Eile ohne Weile
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Eile ohne Weile Präakklimatisation zu Hause

Wer zu schnell zu hoch aufsteigt wird krank – diese Bergsteigerregel gilt nur noch bedingt. Ein neuer Trend verlegt die Akklimatisation des Körpers ins heimische Schlafzimmer und rückt den Gipfel näher.

«In drei Wochen auf den Mount Everest und zurück». Dieses Versprechen geben kommerzielle Tourenanbieter einem immer grösser werdenden Publikum. Möglich macht solche Expressbesteigungen eine Akklimatisation zu Hause. Wer fünf oder mehr Wochen statt im Bett in einem Zelt schläft und dabei sauerstoffarme Luft atmet, kann schneller aufsteigen und spart viel Zeit.

Wer sich unvorbereitet und schnell auf Höhen über 3000 Meter begibt, riskiert, wegen der reduzierten Sauerstoffmenge, höhenkrank zu werden. Je höher man steigt, desto länger braucht der Körper, um sich an das veränderte Sauerstoffangebot zu gewöhnen und sich so vor Krankheiten wie Lungen- und Hirnödem oder vor Leistungsabfall zu schützen. Wegen der langen Akklimatisationszeit dauern Expeditionen in ganz grosse Höhen in der Regel acht oder mehr Wochen.

«Den Genuss von Alpengipfeln steigern»

Um die Akklimatisationszeit zu verkürzen, wird in einem Akklimatisationszelt das Sauerstoffangebot nach und nach reduziert, bis sich der Körper in der gewünschten Höhe wähnt und seinen Stoffwechsel entsprechend angepasst hat. «Mit diesem Trick lässt sich der Zeitaufwand zum Beispiel für eine Everest-Besteigung fast halbieren», sagt der Berner Expeditionsbergführer Kari Kobler. Er war bereits erfolgreich mit Gästen «express» am Everest unterwegs und meint: «Mit vorakklimatisierten Gästen gehts nicht nur schneller, sondern auch einfacher.»

Sport- und Höhenmediziner Urs Hefti von der Swiss Sportclinic in Bern hat die Präakklimatisation im vergangenen Herbst erfolgreich am 6814 Meter hohen Ama Dablam in Nepal getestet. Er glaubt an die medizinischen Vorteile dieser neuen Methode und sagt: «Die Präakklimatisation ermöglicht nicht nur schnellere und teilweise angenehmere Gipfelerfolge, sondern auch sicherere.»

Ob sie sich auch für Touren und Gipfel in den Alpen aufdränge, sei schwierig abzuschätzen. Klar sei aber, dass es auch in den Alpen akklimatisationstechnisch herausfordernde Touren gebe. Urs Hefti denkt zum Beispiel an die häufig begangene sogenannte Spaghetti-Route mit einer ersten Übernachtung auf 3000 Metern und einer letzten Übernachtung auf 4554 Metern auf der Margherita-Hütte. «Durch eine Vorakklimatisation zu Hause könnte der Genuss auf dieser Tour sicher gesteigert und die Zahl jener Patienten, die mit Höhenkrankheiten von der Margherita-Hütte ausgeflogen werden müssen, reduziert werden.»

«Keine Zeit für Land und Kultur – das ist definitiv schade»

Trotzdem mahnen andere Höhenmediziner auch zur Vorsicht. Forscher und Intensivmediziner Matthias Hilty vom Zürcher Universitätsspital sagt, für eine vorbehaltlose Empfehlung des Systems sei es noch zu früh. «Erste Erfahrungen sind zwar positiv, für eine abschliessende Beurteilung fehlen aber zuverlässige wissenschaftliche Daten.» Noch sei etwa nicht klar, ob und allenfalls welche Vorerkrankungen eine Prä-akklimatisation schwieriger oder gar unmöglich machen würden.

Die Entscheidung ist jedem selbst überlassen, es drängen sich aber auch ethische Fragen auf. Expeditionsbergführer Kari Kobler sagt: «Wer ‹express› geht, hat weniger Zeit, um sich mit der Kultur in einem Land und mit den Menschen dort auseinanderzusetzen, und das ist definitiv schade.»

Akklimatisation ist auch eine mentale Vorbereitung

Differenziert betrachtet auch Marcel Kraaz, Ressortleiter Breitensport beim SAC, die Präakklimatisation. Wie beim Einsatz von Medikamenten sei entscheidend, was das Motiv für eine solche Vorbereitung sei. «Wenn ein Mensch erwiesenermassen Probleme mit der Akklimatisation hat, finde ich diese Methode durchaus interessant. Wenn es aber nur darum geht, dank einer Selbstoptimierung immer mehr in immer kürzerer Zeit zu erreichen, dann stehe ich der Präakklimatisation kritisch gegenüber.»

Den grössten Nachteil sehe er in der persönlichen Einstellung gegenüber grösseren Höhen. «Ich mache mir durch diese Methode die Höhe verfügbar und planbar», sagt Marcel Kraaz, der selbst mehrere Expeditionen auf über 8000 Meter hohe Gipfel geleitet hat. Der Bezug zum eigenen Körper und Geist sei wichtig wie auch die Achtsamkeit sich selbst gegenüber –und die Akklimatisation eine nicht zu unterschätzende mentale Vorbereitung.

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