Ein Märtyrer der katholischen Kirche in einem schweizerischen Alpental

Von G. Meyer von Knonau ( Sektion Uto ).

Illustration nach Aufnahmen von D. Mischol ( Sektion Prättigau ).

Im bündnerischen Dorfe Seewis ist im Mai 1902 öffentlich die nachfolgende Inschrift angebracht worden: " Den tapferen und hochgesinnten Ahnen, die Anno 1622 für ihre geistige und leibliche Freiheit im Vertrauen auf Gott Alles gewagt haben, setzen dies schlichte Denkmal ihre dankbaren freien Söhne. "

Am Abhange unterhalb der mit ihrem schlanken Turm so weithin sichtbaren Kirche des Dorfes sprudelt, beschattet von Bäumen, auf einem eingehegten Platze ein Brunnen, dessen Stelle an ein geschichtliches Ereignis erinnern soll.

Unten im Tale steht unweit von den Häusern des Dorfes Pardisla die stattliche neue katholische Kirche, und auf dem einen ihrer Altäre ist das Bild eines Mönches im Gewande des Kapuzinerordens aufgestellt.

Die drei hier aufgezählten Erinnerungszeichen beziehen sich auf einen und denselben Vorgang, des 24. April 1622, der Erhebung der Prättigauer gegen den auf ihnen liegenden furchtbaren Druck der Beherrschung durch Österreich und der daraus hervorgehenden Tötung des zur zwangsweisen Bekehrung abgeschickten Kapuziners Pater Fidelis.

Dieses Ereignis vom Sonntag Kantate1 ) des Jahres 1622 ist ein einzelnes Stück aller jener schweren selbstverschuldeten Geschicke, die sich während einer Dauer von zwei Jahrzehnten über das Land der drei Bünde in Rätien dahinwälzten.

Nach dem Abfall des reichen untertänigen Gebietes an der Adda von der Beherrschung durch die Bünde wurde 1620 zweimal von Seiten der reformierten Bündner, das zweite Mal mit von Zürich und Bern dargebotener Hülfe, der Versuch Anmerkung. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Sektion Uto am 13. Januar 1911. Zu vergleichen ist dazu der im Jahrbuch S.A.C., Band VII, abgedruckte Vortrag: „ Die schweizerischen Ostalpen als einer der Kampfplätze des dreißigjährigen Krieges " ( vom 27. Oktober 1871 ).

gemacht, das Veltlin zurückzuerobern; die beiden Kriegszüge endigten mit Niederlagen. Auch ein neuer Aufbruch im Oktober 1621, nach Bormio, nahm einen ganz unglücklichen Ausgang, und alsbald kam es danach zum entscheidenden Gegenschlage, indem am Ende des gleichen Monats noch spanische und österreichische Truppen eindrangen, jene in die bis dahin noch von Graubünden aus festgehaltene Grafschaft Chiavenna, diese nach dem bündnerischen Gebiete selbst. Alte Rechtsansprüche des Hauses Österreich, auf Hoheitsrechte über das Münstertal und über Unterengadin, sowie über acht Gerichte im Zehngerichtenbund — in Davos und Prät- tigau —, sollten dabei zur Erfüllung gebracht werden. Wir besitzen über diese Vorgänge die allerbesten Berichte, von gleichzeitigen Beobachtern der geschehenen Dinge, deren Erzählungen sich gegenseitig ergänzen.

Der Pfarrer Bartholo- mäus Anhorn war seit 1596 in seiner Vaterstadt Mayenfeld tätig und wirkte nachher in Zizers und in andern Orten der bischöflichen Herrschaft Aspermont, mußte aber 1621 nach der österreichischen Invasion entfliehen; nach Mayenfeld 1622 zurückgerufen, sah er sich alsbald wieder genötigt, Graubünden zu verlassen. Er fand Zuflucht im Appenzeller Lande und starb 1640 als Pfarrer von Gais. Da schrieb er sein Buch „ Graw-Pünter-Krieg ", tagebuchartig aneinander gereihte Schilderungen, die mitunter inmitten der Ereignisse aufgezeichnet worden sind. Fortunat Sprecher von Bernegg dagegen war Jurist und als Politiker an den öffentlichen Dingen überall selbst unmittelbar beteiligt. Mit einer Wahrheit und Treue, die auch von gegnerischer Seite anerkannt wurde, verfaßte er, in gutem Latein, über die von ihm selbst gesehenen Dinge seine historischen Werke, ganz besonders die: „ Historia motuum et bellorum postremis hisce annis in Rhätia excitatorum et gestorum ", deren erster bis zum Jahre 1628 reichender Teil schon gleich 1629 im Drucke erschien.

