Die rote Rakete am Nanga Parbat

Malik Verlag, München 2010, ISBN 978-3-89029-373-8, Fr. 34.90

Ein Berg, zwei Expeditionen, zwei Dramen und dazwischen liegen fast 40 Jahre. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Neuerscheinungen, die sich mit Expeditionen zum Nanga Parbat befassen. Doch damit ist – abgesehen von den Südtiroler Wurzeln – auch schon Schluss mit den Gemeinsamkeiten der Bücher von Bergsteigerlegende Reinhold Messner und den beiden jüngeren Autoren Simon Kehrer und Walter Nones. Messner erreichte den Nanga Parbat 1970 im Rahmen einer von Karl Herrligkoffer geleiteten Expedition durch die Südwand, die Rupal-Flanke. Messner erzählt vom langwierigen Ringen mit dem Berg, vom tagelangen Warten im Schneesturm. Und von der verhängisvollen roten Rakete, die eigentlich eine grüne hätte sein sollen. Nach dem Gipfelsieg der Messner Brüder folgte der harte Abstieg durch die Diamir-Flanke, an deren Fuss er seinen Bruder Günther in einer Eislawine verlor. Das ist die Tragödie in Messners Leben, sie beschäftigte die Gerichte lange Zeit. Messner deklariert sein Buch gleich zu Beginn als Richtigstellung, « die vielen Unwahrheiten, die zur Nanga-Parbat-Expedition 1970 in die Welt gesetzt wurden, zwangen und zwingen mich, damals wie heute Stellung zu beziehen ». Messner schreibt sein Buch in einer Art Telegrammstil. Wie ein Regisseur, der über der Sache steht, webt er Anweisungen in den Text, die im Kopf des Lesenden Bilder auslösen. Etwa nach der erfolglosen Suche nach dem verschollenen Bruder. « Reinhold am Gletscher. Er kommt die Eislawine herunter... » Oder: « Von weit weg, der Gletscher. Ausser einem schwarzen Punkt auf der grossen, weissen Fläche nichts... » Ganz anders kommt der Bericht von Walter Nones und Simon Kehrer daher. Auch ihre Nanga-Besteigung durch die Rakhiot-Wand wird von einem Schicksalsschlag überschattet. Karl Unterkircher, der den Anstoss zur Besteigung im Alpinstil gegeben hatte, verschwindet auf 6200 Metern in einer Gletscherspalte und findet den Tod. Die beiden Überlebenden berichten abwechslungsweise, von der Anreise, aus dem Basislager, über den Aufstieg, bis zum Schicksalsschlag, der darauf folgenden Trauer und vom Zwang, weiterzugehen. Auch sie rechtfertigen sich, etwa in der Frage, ob es richtig war, sich auf dem Gletscher nicht anzuseilen. Auch sie verbringen dramatische Tage und Nächte in der Wand, bis sie beim Abstieg über die Buhl-Route von einem Helikopter geborgen werden können. Bei all dem kommt es aber nicht zum grossen Streit. Die beiden Überlebenden, so scheint es, schreiben sich eine Bürde von den Schultern.

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