Die Trophée des Gastlosen Herausforderung der surrealen Art

Die Trophée des Gastlosen ist ein Klassiker der Skitourensaison. 2300 Höhenmeter sind an sich schon anstrengend genug. Zum Erlebnis machen sie der Aufstieg durch das Grat-Couloir und die Abfahrt von der Wandflue.

Nein, bei Temperaturen bis –25 Grad ist ein Rennanzug nicht die richtige Bekleidung für eine Skitour. Dachte ich mir. Und stehe schlotternd am Start der Trophée des Gastlosen in Jaun (FR). Selbstverständlich im Rennanzug, wie die meisten der 1200 anderen Teilnehmer. Bei der Ausrüstung werden in der Westschweiz keine Kompromisse gemacht, auch in den hintersten Starträngen ist fast nur ultraleichtes Material zu sehen. Wer eine Fritschi-Bindung und herkömmliche Tourenski über die 2300 Höhenmeter schleppt, macht auf Nostalgie. Oder stammt aus der Deutschschweiz.

 

 

Superleichte Tourenschuhe

 

Um Viertel nach acht fällt zur Filmmusik von Rocky der Startschuss. Mein Kumpel Stefan und ich wollen nicht in Anfangshektik verfallen und dank gleichmässigem Rhythmus das Feld von hinten aufrollen. Bereits nach einer Viertelstunde ist der Plan im Eimer. Stefan, der erfahrene Rennläufer, hat seinen neuen superleichten Tourenschuh nicht richtig eingestellt. Die Schnalle fällt auseinander, und bis wir den Schaden behoben haben, ist fast das gesamte Feld an uns vorbeigezogen. Mühsam kämpfen wir uns nach vorne, ziehen an den Hütten von Pilarda vorbei – und sehen plötzlich das Grat-Couloir vor uns. Der Anblick ist surreal: Im Zickzack schlängeln sich die Rennläufer zum Fuss des Couloirs hoch, durch das zwei parallele Trittspuren nach oben führen. Aus der Distanz meint man, auf eine Ameisenstrasse zu blicken.

 

Die richtige Kolonne erwischt

Im Anstieg zum Couloir kommt es zum Stau. Vereinzelt wird versucht, neben der Spur zu überholen. Der Neuschnee vereitelt solche Manöver rasch. Irgendwie habe ich eine schnellere Kolonne erwischt. Als ich am Ende des Couloirs bin, fehlt von Stefan jede Spur. Ich hüpfe von einem Bein aufs andere und warte. Nach ein paar Minuten trifft auch Stefan ein, wir hasten zum Kulminationspunkt auf 1935 Metern und schnallen die Ski an. Was folgt, ist eine Abfahrt, wie man sie aus Luis-Trenker-Filmen kennt: Hunderte Skifahrer, die im Tiefschnee zu Tal brettern. Nicht alle kommen mit dem leichten Skimate-rial klar, manch einen haut es um. Abgesehen von einer ausgerenkten Schulter sind jedoch keine grösseren Verletzungen zu verzeichnen.

Unten in Abländschen ziehen wir die Felle auf und nehmen die nächsten 400 Höhenmeter in Angriff. Während der Abfahrt haben wir Plätze gut gemacht, aber der grosse Rückstand lässt sich nicht mehr aufholen. Es bleibt Zeit, die Freiburger Voralpen zu betrachten und die nächste Abfahrt fast schon zu geniessen. Die folgenden 500 Höhenmeter zum Wandflue-Gipfel haben es in sich. Die Kälte zehrt an den Energiereserven, und bei mehreren Teams zieht der Vordermann seinen Kameraden am elastischen Seil nach. Diese Praxis wird nach dem Rennen in Internetforen kritisiert: Einzelne Läufer fühlen sich durch die Seile behindert, andere finden es grundsätzlich fraglich, wenn jemand derart am Limit laufe, dass er sich ziehen lassen müsse.

 

Tourenzähler im roten Bereich

Da sich Stefan meinem langsameren Rhythmus anpasst, können wir auf das Seil verzichten. Die Strecke zieht sich in die Länge, und die Erleichterung ist gross, als wir auf dem 2132 Meter hohen Gipfel stehen. Die folgende Abfahrt erweist sich als ausgesprochen sportlich: Nach ein paar Schwüngen müssen sich alle Läufer einreihen, um am Seil das vereiste Wandflue-Couloir runterzurutschen. Alles geht reibungslos – wenngleich die Stelle die Schwierigkeitslimite wohl ausreizt, die bei Volksläufen vertretbar ist. Unten in Petit Mont ziehen wir zum letzten Mal die Felle auf. Nochmals sind 400 Höhenmeter hinauf zum Chalet de Soldat zu überwinden, und der eigene Tourenzähler dreht im roten Bereich. Umso sympathischer fällt der Empfang durch die Hunderten Zuschauer am Soldatenhaus aus. Gut zu wissen, dass es von hier aus nur noch runtergeht.

Die Abfahrt auf der Alpstrasse Richtung Jaun ist eine Freude, fordert aber Konzentration. Anders als bei alpinen Rennen sind Felsvorsprünge und Stützmauern nicht gesichert – die Organisatoren setzen auf Eigenverantwortung und behelmte Köpfe.

 

 

Früh anmelden und trainieren

Nicht weit vom Startgelände entfernt überqueren wir die Ziellinie und beschliessen die Umrundung der Gastlosen. Die Trophée, die auf eine Idee des verunglückten Freiburger Alpinisten Erhard Loretan zurückgeht, ist zu Recht ein Klassiker im Skialpinismus. Wer teilnehmen will, sollte sich früh um einen der begehrten Startplätze bemühen, seriös trainieren – und endlich das leichte Material kaufen, mit dem er schon lange liebäugelt. Denn wer gelegentlich an einem solchen Rennen startet, kann später die langen Skitouren so richtig geniessen. Und darum geht es ja eigentlich.

Feedback