Ulysses von Salis-Marschlins stand als Militär zwischen den Parteien seines Landes. Auch er mußte 1621 als Flüchtling Graubünden verlassen und kämpfte nunmehr 1622 unter Mansfeld am Oberrhein. Als Bruder des Rudolf von Salis, dessen hervorragender Anteil an den Vorgängen im Prättigau uns entgegentreten wird, beteiligte er sich an den kriegerischen Ereignissen in der Heimat, mußte aber neuerdings in die Verbannung gehen und trat nun in den französischen Dienst, in dem er bis 1644 blieb, worauf er sich in sein Schloß Marschlins zurückzog. Seine „ Memorie contenenti quanto avenne di notabile adesso ed alla sua patria duranti il corso di sua vita " bieten die wichtigsten Aufschlüsse; allein der Verfasser bekennt stärker seinen Standpunkt als Parteimann, der ausgeprägt aristokratischen und zugleich der reformierten Auffassung.

Und noch ein vierter wohl unterrichteter, an den wichtigsten Dingen viel beteiligter Zeitgenosse war Fortunat Javalta, der allerdings erst in sehr hohen Jahren, 1649, in seinen „ Commentarii vitse " einen Rückblick auf sein Leben warf und freimütig, leidenschaftslos, wie er in den sturmbewegten Zeiten selbst gehandelt hatte, die Ereignisse vorführte.

Von diesen Darstellungen kommt nun für die erste Abteilung derjenigen Ereignisse, die hier in den Kreis unserer Betrachtung fallen, ganz voran Anhorns Bericht in Betracht. Es handelte sich hierbei für die österreichische Kriegsführung darum, daß nicht der auf Unterengadin unter der Leitung des Obersten Aloys Baldiron beabsichtigte Einbruch gehindert werde, und so wurde die Aufmerksamkeit der Leute der acht Gerichte von anderer Seite in Anspruch genommen. Aber auch da geschah zuerst ein nicht ernsthaft gemeinter Angriff gegen die Luziensteig, der zwar geeignet war, die Leute der Herrschaft Mayenfeld und weiter hinauf bis Chur in Atem zu halten; indessen wollte man eben nicht hier einen eigentlichen Kampf herbeiführen, da immer noch vom Veltliner Zug von 1620 her die drei Fähnlein Zürcher Truppen unter dem Obersten Steiner an dieser Grenze standen, und Erzherzog Leopold, in dessen Hand die Führung der ganzen Angelegenheit im kaiserlichen Auftrage Jag, es vermeiden mußte, eidgenössische Heereskräfte in den den Bündnern geltenden Kampf hineinzureißen. Die eigentliche Absicht galt vielmehr zunächst dem Prättigau, das von Montavon her überrumpelt werden sollte.

Da weiß nun eben Anhorn das Nähere mitzuteilen. Am 17. Oktober des alten Kalenders, nach dem noch die reformierten Bündner rechneten, war, da ein Angriff von Montavon her befürchtet wurde, von Klosters aus das Schlapiner Joch besetzt worden. Da wandte Johann Rudolf Kurz, Unterlandvogt zu Bludenz, einer der Führer der Vorarlberger, eine List an, um die Räumung des Passes zu erzielen. Er ließ einige Leute, denen Glaube geschenkt wurde, mit der Mitteilung zu der Grenzwache hinaufgehen, daß das gesammelte Volk gar nicht gegen Bünden bestimmt sei, sondern nach Böhmen abgehen werde, und daß man nur warte, bis der ganze Gewalthaufen in Tirol gesammelt sein werde. Weiter aber wurde ausgemacht, daß die Prättigauer, der Sperre ungeachtet, durch die gewohnten Salzsäumer Salz zugeschickt erhalten sollten, wogegen sie den besten Ochsen ihm zum Ankauf senden würden. So wurde verabredet; der Austausch geschah, und mit dem gewohnten Salzführer, der den Ochsen empfing, wurde freundschaftliche Zusammenkunft gehalten, dann der Paß geräumt. Außerdem verbesserten noch, wie Sprecher beifügt, die Klosterser, um ihr Bergheu einzuheimsen, den Paß im Schlapinertal und bahnten somit für den Einfall des Feindes den Weg. Bloß noch einige Leute, drei oder vier Mann, sollten am Paß Wache halten; aber, wie Sprecher weiß, geschah auch das nicht, indem diese Wächter, abgeschreckt durch Schnee und Kälte, ihren Auftrag nicht ausführten, sondern unterhalb des PaßUberganges in Ställen im Heu sich zum Schlafe legten.

