Ein grosser Alpen-Topograph und ein vergessenes Gotthard-Relief

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9Von Ed. Imhof

Mit 2 Bildern ( 113, 114Erlenbach-Zch. ) Zur Zeit der Napoleonischen Kriege lebte in Engelberg ein Mann, der sich um seine Mitbürger und im besonderen auch um die Erforschung der Schweizer Alpen unvergängliche Verdienste erworben hat. Es war dies Joachim Eugen Müller. Im Jahrgang 1929 der C. Monatsschrift « Die Alpen » ist sein Lebensgang durch Franz Odermatt dargestellt worden. Wir möchten unsere Leser nachdrücklich auf diese anziehende Schilderung hinweisen. Die wichtigsten Daten seien hier kurz zusammengefasst und durch weitere Einzelheiten ergänzt: Geboren 1752 zu Engelberg, gestorben 1833 ebendaselbst. Dazwischen ein Leben voller Arbeit und Tatkraft, voller Hilfsbereitschaft für seine Mitmenschen und voller Begeisterung für alles Schöne und Ideale. Als neunjähriger Knabe, im Jahre 1761, kam Joachim mit seinem Vater, dem Zimmermeister Simon Müller, ins Urserental, und schon damals soll er dort Skizzen der umliegenden Berge gezeichnet haben. Als Zimmermannsgeselle durchwanderte der junge Bursche die Innerschweiz, 1770 arbeitete er als Meistergeselle mit seinem Vater am Kirchenbau zu Schwyz. Auch dort wieder übte er sich fleissig im Bergzeichnen. Nach Hause zurückgekehrt, beteiligte er sich später kurze Zeit und ohne Erfolg an allerlei chemischen Künsteleien eines « fremden Laboranten », dann trat er als Müller in den Dienst des Klosters und betätigte sich nebenbei als Bergführer. Zu jener Zeit schuf der Luzerner Generalleutnant Franz Ludwig Pfyffer sein grosses Relief der Zentralschweiz, das als ältestes und klassisches Werk schweizerischer Reliefkunst heute noch eine Sehenswürdigkeit des Luzerner Gletschergartens bildet. Vielfach wurde angenommen, dass Müller ein Mitarbeiter Pfyffers bei dessen Relieferstellung gewesen sei. Doch wissen wir darüber nichts Sicheres. Weder in Pfyffers, noch in Müllers Aufzeichnungen finden sich irgendwelche Hinweise auf eine solche Mitarbeit.

Im Jahre 1787 kam Johann Rudolf Meyer von Aarau nach Engelberg, um den Titlis zu besteigen. Er Hess sich durch den ortskundigen Müller auf den hohen Berg führen. Meyer war zu jener Zeit daran, auf eigene Kosten einen grossmaßstabigen topographischen Atlas der Schweiz erstellen zu lassen. Ein solcher bestand damals noch nicht. Ein Elsässer Ingenieur, Johann Heinrich Weiss, führte in seinem Dienst trigonometrische und topographische Vermessungen durch. Anlässlich der erwähnten Titlisbesteigung wurde Meyer auf die ausserordentliche topographische Begabung Müllers aufmerksam. Er nahm ihn, neben Weiss, in seinen Dienst. Schon im März 1788 brachte Müller sein erstes Relief der Talschaft Engelberg nach Aarau. Es war das Stück, das sich heute in der Stiftsbibliothek zu Engelberg befindet. Müller begleitete von nun an seinen Lehrmeister Weiss als « Lattenträger », arbeitete sich rasch in die Vermessungsmethoden ein und wurde so zum Topographen.

Jahr für Jahr durchwanderte er dann die Schweizer Alpen, überall unermüdlich messend, zeichnend, modellierend.

