«Die Säumer kommen!» Mit Ross und Esel über Grimsel und Griespass

Einst war es ein raues Gewerbe, heute eine neu entdeckte Leidenschaft: In ihrer Freizeit lassen Berg- und Tier­begeisterte die Säumerei vom Vierwaldstättersee nach Ita­lien wieder aufleben.

Für Yolanda aus Sarnen gibt es keinen Zweifel mehr: «Ich werde die nächsten Jahre immer wieder auf diese Wanderung gehen», schreibt sie mir, nachdem ich sie auf der Säumerroute über Grimsel- und Griespass kennengelernt habe: «Mein Schicksal», meint sie. Ihr Grossvater sei Fuhrmann gewesen, wahrscheinlich habe sie seine Gene geerbt. Als ich sie zum letzten Mal gesehen habe, war sie Säumernovizin und führte die Eselin Rosi über die Pässe, ein kleines und zierliches Tier mit einem enormen Dickkopf.

Piemont in Giswil

Seit 2003 ziehen jeden Sommer traditionell gekleidete Gestalten mit beladenen Pferden, Mulis und Eseln vom Vierwaldstättersee nach Domodossola: Sie lassen das alte Handwerk der Säumerei wieder aufleben. Jahrhundertelang hatte man auf diese Weise Waren über die Alpen transportiert. Aus dem einst rauen Gewerbe ist ein Hobby geworden. Oder mehr als das: eine Leidenschaft.

Am Anfang stand eine Stammtischidee: Wie wäre es, selbst einmal zu Fuss über die Pässe nach Italien zu ziehen? Angeregt wurde die Runde von einem überraschenden Fund: Der Heimatschutz von Giswil hatte zuvor bei der Renovierung alter Häuser Elemente piemontesischer Architektur festgestellt.

Historiker forschten nach und stiessen in Archiven auf interessante Dokumente. Sie zeugten von einem regen Kulturaustausch mit Italien. Grund war der Käsehandel: Ab dem späten Mittelalter hatten die Bergbauern in der Innerschweiz und im Berner Oberland begonnen, haltbaren, transportfähigen Labkäse herzustellen – ein Exportschlager. Auf den oberitalienischen Märkten riss man sich um den «Sbrinzo», wie man den Bergkäse dort nannte. Historiker vermuten, dass der Name selbst von der Säumerei zeugt: In Brienz im Berner Oberland wurden die Laibe gesammelt, bevor es über die Pässe nach Italien ging.

Enger Zeitplan

Es war eine beschwerliche Reise, die bei jedem Wetter anstand – bis weit in den Spätherbst hinein. Es gab einen fixen Zeitplan, der nicht nur wegen der Markttage ernst zu nehmen war, sondern auch, weil die Säumer auf den abenteuerlichen, schmalen Pfaden kaum aneinander vorbeikamen. Da konnte es leicht passieren, dass ein Tier stürzte und den ganzen Trupp mit in den Abgrund riss.

Lange brachte der Handel mit Italien Arbeit und Geld in die Täler: Säumer, Sattler, Hufschmiede und Wirte profitierten. Erst die Eröffnung der Gotthardpassstrasse 1830 und die der Gotthardbahn 1882 brachten die Säumerei über Grimsel- und Griespass endgültig zum Erliegen. Bis Enthusiasten über 100 Jahre später die alten Wege neu entdeckten.

Vom Studenten bis zum Zimmermann

Aus der Stammtischidee ist ein regelrechter Virus geworden. Wer einmal mit dabei war, kommt meist im nächsten Jahr wieder. Und nicht wenige packt die Leidenschaft der Säumerei fürs Leben, so wie Yolanda aus Sarnen. Oder Dres aus Meiringen. 2009 ging er zum ersten Mal mit seinen vier Eseln mit. Mittlerweile steht er bei den Säumerkursen mit Rat und Tat zur Seite, verpasst keinen Trek, säumt gar auf eigene Faust. «Wahrscheinlich war ich in einem früheren Leben Säumer», schmunzelt der gelernte Zimmermann.

Es sind Menschen aus unterschiedlichsten Berufen, die sich der Säumerei verschreiben. Städter mit kopflastigem Job, die einen körperlichen Ausgleich suchen. Studenten, die einmal die Natur auf andere Art erleben wollen. Handwerker, die nebenbei noch etwas Landwirtschaft betreiben und ein Reit- oder Tragetier halten. Schreiner Leo aus dem Goms ist zugleich Hüttenwart der Walibachhütte. Sein Freiberger Wallach Mäx hilft ihm, Waren zur Hütte zu schaffen. «Das Erlebnis mit den Tieren schweisst zusammen», sagt Leo: «Es wird einem bewusst, wie wertvoll es ist, seine Heimat zu erhalten und ihr mit Respekt zu begegnen.»

In den ersten Jahren wurde die Route noch zusammen mit Trainsoldaten begangen. «Das lief zu militärisch ab», sagt Daniel Flüehler, damals Tourismusdirektor von Giswil, heute Präsident der Säumer- und Trainvereinigung Unterwalden: «Wir wollten Säumer mit Passion.» Eine gewisse Disziplin brauche es natürlich trotzdem. Ein Grundkurs im Juni ist Pflicht, damit auf dem grossen Trek Ende August alles möglichst reibungslos ablaufen kann.