So geschah in der Nacht vom 26. zum 27. Oktober der Einbruch. Nach Anhorns wahrscheinlicher Angabe vernahmen die Wächter das Geräusch der Heranziehenden noch rechtzeitig, so daß sie auf einem Umweg Klosters erreichen und Meldung der Gefahr bringen konnten. Allein die achthundert Mann, die der Reiteroffizier Erhard von Brion herunterführte — der übrige Teil, die Montavoner, blieb zur Hut des Passes oben zurück - warfen sich auf das Dorf, brannten, raubten, mordeten — 27 Opfer, wehrlose Greise, Frauen, Kinder, wurden gezählt — und sammelten große Beute, zumal an Vieh, die rückwärts an den Paß geschickt wurde. Doch jetzt begann, nachdem einige Davoser auf die Nachricht von dem Angriff herangekommen waren, die Ermannung unter den Klosterser Leuten, die anfangs in geringer Zahl sich hinter die Landquart zurückgezogen hatten, und auch aus dem Prättigau kam Hülfe. Sprecher, der diese Dinge einläßlich erzählt, meinte, daß keiner der Feinde entkommen wäre, wenn die Prättigauer nicht die Felshöhe, die sie anfangs besetzt hatten, und wo sie den Rückweg hätten sperren können, verlassen hätten. Immerhin büßten nach Sprecher 207 Mann das Leben ein, und weitere kamen auf der Flucht durch Entzündung von Schießpulver um oder wurden verwundet. Die Verfolgung erstreckte sich bis an die Grenze hinauf. So war dieser Anschlag, der nach Aussage gefangener Soldaten sich hätte bis nach Davos erstrecken sollen, zurückgewiesen.

Aber mochte nun auch hier für den Augenblick die Abwehr gelungen sein, so vermochte der Feind alsbald von anderer Seite in Hunden einzudringen, so daß auch Prättigau neuerdings durch die Gegner betreten wurde. Baldiron erzwang sich den Eingang in das Engadin endgültig, und nachdem das Zürcher Regiment den Boden Graubündens für immer verlassen hatte — Steiner erklärte, er gedenke nicht, zwischen Tür und Angel geraten zu wollen —, rückten die Österreicher in die Herrschaft Mayenfeld und erzwangen von den Einwohnern die Ablieferung der Waffen; am 22. November hielt Baldiron seinen Einzug in Chur und belegte die Stadt mit einer Besatzung.

Graubüuden mußte nun erkennen, daß es, ein erobertes Gebiet, fremden Geboten unterworfen sei. Im Namen der spanischen Krone und für Österreich legten der Herzog von Feria und Erzherzog Leopold in den im Januar 1022 aufgestellten Mailänder Artikeln die Bedingungen auf, nach denen die von Österreich in Anspruch genommenen Gebiete — von den zehn Gerichten die acht in Prättigau und Davos — als Österreich unterworfen erklärt wurden. Aber auf das Tal Prättigau im besondern bezogen sich zehn Artikel, deren Proklamation durch Baldiron den Anstoß zu den Ereignissen gab, die danach am 24. April 1622 eintraten. In denselben wurde begehrt, daß die reformierten Prediger weggeschafft würden, nebst völligem Verbot jeglichen dem katholischen Glauben zuwidergehenden Gottesdienstes im Tale und außerhalb desselben, und mit dem weitern Verbote heimlicher Zusammenrottung zu dem Zwecke, „ die sektischen Bücher " sich vorzulesen; alle Untertanen, Weiber und Männer, Kind und Gesind, sollen bei Strafe angehalten sein, die katholische Predigt und Kinderlehre zu besuchen, und diese sollen an allen Sonn- und Feiertagen, nach dem neuen Kalender, in jeder Woche einmal aufs wenigste, gehalten werden; zwar soll niemand gezwungen werden, seinen Glauben als „ den falschen Glauben " ab- zuschwören, den katholischen anzunehmen, noch zur Messe oder Beichte genötigt sein, ehe er durch Predigt, Kinderlehre, „ freundliches Konversieren " zur freiwilligen und ungezwungenen Annahme des katholischen Glaubens, als „ der im Recht stehenden Religion ", gebracht ist, und es soll, wer die katholische Predigt anhören möchte, aber keine Gelegenheit dazu haben würde, sich bei den Patres anmelden und dann freundlich unterwiesen und informiert werden, auch, ohne Strafe besorgen zu müssen, frei reden dürfen; doch zur Ausübung der katholischen Religion sind endlich in allen Kirchen Altäre und Predigtstühle zu errichten.