Ein Teil seiner Aufzeichnungen befindet sich heute noch zu Engelberg im Besitze seiner Nachkommen, ein Teil aber ist vor ca. 70 Jahren geschenkweise Prof. Rudolf Wolf, dem Historiker der schweizerischen Vermessungen, überlassen worden und gehört seither zum Bestände der Sammlungen der Eidgenössischen Sternwarte zu Zürich. Dieser Nachlass bringt Licht in Müllers Arbeitsweise, und er offenbart uns Leistungen von erstaunlichem Ausmass. Wir finden da weit über hundert Bergpanoramen. Sie alle hier aufzuführen, überschritte den Rahmen der vorliegenden Studie. Es befinden sich darunter die Rundbilder folgender hervorragender Aussichtspunkte: Gäbris, Leistkamm, Etzel, Rossberg, Rigi-Kulm, Buochserhorn, Napf, Brienzer Rothorn, Hohgant, Niesen, Chamossaire am nördlichen Alpenrand und Titlis, Gütsch ( bei Andermatt ), Sidelhorn ( Grimsel ), Pusmeda ( Gotthard ) und Mittaghorn ( Passo di San Bernardino ) im Innern der Alpen. Besonders zahlreich sind Müllers Panoramen aus dem Gemmi- und Simplongebiet, rings um die Berner Alpen herum, längs der Gotthardstrasse, vor allem aber aus der Zentralschweiz. Seine Engelberger Welt zeichnete er von einem Dutzend verschiedener Standpunkte aus! Nie vor ihm hatte irgendein Mensch das Antlitz der Schweizer Alpen so scharf beobachtet und so genau und so vielseitig in Ansichtsbildern dargestellt. Diese Leistung Müllers wurde bisher übersehen, da keines seiner Panoramen veröffentlicht worden war. Unsere Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus dem Panorama vom Nägelisgrätli zwischen Grimselpass und Rhonegletscher.

Bemerkenswert ist die Wahl der meisten Beobachterstandpunkte. Müller wich schwer erreichbaren Hochgipfeln aus und bevorzugte günstige Punkte an den Vorderkanten der Alpterrassen, also Punkte, die gleichzeitig Überblick über die Berge, wie Tiefblicke in die Täler gestatteten.

In der Regel machte er auf seinen Panoramastationen auch Richtungs-messungen nach einem Verfahren, das Prof. Wolf im Sammlungskatalog der Eidgenössischen Sternwarte in folgender Weise beschrieb: « Ingenieur Müller besass für die Aufnahmen ein leider spurlos verschwundenes Instrumentchen, welches ihm .Breitinger, Sohn, in Zürich'geliefert haben soll. Es bestand offenbar aus einem kleinen Stative, auf dessen Tischchen er Papierscheiben von etwas mehr als 14 cm Durchmesser befestigen und dann auf ihnen mit einem über ihrem Zentrum drehbaren Diopterlineal Richtungen nach Bergspitzen und andern bemerkenswerten Objekten ziehen ( mit Nadeln ritzen ) konnte. Er begab sich mit diesem Tischchen, wie der Trigonometer mit seinem Theodoliten, auf eine Reihe schöner Aussichtspunkte und benützte dann wohl die auf ihnen aufgenommenen Blättchen zu einer graphischen Triangulation — ohne Zweifel, wie die Ausschnitte auf den Blättchen andeuten, zuweilen unbewusst von der Pothenotschen Aufgabe Anwendung machend. » Die Eidgenössische Sternwarte ist im Besitze von 160 solcher Blättchen, die teils datiert und mit der Angabe des Aufnahmestandpunktes versehen sind. Ihre Daten liegen zwischen 1794 und 1826. Die Standpunkte stimmen grossenteils mit den Panoramen überein.

Müller hat somit trianguliert. Da ihm aber die Künste des trigonometrischen Rechnens fremd waren, half er sich mit graphischen Verfahren. Im Gelände ermittelte er auf graphischem Wege seine Richtungssätze. Mit deren Hilfe konstruierte er dann während des Winters zu Aarau auf dem Reissbrett die Punktnetze. Aber nicht nur das. Er zeichnete das topographische Detail nach seinen Panoramen. Er hat somit schon ums Jahr 1800 einen grossen Teil der Schweizer Alpen nach den Grundprinzipien der heutigen Photogrammetrie kartiert. Er erstellte Kartengrundrisse nach Ansichtsbildern, « photogrammetrierte » also ohne Photographie. Seine Auf-nahmestandpunkte in halber Höhe der Berghänge waren denn auch ganz im Sinne heutiger photogrammetrischer Stationen ausgewählt, überdies führte er auf seinen Reisen « gibbs schachteln » mit sich, um die Landschaftsformen an Ort und Stelle modellieren zu können. Schon 1788-1789 schuf er zwei Reliefs der Berner und Walliser Alpen. Sein grosses Meisterstück aber, die Frucht vieljähriger Arbeit, war ein Relief des grössten Teiles der Schweiz im Maßstab 1: 60 000, zu dessen Erstellung er zweifellos auch die Aufnahmen von Weiss beigezogen hatte.

