Die Wildstrubelhütten

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1 Die neue Wildstrubelhütte 2Weisshorn, Wildstrubel, Alteis, Balmhorn; rechts der Glacier de la Plaine-Morte 3Die alte Wildstrubelhütte; links der Rohrbachstein Photos P. Zwahlen, Photohaus Lenk « Ich habe ein Telegramm für Sie. Würden Sie bitte unterschreiben - hier! » Sie sucht ihre Brille, kann sie in der Eile nicht finden; einerlei, unterschreibt ohne Brille, hastig, so gut es geht, und gibt dem Mann ein Trinkgeld, viel zuviel für ihre bescheidenen Verhältnisse.

Nun hält sie das Telegramm in ihrer Hand. Sie weiss genau, was in diesem Telegramm stehen wird, zwei Worte nur: « Eigergipfel erreicht » und dazu « Günther ».

« Günther », denkt sie, « Günther », und sieht ihn vor sich, wie er im wütenden Schneesturm auf dem Eigergipfel steht und eben den Eispickel in den tiefen, festgefrorenen Schnee rammt, Günther in seinem blauen, wattierten Anorak, den sie ihm zu Weihnachten gekauft hat, dem gelben Helm, der ihn vor Steinschlag geschützt hat. Zweiundsiebzig Stunden in dieser furchtbaren Wand; völlig erschöpft ist er - und dabei doch glücklich, ja, seine Augen strahlen - die Wand, die i 1800-Meter-Wand, er hat sie bezwungen.

Hier ist die Brille. Ihre Hände zittern.

Sie faltet das Telegramm auseinander - liest:

« Zweites Staatsexamen bestanden, Günther! »

Die Wildstrubelhütten

Peter Ritzmann, Zug Lenk im Simmental ( Berner Oberland ) ist im Süden von einem wuchtigen Gebirgszug begrenzt. Die Bewohner dieses Sommer- und Win-terkurortes gaben dem sich bis über 3000 Meter hinaufschwingenden Gebirge vermutlich Mitte des 18.Jahrhunderts den Namen der « Wilde Strubel », der « Grosse Strubel », später auch einfach « Strubel » oder « Breiteis ». Daraus entstand schliesslich der heutige Name « Wildstrubel ». Diese Bezeichnung dürfte auf die düsteren und steilen Felswände zurückzuführen sein. Für den Wanderer wirken die Abstürze gebieterisch, doch findet er schon in den unteren Regionen einige sehr schöne Ausflugsmöglichkeiten, wie die Simmenfälle, das einzigartig gelegene Fluhseeli, den Rawilpass usw.

Die Wildstrubelhütten, auf 2793 Metern Höhe, sind für die Alpinisten ein gut geeigneter Ausgangspunkt für leichtere Ski- und Klettertouren. Sie liegen auf dem Punkt 602270/136800 und sind, allerdings nur im Sommer, von Iffigen aus ( Endstation für Automobilisten ), über den sich in steilen Kehren hinaufwindenden Rawilpassweg gut erreichbar. Kurz vor der Passhöhe zweigt der Weg links ab und führt in südöstlicher Richtung bei den Weisshornseelein vorbei zu den Hütten. Der Winteraufstieg führt von Montana aus durch den Plan des Roses.

Der Sommerweg ist gut ausgebaut, was aber nicht heissen will, dass man ihn mit Fussballschu-hen begehen soll wie jene Leute, die mir so begegnet sind und die sogar noch im Sinn hatten, am anderen Tag über den Glacier de la Plaine-Morte den Westgipfel des Wildstrubels zu besteigen.

Ich habe von « Hütten » in der Mehrzahl gesprochen. Es gibt tatsächlich deren zwei. Warum? Es ist sicher nicht alltäglich, dass zwei Hütten des SAC sich am gleichen Ort befinden. Wie es dazu gekommen ist, soll folgende Darstellung kurz erläutern:

Genau genommen heissen die beiden Hütten Rohrbachhaus - die südlicher gelegene — und Wildstrubelhütte - die nördlicher gelegene. Der Einfachheit halber nennt man die beiden Hütten zusammen die Wildstrubelhütten.

Zuerst wurde im Jahre 1902 die Wildstrubelhütte an einem etwas höher gelegenen Standort als heute erstellt. Damals diente sie als Jägerhütte, denn um die Jahrhundertwende war der Beruf des Hochgebirgsjägers noch häufiger vertreten als heute. 1908 erstellte man das Rohrbachhaus an seinem heutigen Platz. Später, als sich infolge des immer mehr aufkommenden Skitourismus die Neuerstellung der Wildstrubelhütte aufdrängte, wählte die Sektion Bern des SAC den neuen Bauplatz direkt neben dem Rohrbachhaus, zumal die alte Lage etwas exponiert war.