Unter den hier erwähnten Patres steht nun der Kapuziner Fidelis durchaus voran, ein Mann von fünfundvierzig Jahren. Aus Sigmaringen gebürtig, mit dem Familiennamen Markus Hey, hatte er vor seinem Eintritt in den Orden gründliche Studien gemacht, auch als Lehrer adeliger Jünglinge langjährige ausgedehnte Reisen ausgeführt. Mit der juristischen Doktorwürde ließ er sich dann im österreichischen Elsaß als Advokat nieder, wandte sich aber bald von diesem Berufe ab und trat, nachdem er sich nach einigem Schwanken zwischen verschiedenen Orden für dea der Kapuziner entschieden hatte, in diese Mönchsverpflichtung im Jahre 1611 ein. Eifrig warf er sich jetzt auf das theologische Studium, empfing die priesterliche Weihe und wirkte als geschätzter Prediger in verschiedenen Klöstern. Er gewann auch den Ruf, Be-kehrungen geschickt herbeizuführen, Calvinisten zur katholischen Kirche bringen zu können. So lag es nahe, daß er jetzt als katholischer Missionar aus dem Kloster in dem benachbarten Feldkirch auf den Boden Graubündens berufen wurde.

Allerdings waren die Erfolge dieser Mission gerade im Prättigau der Erwartung durchaus nicht entsprechend. Pater Fidelis hat selbst am 6. April 1622 aus Feldkirch, in dem letzten von ihm erhaltenen Briefe an den Abt des Klosters Mehrerau bei Bregenz, davon gesprochen. Er entschuldigte sich da, daß er nicht zur Versammlung der Kapuziner, die auf die nächste Zeit nach Baden ausgeschrieben war, kommen könne, wegen der übermächtigen Arbeit, die ihm in Rätien obliege, so daß er nur kaum in sein Kloster, eben nach Feldkirch, zur Passionspredigt habe weggehen können. Mit Genugtuung erwähnt er, daß es in Zizers ihm gelungen sei, mehrere, zum Teil ansehnliche Persönlichkeiten zur Abschwörung der calvinischen Sekte zu bringen, und in betreff einiger anderer hege er Hoffnung. Aber vom Prättigau schweigt er; er begnügt sich, zu sagen: „ Möge Gott es vollbringen, daß ich pflanze, ein anderer begieße; möge endlich der dreieinige Gott das " Wachstum schenken. "

Allein inzwischen war in den Wintermonaten von 1621 zu 1622 das Elend in den von den fremden Truppen besetzten Gebieten auf die höchste Stufe gestiegen. Anhorn berichtet hauptsächlich von dem, was im Mayenfeldischen geschah, wo es begreiflicherweise bei der Nähe der Luziensteig und am Durchpaß rheinaufwärts nach Chur auf das schlimmste herging. Aber ebenso arg hausten die Soldaten im Prättigau. Eben Anhorn erzählt, wie die Prättigauer ihr Fähnchen, ihre Büchsen, Wehr und Waffen selbst nach der Feste Gutenberg bei Balzers zur Ablieferung führen und dem Erzherzog Leopold als Untertanen schwören, dessen Gesandten auf gebogenen Knien dafür, daß man ihnen das Leben geschenkt und sie zu Gnaden angenommen habe, Dank sagen mußten. Doch dazu kam noch der grimmige Notstand. Der Feind hatte das Land so ausgegessen und ausgemergelt, daß viele Leute Emd in der Milch kochten und wie das Kraut genossen, andere dem Hungertode erlagen. Ebenso verübte das Kriegsvolk grausamen Mutwillen. In Schiers mußten die Waffen auf den Kirchhof getragen werden, worauf die Toten gebeine aus dem Beinhause zu dem angezündeten Feuer getragen wurden, so daß dieses Spieße und Hellebarden zugleich mit den Gebeinen der Voreltern verzehrte.Von andern Ausschreitungen redet Sprecher. Baldiron war zur Abnahme des Eides eben nach Schiers gekommen und fuhr da, ziemlich bezecht, wie er war, einen Mann an, weshalb er gegen Österreich die Waffen getragen habe; er schlug ihn blutig, worauf Landammann Michel dazwischen trat, aber, weil er am Zug nach Bormio sich beteiligt habe, gleichfalls festgenommen wurde; schon wollte Baldiron durch den Henker Michel enthaupten lassen, als der selbst in österreichischem Dienst stehende Johann Viktor Travers vortrat und sich für Michel verwandte, so daß er entlassen wurde. Noch empörender war, was der Fähndrich Thalhammer sich erlaubte: er stieg auf die Schultern des Stephan Ruedi, genannt Schrepfer, auf den er bei Dalvazza unten im Tal gestoßen war, und zwang nun den Mann, den ein herbeigerufener Knecht mit dem Spieße stacheln mußte, ihn den steilen Weg nach Luzein hinaufzutragen, mit den Worten, so müsse man die Prättigauer Bauern zahm machen.

Es ist begreiflich, daß all das unter den mißhandelten Leuten einen wilden Zorn erweckte, der nur auf die Gelegenheit loszubrechen wartete. Den Ausschlag gab aber erst der religiöse Zwang, der bis zu den letzten Maßregeln geübt werden sollte, und da war es Baldiron, der dazu den Anlaß gab, allerdings nur in Ausführung der ihm aus Innsbruck übermittelten Befehle.

