Ein neues Tourenziel – die Hütte des «Helvetia Club» SAC-Ausstellung im Alpinen Museum

Der Schweizer Bundesstaat existiert seit 1848, der Schweizer Alpen–Club seit 1863. Die Ausstellung «Helvetia Club» im Alpinen Museum der Schweiz fächert auf, wie ein Land und ein Verein Geschichte schrieben, und wie sie sich gegenseitig prägen und spiegeln.

«Wesentlich gefördert und methodisiert wurden die Alpenunternehmungen durch den schweizerischen Alpenklub.» So steht es in einem von Karl Dändliker verfassten Geschichtsbuch von 1904, als der SAC gerade mal 41 Jahre zählte.

Der SAC hat und ist Geschichte. Er hat Geschichte, weil es über ihn viele Geschichten gibt. Er ist Geschichte, weil er die Geschichte der Schweiz mitschrieb – und vor allem spiegelt.

 

Schweizer Identitätsgeschichte

Diese Spiegelung ist das Grunddispositiv der neuen, kulturgeschichtlich angelegten Ausstellung «Helvetia Club» im Alpinen Museum. Die Ausgangsthese der Ausstellungsmacher: «Der SAC ist ein wichtiges Stück Schweizer Identitätsgeschichte.» «Helvetia Club» spiegelt, mit Blick auf das Bundeshaus und auf den Helvetiaplatz, in Form einer stilisierten Hütte dieses Wechselspiel von schweizerischer und alpinistischer Geschichte. Empfangen von einer flatternden Fahne betritt man zuerst den Gemeinschaftsraum, geht durch die Hüttenküche auf die grosse Aussichtsterrasse, steigt hinauf in den Massenschlag, geht in das Frauen­zimmer und schliesslich in den Clubraum.

Jeder Teil der Ausstellung fokussiert auf bestimmte Themenkreise. Repräsentiert durch Objekte, durch Texte und Dokumente, durch interaktive Stationen, durch erzählte individuelle Geschichten, die sich auf Erlebnisse in den Bergen oder im SAC beziehen. So gibt es viel zu sehen, zu spielen und – selbstverständlich – nachzudenken. Denn Geschichte bedeutet ja immer ein Nach-Denken, heisst, einen Sprung aus der Gegenwart in die Vergangenheit zu wagen, um durch diese Bewegung wiederum den Blick auf die Gegenwart zu schärfen.

 

Der Aufbruch der Elite

Als am 19. April 1863 genau 35 Herren im Bahnhofrestaurant Olten den Schweizerischen Alpenclub gründeten, hätten sie wohl nie gedacht, dass sie Geschichte schreiben würden. Aber sie wollten «für das Vaterland Fruchtbares leisten». Sie waren, 15 Jahre nach der Gründung des liberalen Bundesstaates, Teil jener Kräfte, die die Schweiz vorwärtsbringen wollten. Sie waren eingebunden in diesen «patriotischen» Aufbruch, wie etwa eine Passage in der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitung» vom 1886 belegt: «Wenn sich Offiziere und Unteroffiziere, Sänger, Turner und Schützen, die Männer der Schule und der Presse, die bewährten Kräfte der Gemeinnützigen Gesellschaft, des Grütlivereins und Alpen-klubs gegenseitig die Hände reichen, in jedem Haus unseres Vaterlandes an den patriotischen Sinn von Jung und Alt appellieren, werden die kleinen Gaben der Einzelnen dazu führen, ein Gedenkzeichen an den Tag [der Schlacht] von Sempach in Form einer schweizerischen Winkelriedstiftung zu Stande zu bringen, wie wir es schöner nicht einrichten könnten.»