Heute werden Reliefs auf Grund von Karten oder Plänen modelliert. Damals ging man umgekehrt vor. Nach Messungen und Ansichtsskizzen erstellte Müller seine Grundrisse und Reliefs, und nach diesen zeichnete dann Weiss die Karten. So entstand 1796-1802 der bekannte « Meyersche Atlas », ein Kartenwerk der Schweiz im Maßstab ca. 1:108 000, bestehend aus 16 in Kupfer gestochenen, je 52/71 cm grossen Blättern. Zum erstenmal war damit ein Kartenwerk der gesamten Schweiz geschaffen, das sich für alle Kartenteile auf Triangulationen stützte und daher keine grösseren Verzerrungen aufwies. Zum erstenmal in einer Gesamtkarte unseres Landes waren die Seiten- und Schrägansichten der Berge durch ihr Abbild lotrecht von oben, durch den Reliefgrundriss ersetzt. Dieses Kartenwerk bildete den unmittelbaren Vorläufer der Dufourkarte. Wie weit das Verdienst an dieser Leistung dem Elsässer J. H. Weiss und wie weit es dem Engelberger J. E. Müller zukommt, lässt sich wohl schwer abwägen. Zweifellos kann Müller den Hauptanteil an der alpinen Topographie für sich buchen. Die nach seinen Reliefs gezeichneten alpinen Blätter übertrafen bei weitem alle früheren Karten dieser Gebiete.

Napoleon wurde auf Müllers Relief der Schweiz aufmerksam. Damit ging es unserem Lande verloren, wurde nach Paris verkauft und steht heute noch dort im Musée de l' armée ( Hôtel des Invalides ). Müller, der nun auf eigene Rechnung weiterarbeitete, schuf Ersatz, modellierte ein zweites Mal einen grossen Teil der Schweizer Alpen in einem noch grösseren Maßstab, ca. 1:37 000. Dieses 2,6 auf 4,9 m messende Relief gelangte 1817 durch die Vermittlung von Hans Conrad Escher von der Linth in den Besitz der Stadt Zürich. Es blieb dann später lange Zeit im Schweizerischen Landesmuseum magaziniert. Endlich, im Jahre 1925 fand es seine endgültige öffentliche Aufstellung vor dem Geographischen Institut der Zürcher Universität. Einem aufmerksamen Betrachter kann es nicht entgehen, dass darin die Matten des Urserentales in auffallend frischem, fettigem Grün prangen. Damit soll es folgende Bewandtnis haben: vor Jahrzehnten, als das Relief noch in einem Winkel des Landesmuseums stand, brachte eine alte Museumskatze sechs reizende junge Kätzchen zur Welt. Als Wochenbett erwählte sie sich die Mulde des Urserentales in Müllers Relief. Die Düngung durch die Katzenfamilie scheint dabei so nachhaltig gewirkt zu haben, dass darob die gemalten Wiesengründe wie nach einem lauen Frühlingsregen neu ergrünten.

Müller modellierte weiter, wie ein Besessener. Er erstellte immer neue Kopien seiner Alpenreliefs und Modelle einzelner Teilgebiete der Schweiz, Reliefs, die heute zu den wertvollsten Stücken schweizerischer und deutscher Museen zählen.

