Ein schwarzer Tag am Grand Combin

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August Granwehr, Kreuzlingen

Bilder um bis 102 Wenn im Unterland die Bauern das Heu einfahren, ist die ideale Zeit für Skihochtouren in unsere 4000 Meter hohen Berge.

Eine Achtergruppe Thurgauer SAC-Bergstei-ger aus Arbon, Amriswil, Kreuzlingen und Weinfelden, angeführt vom Tourenleiter Köbi, trifft in Martigny den Bergführer Samuel. Aus dem Walliser Rhonetal bringen uns zwei Autos südwärts durchs Val de Bagnes nach Fionnay. Die Ski auf den Rucksack geschnallt, geht 's aus dem Dörfchen, westwärts über nasse Wiesen. Weisse, vereinzelt auch blaue Krokusse und Soldanellen zieren die grüne Fläche. Am sonnigen Waldrand grast ein mächtiger Hirsch. Das Wanderweglein verliert sich im niedrigen Unterholz. In einer steilen Serpentine überholen wir ein junges Paar und zwei Burschen. Es sollte der letzte Aufstieg für die drei Männer sein... Zurück wird nur das Mädchen bleiben.93 100 Grand Combin: Eine weisse Wolke aus Eis und Schnee bricht aus der Wand, drei junge Burschen unter sich begrabend 101 Alles ist wieder ruhig; vor uns liegt der imposante Grand Combin - nur der breite dunkle Streifen zeugt von der niedergegangenen Eislawine 102 Im « Korridor » unter dem Grand Combin Phnlc.s August ( il .murili, Kri'iulingrn Nun schnallen wir die Ski an die Schuhe und gleiten über weichen Schnee in der warmen Mittagssonne höher. Ein steiler Westhang ist teils schneefrei, teils von Lawinenzügen durchzogen. Wir überqueren die gefährliche Zone in grösserem Abstand. Weiter geht 's über einen wohl kilometerlangen Kamm, der steil zum Gletscher abfällt. Mit den Skistöcken lassen sich mit Leichtigkeit grössere Schneerutscher auslösen. Ein unterhaltsames Spiel für erwachsene Kinder! Die Pan-nossiere-SAC-Hütte ist etwa zehn Minuten, bevor man sie erreicht, sichtbar. Nach vierstündigem Aufstieg legen wir die feuchten Lasten um 17.30 Uhr vor die Unterkunft, um sie von der warmen Abendsonne trocknen zu lassen. Wir fühlen uns recht wohl und kriechen nach einem vom Hüttenwirt servierten guten Nachtessen bald in einem reservierten Raum unter die Wolldecken.

Sonntag früh um drei Uhr ist Abmarsch. Unser Berner Oberländer Führer zieht im Nebel parallel zu einer alten Spur über den sanft ansteigenden Gletscher voran. Bei einer Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt lässt sich 's bequem im leichten Pullover marschieren. Bei Tagesanbruch lagern im nördlichen Tal dunkle Wolken; der östliche Himmel rötet sich leicht. Eine Vierergruppe aus Frankreich, bereits seit ein Uhr unterwegs, befindet sich auf der Abfahrt. Dichter Nebel hinderte sie am Weiterkommen; nach zweistündigem Warten ist sie vor dem « Korridor » umgekehrt.