Zur neuen, mythologisch untermauerten Identität der Schweiz gehörte die Eroberung der Alpen, die unter anderem durch kartografische Pionierleistungen des SAC möglich wurde. Die Alpen waren nicht nur alpinistisches Objekt, waren nicht nur im Fokus von geografischem und geologischem Erkenntnisinteresse, die Alpen waren auch Kern jener neuen Mythologie des «Alpenstaates». Dabei verstanden sich die Gründer des SAC als exklusiv-bürgerliche, vorwiegend städtisch geprägte Elite. Fern waren noch die Zeiten, da der SAC Spiegel der Freizeitgesellschaft sein würde.

 

Alpenschutz und Helikopterstreit

Mit der Freizeitgesellschaft eröffnen sich Spannungsfelder. Auf der Ausstellungsterrasse im «Hodler-Saal» werden am Modell von fünf Hütten Probleme der Nachhaltigkeit ausgebreitet werden, also etwa der Versorgung mit Energie und Wasser und der Entsorgung. In den aktuellen Diskussionen über den Helikoptertourismus nehmen städtische und alpine Sektionen grundlegend unterschiedliche Positionen ein.

Andere Konfliktfelder kommen im Gemeinschaftsraum zur Sprache. So wird etwa an jene Zeiten um 1920 erinnert, als sich der SAC ideologisch explizit von den Naturfreunden abgrenzte, die mit der Arbeiterbewegung verbunden waren. Das führte 1923 am Rheinwaldhorn dazu, dass der SAC und die so­zia­listische Unione Ticinese Operai Escursionisti (UTOE) in 40 Minuten Entfernung zeitgleich je eine Hütte errichteten: Klassenkampf in den Bergen, bei dem der Slogan der Naturfreunde lautete: «Berg frei!» – Berge für alle statt nur für eine Elite.

 

Frauenzimmer und Clublokal

Die Frauenfrage bekommt in «Helvetia Club» eine eigene Abteilung: das Frauen­zimmer. Mit gutem Grund. Ab 1907 waren die Frauen ausdrücklich aus dem SAC ausgeschlossen. «Mannsweiber» würden im Männerzirkel nur stören, befand der Verein. Die Frauen gründeten 1918 einen eigenen Club, den Schweizerischen Frauen-Alpenclub. Es sollte bis 1979/80 dauern, bis diese Geschlechtertrennung und -diskriminierung im SAC aufgehoben wurde. Wiederum ein Spiegel der Verhältnisse in der Schweiz, wo das Frauenstimmrecht erst seit 1971 gilt. Und heute: Sind Frauen mitgemeint, wenn von «Clubisten» die Rede ist? Oder heisst es korrekterweise «ClubistInnen»?

All das und noch viel mehr ist die Ausstellung «Helvetia Club». Sie endet im «Clublokal» mit Fotografien aus (fast) allen Clublokalen der Schweiz. Das ergibt die Topografie eines Landes, das seine Identität immer wieder finden muss. Und das gibt Einblicke in Restaurants und Gemeindesäle, zeigt Stammtische und Sitzungszimmer – eben so, wie man die Schweiz zu kennen meint.

Die Ausstellung

Helvetia Club. Die Schweiz, die Berge und der Schweizer Alpen-Club. 20. April 2013 bis 30. März 2014. Alpines Museum der Schweiz, Helvetiaplatz 4, Bern. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.

www.alpinesmuseum.ch

Das Jubiläumsbuch

Die Jubiläumsausstellung im Alpinen Museum kommt als Berghütte daher, die dazugehörige Jubiläumsschrift als Hüttenbuch (Grossformat: 24×32 cm). Es enthält Zahlen, Fakten und Bilder über den SAC, Geschichte und Geschichten, Anekdoten und Ausblicke. 35 grossformatige Porträts von Clubisten und Clubistinnen, zwischen zehn und hundert Jahre alt, runden das Buch ab.

Daniel Anker (Hrsg.), Helvetia Club. 150 Jahre Schweizer Alpen-Club SAC, SAC Verlag, Bern 2013. Fr. 49.–, für SAC–Mitglieder Fr. 39.–

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