Besonders gründliche Ortskenntnis und ausserordentliche Sorgfalt verraten Müllers Reliefs der Zentralschweiz und vor allem seines Engelberger Heimattales. Vergleichen wir solche Stücke mit den übrigen Reliefarbeiten jener Zeit, so springt ihre Überlegenheit in die Augen. Müller war der begabteste und fruchtbarste schweizerische Topograph zur Zeit Napoleons. Es verstrich mehr als ein halbes Jahrhundert, bis seine Reliefkunst durch neuere Arbeiten überholt wurde. Solche Leistungen waren um so erstaunlicher, als er sich vom Zimmermann zum Topographen emporgearbeitet hatte; sie sichern ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte der schweizerischen Topographie, und sie stellen ihn, neben Scheuchzer, Saussure usw., in die Reihe der grossen Klassiker der Alpenforschung. Eine eingehendere Bearbeitung seines Nachlasses dürfte noch manchen wertvollen Aufschluss über diesen grossen Sohn des Engelberger Tales geben. Hoffen wir, dass eine solche Monographie nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird.

Müllers Lebenswerk erschöpfte sich nicht in seinen topographischen Leistungen. Im Kriegsjahr 1798 wurde er zum Talammann von Engelberg gewählt, im Jahre 1800 zum Oberaufseher der Strassen und Brücken im Distrikt Waldstätten. Auch später noch stellte er sich seiner Heimat wiederholt als Kantonsrat, als Säckelmeister usw. zur Verfügung. Seine Reliefs hatten im In- und Ausland das Interesse für die Alpenwelt mächtig gefördert und ihm selbst die Bekanntschaft einflussreicher Kreise eingetragen. Dank seiner Beziehungen flössen in den Hungerjahren 1816/17 reichliche Geldspenden nach Engelberg, so dass der Topograph und Reliefbauer zu einem grossen Wohltäter seiner Landsleute wurde.

Als er 1833 die Augen schloss, trauerte die ganze Talschaft um ihn. Niemals habe man zu Engelberg einen grösseren Leichenzug gesehen!

Ein besonderer Umstand führt mich dazu, heute das Lebensbild Müllers in Erinnerung zu rufen:

Grenzbesetzungstage in Andermatt im Herbst 1940. Ich sitze eines Abends dort im Restaurant des Hotels Alpenhof. Wie fast überall in den Andermatter Gaststuben schmücken Stiche alter Gotthardlandschaften die Wände, Bilder des alten Postkutschenverkehrs über die Pässe. Die Andermatter hängen mehr an den Zeugen einer dahingegangenen grossen Zeit als an ihren heutigen hässlichen Zeughausbaracken. Ich plaudere mit dem Wirt, Alfred Müller, über seine Bilder, über eine alte Urner Karte. Dies freut den guten Mann, und schliesslich sagt er: « Wenn Sie Interesse haben für solch alte Dinge, so kommen Sie einmal mit mir in meinen Dachboden hinauf. Dort liegt auch noch etwas, ein altes Relief vom Gotthard, das ein Ingenieur Müller von Engelberg vor mehr als hundert Jahren erstellt hat. » Ein Ingenieur Müller von Engelberg, vor mehr als hundert Jahren! Ein Gotthardrelief! Das liess ich mir nicht zweimal sagen. Das bedeutete zwar nicht die Entdeckung des Südpols, aber doch eine Entdeckung. Da konnte es sich nur um den bekannten Joachim Eugen Müller und um ein offenbar vergessenes Relief dieses Mannes handeln. Also her damit! Mit Hilfe einiger handfester Soldaten schleppten wir die eigenartige Last die Treppen hinunter und stellten sie in eine Autogarage. Dort reinigte ich die staub- und schmutzbedeckte Oberfläche und schaute mir die Sache etwas näher an.

