Die Schweiz auf einer Linie Thomas Ulrich wiederholt die Direttissima

Mit seiner Direttissima hat Thomas Ulrich der Schweiz eine erstaunlich wilde Seite abgerungen: Dank einer schnurgeraden Linie quer durchs Land.

Auf den Gedanken muss man erst kommen: einem geraden Strich entlang durch die Schweiz zu spazieren, egal, was gerade so da ist an Tälern, Dickicht, Bergen, Felswänden, Seen und Flüssen. Erfunden hat diese sogenannte «Direttissima Schweiz» nicht Thomas Ulrich, sondern eine Gruppe Bergsteiger um den Berner Markus Liechti, die 1983 auf einer direkten Linie die Schweiz durchquerten. Teenager Thomas, der zu der Zeit seine ersten Kletterabenteuer unternahm, hätte sich nicht träumen lassen, dass er selber irgendwann zu den bekanntesten Bergsteigern und Abenteurern der Schweiz gehört. Was beim Kraxeln im Klettergarten begann, führte bald zu immer höher gelegenen Gipfeln. Aus dem Zimmermann Ulrich wurde ein Bergführer und Gleitschirmpionier, ein Bergfotograf, der sich schnell einen Namen machte. Er unternahm Expeditionen an alle möglichen Orte der Welt, Patagonien, Nepal, Grönland, die Inselgruppe Franz-Josef-Land und immer wieder zum Nordpol. Die Direttissima-Idee hing dabei stets irgendwo, als imaginäre Notiz, an der inneren Pinnwand.

Gletscherabbrüche und Geröll

Im Juli 2017 packte Thomas Ulrich das lange gehegte Schweizer Projekt an und wiederholte die Direttissima. Wie die Vorgänger 34 Jahre zuvor startete er im Vallée de Joux und folgte dem Kilometer 1160 auf der Landkarte nach Osten, über 330 Kilometer und 45 000 Höhenmeter, in einem wilden Auf und Ab quer durch die Schweiz – immer geradeaus. Zur Auflage gehörte, höchstens 500 Meter nach links oder nach rechts von der Linie abzuweichen, mehr nicht. Anders als die 1983er-Gruppe schaffte es Ulrich, kein einziges Mal den Sektor zu verlassen. Es kostete ihn an schwierigen Stellen aber einiges. «Normalerweise sucht man in den Bergen eine logische Linie», erklärt er. «Ich aber war durch meinen Sektor gezwungen, völlig unlogische Routen zu wählen.» Schon in den Voralpen musste er unangenehm steile Grashalden durchqueren, einige Abschnitte konnte er mit dem Gleitschirm überfliegen. Besonders anspruchsvoll wurde es etwa am Mittellegigrat, den er schräg überquerte, oder am Schreckhorn, das einen haarsträubenden Abstieg für ihn bereithielt – mitten durch Gletscherabbrüche hinunter auf den Lauteraargletscher. Im Bündnerland biss sich Ulrich fast die Zähne aus an Geröllhalden und brüchigen Felspassagen. Etwa die Hälfte der ganzen Direttissima-Zeit bewegte er sich in Absturzgelände. «Ich war erstaunt, zu sehen, wie wild die Schweiz teilweise noch sein kann», sagt er rückblickend. In den vier Wochen begegnete er nur einer Handvoll Menschen. Im Unterholz, abseits der Wege, traf er selten auf Hirten, Älpler oder Fischer, viel häufiger auf Gämsen, Steinböcke und Hirsche.