1Am Einstieg zum Bergseeschijen-Südgrat. Unten die neue Bergseehütte und der Stausee 2Kletterei am Bergseeschijen-Südgrat Photos Eberhard Kress, Tübingen ( D ) Nun aber zu den hauptsächlichsten Tourenmöglichkeiten:

Unmittelbar oberhalb der Hütten befindet sich das Weisshorn ( 2948 m ), der Hausberg der Wildstrubelhütten, der in einem 25 minütigen Schneemarsch leicht zu besteigen ist. Diesen Aussichtspunkt können sich also auch alpinistisch ungeübtere Wanderer zumuten. Auf dem Gipfel befindet sich eine militärische Station.

Etwas länger ist der Weg zum Rohrbachstein ( 2950 m ); aber auch er ist samt Hüttenweg durchaus in einem Tag zu bewältigen. Der Weg führt von den Hütten aus zuerst über einen Firn; der eckige Felskopf, der von Lenk aus gut sichtbar ist, wird am besten von Süden her in sehr leichter Kletterei überwunden ( im Winter unterhalb des Felsens Skidepot ). Wenn das Wetter gut will, geniesst man eine prachtvolle Sicht auf den Walliser Alpenkranz, und auch nordwärts öffnet sich dem Alpinisten ein sehr schönes Blickfeld: die Berner Oberländer Alpen.

Der Wildstrubel ( 3243 m Westgipfel ) eignet sich eher für Frühlingsskitouren; doch sind die folgenden Angaben praktisch das ganze Jahr anwendbar. Dieser Berg kann entweder von Osten ( Adel- boden ) bestiegen werden oder von Norden über das Fluhseeli als anspruchsvolle Klettertour ( nur im Sommer ). Bei der dritten Möglichkeit sind wieder die Wildstrubelhütten der ideale Ausgangspunkt. Von hier aus führt ein kleines Weglein über den tiefsten Sattel am Südfuss des Weisshorns in etwa eineinviertel Stunden über den Glacier de la Plaine-Morte zum Einstieg des Strubels. Er befindet sich am Südostfuss des zum Westgipfel ansteigenden Südwestgrates. Von dort führt links neben einigen auffallend gelblichen Felsköpfen eine Wegspur in anderthalb Stunden auf den Westgipfel; das macht also von den Hütten aus insgesamt etwa zweidreiviertel Stunden. Diese Tour wird unter normalen Verhältnissen allgemein als leicht bezeichnet. Der Aufstieg wird im Winter durch eine prachtvolle Hochgebirgsabfahrt belohnt. Auf dem Rückweg wählt man mit Vorteil die Route nach Adelboden.

Das Gletscherhorn ( 2943 m ), einen wuchtigen Felsklotz, besteigt man von den Hütten aus über den Glacier de la Plaine-Morte ( siehe Wildstru-belroute ), zweigt aber nach etwa i,6 Kilometern nach dem Sattel des Weisshorns nach links ab, um das Westende der Südostwand des Gletscherhorns zu erreichen. Den dort befindlichen Gletschertrichter lässt man im Westen liegen und steigt über die Südostwand, später über den Südostgrat dem Gipfel zu. Die ganze, sicher lohnende Tour dauert nur etwa anderthalb Stunden.

Westlich der Wildstrubelhütten befindet sich das Mittaghorn ( 2686 m ), dessen Besteigung vom Rawilplateau aus geht. Von dort ist der Gipfel über die Südflanke durch viel Geröll in anderthalb Stunden leicht erreichbar. Der Aufstieg bietet aber nicht allzuviel. Im Winter und Frühling ist das Mittaghorn sicher lohnender als im Sommer, kommt man doch in den Genuss einer schönen Abfahrt.

Wie der Leser sicher selbst anhand dieser kurzen Routenbeschreibungen bemerkt hat, gibt es von den Wildstrubelhütten aus praktisch keine schwierigen Touren. Trotzdem ist dieses Gebiet für den Tourenfahrer, welcher den übervölkerten Pisten entfliehen will, äusserst interessant, und dem angehenden Bergsteiger stehen hauptsächlich im Sommer viele Möglichkeiten offen.

Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch für anspruchsvollere Bergsteiger von Lenk aus einige recht schwierige Sommerrouten vorhanden sind. Es seien hier nur die Wände des Wildstrubels über dem Fluhseeli und das Einzugsgebiet der Wildhornhütte erwähnt.

Auf das Schneehorn, das Tothorn, Les Faverges und das Wetzsteinhorn wurde nicht eingegangen, weil sie recht selten von den Wildstrubelhütten aus bestiegen werden.

Karten- und Führermaterial:

Landeskarte der Schweiz i :50000, Blatt 263 Wildstrubel.

Führer des SAC Sektion Bern, Berner Alpen Bd. 1.

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