Das Relief trug, eingebrannt in seinen Holzrahmen, die Aufschrift:

HER KANTONSRATH INGENIEUR MÜLLER IN ENGELBERG; 1829 Diese Aufschrift, wie die Qualität der Modellierung bewiesen einwandfrei die Autorschaft des Joachim Eugen Müller. Die Ausmessung verschiedener Kontrollstrecken ergab einen mittleren Maßstab von 1: 29 000. Die Berge erscheinen leicht überhöht. Die Dimensionen des Reliefs sind Nord-Süd = 150 cm, West-Ost = 129 cm. Das dargestellte Gebiet reicht im Norden bis Titlis—Amsteg, im Süden bis Pomat—Foroglio—Broglio, im Westen bis Meiringen—Scheuchzerhorn—Binn, im Osten bis Bristenstock—Calmot—Maigelspass—Ambri Die Modellierung weist zwar einige Mängel auf: so sind die Täler der Muttenalp und des Wyttenwassergletschers nicht genügend voneinander getrennt, Cristallinapass und Naretpass erscheinen verzerrt, die scharfe Wasserscheide zwischen Triftgletscher und Rhonegletscher fehlt usw. Im übrigen aber ist das Relief für die damalige Zeit hervorragend gut. Ein Vergleich mit der Dufourkarte ergibt eine auffallende Übereinstimmung aller grösseren Berg- und Talformen. Die Silhouetten der Muttenhörner, des Galenstockes usw. sind in ihren charakteristischen Linien erkennbar. Die topographischen Einzelheiten längs der Hauptpasswege, wie z.B. die Hügel bei Hospental, die schluchtartige Ausmündung der Unteralpreuss bei Andermatt, die Gehängeterrassen im Urserental, Bedrettotal, im Goms usw. sind mit einer Sorgfalt erfasst, die wir sonst bei damaligen Reliefs noch längst nicht finden. Das entsprechende Blatt des Meyer-Atlasses deckt sich weitgehend mit dem Relief, es scheint zur Hauptsache nach denselben Aufnahmen gezeichnet worden zu sein. Infolge der damaligen mangelhaften Zeichnungstechnik sind jedoch die topographischen Detailformen in der Karte schlechter als im Relief.

Etwa 70 Jahre später hat Prof. Fridolin Becker auf Grund der Siegfriedkarte ebenfalls ein Gotthardrelief erstellt, und zwar im nahezu gleichen Massstab 1: 25 000. Auch dieses befindet sich in Andermatt. Es ist erstaunlich zu sehen, dass Müllers Werk in vielen Einzelheiten nur wenig hinter dieser Arbeit einer viel späteren Zeit zurücksteht.

Einige Tage nach meinem Fund erzählte einer meiner Dienstkameraden dem Inhaber des Hotels Meyerhof zu Hospental, Eduard Meyer, davon. Darauf schleppte dieser sofort auch ein Gotthardrelief herbei. Ich stellte fest, dass auch dieses zweite Relief von Joachim Eugen Müller stammen müsse.

Ausschnitt aus dem 75 cm langen Panorama vom Nägelisgrätli, 113'114 - Sammlung der em? stem- m»warte in Zunoh. Die Beschriftung ist gezeichnet von Joachim Eugen Müllernachträglich von FridoUn Becker ein- getragen worden:

Joachim Eugen Müller,

wie er mit Hilfe von Panoramen an einem Relief arbeitet. Neben ihm Frau und Sohn. Der Blick durchs Fenster seiner Engelberger Wohnstube fällt auf das Klostergebäude.