Am Donnerstag, 21. April — des neuen Kalenders —, kam Baldiron, zu den im Prättigau auf dem festen Schloß Castels liegenden drei Kompagnien mit weitern hundertunddreißig Mann und mit Dragonern, von Chur nach Schiers, wo er die Fuß-truppen zurückließ, um mit den Reitern weiter nach Castels zu ziehen. Von da erließ er den Befehl an das Volk, daß es sich am nächsten Tage zur Entgegennahme eines Dekretes versammle. In Luzein ließ er dann am 22. die schon erwähnten Artikel der von Soldaten umstellten Bevölkerung vorlesen. Eine Stunde Bedenkzeit wurde erbeten, und als sie verstrichen war, erklärte der Landammann Johannes Cresta namens des Volkes, daß die Prättigauer trotz der unmenschlichsten Mißhandlungen von seiten der Soldaten dem Erzherzog und dessen Amtleuten in allen politischen Dingen gehorsam sein wollten, dagegen, was die Religion anbelange, bei Christi Blut bäten, ihnen keinen Zwang anzutun, da sie lieber sterben, als ihren Glauben ändern wollten; was die Kapuziner angehe, so könnten sie frei und ungehindert wandeln, um bei den Soldaten ihre geistlichen Verrichtungen auszuüben. Diese Antwort ließ Baldiron, wie Sprecher erzählt, in Zorn erglühen, so daß er Cresta und, als Johannes Sprecher, der Bruder des Fortunat, sich für ihn verwenden wollte, auch diesen verhaften und auf Schloß Castels abführen ließ. Er mußte jedoch erkennen, daß er damit nichts erreiche; denn viele äußerten, daß sie, wenn sie ihre Prediger und alle Bücher nach dem Wortlaute der vorgelesenen Artikel entbehren müßten, meinten, der Speise beraubt zu sein. Dazu kam, daß Johann Viktor Travers ihn warnte, er möge auf Sicherheit seines Lebens Bedacht nehmen, so daß er noch am gleichen Tage in der Nacht, unter Zurticklassung des mitgebrachten Fußvolkes in Schiers, mit den Dragonern nach Chur zurückkehrte. Auf dem Wege soll er zu Schiers von Abgesandten dieses Ortes die Versicherung bekommen haben, ein großer Teil der Bevölkerung werde übermorgen, am Sonntag, zur Kirche kommen. Freilich räumt Sprecher selbst ein, daß das doppelsinnig gemeint gewesen sei, da ein Anschlag auf die in der Nähe der Kirche im Lager liegenden Truppen schon beabsichtigt war.

Die Verzweiflung hatte nämlich das Prättigauer Volk zum Entschluß gebracht, sich mit Gewalt des unerträglichen Druckes, dieser letzten auf den ererbten väterlichen Glauben gerichteten Zumutungen zu entledigen. Sprecher weiß den Namen eines unter diesen entschlossenen Männern anzuführen, die das Äußerste versuchen wollten, um wenigstens nicht, ohne sich gerächt zu haben, zu verderben. Das war ein Mayenfelder, Thüring Enderlin, der hatte fliehen müssen, weil er einen in seinem Hause auf Diebstahl ergriffenen Österreicher niedergeschlagen hatte, und der nun vom eidgenössischen Boden im Rheintal aus Leute um sich sammelte und Anknüpfung nach Graubünden hin gewann. Doch auch im Prättigau selbst rüstete man. Zwar bis auf wenige verborgen gehaltene Stücke waren alle Waffen abgeliefert worden: so gingen die Männer in die Wälder, hieben sich zehn Schuh lange Prügel zurecht und spickten diese Keulen mit Nägeln, oder sie befestigten Messer, Äxte, was sie überhaupt hatten, in dem Holz. Allerdings war zu befürchten, daß die Sache nicht völlig geheim bleibe, und so wählten die Verschwornen als gegenseitiges Erkennungszeichen ein Stückchen weißer Leinwand, das sie an den Hüten befestigten. Besonders schien der fluchtartig rasche Weggang Baldirons anzuzeigen, daß der Anschlag verraten sei, und schon wurde daran gedacht, das Land zu verlassen, während einige im Lande sich verborgen haltende Prediger den Mut bestärkten.

So wurde beschlossen, in der Nacht auf Sonntag den 24. April den Angriff auszuführen. Zwar hatten die in Küblis liegenden Österreicher das Kommende erkannt und noch am Samstag sich, bis auf elf Mann, die zur Bewachung des Hauptquartiers in Küblis blieben, auf dem Schloß Castels, wo sie sich einschlössen, versammelt. Aber die Saaser und Conterser warfen sich jetzt auf diese in Küblis gebliebene Wache, wobei es zu den ersten Tötungen kam, besonders eines durch seine quälerischen Taten vorzüglich verhaßten Quartiermeisters, und danach wurde noch in der gleichen Nacht die Belagerung des Schlosses Castels begonnen.