Wer von den «alten Säumern» mehrere Tiere im Stall stehen hat, verleiht sie an Bewerber, die keine Tiere haben. So kann ein Wanderer auch ohne eigenen Vierbeiner zum Säumer umsatteln. «Man wird gleich wunderbar in die Gruppe aufgenommen», begeistert sich Claire, die zum ersten Mal am Kurs teilnimmt. «Diese Gemeinschaft macht grossen Spass. Jeder ist für den anderen da, hilft, wo er kann.»

«Jedes Tier hat seinen Charakter»

Treffpunkt Engelberg. Der Steilaufstieg zur Brunnihütte gibt schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Anstrengungen der Route. Mensch und Tier müssen hier wirklich fit sein. Denn bei dem Siebentagestrek im August heisst es, ein Tagespensum von bis zu 26 Kilometern zu bewältigen. Die Route verläuft je nach Verhältnissen mal über den Brünig-, mal über den Jochpass ins Haslital, weiter über den Grimsel- und den Griespass zum Samstagsmarkt in Domodossola.

Hinzu kommt das abschnittsweise hochalpine, exponierte Gelände. Die schmalen Pfade sind für den Wanderer vielleicht kein Problem, aber gemeinsam mit einem Vierbeiner sieht es schon wieder ganz anders aus. «Ihr müsst eine Beziehung zu eurem Tier aufbauen», bläut Daniel den Säumernovizen oben in der Brunnihütte bei der Theoriestunde ein: «Beherzt vorangehen, ihm Sicherheit vermitteln. Zaghaftigkeit wird bestraft, dann macht das Tier, was es will.» Einfacher gesagt, als getan. Jedes Tier hat seinen Charakter. So wie der Mensch. Beide müssen sich aufeinander einstimmen. Die neuen Säumer lernen von den erfahrenen: die Handgriffe, damit kein Bastsattel, kein schweres Gepäck verrutscht, das richtige Verhalten, damit sich die Tiere vertragen, und die richtigen Handlungsweisen in Problem­situa­tionen.

Wenn einer nicht weiter will

Yolanda erinnert sich noch lebhaft an einen langen Tag: «Als wir uns endlich dem Etappenziel näherten, legte sich Esel Felipe neben den Weg ins Gras und war nicht mehr dazu zu bringen, aufzustehen. Nach einer Weile, als wir alle geschoben, gestossen, Häppli angeboten, gedroht und geschmeichelt hatten, mussten wir ihn abbasten, das Zeug dort lassen – und dann stand Señor Felipe wieder auf, und wir machten den Endspurt.»

Chrigel berichtet von einem Erlebnis, als sich ein Ross plötzlich flach auf den Boden legte. «Mit Zucker haben wir es wieder auf die Beine gebracht.» Mit ein Grund, warum seither in den Pausen den normalerweise dauerfressenden Vierbeinern neben Heu auch Kraftfutter und Maiswürfel serviert werden.

Längst ist der Säumertrek minutiös durchorganisiert, damit er allen Teilnehmern Spass macht. Die Gefahren, mit denen die Säumer von damals kämpften – abgefrorene Finger oder Zehen, Umherirren im Nebel, Sturz in eine Gletscherspalte –, sind Geschichte. Und doch hallt schon mal ein derber Fluch in den Felswänden wider. Viel öfter aber ein frohes Juchzen – es ist quasi die Buschtrommel.

Käse ist immer noch heiss begehrt

«Die Säumer kommen!», geht es im Val Formazza von Mund zu Mund. Das ganze Dorf rennt zusammen. Mit ihren Packtieren drängen die Säumer durch die Gassen. Den Filzhut keck auf dem Kopf, die Fellweste lässig überm Hemd, als sei es der neueste Trend. Nur die Nagelschuhe haben die Säumer durch moderneres Schuhwerk ersetzt.

«Die Freude in den Augen der Menschen, wenn wir eintrudeln, berührt einfach das Herz», schmunzelt Chrigel, «besonders auf der italienischen Seite.» Ein riesiges Gedränge herrscht dann immer beim Käseverkauf. Jeder will ein Stück ergattern. Insgesamt 250 bis 300 Kilo Käse verteilen sich auf den Packtieren. Schon in Riale, dem obersten Dorf des Val Formazza, sind die ersten 100 Kilo schnell einmal weg. Doch für den Samstagsmarkt in Domodossola muss auch noch etwas übrig bleiben.

Infos und Literatur

Wandern

Die Säumerwoche auf der Sbrinz-Route findet jeweils im August statt.

Kontakt: Geschäftsstelle Förderverein Sbrinz-Route, 6371 Stans, Tel. 041 612 30 55, www.sbrinz-route.ch

Lesen

Jürgen Pachtenfels, Wege der Säumer. Die Sbrinz-Route von Luzern über die Alpen nach Domodossola, Italien, Comenius-Verlag, Luzern 2005

Remigius Küchler, Obwaldens Weg nach Süden. Durch Oberhasli, Goms und Eschental, Obwaldner Geschichtsblätter, Sarnen 2003

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