1824 entstandene Zeichnung des Hi-storien- und Trach-tenmalers Georg Ludwig Vogel Art. Institut OreU Füssli A.G. Zürich Die Alpen - 1946 - Les Alpes Es war jedoch kleiner. Seine Dimensionen waren Nord-Süd = 40 cm, West-Ost = 70 cm. Mittlerer Maßstab ca. 1: 40 000. Das Gebiet ist enger begrenzt. Es reicht im Norden bis Göschenen, im Süden bis Airolo, im Westen bis zur Grimsel und im Osten bis zum Oberalppass. Die Modellierung ist summarischer. Während das Andermatter Stück sehr gut erhalten ist, hatte dieses Hospen-taler Relief im Lauf der Zeit stark gelitten. Irgendeine banale Hand hatte es offenbar irgendeinmal neu auffrischen und bemalen wollen. So war es durch Lack und Leim, Farbe und Firnis verschmiert und verschminkt.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit als Goethe über den Gotthard nach Italien zog, blühte der Touristenverkehr in Andermatt. Schöllenen und Rhonegletscher, auch für unser verwöhntes Auge immer noch erhabene, unvergleichliche Naturwunder, übten ihre Anziehungskraft aus. Noch mehr aber häuften sich solche Wallfahrten ins Herz der Schweizer Alpen, als im Jahre 1820 mit dem Bau der Gotthardstrasse begonnen wurde. Die Landkarten waren damals schlecht, und noch schlechter stand es offenbar um die Kunst, sie zu lesen. So lieferte der Engelberger Topograph diese Gotthardreliefs « für die Reisenden » an die Gasthöfe im Urserental. Dort wurden sie in den Hotelhallen aufgestellt zur Belehrung und Erbauung der Gäste. Es mag eine solche Art der Relief Verwendung als Landkartenersatz nicht ohne ein gewisses kulturgeschichtliches Interesse sein. Später verschwanden dann diese unbequemen verstaubten « Platzfresser » in den Estrichräumen und gerieten mehr und mehr in Vergessenheit. So finden sich weder in der Fachliteratur, noch sonst irgendwo Hinweise auf diese beiden Gotthardreliefs.

Ein weiteres Gotthardrelief von J. E. Müller befindet sich im alpinen Museum zu München. Seine Dimensionen und Begrenzungen lassen auf einen Maßstab von ca. 1: 24 000 schliessen ( nicht 1: 10 000, wie bei Gygax, Lit. Nr. 3, und im Führer durch das Münchner Alpine Museum Lit. Nr. 1 angegeben ). Als Entstehungsjahr wird 1808 genannt.

Meine Entdeckerfreude wurde noch erhöht durch die Beibringung eines Begleittextes zum Relief, dessen Verfasser ebenfalls Joachim Eugen Müller war. Alfred Müller im Hotel Alpenhof zu Andermatt war im Besitz einer alten Abschrift nach einer gedruckten Broschüre. Diese selbst konnte ich nirgends mehr auffinden, wohl aber fand sich ein Originalentwurf in des Verfassers Nachlass bei seinem Urenkel, Dr. J. F. Müller in Engelberg.

Aus dieser Begleitschrift geht hervor, dass das Relief spätestens im Jahre 1828 nach Andermatt gekommen sein muss. Die damals ihrer Fertigstellung entgegengehende Gotthardstrasse findet sich bereits eingetragen. Es scheint jedoch wahrscheinlich, dass es in seinen Hauptzügen viele Jahre früher entstanden ist. Hiefür spricht die gute Übereinstimmung mit dem entsprechenden Teilgebiet des 1802 fertig vorliegenden Meyer-Atlasses, ferner die Jahrzahl 1808 des Gotthardreliefs in München. Dieses letztere besitzt einen ähnlichen Maßstab, stellt jedoch nur ein Teilgebiet des Andermatter Reliefs dar. Nach Fertigstellung des Meyer-Atlasses und nach der Auflösung seines Anstellungs-vertrages mit J. R.M.eyer modellierte Müller immer wieder neue Reliefs. Zum Teil waren es Kopien seiner primären Modelle, zum Teil aber auch Neuschöpfungen oder Umarbeitungen auf Grund späterer Rekognoszierungen.

Wir wissen, dass er 1814 nochmals das Gotthardgebiet durchwandert und dort eifrig gezeichnet und gemessen hat. In der Sammlung der Eidgenössischen Sternwarte zu Zürich finden sich mehrere Panoramen Müllers aus dem Gebiet des Andermatter Gotthardreliefs, so von der Bristenalp, vom Diedenberg bei Wassen, vom Gütsch bei Andermatt, von den Hängen des Winterhorns bei Hospental, von der Pusmeda, aus dem Val Formazza, von Münster im Goms, vom Sidelhorn, von der Grimselalp, vom Nägelisgrätli ( Abbildung ), vom Sustenpass, aus der Gegend von Gadmen und Meiringen und vom Titlis. Sie mögen zum Teil vor, zum Teil erst nach der Fertigstellung des Meyer-Atlasses entstanden sein. Zweifellos hat Müller neuere Ergebnisse in seinem Andermatter Relief mitverarbeitet. Hiefür spricht die Feststellung, dass dieses in vielen Einzelheiten genauer ist als die Darstellung jenes Kartenwerkes.

