Ein schwieriger Sommer Die SAC-Hütten im Coronamodus

«Mit besonderen Vorsichtsmassnahmen offen!» Unter diesem Motto starteten die SAC-Hütten im Juni in eine ganz besondere Saison. Die meisten Gäste akzeptieren die coronabedingten Einschränkungen. Wegen des reduzierten Bettenangebots und Mehraufwand rechnen die meisten Hütten aber mit Einbussen zwischen 20 und 40%.

Es ist für jeden Gast auf jeder Hütte eine gewöhnungsbedürftige Situation: eine abgesperrte Hüttenbibliothek, Zutrittsbeschränkungen im Waschraum, abgesperrte Toiletten, überall Desinfektionsmittel sowie auf den ersten Blick ungemütliche Trennwände auf den Esstischen. Schneller gewöhnt man sich dagegen an die plötzlich grosszügigen Platzverhältnisse im Essraum, die freien «Distanz»-Betten in den Zimmern und den Tellerservice beim Abendessen.

Für die Hüttenwarte sind es ebenfalls «besondere, nicht nur angenehme, weil noch arbeitsintensivere Zeiten als sonst in der Hochsaison». Etwa so lassen sich die Aussagen der befragten Hüttenwartinnen und Hüttenwarte zusammenfassen. Die Gastgeber auf den über 150 Hütten des SAC haben das Schutzkonzept – je nach Hüttencharakter – sehr unterschiedlich umgesetzt. «So konsequent wie nötig, aber so pragmatisch wie möglich» sagt etwa Pia Biondi, Hüttenwartin auf der Rotondohütte SAC im Kanton Uri. «Polizist spielen» wolle sie nicht, aber das sei eigentlich auch nicht nötig. Sie stellt, genauso wie andere Hüttenwarte auch, den Gästen ein gutes Zeugnis aus: «Sowohl auf der Terrasse als auch in der Hütte werden die neuen Regeln gut akzeptiert, Distanzen wenn immer möglich eingehalten, es wird grundsätzlich Rücksicht genommen, und es gibt kaum Widerstand», sagt Pia Biondi zufrieden. Sie muss sich auch weniger Sorgen machen als andere Hüttenwarte, denn die Platzverhältnisse auf der Rotondohütte sind grosszügiger als an den meisten anderen Orten. Deshalb ist das Bettenangebot nur minim reduziert, und Pia Biondi rechnet mit einem nur geringen Umsatzeinbruch.

Zusätzliche Arbeit bringt Teams ans Limit

«Bessere Übernachtungszahlen als noch im Frühling erwartet» haben auch Nicole und Artur Naue als Hüttenwarte auf der Trifthütte SAC zu verzeichnen. Statt 60 Gästen über das Wochenende und 20 unter der Woche haben sie in den ersten Wochen der Coronasaison durchwegs eine konstante (Maximal-)Auslastung von 37 Halbpensionsgästen. «Alle schätzen die plötzlich grosszügigen und komfortablen Platzverhältnisse und halten sich weitgehend an die Coronaregeln in den Schlafräumen», sagt Hüttenwartin Nicole Naue. Auf die restlichen Zusatzregeln würden die Gäste aber gerne verzichten. Artur Naue ergänzt, dass das Schutzkonzept für das Hüttenteam mit viel Zusatzarbeit verbunden sei. Vor allem wenn bei vielen Kleingruppen zwei Servicezeiten nötig seien. Dies bringe, genauso wie der neue Essensservice für die Zeltgäste draussen, die Hüttencrew diesen Sommer öfters ans Limit. Andere Hüttenwarte erwähnen den spürbaren Mehraufwand für die Beratung und das Beantworten von Fragen am Telefon oder per Mail. Hin und wieder fragen sich Nicole und Artur Naue, ob ein derart aufwendiges Schutzkonzept auf SAC-Hütten überhaupt sinnvoll ist, wenn sich manche Gäste ausserhalb der Essenszeiten kaum um die Sitzplatzordnung kümmern würden.

