Ein Tweet für Miss Elizabeth Hawley Die grosse Himalaya-Chronistin über Besteigungen im digitalen Zeitalter

Himalaya 2013: Schlägerei am Everest, Speedbegehung der Annapurna-Südwand, Rekorde am Everest – Nachrichten, die in Windeseile Schlagzeilen machten. Welchen Einfluss hat das Internet auf die Arbeit der Himalaya-Chronistin Elizabeth Hawley, die seit über 50 Jahren Besteigungen in Nepal dokumentiert?

«Das Internet hat meine Arbeit nicht verändert, aber vielleicht die meiner Assistenten, die sind etwas moderner», beantwortet Elizabeth Hawley meine Frage und blickt über ihre etwas zu tief gerutschte Brille von ihrem veralteten Rechner auf.

Der Computer, mit dem die Himalaya-Chronistin die Daten über gelungene und misslungene Besteigungen von Expeditionen in Nepal aufnimmt, ist in der Tat alles andere als modern. «Ich arbeite immer noch mit Word Perfect und habe kein Internet», fährt sie fort. Das bedeutet jedoch nicht, dass Elizabeth Hawley soziale Medien wie Facebook, Twitter oder LinkedIn fremd sind. «Kannst du mal schauen, ob dieser Bergsteiger einen Twitter Account hat?», fragt sie mich oft, wenn wir auf der Suche nach einer Expedition sind.

Unfreiwillige Schiedsrichterin

Seit über 50 Jahren lebt Elizabeth Hawley in ihrer bescheidenen Wohnung in Kathmandu und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alle Expeditionen – nicht nur die der Achttausender, sondern auch die der niedrigeren Gipfel – im nepalesischen Himalaya zu dokumentieren. Für die meisten Bergsteiger ist es wichtig, in Miss Hawleys umfangreiches Archiv aufgenommen zu werden, denn wenn sie nicht ihr Glaubwürdigkeitssiegel bekommen, zählen ihre Expeditionen in Bergsteigerkreisen nicht als gültige Gipfelsiege.

Sie selbst sieht das ein wenig anders: «Ich bin keine Schiedsrichterin, ich bin Historikerin und sammle lediglich Daten», erklärte sie mir, als ich 2004 meine Arbeit bei ihr aufnahm. Obwohl die 90-jährige Dame sich selbst als «City Woman» beschreibt und nie einen Fuss auf einen Berg gesetzt oder gar Steigeisen getragen hat, hat sie schon viele Bergsteiger ins Schwitzen gebracht. In ihren Interviews bohrt sie so lange nach, bis sie ihre Infos bekommt. «Streng dein Hirn an, du musst doch wissen, wann du das erste Mal im Lager 1 übernachtet hast», hörte ich sie einmal lauthals einen Bergsteiger tadeln.

Journalismus statt Wissenschaft

Elizabeth Hawley wurde am 9. November 1923 in Chicago, Illinois, geboren und studierte Politikwissenschaft, Englisch und Zoologie. Sie schlug eine journalistische Laufbahn ein, mit der sie als Rechercheurin für das «Fortune Magazine» in New York begann. Als sie jedoch auf der Suche nach einer neuen Herausforderung war, hängte sie 1956 ihren Job an den Nagel und ging auf Weltreise, die sie auch in ihre künftige Heimat Nepal führte.

Da sich das damalige Königreich zu dieser Zeit dem Westen öffnete und Elizabeth Hawley von dieser Entwicklung fasziniert war, wanderte sie 1960 nach Nepal aus und arbeitete zunächst als Korrespondentin für das «Time Magazine» und später für Reuters. Als sie 1963 über die erste nordamerikanische Expedition zum Mount Everest berichtete, war sie von dieser Welt so begeistert, dass sie auch in den darauffolgenden Jahren Daten von Bergsteigern aufnahm – und so wurde ihr Hobby zur weltweiten Referenz.

Mit mehr als 340 Gipfeln in ihrem Repertoire hat Elizabeth Hawley unzählige Expeditionsteilnehmer interviewt, deren Daten sie auf vergilbten, nach Mottenkugeln riechenden Formularen in riesigen Schubladen aufbewahrt. Als jedoch Mitte der 1990er-Jahre ein bergsteigender Computerprogrammierer auf die wachsenden Papierberge in ihrem Büro aufmerksam wurde, kam frischer Wind in Miss Hawleys staubiges Archiv: Trotz ursprünglicher Skepsis dem Computerzeitalter gegenüber erlaubte sie dem Amerikaner Richard Salisbury, ihr Archiv zu digitalisieren. Nach fast zehn Jahren Arbeit kam 2004 schliesslich die «Himalayan Database» in Form einer CD-ROM auf den Markt.