Unterwegs auf Gämspfaden

Trotz der Herausforderungen barg die Direttissima für Thomas Ulrich viel Genuss. Es waren denn auch die Erlebnisse in der Natur, die er suchte, und nicht unbedingt nur die sportliche Leistung. «Nach all meinen Expeditionen fand ich es faszinierend, längere Zeit in der Schweiz unterwegs zu sein», begründet er sein Unternehmen. Besonders freute sich der Abenteurer über die persönlichen Empfindungen auf dem Trip. Obwohl er das nicht so kalkuliert hatte, merkte er plötzlich, wie viele seiner unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenspielen. «Im abschüssigen Gelände profitierte ich vom vielen Herumkraxeln in früheren Jahren», stellte er fest. Die 32 Jahre als aktiver Gleitschirmpilot erlaubten es ihm, an schwierigen Stellen zu starten oder zu landen und seinen Weg so manchmal etwas abzukürzen. Als Jäger schliesslich hatte er viel über das Verhalten der Tiere gelernt. In einigen heiklen Passagen fand er Gämsenpfade, die einen Durchschlupf ermöglichten. Am wichtigsten aber sei, so findet Ulrich, dass er sich selber besser kenne und sich auf seine Gefühle und Einschätzungen verlassen könne. «Eigentlich», sinniert er, «müsste ich jetzt Gas geben. Mein Erfahrungsschatz ist kompletter als damals …»

Mit «damals» meint Ulrich sein gros­ses Projekt Arctic Solo, mit dem er im Jahr 2006 scheiterte. Jahrelang hatte er sich darauf vorbereitet, die 2000 Kilometer von der russischen bis zur kanadischen Küste zurückzulegen, alleine und ohne jegliche Unterstützung von aussen. Schon nach wenigen Tagen fand er sich im Sturm auf einer zerbrechenden Eisscholle wieder, geriet in Lebensgefahr und musste gerettet werden. Die dramatischen Tage und Stunden auf dem Eis brachten Thomas Ulrichs gesamtes Leben durcheinander. Die Journalistin Birgit Lutz schildert jene Tage im März 2006 und die Zeit danach im kürzlich erschienen Buch Schwarzes Wasser. Vier Tage gefangen im ewigen Eis. Sie zeichnet Thomas Ulrichs Gedanken und Gefühle nach und zeigt, wie damals nicht nur die Eisscholle zerbrach, sondern ein ganzes Lebenskonstrukt. Heute sagt Thomas Ulrich: «Ich war gezwungen, endlich ehrlich zu sein gegenüber mir selber.» Vieles nahm in den darauf folgenden Jahren einen anderen Lauf, er trennte sich von der Mutter seiner drei Töchter und lebt heute mit seiner neuen Partnerin in Beatenberg. Er geht auf die Jagd, kümmert sich um die eigenen Hühner und Bienen, isst Pilze aus dem Wald und Gemüse aus dem Garten.

Es dauerte, sich von den Diskussionen zu distanzieren, ob es richtig sei, als Vater auf Expeditionen zu gehen, ein derart «egoistisches» Leben zu führen. Noch schwieriger war es, eine Antwort zu finden, ob er das Projekt in der Arktis noch einmal versuchen sollte oder nicht. 2007 gelang ihm zusammen mit Børge Ousland eine Expedition durch die Arktis. Sie starteten am Nordpol und folgten während fast vier Monaten den Spuren des einstigen Polfahrers Fridtjof Nansen, quer übers Eis, durch die Inselgruppe Franz-Josef-Land und schliesslich mit dem Segelschiff bis nach Norwegen. Für dieses Projekt wurden die zwei mit dem Preis «Adventurers of the Year 2007» des Magazins «National Geographic» ausgezeichnet. Ulrich reiste mehrmals an den Nordpol, oft auch mit Gästen.

Es dauerte, bis ihm 2015 endlich klar war: Er legt Arctic Solo auf Eis. Heute sagt er: «Ich bin sehr gerne unterwegs, mache kreative Dinge wie die Direttissima, aber es dreht sich nicht mehr alles nur um Erfolg und Leistung.» Am liebsten, sagt er, lebe er einfach in und mit der Natur, so wie auf seiner unwegsamen Schweizer Reise.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Auf dem Kilometer 1160

Eckdaten: 330 km, 45000 Hm, 27 Tage

Ausrüstung: Bergwander- und Hochtourenausrüstung, Gleitschirm

Buch über Thomas Ulrich

Thomas Ulrich und Birgit Lutz, Schwarze Wasser, vier Tage gefangen im ewigen Eis, DuMont True Tales, 2017

Feedback