Durch's Montavon

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Von O. r. Pfister.

Durch's Montavon ( Piz Buin 3327 m, Valüllaspitze 2810°, Fluchthorn 3396 ». ) Die Vorarlberger Bahn hat dem Bergfreunde eine Landschaft eigentlich erst neu erschlossen und zugänglicher gemacht und zwar der schönsten eine. Wenn der Wanderer beim Kloster zu St. Peter im Brunnfeld unweit hinter Bludenz die grosse Heerstrasse nach dem Arlberg verlässt und rechts abzweigend den schmalen Fahrweg durch das dichte niedrige Gehölz der 111-niederung verfolgt, so vermeint er wohl, wenige Minuten nachdem er die altersschwache Brücke über die Alfenz überschritten und mit leisem Grauen den amtlichen Anschlag gelesen hat, dass derselben mehr als dreissig Zentner Last nicht zugemuthet werden dürfen, da zu sein, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Aber wenn auch mühsam dem Bachbett abgerungen und zweimal auf leichten Brücken das Ufer wechselnd, weiter und weiter windet der Weg sich durch die Thalenge, bis plötzlich hinter dem in Kirschbäumen ge- betteten Weiler Lorüns die Coulissen sich auseinander thun und der liebliche Thalkessel des Montavons vor dem überraschten Beschauer sich ausbreitet.

Das Wahrzeichen des Montavons ist der Kirschbaum. Die staubige Landstrasse, den schmalen Wiesenpfad und das trauliche, meist in altem Schweizerstyl erbaute Heimwesen des Montavoners hüllt er gleich liebevoll in seinen Schatten. Das aus seinen eigenthümlich kleinen, würzigen Früchten erzeugte gebrannte Wasser erfreut sich eines Rufs, der weit über die Grenzen seiner Heimath geht.

Hoch an den Halden der Berge liegen noch zahlreiche Häuser hingestreut. Darüber zieht sich eine Zone von dunkelm Laub- und Tannenwald und noch höher erscheinen schöngeformte, alpengrüne Berggipfel, da und dort durch die Lücke eines Hochthals die Durchsicht auf die schneeigen Häupter des Rhätikons gestattend. Zwischen freundlichen Ortschaften hindurch fliesst frisch rauschend die Ill, besäumt von dichten, silbergrünen Weidengebüschen.

Ein liebenswürdiges, intelligentes Völkchen bewohnt diese reizende Thalschaft. Grundverschieden in Typus und Sprache, in Tracht und Sitte von seinen Nachbarn im Bregenzerwald und im Prättigau, fordert es in mehr als einer Beziehung zu gründlicherem Studium und eingehenderer Schilderung auf.

Den Rahmen unserer Arbeit würde jedoch eine solche weit überschreiten. Möge bald eine Feder, wie diejenige Steub's oder Osenbrüggen's, das auch in rechts-und kulturhistorischer Beziehung interessante Land einer umfassenderen und geistvollen Behandlung würdigen.

10 Noch vor zehn his fünfzehn Jahren betrat nur-selten ein Tourist dies schöne Revier. Begreiflicher WeiseMusste er doch meist erst die trostlose Ebene der Bregenzer Aach und des Rheins durchwandern, ehe er an die Pforte des Montavon kam. Heute ist es mit Hülfe der Bahn und der etwas bessern Postverbindung zwischen Bludenz und Schruns möglich, in einem Tage den ganzen Weg vom Bodensee durch 's Montavon bis auf die Tyroler Grenze am Zeinisjoch oder der Bielerhöhe zurückzulegen.

In den letzten Jahren hat denn auch der Fremdenbesuch etwas zugenommen. Die schon früher meist sehr reinlichen, gastfreien Herbergen haben sich vergrössert und verschönert und genügen jeder billigen Anforderung. Trotzdem ist auch jetzt noch die Zahl der das Montavon besuchenden Fremden verhältnissmässig gering und dasjenige, was man « Fremdenindustrie » nennt, herrscht noch nicht in jenen seligen Gefilden.

Wie schon angedeutet, bietet das Montavon speziell dem Bergsteiger besondere Vortheile als Ausgangsgebiet, nicht nur für die Kette des Rhätikon, dessen Gipfel meist auf leichterem und interessanterem Wege von hier aus zu ersteigen sind, als von der steilern Prättigäuer Seite, sondern insbesondere auch für den Besuch der Silvrettagruppe, welche bisher fast ausschliesslich nur in der Richtung von Klosters nach dem Unterengadin begangen wird.

In letzterm Falle wird der von Norden und Westen kommende Besucher entweder weit von seiner Rückzugslinie abgedrängt, die er nur auf weiten Umwegen wieder erreicht, oder er muss denselben Weg hin und zurück machen. Von den Stationen der Ostschweiz aber gelangt man in derselben Zeit durch 's Montavon nach der Silvrettagruppe, wie durch 's Prättigau, und es empfiehlt sich der reichen Abwechslung wegen, den einen der Wege durch das erstere Thal zu machen.

In gerechter Würdigung dieser Verhältnisse hatte die Berliner Sektion des D. u. Œ. A.V. den Gedanken gefasst, eine Clubhütte in einem der nördlichen Hochthäler der Silvrettagruppe zu erbauen und deren Vorstand, Herr Dr. Scholz, bereiste-selbst das betreffende Gebiet. Dies gab Herrn Madiener, Vorstand der Sektion Vorarlberg, und einigen Bekannten, worunter auch meine Wenigkeit, Veranlassung, mit dem Berliner Vereinsgenossen eine gemeinsame Fahrt in die Silvrettagruppe zu verabreden.

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