Zahlreiche Örtlichkeiten sind im Andermatter Relief durch kleine Nüm-merchen bezeichnet. Der Begleittext enthält eine poetische Einleitung und anschliessend Erläuterungen zu den Positionen dieser Nümmerchen. Dieser Kommentar zeigt, wie gründlich Müller die Gotthardberge durchwandert hat, und er lässt das Wesen seines Verfassers deutlicher vor uns erstehen. Müller hatte weder Topographie, noch Naturwissenschaften, noch sonst etwas studiert. Er war ein einfacher Zimmermann ohne schweren Schulsack. Kaum ein Jahr lang hatte er lesen und schreiben gelernt. Um so eindrücklicher berührt uns dieses literarische und wissenschaftliche Zeugnis eines Mannes, dessen Begabung und rege Intelligenz sich mit offenem Sinn allen Dingen seiner Umwelt zugewendet hatte. Sein recht naiv anmutender dichterischer Versuch zeigt zwar, dass er nie sehr tief in die Geheimnisse deutscher Sprachkunst eingedrungen ist, dass er aber eine brennende Liebe zur Heimat, einen grossen Wissensdurst und die Seele eines Poeten und Bergsteigers in sich getragen hat.

Im nachfolgenden geben wir Müllers Begleittext zu seinem Gotthardrelief im Wortlaut wieder. Die eingeklammerten Erläuterungen und Ortsbezeichnungen sind von uns hinzugesetzt. Anschliessend lassen wir ein Verzeichnis der uns bekannten Reliefs von Müller folgen. Dieses Verzeichnis möge ein Bild vermitteln von der gewaltigen Lebensarbeit dieses hervorragenden Mannes.

Beschreibung von unserm Basrelief Einladung an die ReisendenVon Ingenieur Müller Komm Fremdling! besuche St. Gotthards Gebilde Der höhesten Thäler, für Kenner so schön 1 Der Furka und Grimsel bekannte Gefilde, Die westlich vom Gotthard noch weiterhin stehn.

Dort siehst du die Höhen mit Gletscher behangen, Als Stoff zu den Flüssen, die schiffreich und gross Nach mehreren Seiten ins Weltmeer gelangen, Nachdemme ein Jeder viel Länder durchfloss.

Da find'st du die Schöpfung mit Reichthum geschmücket, Die solche dem Pflanzen- und Steinreich verlieh; Doch — lässt sich 's nicht schildern, so wie mans erblicket, Drum, lernender Fremdling I komm selber und siehl Der St. Gotthardsberg in der Schweiz mit seiner Umgebung, welcher gleichsam die Kante in der ungeheuren Bergkette bildet, so Deutschland und Italien durch die grosse Urgebürge in verschiedenen Richtungen und Lagern scheidet, und welche bestehen von Granit, Gnais, Quarz, Glimmerschiefern, Urkalk, Talk, Topfe, Gültstein, und andern mehrern reichhaltigen Natur-Merkwürdigkeiten, verdiente von Naturforschern mehr besucht und gekennt zu werden.

Zum Behuf dessen hat Hr. Gebürgskundiger und Ratsherr, alt Seckelmeister und Ingenieur Müller von Engelberg im Kanton Unterwaiden, ob dem Wald, welcher nebst andern das grosse Bas-Relief in Zürich bearbeitete, auch nach grösserm Masstabe ein Relief vom St. Gotthard und dessen Umgebungen verfertiget, und soviel möglich nach der Natur im Modell vorgestellt, wie es im Vogelblick zu sehen ist, und sich der Reisende von Schritt zu Schritt versinnlichen kann.

So komme, ich Begleite dich auf den St. Gotthards Berg, In die höchsten Thäler Europens, es ist der Mühe wohl werthl Das Relief zeigt in Süden Liviner- und Bedretter Thal, Und Valmagia und Togia Thal und Bünden.

( Schluss folgt )

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