Auf dem Frühstücksplatz gibt es nur eine zehn-minütige Tee- und Stärkungspause. Eine Fünfergruppe aus Schaffhausen, die gestern hier umgekehrt ist, hat sich uns angeschlossen. Das Wetter hellt auf, und der Grand Combin steht nun in seiner ganzen überwältigenden Schönheit vor uns. Der nun kommende Aufstieg durch den sogenannten « Korridor » ist eine schwierige Strecke und eine der gefährlichsten Skihochtouren in den Alpen, eigentlich für ausdauernde und erfahrene Skialpinisten « reserviert ». Samuel zieht die Spur möglichst weit nach links, um dem Gefahrenbereich der senkrechten Abstürze des Gipfelglet- 103 Blick aus dem Hubschrauber. im I.andeanßug auf Holsteinsborg ( Grönland ) 104 .1 ufbruch m Holsteinsborg 105 Titus mit seinem Gespann 106 Mit 12 HSHundestärken ) durch West-Grönland l'limos Erich Vanil. Wien schers auszuweichen. Der Sicherheitsabstand von Mann zu Mann beträgt 20 Meter. Wohl eine Stunde dauert der zügige Zickzackaufstieg, bis unser Führer auf sicherem Platz in einer Höhe von knapp 4000 Metern endlich anhalten und warten kann, bis alle aufgeschlossen sind. Ich steige allein weiter voraus, um eine günstige Stelle zu finden, von der aus die aufsteigende Gruppe mit der mächtigen Eiskulisse seitlich hinter uns gut photographiert werden kann. Da, um 7.45 Uhr, plötzlich ein Knistern und Knacken! Ein grosses Stück des Eiswulstes stürzt über die fast senkrechte Felswand auf unsere Aufstiegsspur! Ein imposantes Schauspiel, wie die weisse Staubwolke sich in die Tiefe wälzt. Aus meiner Betrachtung aufgeschreckt, durchzuckt mich der Gedanke: Hinter uns im Abstand von vielleicht 15 Minuten, müssen drei weitere Skifahrer sein. Wenn es diese erwischt hat, sind sie vom Eis erschlagen. Sofort fahren von uns zwei Mann ein kurzes Stück ab, um den Lawinenkegel zu übersehen. Kein Lebewesen regt sich in der fast unheimlichen Stille. Wir entschliessen uns, die Tour abzubrechen. Mit grossem Abstand, den ersten Schreck noch in den Knien, fahren wir ab. Ausserhalb des Lawinenniederganges ist der Schnee vom Wind hart gepresst. Auf der Lawinenrutsch-bahn liegen kleine zerbrochene Eisbrocken. Die Aufstiegsspur ist auf einer Breite von 400 Metern ausgelöscht. Wären wir nur eine halbe Stunde später aufgestiegen, lägen jetzt 14 Menschen im Eis begraben. Samuel quert, von Heinz am Seil gesichert, zum zweiten Absturzrand, um die Vermissten in der Spalte zu suchen. Nach kurzer erfolgloser Suche fahren wir über den Frühstücksplatz unter den zweiten Absturz der Lawine. Und hier stossen wir auf ein erstes konkretes, unheilvolles Zeichen: auf einen Rucksack!

Auf der Abfahrt zur Hütte fliegt uns bereits der Helikopter der Rettungsflugwacht entgegen. Ein Toter wird am oberen Rand der Lawine in kurzer Zeit geborgen. Sieben Helfer suchen mit zwei Hunden die Verunglückten auf dem oberen Lawinenkegel. Um 10.30 Uhr ertönt unvermittelt ein Warnschrei; die Hunde rennen davon, die sieben Retter stieben auf ihren Brettern in Schussfahrt zum Lawinenkegel hinaus. Ein weiterer, ebenso grosser Eissturz wie der erste folgt mit Getöse nach. Die Rettungsmannschaft entkommt nur knapp. Für heute muss die Suchaktion endgültig abgebrochen werden.

Herrliches Wetter, bester Schnee, alle in bester Verfassung; der 4314 Meter hohe Gipfel hätte in zwei Stunden unser sein können; aber eine höhere Macht hat uns draufgängerische Menschen ganz klein und nachdenklich gemacht. Sechzehn Jahre lang sind am « Korridor » des Grand Combin keine tödlichen Unfälle passiert. Und nun dieses Unglück! Nachmittags ziehen viele zu Tal, denn morgen ist ein Arbeitstag. Nur noch 20 Mann bleiben in der Hütte. Ein katholischer Priester zelebriert für die drei Verstorbenen eine schlichte Gedenkmesse im Hüttenraum. Der Herr gebe ihnen die ewige Ruhe.

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