Die Schächentaler Windgälle

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hanns Ehrismann

( Seegräben ) Um die Jahrhundertwende stand ein Schulbub mit seinem Vater vor dem Telldenkmal in Altdorf. Der Junge durfte eine Wanderung über die damals neu erstellte Klausenstrasse machen. Was die Tellgeschichte dem Knabenalter bedeutet, weiss wohl jeder rechte Eidgenosse. Fast ebenso sehr wie an dem mächtigen Bronzestandbild hingen aber die jungen Augen am auf die Turmwand gemalten Hintergrund mit dem Schächenbach, Bürglen und einem markanten Berg, dessen Name dem Kleinen unvergesslich blieb und dessen Gestalt ihn auch später jedesmal tief beeindruckte, wenn er seiner ansichtig wurde: es war die Schächentaler Windgälle ( 2762 m ). Dort oben in schwindliger Höhe war vielleicht schon der Jäger Teil über die besonders bei Neuschneedeckung auffallenden Bänder dem Waidwerk nachgegangen, wähnte der Bub in seiner Phantasie. Und als er zum Bergsteiger heranwuchs, lockte es ihn nicht wenig, dort oben « in den wilden Gründen des Schächentals auf menschenleerer Spur » zu wandeln und des ersehnten Berges Gemeimnisse auszuspüren.

Aber der erste Angriff missglückte, weil der Nebelfrauen Schleier den Thron des Berggeistes verhüllten. Viele Jahre später sassen wir einst im Spätherbst überglücklich auf der stolzen Burgzinne. Wir hatten sie auf langem Schleichweg « hintenherum überlistet », darum blieb ein Häklein sitzen im Bergsteigergewissen: diese Scharte sollte ausgewetzt werden.

Kürzlich nahten wir der stolzen Schächentalerin ( wieviel hübsche Mädchen gibt 's doch in diesem Tal !) vom Ruosalper Kulm her über den Grat. Die mächtige Fluh, die das Bergmassiv im Osten, Süden und Westen umgürtet, ist dort niedriger und durch ein steiles Couloir über Erwarten leicht zu erklimmen. Im Urner Klubführer steht zu lesen von « schwieriger, exponierter Kletterei ». Das ist vielleicht übertrieben. Für nur einigermassen geübte Berggänger ist ohne Seilsicherung durchzukommen, denn der Fels ist gut gestuft und die Neigung wird nach oben immer geringer. Ehe man denkt, ist die Steilstufe überwunden, und man steht auf dem weiten Plateau, auf dem der stotzige Gipfelaufbau aufsitzt. In vergnüglicher Schneewanderung streben wir dem Südgrat entgegen. Merkwürdigerweise ist schon Besuch da; ausser uns noch zehn Personen, die sich bereits anseilen zum steilen Gang. Das hat nun freilich eine unangenehme Seite: die Steinschlaggefahr! Denn ich weiss, dass auf dieser Route viel loses Zeug herumliegt. Rucksack, Pickel und Bergschuhe werden in Felslöchern verstaut. Wie sicher und leicht geht es doch in den Kletterfinken über die schmalen, guttrittigen Bändchen! Aber wie wir uns der Rinne nähern, klatschen um uns schon die ersten Steingrüsse der Vorausgegangenen. So eilig als möglich verlassen wir daher diesen gefährlichen Sammelkanal und gewinnen die Felsen rechts. Unter der « Platte » müssen wir notgedrungen den engen Schlupf überwinden, um nachher wieder DIE SCHÄCHENTALER WIND GALLE seitwärts der Hauptroute anzusteigen bis zum obern Kamin, der den Zugang zum Kriechbändchen bildet. Damit sind wir schon am Ende der Kletterei, und über leichten Fels wird der Gipfel erreicht.

Trotz der hochliegenden Wolkendecke, die uns die Sonne sperrt, ist die Sicht in alle Weiten über die Massen herrlich! Besonders auf die vielen Seen und die Dörfer im Mittelland; und dann, wenn " wir uns umwenden, zur gewaltigen Südmauer des Schächentals mit Clariden- und Kammlistock, dem. Scheerhorn, dem Gross Rüchen und der Grossen Windgälle. Welch Glücksgefühl in unsern Herzen, dass der Tag trotz der nächtlichen Regenschauer sich so gut anliess!

Aber dem stetsfort eiliger von Westen heranfahrenden dunklen Gewölk ist doch nicht so recht zu trauen; darum müssen wir unsere Schaufreude kürzen und den Abstieg beginnen. Leider kommt die grosse Gesellschaft dicht hinter uns, und wir haben mehrmals bedrohliche Steinfälle über uns ergehen zu lassen. Aber das Glück bleibt uns treu und keiner wird schlimm getroffen. Immerhin müssen wir die Nachrückenden einmal energisch zum Halten rufen.

Unten am Fuss der Wand entziehen wir uns im Eiltempo weiteren Gefahren, indem wir über die Schulter bis an ihr Südende ausweichen. Dort ist der Tiefblick ins grüne Schächen- und Reusstal von seltener Eindrücklichkeit. Wir könnten nun ohne weiteres den Rückweg kurz gestalten und unserer Aufstiegsroute folgend zum Ruosalper Kulm und zur Klausenstrasse zurückkehren; aber die Lockung, den Berg noch näher kennen zu lernen, ist grosser, und so wenden wir uns dem sehr breiten, abschüssigen Südband zu, dem wir dicht der obern Wand entlang « um alle Ecken » folgen und dann dje Schutthalde hinab zum Mettener Butzli gelangen. Vor zehn Jahren erschien mir der Pfad dorthin noch viel besser ausgeprägt zu sein als heute. Ist wohl die Schächen talerin etwas in Vergessenheit geraten — zu leicht befunden? Hoffentlich nicht; aber der früher Mode gewesene Aufstieg von Urigen über das Mettener Butzli und das Südband ist eben doch zu schuttreich! Erst auf der Schulter oben beginnt die herrliche, gar nicht schwierige Kletterei.

Wir sind nun, nachdem wir fast zu allerletzt nochmals durch fallende Steine erschreckt wurden, in der Geborgenheit der Weidregion mit ihrer in, diesem nassen und rauhen Sommer ( 1948 ) trotz der vorgeschrittenen Zeit — Ende August — noch so verschwenderisch üppigen Blumenpracht. Nach der Rast bei einem Weidbrunnen ziehen wir heiteren Sinnes unter dem « Axen » durch nach der lieblichen Ansiedelung « Heidmannsegg », wo die Frauen im Sonntagsstaat auf dem Ausguck sitzen, während die Mannen emsig das Heu einbringen. Es ist leider sehr spärlich damit bestellt heuer, berichtet uns ein daherkommender Hirt. Auf der Alp Käsern nehmen wir Abschied von Mutter Arnold, die uns so freundliche Herberge gab. Im Hotel sei heute Kilbitanz, « e scheeni Müüsig », meint sie, und ihre Augen leuchten jugendfroh. Eine halbe Stunde später sitzen wir in den Polstern unseres « Fiat », der uns über die Passhöhe, an ungezählten Vehikeln und Ausflüglern vorbei, schon am frühen Abend in die Heimat zurückbringt.

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