Der zum Losschlagen schon vorher in Aussicht genommene Sonntag brach an, und nunmehr wurde Schiers der Mittelpunkt der Begebenheiten. Um 11 Uhr mittags wurden die in diesem Dorfe liegenden Soldaten auf dem Platz vor der Kirche angegriffen und nach anfänglich tapferer Abwehr auf den Gottesacker und in die Kirche zurückgedrängt. Wie sie nun in der Kirche, um das Feuer fortzusetzen, Pulver unter sich verteilen wollten, entzündete sich dieses, und durch Einsturz eines Teiles des Gewölbes kamen 10 Mann um; der Rest, 17 an der Zahl, sah sich so den Ausweg abgeschnitten, worauf die Mehrzahl erschlagen wurde. Wie auch Anhorn neben Sprecher bezeugt, waren die Frauen ganz wesentlich an diesen Taten beteiligt, so daß eine einzige sieben Feinde mit einer Keule erschlug. Diese Weiber erklärten, sie seien gleich den Männern von diesen Landsknechten geplagt worden und hätten also gleich den Männern dazu zu reden, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.

In der gleichen Stunde vollzog sich aber auch oben in Seewis das Geschick des Pater Fidelis. Ein Bericht über den Martertod des heiligen Fidelis, aus der Feder des gleichzeitigen Stadtpfarrers von Sigmaringen, der zwar die Schärfe der Maßregeln Baldirons abzuschwächen sich bemüht, sonst aber im wesentlichen mit Sprecher zusammenstimmt, erwähnt, Fidelis habe zu seinem Begleiter nach Graubünden, dem Pater Johannes, vorausgesagt: „ Ich weiß für gewiß, daß es mich mein zeitlich Leben kosten wird ", und dieser Zeuge erwähnt weiter, daß Fidelis an diesem Sonntag am Morgen noch zu Grüsch gepredigt, dann aber den Pater Johannes da zum Anhören der Beichte zurückgelassen habe. Darauf stieg er mit dem Hauptmann Freiherrn von Fels, der die Abhaltung des Gottesdienstes zu Grüsch — nach Sprecher — zu einer frühem Stunde angesetzt und dabei durch einen Schreiber die Aufzeichnung der Namen aller Anwesenden angeordnet hatte, nach Seewis hinauf, um da zum zweiten Male zu predigen; der Offizier nahm 25 Mann mit, damit diese die Kirche auf allen Seiten umgeben könnten. Der Text der Predigt war: „ Ein Gott, Ein Glaube, Eine Taufe ", und dieselbe war bis etwa zur Hälfte gekommen, als plötzliche Störung eintrat. Die vor der Kirche aufgestellten Soldaten hatten den Rauch von der Explosion in der Kirche von Schiers bemerkt, und so stürzte eine der Schildwachen in die Kirche von Seewis, mit dem Ausrufe, man sehe Rauch und Feuer. Nach Sprechers sicher am meisten Glauben verdienenden Darstellung liefen nun alle Leute aus der Kirche, wobei Fidelis glaubte, sie fürchteten sich vor den Soldaten, und das Volk beruhigen wollte. Aber schon standen die Fanaser und andere mit ihren Prügeln bewaffnet bereit, so daß, als ein Soldat auf einen Prättigauer anlegte, dieser, der ausnahmsweise ein Gewehr hatte, seinerseits feuerte und den Feind zu Boden streckte. Dies war der Anfang des Kampfes. Der Hauptmann flehte mit gefalteten Händen um sein Leben und wurde von zwei angesehenen Prättigauern errettet. Ein anderer Prättigauer bat den Pater dringend, die Kirche nicht zu verlassen, und so wäre er wahrscheinlich mit dem Leben davongekommen. Allein der Pater ermunterte die Soldaten zum Kampfe, und so wurde er unter dem Haufen der Flüchtigen — er hatte die Sandalen abgezogen, um rascher vorwärts zu kommen — ereilt und in der Hitze der Verfolgung durch einen jungen MannSprecher kennt seinen Namen, Rudolf Hildebrand — getötet. Der Bericht des Sigmaringer Pfarrers weiß nun da allerlei Schreckliches beizufügen, daß gleich durch einen ersten Streich dem Opfer der Kopf bis auf das rechte Auge gespalten worden sei, worauf noch zahlreiche Stiche und Schläge folgten — tatsächlich war Fidelis zuerst am Schienbein verwundet —, und dann habe man dem Toten noch einen Fäustling-, ein kleines, mit der Faust abzudrückendes Gewehr, nebst Kugeln und Pulver in einem Säcklein, angehängt, um ihn so als bewaffneten Urheber des Kampfes darzustellen. Allein hierzu stimmt gar wenig, daß man der Leiche auf dem Kirchhofe die Ehre der Bestattung erwies; auch zeugt gegen die unterschiedslos wütende Vernichtung, daß unten in Grüsch der zweite Kapuziner Johannes durch drei von Sprecher mit Namen aufgeführte Männer, darunter zwei Salis, sorgsam am Leben erhalten