschaft alle Rechtsmittel ausschöpft, rechnet die KWO mit mehreren Jahren Verzögerung. Falls dann mit dem Bau begonnen werden könnte, würde allein die Erschliessung zwei Jahre in Anspruch nehmen und der Bau der eigentlichen Anlagen sechs Jahre. «Etwa 2035 könnte das Triftprojekt in Betrieb sein», sagt Benno Schwegler. Dieser Zeitpunkt ist noch weit weg, und niemand kann heute sagen, wie sich der Strommarkt bis dahin genau entwickelt. «Aus heutiger Sicht ist es ein gutes Projekt», sagt er. Aber realisiert werden kann das Vorhaben, das 387 Millionen Franken kostet, nur, wenn es vom Bund unterstützt wird. Heute zahlt der Bund bei solchen Projekten bis zu 40% der Investitionskosten.

Noch ist von der Hängebrücke über das Triftwasser aus der unterste Teil des Obere Triftgletschers zu sehen. Bedeckt mit frischem Schnee, schimmert er in der strahlenden Sonne in reinem Weiss. Aber auch er wird in den nächsten Jahren hinter dem Triftstöckli verschwinden, weil der Gletscher bis auf die nächste Geländestufe hinauf abgeschmolzen ist. Studien sagen voraus, dass die Gletscher in den Alpen Ende dieses Jahrhunderts bis auf ein paar kümmerliche Reste verschwunden sein werden.

Autor / Autorin

Anita Bachmann

Serie Wasserkraft im Gebirge

Die Wasserkraft im Gebirge spielt in der Stromproduktion der Schweiz eine grosse Rolle. Sie dient nicht nur der blossen Energiegewinnung, Stauseen spielen ebenfalls eine wichtige Funktion bei der Energiespeicherung und der saisonalen Verteilung. Gleichzeitig bedeuten Wasserkraftwerke in den Bergen grosse Eingriffe in die Natur und Landschaft und erzeugen immer auch Widerstand. Im Rahmen dieser Serie ist bereits der Beitrag «Der vergessene Widerstand» über die Rettung von Bündner Hochtälern erschienen («Die Alpen» 10/2020). In einer weiteren Ausgabe wird als dritter und letzter Beitrag ein Interview mit Energieexperte Jürg Rohrer über die Zukunft der Stromversorgung und -nutzung erscheinen.

Restwasser

Knapp 60% des Stroms werden in der Schweiz mit Wasserkraft produziert. Die erneuerbare und ­klimafreundliche Energie bringe auch negative ­Auswirkungen auf die Gewässer mit sich, schreibt das Bundesamt für Umwelt (BAFU). Deshalb ­regelt das Gewässerschutzgesetz seit 1992 die sogenannte Restwassermenge. Mit der Konzession oder der Erneuerung einer Konzession muss seither eine angemessene Rest­wassermenge in den Ge­wässern unterhalb von Wasserentnahmen belassen werden. «Ausreichendes Restwasser ist nötig, um die viel­fältigen natürlichen Funktionen der Gewässer zu gewährleisten: Sei es als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Landschaftselement oder zur Speisung von Grundwasser», schreibt das BAFU.
Auch im Zusammenhang mit dem Triftprojekt ist Restwasser ein Thema. Bereits heute wird das Triftwasser bei der Bergstation der Triftbahn ­gefasst. Mit dem Triftprojekt würde es bereits ­unterhalb des Triftsees gefasst. Zudem würde eine neue Fassung am Stei­wasser realisiert, das ebenfalls heute schon genutzt wird. Die vom Bundesrat genehmigte Schutz- und ­Nutzungsplanung sieht vor, die Restwasser­mengen für Trift- und Stei­wasser ­unterhalb des gesetzlichen Minimums ­anzusetzen. Dafür müssen die Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) als Ausgleichsmassnahme auf die Nutzung des ­oberen Wendenwassers, des Giglibaches und des Treichigrabens verzichten. Zudem wird ein Teil des Gadmerwassers aufgewertet und das Ürbachwasser revitalisiert. Ein wichtiges Element ist dabei der komplette Rückbau der ­Wasserfassung Fuhren, die seit den 1960er-Jahren besteht.

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