Mehr Kapazität dank Plexiglas

Einen grossen Aufwand betrieben hat auch die SAC-Sektion Zofingen: Auf der sektionseigenen Vermigelhütte hoch über Andermatt konnte die reduzierte Kapazität mit mobilen Plexiglasscheiben auf ein wirtschaftlich verantwortbares Mass angehoben werden. Trotzdem rechnet Hüttenchefin Franziska Scherrer für diesen Sommer mit einem Einnahmenausfall zwischen 20 und 40%. Die meisten der befragten Hütten rechnen mit Einbussen in dieser Grössenordnung.

Flexibilität beweisen auch Jill Lucas und Daniel Sidler auf der Chamanna Jenatsch CAS. Sie können wegen Corona nur noch rund die Hälfte der bisher möglichen 71 Betten belegen. Obwohl die Organisation schwieriger und die Arbeit mehr geworden ist, haben sie das Hüttenteam von vier auf drei Personen reduziert. «Wir sind ständig am Ball und haben spürbar weniger Pause im sonst schon langen Arbeitsalltag», sagt Jill Lucas. Dass dies von den Gästen kaum wahrgenommen werde, deute wohl darauf hin, dass sie es gut machten, sagt Daniel Sidler lachend.

«Auch zum Schutz der Hüttenteams»

Im Frühsommer sind alle ins Ungewisse gestartet, jetzt zeichnet sich in vielen Hütten ein Lichtblick ab, auch wenn das moderate Minus «mit viel Aufwand und Arbeit erkauft» werden muss. Die Verantwortung der Hüttenwarte ist gross, und letztlich hängt auch ihre Existenz vom weiteren Verlauf der Coronapandemie ab. «Kaum vorstellbar, was passiert, wenn eine Hütte als ‹Virenschleuder› in Verruf gerät oder gar geschlossen werden muss», sagen etliche Hüttenverantwortliche.

«Die grosse Mehrheit der Hütten setzt die im Branchenkonzept für Berghütten vorgeschlagenen Schutzmassnahmen sehr gut um», stellt Bruno Lüthi, Bereichsleiter Hüttenbetrieb beim SAC-Zentralverband, erfreut fest. Ob sich die Gäste ebenso gut daran hielten, sei jedoch eine andere Frage. Zudem gibt es auch Hütten, die aus betrieblichen oder wirtschaftlichen Gründen die Schlafplätze am Wochenende fast vollständig belegen. Das sei gemäss Covid-19-Verordnung des Bundes unter gewissen Bedingungen zwar möglich, werde vom SAC allerdings nicht empfohlen. Der Zentralverband richtete darum wiederholt den dringenden Appell an alle Gastgeber auf SAC-Hütten, die Schutzmassnahmen umzusetzen. «Dies ist nicht nur zum Schutz der Gäste, sondern genauso zum Schutz des Hüttenteams», sagt Bruno Lüthi. Eine wegen Covid-19-Fällen geschlossene Hütte hätte weitaus grössere finanzielle Auswirkungen als die Umsetzung der Schutzmassnahmen.

Viele hoffen auf eine Reduktion der Hüttenpacht

Bruno Honegger hat die Camona da Maighels CAS zusammen mit seiner Frau Pia über 20 Jahren geführt, heute hilft er bei Bedarf seiner Tochter aus, die jetzt dort Hüttenwartin ist. Für ihn steht fest, dass die Coronapandemie die Hüttenwarte schweizweit massiv fordere und mittelfristig nicht nur finanziell zu einem Prüfstein werde. Er hat Verständnis, dass viele Hüttenteams auf eine nachträgliche Reduktion des Pachtzinses hoffen, so wie es auch in den meisten anderen Gastrobereichen beschlossen wurde.

Der als Hüttenwart erfahrene Bergführer kann dem aktuellen «Coronaregime auf den Hütten» aber mit viel gutem Willen auch etwas Positives abgewinnen. «Jetzt haben wohl auch die Letzten gemerkt, dass kleinere Zimmer dem Zeitgeist entsprechen», sagt Bruno Honegger. Distanz und eine Spur Privatsphäre seien dieses Jahr bei vielen Hüttengästen ein noch grösseres Anliegen als in früheren Jahren schon. Auch die Vorgabe, dass jeder Gast seinen eigenen Hüttenschlafsack und einen Kissenbezug mitzubringen habe, sei durch «Corona» wohl nun definitiv etabliert.

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