blieb und dann nach acht Tagen, durch Vermittlung der eidgenössischen Orte, wobei sich die reformierten Kantone nicht ausschlossen, auf freien Fuß gesetzt wurde. Dagegen richtete sich die ganze Wut gegen die Soldaten, deren Ausschreitungen jetzt blutig vergolten wurden. Die von Seewis flüchtig gewordenen Begleiter des Hauptmanns von Fels wurden bis Grüsch verfolgt, und dann mußte sich auch die Abteilung, die in Grttsch eingelagert gewesen war, an der Landquart abwärts zurückziehen. Unten in der Felsenenge der Klus, wo durch das Gedränge, da die Weiber und Kinder der Soldaten darunter waren, eine arge Unordnung entstand, kam es zu einer fast völligen Vernichtung der nunmehr auch von Valzeina her angegriffenen Feinde. Teils stießen sich die Massen selbst in das Wasser des Flusses; teils wurden sie erschlagen: Sprecher zählt 350 Tote und 30 Gefangene. Die siegreichen Prättigauer drangen jetzt in die Herrschaft Mayenfeld hinaus und vervollständigten da ihren Erfolg. Ebenso sah sich am nächsten Tage, am Montag den 25., die Besatzung des Schlosses Castels, durch die enge Umlagerung in Not gebracht, gezwungen, zu unterhandeln, worauf sicherer Abzug, nach Abgabe der Waffen von Seiten der gemeinen Soldaten — das Schwert abgerechnet —, gestattet wurde. In den nächsten Wochen, durch den Mai bis in den Juni, schlossen sich noch weitere ansehnliche Ergebnisse für die Bündner an. Rudolf von Salis, der Bruder des schon genannten Geschichtschreibers Ulysses, übernahm den Oberbefehl, und jetzt folgten heftige Kämpfe, so am 4. Mai eine blutige Niederlage der Österreicher beim Dorfe Fläsch am Fuße der Luziensteig, und auch in Mayenfeld und Chur mußten die Besatzungen kapitulieren 1 ). Bis zur Mitte des Jahres war neben dem Prättigau und der Herrschaft Mayenfeld auch das untere Engadin befreit. Allein diese Abschüttelung des fremden Jochs hatte kurzen Bestand. Im August kehrten die feindlichen Truppen zurück, und am 5. September erlagen auch die Prättigauer der Übermacht. Ein zu Lindau am 30. September abgeschlossener Vertrag unterwarf auch die acht Gerichte des Zehngerichtenbundes und unter ihnen die Prättigauer Bezirke Klosters, Castels und Schiers als getreue Untertanen der Gewalt ihres „ natürlichen Herrn ", des Hauses Österreich. Es dauerte nachher bis 1641, ehe dieser Lindauer Vertrag annulliert wurde, und bis 1652, wo erst der Verzicht auf alle Rechte, auch hinsichtlich des Tales Prättigau, geschah.

Daß die katholische Kirche den erschlagenen Kapuziner als Märtyrer betrachtete, war von vornherein gegeben. So wurde nach der Rückkehr der Österreicher der Leib aus dem Seewiser Friedhof wieder erhoben und als Reliquie teils in das Feldkircher Kloster, teils in die Domkirche zu Chur versetzt, und bald bildete sich die Legende, zur Bezeichnung der Todesstätte sei jene Quelle unterhalb der Kirche von Seewis entstanden. Allerdings dauerte es bis in das folgende Jahrhundert, ehe der auf Bitten des Kaisers Ferdinand II., des Erzherzogs Leopold und anderer katholischer Fürsten eingeleitete Beatifikationsprozeß zu Ende gedieh und nach der Seligsprechung durch Papst Benedikt XIV. 1744 die Heiligsprechung für Fidelis erfolgte. Der fleißige Pfarrer Sererhard, dessen „ Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreien Bünden " eine wertvolle Schilderung von Graubünden vor anderthalb Jahrhunderten bietet, spricht als Geistlicher der Kirche Seewis eingehend von diesen Dingen, daß die Kanzel noch stehe, von der Fidelis absprang, um durch das kleine Türlein des Chores, dann durch einen Sprung von der hohen Kirchhofmauer sich zu retten, worauf er noch etwa vier Büchsenschüsse weit durch die Güter unter der Kirche, die Prada genannt, gelaufen sei. Sererhard sagt, daß ihm ein ausländischer Katholik einmal Geld anerboten habe, um die Kanzel zu kaufen, und er meint: „ Unsere Seewisser haben Pater Fidelis den größten Dienst geleistet; denn ohne sie würde er wohl nimmermehr ein so großer Wundertäter, noch zu so hohen Ehren gestiegen sein. " Daß die Errichtung der katholischen Kirche vor einem Jahrzehnt auch die Erinnerung an den Märtyrer von 1622 auffrischen sollte, ist aus der lebhaften Erörterung, die damals darüber entstand, noch im frischen Gedächtnis.