Liebe zum Papierzeitalter

«Ich selbst lebe immer noch im Zeitalter von Papier und verwende die digitale Datenbank nicht – das sollen die anderen machen», sagt Miss Hawley, während sie eine ihrer Aktenschubladen nach einem Formular durchforstet. Auf die Frage, ob Internetportale wie www.explorersweb.com oder www.8000ers.com ihre Arbeit überholt und die stetig ansteigende Zahl von Expeditionen die Qualität der Datenbank beeinträchtigt haben, sieht sie mich überrascht an. «Ich denke nicht, dass es ein anderes so detailliertes Archiv gibt. Oder liege ich etwa falsch? Gibt es einen Konkurrenten, der meine Arbeit übertrumpft?» Was die Glaubwürdigkeit der Bergsteiger betrifft, ist sie überzeugt, dass sie den meisten Schwindeleien über kurz oder lang auf die Schliche kommt. «Über die Jahre habe ich ein gutes Gefühl dafür entwickelt, ob jemand die Wahrheit sagt. Und wenn ich eine Lüge nicht bemerke, dann machen mich andere Bergsteiger darauf aufmerksam», meint sie mit einem schelmischen Lächeln.

Wachsender Strom an Bergsteigern

Ihre Arbeit hat sich seit den Anfängen in jeder Hinsicht verändert. Während sie in den 1970er-Jahren noch manchen Bergsteiger persönlich vom Flughafen abholte, ist es heutzutage trotz ihren drei Assistenten eine grosse Herausforderung, alle Expeditionen, die sich im Frühjahr und im Herbst in Kathmandu einfinden, zu orten.

Das erledigt sie gemeinsam mit ihrem 50 Jahre alten, himmelblauen VW Käfer und ihrem Chauffeur. «Früher bin ich noch selbst gefahren, aber als ich die Distanzen nicht mehr so gut abschätzen konnte, stellte ich einen Fahrer ein», sagt sie über ihren Chauffeur Suben, der sie nicht nur fährt, sondern heute im wahrsten Sinne des Wortes auch ihre Stütze ist: Vor zwei Jahren brach sie sich bei einem Sturz im Badezimmer die Hüfte, seither kann die sonst so rüstige Lady nur noch mit einem Stock gehen.

Handy lenkt ab, auch beim Bergsteigen

Genauso wie die Jagd auf Expeditionen hat sich auch die Vorgehensweise der Bergsteiger verändert. «Ich denke, Kommunikationsmittel wie Satellitentelefone oder Handys haben grosse Veränderungen mit sich gebracht. Peter Hillary rief beispielsweise seinen Vater, Sir Edmund, vom Gipfel des Mount Everest an, um ihm mitzuteilen, dass er dort oben angekommen war», sagt sie mit hochgezogenen Augen­brauen. Darüber hinaus ist die «Eiserne Lady» der Meinung, dass Gipfelerfolge unter dieser Kommunikation leiden: «Bei einem Anruf zu Hause erfährt man, wenn etwas nicht in Ordnung ist und vermisst seine Familie noch mehr. Das lenkt vom Bergsteigen ab, was nicht gut ist, denn ein Gipfel braucht ungeteilte Aufmerksamkeit.»

Fragt man sie nach der Zukunft ihrer Arbeit, zuckt Miss Hawley lediglich mit den Schultern. «Ich habe noch keinen Plan, aber Richard Salisbury arbeitet daran», sagt sie, «aus­serdem habe ich noch nicht vor, die Flinte ins Korn zu werfen, und solange ich meine Arbeit machen kann, werde ich dies auch tun.» Eines jedoch steht fest: Egal in welcher Form das Archiv fortgeführt wird, mit dem Ableben von Elizabeth Hawley wird ein Stück Himalaya-Geschichte sterben.

Alle Besteigungen im nepalesischen Himalaya

Historisch gesicherte Daten zu allen Besteigungen im nepalesischen Himalaya können auf www.himalayandatabase.com bezogen werden. Die Datenbank selbst gibt es nach wie vor nur auf CD.

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