Aber um das richtige Urteil über die hier angeführten Vorgänge des 17. Jahrhunderts sich zu bilden, muß man sie aus der zusammenhängenden Kette von Ereignissen verstehen und würdigen, in die sie hineingehören: mit andern Worten, man muß sich vergegenwärtigen, daß man in der Zeit des dreißigjährigen Krieges steht.

1 ) Zu vergleichen ist die zu Jahrbuch, Band XXV. beigegebene Karte Gygers, mit den in sie eingezeichneten Kampfszenen.

Im Lande der rätischen Bünde war es schauerliche Sitte, war es geradezu Rechtsgebrauch geworden, daß in Zeit von heftiger Erregung in tumultuarischer Weise von einer Seite ein sogenanntes Strafgericht gegen den politischen und fast durchaus zugleich konfessionellen Gegner gebildet wurde. Dieses aus eigener Machtvollkommenheit jedesmal geschaffene Gericht ging dann mit wildester Rücksichtslosigkeit grausam, vernichtend gegen die Angeklagten vor. Doch wenn das geschehen war, erhob sich von dem andern Teile her das gleiche Verfahren. Das gefällte Urteil wurde als ungültig für aufgehoben erklärt; aber mit gleicher Nichtachtung des Rechts vergalt jetzt das dagegen gebildete andere Gericht, was vorher von den Gegnern beschlossen war. Unrecht gegen Unrecht, Haß gegen Haß traten da nacheinander auf das Feld. Und dazu kam noch der Gegensatz zwischen den herrschenden drei Bünden einesteils, den in Unter-tanenschaft stehenden Herrschaften Bormio, Veltlin und Chiavenna auf der andern Seite.

Da hatte 1618 eine von dem leidenschaftlichen reformierten Pfarrer Georg Jenatsch fanatisierte Schar zuerst im Engadin auf das Schloß des als spanisch gesinnter Verräter angeschuldigten Rudolf Planta sich geworfen und darauf sich in das Veltlin begeben. Zu Sondrio lebte hier der Erzpriester Nikolaus Rusca, der als ein sehr gelehrter und sonst auch angenehmer Mann geschildert wird, dem jedoch vorgeworfen wurde, er sei in seinem Glaubenseifer als ein „ Ketzerhammer " anzusehen, und ähnlich verhaßt war der greise Landammann Prevost, genannt Zambra. Beide wurden als Gefangene nach Thusis geschleppt, wo vom August bis zum Januar des folgenden Jahres das Strafgericht tagte, unter eifrigster Beteiligung des Pfarrers Jenatsch. Der kränkliche Rusca wurde gräßlich gefoltert und gab unter den Qualen der Tortur seinen Geist auf, worauf man die Leiche unter dem Galgen verscharrte, und Zambra wurde mit dem Schwerte hingerichtet. Die Gesamtzahl der Strafurteile stieg auf 157.

Die Antwort auf diese Greueltaten war allerdings furchtbar. Das war der in der Nacht vom 18. zum 19. Juli 1620 begonnene, durch 15 Tage dauernde Veltliner Mord, die Ausrottung der reformierten Einwohner, die Opferung von ungefähr 400 Personen, Männern und Frauen, die Plünderung ihrer Habe durch die Mörder und darauf der Abfall von Bormio und Veltlin von der Beherrschung durch die drei Bünde.

Die abermalige Vergeltung folgte im nächsten Jahre. Am 25. Februar 1621 geschah sie durch Jenatsch, durch einen zweiten jungen Pfarrer, Blasius Alexander, und einige weitere Verschworne, die als „ Gutherzige " sich zusammengetan hatten. Sie überfielen den Pompejus Planta, den Bruder Rudolfs, auf seinem Schlosse Rietberg im Domleschg und schlugen ihn mit ihren Äxten nieder.

Und als viertes Glied in der Reihe erscheint hinwieder im Jahre darauf, nach den namenlosen Mißhandlungen, die die Prättigauer einen langen Winter hindurch erlitten hatten, oben der Tod des Pater Fidelis zu Seewis.

Feedback